Gewalt in Fantasy – Teil 2: Namenlose Tode

Aktion und Reaktion. Das ist eine Sache die es überall gibt. Bei Gewalt heißt das oftmals allerdings ein Teufelskreislauf. Zumindest in der Theorie wissen wir das auch. Weil die Geschichten jedoch ein Happy End brauchen und außerdem nicht selten eine Machtfantasie sein sollen, gibt es zwei Dinge, die gerne ignoriert werden: Reaktionen des Heldens auf seine eigenen Taten und die namenlosen Charaktere.

Fangen wir mit letzteren an. Den namenlosen Charakteren oder auch den namenlosen Goons des Bösewichts und etwaigen Mitgliedern von etwaigen Armeen auf Seiten der Guten. Oder auch: Die Charaktere die teilweise in Massen abgeschlachtet werden. Das passiert aus zwei Gründen: Sind diese Charaktere auf Seiten der Guten unterwegs, dient es dazu zu zeigen, was für Opfer der Krieg (oder was für eine Form die Gewalt auch immer annimmt) fordert, teilweise auch eine Übermacht des Gegners zu demonstrieren. Sind diese Charaktere böse, dann dienen sie meistens dazu, den Hauptcharakteren etwas zu tun zu geben, ohne dass man direkt storyrelevante Gegner aus dem Bild nimmt.

Waffenbrüder und -schwestern

Das Problem in beiden Fällen ist oft, dass die etwaige Geschichte abseits der Aufgaben dieser namens- und gesichtslosen Figuren selten auf ihre Tode und die Bedeutung dieser Tode eingeht. Oder auch nur auf die Bedeutung, die es für die Charaktere hat, gegen diese Figuren zu kämpfen oder diese mit in einen Kampf einzuziehen.

Oftmals ist es, sollten diese gesichtslosen Figuren als Armee der Guten, der Protagonisten agieren, damit begründet, dass diese Protagonisten eigentlich auf einer Abenteuerreise sind und bisher wenig mit der Armee zu tun hatten. Sie beteiligen sich einfach am Kampf, weil es dem Quest dient, kennen aber die Soldaten nicht und scheinen – gerade in visuellen Medien – oft Kämpfe komplett getrennt von den Bataillonen anderer Soldaten zu führen. Für sie sterben dort nur Soldaten. Das ist nicht Anton, das ist nicht Martin, das ist nicht Franz, das ist einfach nur ein Soldat. Und da die Protagonisten oft abreisen, bevor die Toten auch nur begraben sind, drückt man sich als Schreiber hinter dem Medium auch gut davor, darauf einzugehen, was für wirtschaftliche oder alltägliche Auswirkungen diese Tode eigentlich haben.

Umso mehr fällt es aber auf, wenn die Helden Teil der Armee sind, die Soldaten eigentlich zumindest teilweise kennen, aber es nie zur Sprache kommt, wer da eigentlich gestorben sind. Sicher, im Krieg stumpft man schnell ab und verdrängt viel. Aber wenn es einen Charakter so gar nicht betroffen macht, wenn Leute, die er kennt, sterben, wirkt er schnell unsympathisch – vor allem wenn er es an anderer Stelle tut.

Noch problematischer finde ich allerdings den Umgang mit den gesichtslosen Goons der Gegner, vollkommen unabhängig, ob diese nun Orks oder Soldaten sind. Und ja, oftmals sind sie gesichtslos, speziell wenn sie menschliche Figuren sind, wird ihnen diese Menschlichkeit direkt wieder dadurch genommen, dass ihre Gesichter von Helmen verdeckt werden. In Realfilmen macht es sie dadurch austauschbarer, in allem, was animiert ist, außerdem leichter zu animieren. Aber es entmenschlicht sie, was es einfach macht, sie zu töten und es kaum als solches wahrzunehmen.

Beispiele

In diesem Zusammenhang möchte ich über drei Beispiele aus verschiedenen Medien sprechen.

Das erste Beispiel seien hier diverse Videospiele, die natürlich vor dem Problem stehen: Der Spieler sollte etwas tun. Leider ist die Antwort auf die Spielerbeschäftigung oftmals: „Mehr Gegner.“ Besonders auffällig ist es für mich erst vor kurzem gewesen, als ich die Uncharted-Reihe gespielt habe. Das Spielsystem macht Spaß, keine Frage, aber wenn ich die Gegner in den Hundertschaften ausschalte, töte, die Story des Spiels es jedoch nur einmal (im vierten Teil) für nötig befindet, dass tatsächlich anzumerken und die Figuren darauf ein wenig reagieren zu lassen und selbst da nur diejenige, die diese Soldaten zur Verfügung stellt, hinterfragen lässt, ob ihr der vermeintliche Schatz das wert wäre. Doch ansonsten? Niemand hinterfragt. Die Helden nicht, die Bösewichte nicht. Selbst am Ende vom vierten Teil wird die Tatsache, dass Nate eigentlich ein Massenmörder ist, mit einem Schulterzucken abgetan.

Ein anderes Beispiel sehen wir sehr, sehr oft in Fantasy. Es ist etwas, was wahrscheinlich nicht zuletzt in Herr der Ringe angefangen hat: Der Bösewicht hat Armeen von Unterlingen, die nicht menschlich sind. Orks, Dämonen, irgendetwas das – so die „Guten“ – durch und durch böse ist. Einfach nur von Natur aus böse Wesen. Damit ist es ja praktisch nicht mehr verwerflich, dass die Helden tausende von diesen Wesen abmetzeln.

Was damit jedoch oft einher geht, ist die Tatsache, dass diese „bösen Wesen“ keinerlei Diversität bieten. Sie sind meistens sehr hässlich, durchweg männlich, durchweg kämpferisch, oftmals schmerzunempfindlich und natürlich haben sie keinerlei Kultur. Es gibt in Herr der Ringe keine Orkfrauen oder Orkkinder. Es gibt nur Orks, die kämpfen und böse sind. Die Tatsache, dass „Der Gegner ist endlos böse“ auch in realen Kriegen oft gesagt wird, um den Kampf für die Soldaten leichter zu machen, und dass eine solche Annahme auch beim Konsumenten aufkommen könnte, wird ignoriert. Es wird in moralischen Absoluten gehandelt.

Zuletzt aber das Beispiel, bei dem es mich am meisten gestört hat: Avatar – The last Airbender.

Einige Leute haben mir die Serie als Beispiel für eine vermeintlich pazifistische Serie genannt. Immerhin weigert sich (Spoiler?) Aang am Ende der Serie, den Feuerlord zu töten. Doch genau das sehe ich als große Schwäche. Aus einem bestimmten Grund: Die Charaktere rennen bis zu diesem Zeitpunkt durch die Gegend und lachen teilweise, während sie gegen die gesichtslosen Goons der Feuernation kämpfen. Gesichtslose Goons, von denen wir später sogar erfahren, dass sie teilweise zwangsrekrutiert wurden. Aber vorsichtig ist man mit diesen nicht.

In Folge 6 von Buch 1 schmeißen die Charaktere zwei Soldaten der Feuernation von der metallenen Gefängnisinsel. Beide Soldaten tragen Rüstungen, die das Schwimmen generell schwer machen sollten. Aber noch dazu ruft einer der beiden – auf eine Art, die der Zuschauer lustig finden soll – „Ich kann nicht schwimmen!“ Da niemand irgendwelche Anstalten macht, die beiden aus dem Wasser zu ziehen, können wir davon ausgehen, dass sie tot sind. Ertrunken. Und wisst ihr, wo fraglos massig Leute gestorben sind? Beim Angriff auf den Nordpol, als Aang mit dem Wassergeist gemeinsam die halbe angreifende Armee versenkt. Klar, Aang ist nicht in Kontrolle seiner selbst, was jedoch nichts daran ändert dass er, sollte ihm sein Pazifismus wirklich so wichtig sein, wie Buch 3 es später behauptet, sollte es ihn dann nicht betroffen machen, als er es erfährt? Sollte es nicht zumindest im Nachhinein sein Gewissen belasten?

Avatar war wirklich das Beispiel, bei dem es mich am meisten gestört hat. Selbst wenn wir noch all die anderen Fälle ignoriert, bei denen das einzige, was die Gegner gerettet haben könnte, „Cartoon Logik“ ist (man denke allein nur daran, wie Toph einige Gegner besiegt …), ist es einfach unmöglich zu ignorieren, dass während der Reise von Team Avatar einige Soldaten durch die Handlungen von Aang und Co. gestorben sein sollten. Das wurde hingenommen. Das wurde nicht hinterfragt. Soldaten, die nur ihren Job machen, die teilweise zu ihrem Job gezwungen wurden. Aber es ist moralisch fragwürdig die eine Person zu töten, bei der wir sicher wissen, dass sie mit böswilliger Absicht für hunderte, ja, tausende Tode verantwortlich ist? Das … finde ich verwirrend. Wer A sagt, der sollte dahingehend in meinen Augen auch B sagen. Wer einen Feind nur verschont, weil er seinen Namen kennt, ist kein Pazifist.

Die Psyche des Protagonisten

Und das bringt mich zu einer anderen Sache, die relativ selten in Fantasy-, SciFi- oder allgemein Action-Stories zur Sprache kommt: Die Auswirkungen, die das Töten von anderen auf die Psyche des Protagonisten hat.

Es ist eine Sache, wenn die Protagonisten tatsächlich ausgebildete Soldaten sind, die eventuell auch in der Vergangenheit Kampfeinsätze gesehen haben (selbst wenn auch hier gesagt sei, dass es viele Soldaten in realen Kriegen gibt, die nie getötet haben, weil viele Menschen auch mit Training einfach einen inneren Widerstand gegen das Töten besitzen). Haben wir jedoch Helden, die aus einem normalen oder relativ normalen Hintergrund kommen und in die Action gezogen werden, die weder ein entsprechendes Training durchlaufen haben, noch psychisch darauf vorbereitet haben, haben in vielen Geschichten überraschend wenig Probleme damit zu töten.

Ja, teilweise töten Kinder da auf grausame Weise – weil sie dazu gezwungen sind – und es ist für sie okay. Ich erinnere hier nur an den ersten Band Harry Potter, wo Harry effektiv gezwungen ist Quirrel unter eigenen Qualen zu Tode zu foltern und keinerlei Trauma davon trägt. Ist für ihn alles total okay. Wird nie wieder aufgebracht.

Natürlich weiß ich, dass viele dazu neigen werden, das mit „Ist halt für Kinder“ zu erklären, aber auch außerhalb von Kinderbüchern passiert das recht häufig. Ein Charakter bringt das erste Mal jemand anderen um, teilweise Charaktere, die bisher allerhöchstens mal eine Mücke oder Spinne tot geschlagen haben, nicht einmal ein Nutztier geschlachtet haben, es einfach so wegstecken ein menschliches oder menschenähnliches Wesen zu ermorden – und teilweise nicht nur eins.

Selbst wenn diese Tötung in Selbstverteidigung und gezwungener Maßen passiert, so ist es doch etwas, dass bei dem Charakter irgendeinen Eindruck hinterlassen sollte, ihn schockieren sollte, oder etwa nicht? In der realen Welt zumindest haben oft Leute, die in Selbstverteidigung jemanden getötet haben Trauma, Nervenzusammenbrüche und mehr. PTSD halt. Wenn Charaktere es einfach nur hinnehmen, getötet zu haben, dann wirken sie dadurch doch extrem unempathisch, ja, herzlos.

Ich sage damit nicht einmal, dass der Charakter daraufhin komplett verzweifeln muss – gerade, solange er weiter in einer gefährlichen Situation ist, wird er weiter funktionieren, dafür hat die Biologie schon gesorgt – aber eben, dass eine Reaktion irgendeiner Form angemessen ist. Ja, auch wenn das andere ein Ork war.

Natürlich wäre es auch möglich zu sagen, dass der Charakter diese Gewalt recht schnell verdrängt, die gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Die Erklärung habe ich im Fandom sehr häufig für Harrys Mangel an Reaktion und dafür, dass er danach nicht die Thestrale sehen kann, gehört. Doch auch dann wäre es angebracht, es als Autor deutlich zu machen.

Schlusswort

Um es zusammen zu fassen: Oftmals ist in Action, gerade auch bei Fantasy und SciFi Gewalt etwas, das dazugehört. Damit Gewalt aber passieren kann, die einfach nur der Spannung dient, wird diese an namen- und oft ebenso gesichtslosen Figuren ausgeübt, die als Kanonenfutter gelten. Diese werden teilweise in rauen Mengen abgeschlachtet, ohne dass die Geschichte wirklich darauf eingeht, wie groß diese Mengen sind, was teilweise die Immersion für den Konsumenten senken kann. Dasselbe gilt für Charaktere, die nicht dafür trainiert sind, echte Gewalt auszuüben, aber dazu gezwungen werden, dieses aber schulterzuckend hinnehmen. Doppelt so, wenn sie gewissenlos Gewalt an genannten namenlosen Figuren ausüben, dann aber plötzlichen Pazifismus predigen, wenn sie den eigentlichen Gegner töten sollen.

 

Das Beitragsbild ist eine Fotografie des Denkmals für den Koreakrieg in San Antonio, Texas, und steht in der Public Domain