Mad Max Fury Road: Visueller Weltenbau

Ich weiß nicht, ob ihr es bemerkt habt, aber ich mag zwei Dinge sehr gerne: Weltenbau und Mad Max Fury Road. Es sind mit die Themen, über die ich hier am meisten geschrieben habe. Also ist es nur naheliegend, dass es einen Eintrag zum Thema „Weltenbau in Mad Max Fury Road“ gibt. Tatsächlich sogar zwei – und dies ist, wie ihr euch denken könnt, der erste.

Die Welt von Mad Max Fury Road

Wie beinahe alles im Film funktioniert der Weltenbau über „Show, don‘t tell“. Es wird uns weit mehr von der Welt gezeigt – ohne es groß zu kommunizieren – als dass uns erzählt wird. Selbst wenn gleichzeitig die Welt wahrscheinlich das Element ist, dem am meisten Dialog gewidmet wurde. Selbst wenn dies aufgrund des eher wenigen Dialoges nicht viel heißt. Dennoch lernen wir viel über die Welt nur durch Dinge, die uns gezeigt werden.

Ich möchte in diesem Beitrag ein wenig über die Welt allgemein sprechen, ehe ich mich im nächsten Beitrag über ein bestimmtes Element widmen werde. Denn der nächste Beitrag wird sich um die Zitadelle und die Kultur dort drehen. Das heißt nicht, dass ich diese nicht auch hier ansprechen werde, jedoch schon, das ich Dinge, die die Zitadelle selbst betreffen erst im nächsten Beitrag erörtern werde.

Es sei an dieser Stelle übrigens gesagt: Weltenbau in diesen Filmen ist ein sehr spannendes Thema allein schon dadurch, was man als Autor*in lernen kann. Denn sicher: Visuelle Mittel haben wir nicht zur Verfügung, doch ein paar Dinge könnten dennoch Anregungen sein, ähnliche Arten Information zu vermitteln zu nutzen.

Was geschah mit der Welt?

Der Weltenbau beginnt bereits im Opening des Films. Das Bild ist schwarz. Ab und zu erscheinen die Hauptcredits des Films. Darüber hören wir Stimmen. Stimmen, die über Öl reden und darüber, dass für „Gazzoline“ getötet wird. Dann eine Stimme, die sagt: „The world is running out of water“ („Der Welt geht das Wasser aus“). Es folgt der Satz: „Now there‘s the water wars“ („Jetzt gibt es Wasserkriege“). Dann beginnt Max‘ Voiceover.

In diesem kleinen Stück – keine 30 Sekunden in den Film – lernen wir bereits viel über die Welt. Es gab einen Krieg um Öl, also Erdöl. Dann wurde trinkbares Wasser selten und es gab ebenfalls Kriege um Wasser. Gemeinsam mit Max‘ Voiceover erfahren wir so, dass diese Kriege es wohl waren, die die Welt in Chaos gestürzt haben.

Es folgen Stimmen über einen „freak-out point“, darüber, dass Menschen einander terrorisieren und dann etwas von einer „thermonuklearen Auseinandersetzung“. Diese Aussage ist als einzige von einem Bild untermalt: Bäume, die von einer Druckwelle fast umgeworfen werden. Ein Bild, das der ein oder andere vielleicht im Kontext von Atomwaffentests gesehen haben. Die nächsten Stimmen reden von saurer Erde, vergifteten Knochen und „Halbleben“.

Dieser Abschnitt (nur weitere 20 Sekunden) erklärt eine weitere Grundlage des Films: Irgendwann – vielleicht während der Wasserkriege – kam es zum Gebrauch von Atomwaffen. Jetzt ist die Erde verstrahlt. In diesem Kontext wird der Begriff „Halbleben“, der im Film immer wieder vorkommt, etabliert, so dass er beim Zuschauer unbewusst mit der Verstrahlung verknüpft wird. Sprich: Halbleben sind Menschen, die unter der Strahlenkrankheit leiden.

Eine sterbende Welt

Als wir weiter in den Film gehen, sehen wir genau diese Folgen: Wir sehen eine verdorrte Wüste, in der einzelne Gruppen als Kriegsfraktionen leben und in der das Gesetz des Stärkeren regiert. Die meisten Menschen, die wir in dieser Welt sehen, sind auf irgendeine Art und Weise krank. Arten, die sehr wahrscheinlich auch Verstrahlungen zurückzuführen sind.

Dies sehen wir am stärksten an den War Boys und den Menschen, die unterhalb der Zitadelle leben: Den einfachen Menschen dort fehlen Gliedmaße, ihre Haut weist Anomalien auf, ihnen fehlen einige oder alle Zähne und ihre Körperhaltung weißt auf andere Defekte hin. Und auch die War Boys sehen nicht sehr gesund aus – und das selbst, wenn man sich ihr Make Up wegdenkt. Viele von ihnen haben Beulen, die auf Tumore unterhalb der Haut hindeuten. Auch ihnen fehlen Zähne und wir wissen, dass sie durchweg „Halbleben“ sind.

Gesunde Menschen, wie Joes Bräute, werden als „Ausnahme“ gesehen. Als etwas, das Erstaunen auslöst, wenn man sie sieht. Und auch die Tiere, die wir sehen – es sich nicht viele – wirken oftmals seltsam oder krank. Dies ist besonders bei der Echse, die Max zu Beginn isst, deutlich, da dieser zwei Köpfe wachsen. Ein Zeichen für durch Verstrahlung krankes Erbgut.

Die Rivalen der War Boys

An dieser Stelle können wir vielleicht über die Gruppen um die Zitadelle sprechen. Oder vielleicht können wir nur eine von ihnen definitiv als Rivalen bezeichnen: Die Buzzards. Wir können davon ausgehen, dass diese in irgendeiner Form von russischen Einwanderern abstammen, da sie miteinander Russisch sprechen. Sie sind ähnlich wie die War Boys Paramilitärisch organisiert und haben ihren „Turf“ durch Fallen untergraben, die im Sand versteckt sind. Viel wissen wir nicht über sie, außer dass sie Stacheln auf ihren Fahrzeugen angebracht haben und offenbar versuchen Joe und seinen War Boys wann immer möglich Ressourcen abzuluchsen.

Die zweite Gruppe sind die „Rock Rider“ bei denen wir nicht wirklich wissen in welchem Verhältnis sie zu den War Boys stehen. Sie sind nicht auf derselben Seite, doch ob sie rivalisieren oder einfach nur parallel existieren wissen wir nicht. Die Rock Rider nutzen bevorzugt Motorräder und haben einen Canyon zu ihrem Lager ernannt, in dem sie offenbar als eine Art Wegelagerer und Räuber agieren. Sie scheinen jedoch eine Verhältnismäßig kleine Gruppe zu sein, da sie explizit den Konflikt mit den War Boys, die unsere Helden verfolgen, meiden.

Der Sumpf

Weltenbautechnisch finde ich vor allem den Mittelteil des Films interessant, während die Gruppe durch den Sumpf fährt. Denn in diesem kleinen Abschnitt lernen wir eine Menge Dinge über die Welt – ohne, dass es wirklich auffällt. Und fast alles nur automatisch durch das, was wir sehen.

Denn natürlich sehen wir hier Wasser. Der Boden ist nass genug, als dass sich alle beteiligten schwer tun mit ihren Fahrzeugen voran zu kommen. Gleichzeitig sehen wir allerdings auch verdorrte Bäume, was uns sagt, dass der Boden dennoch keine Nährstoffe für sie hergibt. Dies bestätigt sich später, als wir erfahren, dass der Boden sauer wurde.

Gleichzeitig erfahren wir hier auch etwas anderes: Bäume sind in dieser Welt einfach nichts, was „normale“ Leute noch kennen. Denn für Nux ist der Baum nur ein „Ding“. Zwar wissen die Frauen (die Bücher hatten) und Max (der sich aus irgendwelchen Gründen an die alte Welt erinnert), um was es sich handelt, doch scheint dieses bisschen zu existieren, um uns zu zeigen, dass Bäume etwas sind, das viele nie gesehen haben.

Zuletzt sehen wir am Ende der Sumpf-Sequenz noch eine Gruppe Menschen auf Stelzen. Dies ist etwas, das wir nur für eine Einstellung sehen, doch erneut: Es etabliert eine Gruppe in kurzer Zeit rein visuell und gibt uns einen Hinweis darauf, welche Aufgabe diese Gruppe einnimmt. Denn offenbar suchen sie dort nach brauchbaren/essbaren Dingen.

Die Vuvalini

Kommen wir zu der Gruppe, die ich Charaktermäßig nicht mehr abdecken werde, da sie einfach als Charaktere zu unbedeutend sind, um das zu rechtfertigen: Die Vuvalini. Denn während es über die einzelnen Vuvalini wenig zu sagen gibt, bilden sie aus Weltenbausicht eine interessante Gruppe.

Das auffälligste: Sie sind die einzige Gruppe, die wir sehen, die exklusiv und definitiv nur aus Frauen besteht. Während es bei den Rock Riders und den Buzzards nicht klar ist, ob und inwieweit es Frauen in ihren Reihen gibt, wissen wir, dass bei den War Boys Frauen eigentlich ausgeschlossen sind. Dagegen sind die Vuvalini eine rein weibliche Gruppe – mit Misstrauen gegen Männern. Denn während sie keine Hemmungen zeigen, die Frauen bei sich auf zunehmen, sind sie Nux und Max gegenüber misstrauisch, bis Furiosa für sie bürgt.

Seit die Vuvalini den „grünen Ort“ nicht länger haben, scheinen sie vornehmlich als Wegelagerer zu agieren, die Fallen stellen und Leute, die drauf reinfallen ausrauben und umbringen. Da Furiosa sich daran erinnert scheint dies wohl auch zur Zeiten des grünen Orts eine übliche Art gewesen zu sein an Ressourcen zu kommen.

Ebenfalls erfahren wir aus Furiosas Vorstellung, als sie zu den Vuvalini kommen ebenfalls ein paar Dinge: Die Vuvalini hatten eine Stamm-Kultur und waren – oh Wunder – matriarchalisch aufgebaut. Neben der Geburtsmutter gab es offenbar eine „Initiationsmutter“, die wahrscheinlich die Ausbildung übernommen hat. Dies deutet auf ein Initiationsritual der Mädchen hin, das wahrscheinlich recht früh stattfindet, da Furiosa, die als Kind gestohlen wurde, bereits initiiert war. Wahrscheinlich haben Mädchen dennoch die meiste Zeit mit ihrer Mutter verbracht, da Furiosa gemeinsam mit ihrer Mutter entführt wurde.

Tradition und Gesten

Etwas, was der Film sehr gut bezüglich des Weltenbaus macht, ist, Tradition und Kultur der verschiedenen Gruppen zu vermitteln. Ich habe im Kontext der War Boys bereits darüber geredet: „Witness Me“ („Sei mein Zeuge“) wird dem Zuschauer nie erklärt, doch jeder wird es spätestens nachdem der War Boys sich mit den Explosivspeeren auf das Buzzard-Auto geworfen hat, verstanden haben. Inklusive der dazugehörigen Geste der Verschränkten Hände über dem Kopf, die von den „Zeugen“ eingenommen wird und dem silbernen Spray. In diesem Kontext sei natürlich angemerkt, dass der Film hier auch vom Vorwissen der Zuschauer Gebrauch macht: Er geht davon aus, dass ein Zuschauer zumindest ein grobes Konzept von „Valhalla“ hat.

Doch auch bei den Vuvalini sehen wir kulturelle Aspekte so gezeigt. Am auffälligsten ist ihre Geste der Trauer: Die ausgestreckte Hand, die nach etwas Unsichtbarem greift und es zur Brust zieht. Diese Geste sehen wir, als die Vuvalini von Jobassas Tod erfahren, aber später auch während dem Kampf. Am Ende des Films antwortet Capeable als „Zeugin“ von Nux‘ Tod ebenfalls mit dieser Geste.

Wasser

Als letzten interessanten Aspekt möchte ich noch über das Wasser sprechen – und was uns dies sagen könnte. Denn natürlich ist Wasser ein zentraler Aspekt im Film. Sowohl symbolisch, als auch im Plot selbst. Die Grundlage von Immortan Joes Macht ist das Wasser, dass in der Zitadelle vorhanden ist (dazu wie gesagt nächste Woche mehr). Doch allgemein sehen wir, das Wassermangel herrscht und das vorhandene Wasser oft nicht trinkbar ist.

Wo wir den enormen Wassermangel am deutlichsten bemerken ist in den „Ebenen der Stille“. Diese waren einmal der Pazifik, doch aus irgendeinem Grund ist der Meeresspiegel so sehr gefallen, dass dieser scheinbar trocken liegt. Dies mag für uns erst mal seltsam erscheinen, wenn wir bedenken, dass das Aufbrauchen der fossilen Brennstoffe ein Grund für die Apokalypse war – kämpfen wir doch mit einem steigenden Meeresspiegel. Doch tatsächlich macht es recht viel Sinn, wenn wir an den „thermonuklearen Konflikt“ denken. Denn wenn wir danach gehen ist das Meer nicht unbedingt „weg“, sondern hat sich nur verlagert. Tatsächlich ist es möglich, dass eine ausreichend große nukleare Explosion die Rotationsgeschwindigkeit der Erde genug verändert hat, als dass sich die Meere verschoben haben.

Eine solche Explosion hätte auch einen ausreichend großen nuklearen Fallout, dass sich das Klima verändern würde und durch geänderte Temperaturen der Atmosphäre Wasser aus der Atmosphäre weniger abregnet. Damit könnten wir andere Dinge, die wir im Film sehen ebenfalls erklären – inklusive der Tatsache, dass es eine trockene, fruchtlose aber offenbar nicht zu heiße Wüste ist.

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