Bezüglich nicht-binäre Charaktere – Ein offener Brief

Liebe Verlage, liebe deutsche Übersetzungsstudios, liebe Autor*innen,

Dieser Beitrag oder auch kleiner Brief ist an euch gerichtet. Denn mir ist eine Sache aufgefallen: Viele von euch haben eine gewisse Unsicherheit, wenn es darum geht, wie man denn nun mit nicht-binären Menschen oder viel eher nicht-binären Charakteren umgeht. Also mit Charakteren, die weder Mann, noch Frau sind. Gerade im Deutschen und gerade mit den Pronomen wird dies für einige von euch offenbar zu einem Problem.

Nun, ich bin nicht-binär und ich bin mit euch ehrlich: Mich macht es sauer, ständig unsichtbar gemacht zu werden. Und so fühle ich mich, wenn ich eine Serie habe, die im englischen einen nicht-binären Charakter hatte, der ggf. „they“ als Pronomen benutzt hat, im deutschen jedoch „sie“ oder „er“ benutzt. Unsichtbar.

Natürlich kann ich nicht für alle nicht-binären Menschen sprechen. Denn wir sind nicht wenige. Duh. Wäre ja auch komisch. Niemand kann für alle Menschen einer Gruppe sprechen. Ist selbst dann kritisch, wenn ein Teenager für seinen ganzen Fußballverein spricht. Denn selbst bei 16 Leuten sind die Chancen gut, dass nicht alle einer Meinung sind. Doch hier möchte ich wenigstens über meine Gefühle sprechen und euch aus meiner Perspektive ein paar Tipps geben.

Erst einmal möchte ich die eine Sache aufgreifen, die immer wieder aufkommt – gerade bei Übersetzungen. Dann haben wir Beispiele, bei denen im Englischen ein Charakter nicht-binär ist. Beispeile wie Double Trouble in der She-Ra Serie auf Netflix, dier Adjudicator in John Wick: Parabellum oder Eleodie in Star Wars: Aftermath. Double Trouble und Eleodie nutzen in der englischen Fassung das neutrale Pronomen „they“. In der deutschen Fassung wurde „Double Trouble“ zu „er“, weil – so verteidigte sich das Synchronstudio – „Mensch“ ja auch männlichen Genus hat, „er“ damit also neutral sei. Das so niemand klar ist, dass der Charakter nicht-binär sein soll? Egal. Immerhin gäbe es ja kein nicht-binäres Pronomen im Deutschen. Ähnlich mit Eleodie, dier im Deutschen zu „sie“ gemacht wurde. Weil es halt nichts anderes gäbe. Mit diem Adjudicator, dien man im Deutschen zur „Richterin“ gemacht hat, anstatt einfach „Adjudicator“ ohne Pronomen, wie im Englischen zu lassen, fange ich gar nicht erst an.

Doch gucken wir uns einmal die Aussage mit den Pronomen, die es angeblich nicht gibt, an. Mal sehen. Mein Pronomen ist „sier“, dekliniert sier – sier, siere, sieres – siem – sein. Hmm. Gibt es also. Funktioniert. Steht aber natürlich nicht im Duden. Wie auch diverse andere nicht-binäre Pronomen, die von deutschen nicht-binären Menschen genutzt werden, auch. Und natürlich stehen sie nicht im Duden.

Denn es gibt ein kleines Ding mit dem Duden: Dieser ist ein deskriptives Wörterbuch, kein präskriptives. Okay, das klingt unnötig kompliziert, heißt aber einfach nur, dass der Duden Sprache aufnimmt, wie sie verbreitet verwendet wird – anstatt neue Worte einzuführen und vorzuschreiben. Das heißt: Solange sich Verlage, Übersetzungsstudios, Zeitschriften und Journalist*innen oder auch manche Autor*innen schwer tun, diese neuen Pronomen zu verwenden, werden sie nicht im Duden stehen.

Und die Frage ist auch: Warum müsst ihr darauf warten, dass ein Wort im Duden steht? Diverse Neologismen (Streberwort für Wortneuschöpfungen) verwendet ihr sobald sie erscheinen. Ich gehe davon aus, dass ihr „twittern“ oder „tweeten“ bereits vor Aufnahme in den Duden genutzt habt, wenn es eben darum ging zum Ausdruck zu bringen, dass eine Information zum ersten Mal auf Twitter erschien.

Ich sage nicht, dass ihr „sier“ als Pronomen nutzen müsst (zumal ich „sier“ für mich anders dekliniere, als andere es für sich tun). Wie gesagt: Es gibt eine lange Liste. Aber nutzt eins davon. Normalisiert es. Macht uns sichtbar.

Das gilt auch für Autor*innen: Gebt uns zumindest etwas Repräsentation inklusive Neopronomen. Lasst uns vorkommen. Helft uns bitte die Neopronomen zu normalisieren, damit wir nicht auf ewig dazu verdammt bleiben, neue Beziehungen irgendeiner Art damit zu beginnen, jemanden Pronomen erklären zu müssen, nur damit unsere Identität respektiert werden kann. Einige von euch machen es schon und das ist super. Es muss auch nicht direkt euer Hauptcharakter sein – um genau zu sein würde ich es, wenn ihr nicht Own Voice seit, bevorzugen, wenn es nicht euer Hauptcharakter ist. Aber hier und da ein Charakter, der zeigt: „Es gibt mehr als zwei Geschlechter und mehr als er, sie, es als Singular-Pronomen.“ Das wäre schon Hilfe genug.

Ach ja, und egal ob ihr Autor*innen, Verlage oder Übersetzer*innen seid: Sprecht doch einfach mal mit nicht-binären Menschen. Es gibt Menschen wie mich, die auch Sensitivity Reading und Beratung für Geschichten anbieten würden, um genau auf solche Sachen zu achten – gegen Bezahlung versteht sich. Das gilt übrigens auch bei Übersetzungen, wo solche Fragen aufkommen: Ja, selbst wenn das Buch ein englisches Sensitivity Reading hatte, macht es sich eventuell gut, bei diversen Themen – wie unter anderem nicht-binär und trans Themen allgemein – noch einmal einen deutschen Sensitivity Reader drüberschauen zu lassen. Ihr tut uns, aber auch euch selbst und bei Übersetzungen sehr wahrscheinlich auch der*m ursprünglichen Autor*in einen Gefallen damit.

Beste Grüße
Alex, ein nicht-binärer Autor


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