7 Lügen über Sozialismus und Kommunismus

Diese Woche rede ich über Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus. Am Montag habe ich einen Beitrag zum Thema Kapitalismus veröffentlicht und dazu, wie dieser funktioniert. Am Mittwoch schrieb ich einen Beitrag zu Sozialismus, Kommunismus, Geschichte und Funktionsweise. Heute möchte ich mich etwas anderem widmen: Üblichen Aussagen, die im Zusammenhang mit Kommunismus/Sozialismus getroffen werden, die aber nicht stimmen oder fehlleitend sind.

1. China und Russland

Wenn jemand sich positiv über Sozialismus oder Kommunismus äußert, dann kommt schnell mal folgende Antwort: „Dann geh doch nach China oder Russland. Dann siehst du ja, wie toll es einem unter deinem Kommunismus/Sozialismus geht!“ Damit kommen wir zu der ersten Lüge, die im Fall von China zugegebenermaßen vom Land selbst verbreitet wird: Dass diese Länder kommunistisch oder sozialistisch (die wenigsten Leute unterscheiden dies) seien.

Das stimmt nicht. Auch nicht, wenn China es von sich selbst behauptet. Wie am Mittwoch erklärt, setzt Sozialismus voraus, dass der Staat alles an seine Bürger*innen verteilt. Kommunismus setzt voraus, dass alles im Besitz der Arbeiter*innen. Nichts von beidem trifft auf China zu. Tatsächlich befinden sich aber viele große chinesische Firmen direkt oder indirekt im Besitz des chinesischen Staates und damit der Regierungspartei – ohne, dass es jedoch entsprechende Ausschüttungen an das chinesische Volk gibt. Dabei agieren diese Firmen sowohl im globalen, als auch im chinesischen Markt gewinnorietiert. Dass macht das chinesische Staatssystem zu einem Staatskapitalismus.

Dieser wird häufiger mit Kommunismus gleichgesetzt, ist aber diesem sogar entgegengestellt. Im Staatskapitalismus ist es so, dass ein Staat der Privatbesitzer von Firmen ist und diese nach kapitalistischen Prinzipien leitet, wovon der Staat oder häufiger bestimmte Mitglieder der Regierung profitieren, nicht aber die Arbeiter*innen der Firmen oder die Bürger*innen des Staates als Allgemeinheit.

Russland behauptet übrigens nicht einmal von sich, noch sozialistisch oder kommunistisch zu sein. Die UdSSR endete in 1991 – das heutige Russland ist ein anderes Land, das ganz normal kapitalistischen Regeln folgt.

2. Die Millionen von Toten

Als zweites möchte ich über eine Aussage sprechen, die nicht per se falsch ist, aber häufig absichtlich fehl leitet – und außerdem eine sehr wichtige Sache überschlägt: „Sozialismus/Kommunismus ist brutal! Dann hungern Menschen und werden getötet oder unterdrückt! 100 Millionen Tote!

Erst einmal die klare Lüge darin: Nicht Sozialismus/Kommunismus sind brutal, sondern viele historische sozialistische oder kommunistische Bewegungen sind brutal vorgegangen. Gerade die UdSSR unter Stalin war dahingehend brutal – nicht zuletzt, da Stalin nun einmal totalitär war – und ging mit diversen Kriegsverbrechen einher. Gleichzeitig haben natürlich auch diverse Revolutionen, die ggf. zu einem sozialistischem Staat geführt haben, viele Tote mit sich gezogen.

Bei letzteren muss man jedoch auch sagen: Wie schon am Mittwoch geschrieben, sind viele sozialistische Revolutionen entweder mit dekolonialen Revolutionen Hand in Hand einher gegangen oder mit anti-monarchischen Revolutionen. Die Revolution in Russland ging erst einmal auch gegen den Zar, gegen die Unterdrückung der einfachen Menschen und gegen Russlands Beteiligung im ersten Weltkrieg. Revolutionen entstehen meistens dann, wenn eine unterdrückte Gruppe nicht die gesellschaftliche Macht hat, gegen ihre eigene Unterdrückung vorzugehen und deswegen die Waffen ergreift. Und gerade wenn wir Monarchien oder Kolonialismus betrachten, sollten wir uns schwer tun zu sagen: „Aber Gewalt ist böse“ zu sagen, wenn es die einzige Möglichkeit der Gegenwehr war. Was ich sagen will: Die Revolutionen und ihre Toten waren nicht allein im Namen des Sozialismus und die Revolutionen an sich nicht ungerechtfertigt.

Gleichsam muss man auch sagen: Diese Zahl „100 Millionen Tote“ stammt aus einem Propaganda-Werk namens „The Black Book of Communism“, das auf die Zahl kommt, indem es bspw. Opfer von Naturkatastrophen, die sich in kommunistischen Staaten ereigneten, mit hineinrechnet, wie auch Kinder, die nie geboren wurden, aber eventuell statistisch gesehen geboren worden wären, zur Todeszahl hinzufügt.

Das soll alles nicht heißen, dass nicht beispielsweise Chinas Regierung unter Maoismus furchtbar ist oder das Stalin kein Kriegsverbrecher war (war es und war er und bitte hört auf Entschuldigungen für Stalin zu erfinden) – nur, dass die Zahlen zum einen massiv künstlich in die Höhe getrieben werden und auch Tode in Revolutionen, die mit oder ohne sozialistische Ideale wahrscheinlich passiert wären mitzählt. Auch sollte man es als durchaus kritisch sehen, wenn Revolutionen gegen Unterdrückung als etwas Negatives bewertet werden, nur weil sie Gewalt anwendeten. Die Alternative wäre längere Unterdrückung gewesen, unter der auch Menschen gestorben wären.

Zuletzt muss eben auch gesagt werden: Die Millionen Toten werden gerne genannt, als sei die Alternative „keine Toten“. Doch dies ist nun einmal nicht wahr: Unter Kapitalismus sterben jährlich Millionen von Menschen, weil sie kein Geld für Essen haben und verhungern, weil sie keinen Zugang zu sauberem Wasser haben, weil sie sich keine Wohnung leisten können und verdursten. Auch jeder Mensch, der bspw. in den USA stirbt, weil er keine Krankenversicherung hat und sich daher notwendige medizinische Behandlung nicht leisten kann, ist ein Tod des Kapitalismus.

3. Immer totalitär

Eine weitere häufige Aussage, die man direkt oder indirekt zu hören bekommt, äußert man sich positiv, ist: „Dann bist du also pro totalitäre Regimes? Weil Sozialismus ist immer totalitär!“ Dasselbe gibt es auch als „autoritär“.

Dabei sind „totalitär“ und „autoritär“ erst einmal Buzzworte, die oft austauschbar in den Raum geworfen und liegen gelassen werden. Daher kurz zur Erklärung: Autoritär ist eine diktatorische Regierung, die die Macht an sich gerissen hat und unabhängig von demokratischen Entscheidungen regiert. Totalitär ist eine autoritäre Regierung, deren Macht uneingeschränkt ist.

Und nun muss man ehrlicherweise sagen: Ja, die bekannten Beispiele von sozialistischen oder kommunistischen Umsetzungsversuchen endeten alle in autoritären oder totalitären Regimes. Dies ist einer der komplizierten Aspekte der Philosophie, denn dies ist zum einen tatsächlich ein beinahe zwingender Aspekt eines jungen sozialistischen Staats (jedenfalls nach Lenin), zum anderen aber komplett entgegen der Ideale des Sozialismus und Kommunismus, die durch und durch demokratisch sind. Anders gesagt: Eigentlich ist es ohne Demokratie kein wirklicher Sozialismus oder Kommunismus.

Warum aber nun die Regimes? Der Grund ist, dass letzten Endes nach einer Revolution es schwer ist, direkt eine Demokratie einzuführen. Denn viele Menschen, die unter dem vorherigen System nicht gelitten haben (oder einfach im Sinne des vorherigen Systems erzogen wurden) werden vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht weil sie durch gewaltsame Revolutionen abgeschreckt sind, dazu neigen, für Dinge zu stimmen, die den „Status Quo“ zurückbringen. Gleichzeitig, so schrieb bspw. Lenin, ist es auch so, dass Demokratie, solange Geld existiert, durch dieses manipulierbar ist, besonders solange eine ehemalige Wirtschaftselite noch ihr Kapital besitzt. Um dies zu verhindern, ziehen Revolutionen meist totalitäre Regimes nach sich.

Nun ist es aber eigentlich Ziel von sowohl Kommunismus, als auch Sozialismus, demokratisch zu sein – sonst ist es kein wirklicher Kommunismus/Sozialismus. Und hier ist der Punkt, bei dem historisch die meisten entsprechenden Entwicklungen gescheitert sind: An dem Punkt wo eine bisher totalitäre Regierung das Ruder hätte abgeben müssen, da die direkte Zeit nach der Revolution überstanden war. Die etwaige Regierung ist dazu jedoch nicht bereit – und so kommt ein echter Kommunismus/Sozialismus nicht zustande. Meist entwickelt sich ein etwaiger Staat von dort aus auch zum Staatskapitalismus, da die Machthabenden eben mehr von diesem profitieren können.

Es sei allerdings dazu gesagt, dass dies nicht für durch Reformen oder post-koloniale Staatsneugründungen der Fall ist und war, sondern die totalitären Übergangsregierungen üblicherweise mit revolutionärem Wandel einhergehen.

4. Keine eigenen Zahnbürsten

Ein sehr häufiges Argument, das auch immer wieder aufkommt ist folgendes: „Na, dann mal viel Spaß damit, deine Zahnbürste zu teilen.“ Es möchte sagen: „Unter Kommunismus gibt es ja keinen Privatbesitz mehr, also gehört nicht mal deine Zahnbürste mehr dir.“ Dies ist eine einfache Lüge/Falschaussage, die relativ leicht zu widerlegen ist.

Der Privatbesitz, den Sozialismus dem Staat/einem anderen zentralen Organ und Kommunismus den Arbeiter*innen übergeben will, ist nicht aller Privatbesitz, sondern nur der Privatbesitz von Produktionsmitteln. Das heißt: Ja, jeder kann noch immer seine eigenen Zahnbürsten haben. Nein, Leute werden nicht gezwungen Kleidung zu tauschen. Und ja, ihr könnt auch eure Bücher, eure Möbel und euren PC und alles behalten. Nur gehört alles, was von mehreren Leuten genutzt wird, um damit Dinge zu produzieren, die verkauft werden können, nun diesen Leuten zusammen oder auch allen die davon betroffen sind. Das heißt: Maschinen in einer Fabrik gehören niemanden mehr allein. Felder, auf denen angebaut wird, gehören niemanden mehr allein. Rohstoffe gehören niemanden mehr allein.

Und ja, technisch gesehen gehören niemanden mehr Immobilien allein – doch das heißt nicht, dass ihr einfach aus eurer Wohnung geworfen werdet. Im Gegenteil: Sofern es keine Eigentumswohnung ist, kann das euch aktuell jeder Zeit passieren. In einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft hat aber jeder Anrecht auf Wohnraum, solange dieser vorhanden ist. Das heißt auch: Keine leerstehenden Wohnungen/Häuser mehr, solange Bedarf existiert. Dafür gibt es auch keinen Anreiz mehr, da Profit eben nicht mehr im Zentrum steht.

Anders gesagt: Nein, es wird dir persönlich sehr wahrscheinlich niemand etwas wegnehmen – sofern du nicht eine Firma besitzt oder Immobilienhändler*in bist.

5. Kommunismus ist anti-individuell

Aus derselben Ecke kommt die Behauptung: „Kommunismus will alle gleich machen! Niemand darf unter Kommunismus mehr individuell sein!“ Und ja, dies wird häufiger gegen Kommunismus, als gegen Sozialismus gesagt. Dies ist natürlich darin begründet, dass einige kommunistische oder sozialistische Staaten eben tatsächlich sehr auf Uniformität gepocht haben.

Doch tatsächlich sieht Kommunismus und Sozialismus den Individualismus als hohes Gut und Individualismus ist ein Grund für Kommunismus und Sozialismus. Klingt das seltsam? Nun, die Idee ist folgende: Menschen arbeiten unter dem Kapitalismus deutlich mehr, als es für die Gesellschaft notwendig wäre. Daher das die Menschen so viel arbeiten, so die kommunistische Theorie, haben sie weniger Möglichkeit, sich als Individuen außerhalb ihrer Identität als Arbeiter*innen zu entfalten, weiter zu lernen und neue Interessen zu entwickeln. Da der Kommunismus oder auch Sozialismus weniger Überschuss produziert, als der Kapitalismus, sind Menschen auch nicht gezwungen, so viel zu arbeiten, wodurch sie mehr Zeit haben, sich eigenen Hobbys und anderen Dingen zu widmen, neue Dinge zu lernen oder sich bspw. künstlerisch zu betätigen.

Hier haben wir eben wieder ein großes Problem zwischen den Idealen der Philosophien und den bekannten Beispielen, die sie nicht immer umgesetzt haben. Hierbei spielt natürlich auch das Scheitern der sowjetischen Planwirtschaft unter Stalin eine Rolle – denn ein wenig Überproduktion kann helfen, die Gesellschaft abzusichern.

6. Es funktioniert ja aber nicht

Kommen wir aber zum größten Punkt, der wieder und wieder und wieder iteriert wird: „Ich finde Kapitalismus ja auch nicht gut, aber anders als Kommunismus/Sozialismus funktioniert er halt! Es hat schon einen Grund, warum die anderen kommunistischen/sozialistischen Staaten gescheitert sind.“ Dieses Denken wird vielen auch bereits in der Schule von klein auf anerzogen, denn wenn überhaupt mal wirklich über das Thema gesprochen wird, so wird meistens betont, dass Kommunismus/Sozialismus einfach nicht funktioniert (und dass es immer autoritär wäre). Meistens wird dabei die UdSSR genannt – und die DDR und Ostblockstaaten.

Nun muss man natürlich sagen: Während die USA durchaus nicht komplett unschuldig waren am Zerfall der UdSSR oder dem Fall der Mauer, so muss man offen sagen, dass nichts die UdSSR so effektiv zerstört hat wie internes Missmanagement. Korruption, Machtgier, Ersparnisse an den falschen Stellen und schlechte Kommunikation sowohl intern, als auch mit der Bevölkerung haben hier viel Schaden angerichtet. Aber nichts davon hat mit der Wirtschaftsform zu tun. Es so zu drehen, ist, als würde man sagen: „Donald Trump ist ein unfähiger Präsident, deswegen funktioniert Kapitalismus nicht.“ Selbst wenn man den beiden Einzelaussagen zustimmt und durchaus eine Kausalität sehen kann (ohne Kapitalismus wäre nie ein Donald Trump Präsident geworden), so beweist die erste Aussage erst einmal nicht die zweite.

Und da ist eben die andere Sache: Die UdSSR waren nicht der einzige sozialistische Staaten, nicht die einzige sozialistische Regierung. Einige (nennenswert seien hier wohl Kuba und Vietnam) existieren bis heute. Aber die meisten anderen sind gescheitert – aber nicht an irgendeinem Problem mit dem Kommunismus oder dem Sozialismus, sondern an US-amerikanischen Interventionismus. Denn wie am Mittwoch erzählt: Die USA haben nicht nur gerne „Anti-Terror-Weltpolizei“ gespielt, sondern vor allem auch „Anti-Kommunismus“ Weltpolizei. Chile wählt eine sozialistische Regierung? Intervention. Eine kolonialistische Regierung wird von dekolonialen Rebellen gestürzt, die auch sozialistische Ideale vertreten? Intervention. Und wenn es damit nicht geklappt hat (oder militärische Intervention irgendwie verhindert wurde), dann werden halt Sanktionen erwirkt, so dass das Land nicht mehr mit dem globalen Markt interagieren kann und somit von Rohstoffen abgeschnitten wird. Breitet sich daraufhin Armut im Land aus, weil dieses von bestimmten Rohstoffen abhängig war, sind die Medien dann schnell dabei zu sagen: „Schaut mal. Kommunismus/Sozialismus erzeugt Armut.“

Auch sollte man immer wieder bedenken: Es gab vor der Kolonialisierung Kulturen/Staaten, die wir aus heutiger Sicht gesehen als „kommunistisch“ und demokratisch bezeichnen würden. Doch, nun, wir haben in diesem Blog denke ich ausreichend etabliert, was mit nicht-weißen Kulturen durch den Kolonialismus passiert ist.

7. Die Sache mit Hirn und Herz

Es lässt sich alles in allem festhalten, dass viele, sehr viele Dinge, die wir über Kolonialismus und Sozialismus hören, entweder nur Halbwahrheiten oder Lügen sind. Dabei ist es natürlich nicht so, dass zwangsweise die Person, die davon spricht, absichtlich lügt. Viel eher ist es eben so, dass die meisten selbst dazu erzogen wurden, diese Dinge zu glauben.

Ich möchte diese kleine Liste mit einem Spruch abschließen, den ich ebenfalls viel zu häufig gehört habe: „Wer ein Herz hat, ist Sozialist, wer ein Hirn hat, ist Kapitalist.“ Auch gern in der Form: „Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer aber mit 40 kein Kapitalist ist, hat kein Hirn.“ Woher der Spruch genau kommt … darüber gibt es viel Streit. Aber letzten Endes ist es egal. Die eigentliche Aussage dahinter ist: „Sozialistisch mag menschlich/empathisch das richtige sein, aber es ist emotional und damit schwach und schädlich.“ (Nur zur Erinnerung, dass unsere Gesellschaft Gefühle weiterhin abwertet.)

Auch dazu möchte ich ein Gegenargument vorstellen: „Warum Sozialismus“ („Why Socialism“) von Albert Einstein, das dieser mit 70 Jahren veröffentlicht hat. In diesem Artikel schreibt Einstein darüber, wie Kapitalismus aus seiner Sicht, für fast alle Probleme in der Gesellschaft verantwortlich ist und wie eine sozialistische Gesellschaft weit besser funktionieren würde, würde man es sich nun trauen. Und sagen wir es einmal so: Einstein ist sicher nicht für sein kleines Hirn bekannt.


Das Beitragsbild stammt wieder einmal von Unsplash.