Generation „Ewige Jugend“

Dieser Beitrag ist kürzer und hat ein anderes Format als meine normalen Beiträge. Aber es ist ein Thema, dass mich schon eine ganze Weile bedrückt und das ich irgendwie herunterschreiben muss. Und vielleicht ist es auch etwas, dass ihr ähnlich fühlt.

Generation „Ewige Jugend“

Ich bin dieses Jahr 31 geworden und ich fühle mich nicht wirklich erwachsen. Ich studiere noch, selbst wenn sich das so oder so im nächsten Jahr erledigt. Hoffentlich mit meinem Abschluss. Aber auch wenn ich diesen Abschluss habe, fürchte ich, dass ich mich nicht wirklich erwachsen fühlen werde. Ich weiß technisch gesehen, dass ich reifer bin, als ich es in meiner Jugend war, vernünftiger, mehr weiß, mehr gelernt habe, reflektierter … und dennoch fühle ich mich nicht wirklich erwachsen. Ich weiß nicht, ob ich das je tun werde.

Allerdings bin ich damit nicht allein. Viele in meinem Freundeskreis, die wie ich Millenials sind, also im Alter von 25 bis 40, berichten dasselbe. Manche reden darüber, wie sie sich immer wieder sagen müssen, sie sind erwachsen und verdienen es so behandelt zu werden, aber so richtig kommt das Gefühl nicht auf.

Lange habe ich mir gedacht, dass es vielleicht daran liegt, dass viele in meinem Freundeskreis nicht da im Leben sind, wo sie hinwollten – mich eingeschlossen. Vielleicht liegt es daran, dass wir zu wenig erreicht haben?

Eine Woche nach mir jedoch wurde auch die Schauspielerin Brie Larson 31, die mit ihrer Rolle als Captain Marvel definitiv was in ihrem Leben erreicht hat. Und worüber berichtete sie an ihrem Geburtstag? Über das Gefühl, dass sie eigentlich erwachsen sein sollte, aber sich nicht so richtig erwachsen fühle.

Kurzum: Ich gehe soweit, es als Generationsproblem zu bezeichnen.

Und die Frage ist, woher es kommt?

Die erste Antwort, die mir einfällt und die mit irgendwie allen anderen Antworten zusammenhängt, ist Kapitalismus.

Es ist nachgewiesen, dass es Millenials als Generation finanziell und in Bezug auf die soziale Absicherung schlechter geht, als den Generationen zuvor. Millenials besitzen nur in seltenen Fällen ein eigenes Haus – selbst in den USA nicht, wo es für viele zum Lebensstandard gehört – haben weniger Jobsicherheit und sind unter anderem aus finanziellen Gründen seltener in diesem Alter schon verheiratet. Ja, Millenials haben auch weniger Kinder, erneut, weil das Geld fehlt.

Aber all diese Sachen sind Dinge, die in unserer gesellschaftlichen Darstellung damit verbunden sind „erwachsen zu sein“. Ein erwachsener Mensch, so diktiert es die Tradition, hat eine Familie, ein Haus und zumindest als Mann eine feste Anstellung, in der er idealerweise Karriere macht. Laut Tradition bleibt die Frau natürlich zuhause.

Diese traditionelle Erwartung kann aber nicht mehr erfüllt werden. Die meisten Millenials arbeiten, wenn sie überhaupt in die besser bezahlten Jobfelder kommen können, in einer Gig-Ökonomie. Einer Wirtschaft, wo man sich von einer befristeten Anstellung zur nächsten durchhangelt. Selbst in den besser bezahlten Jobs, sind sie häufig unterbezahlt – sprich, sie verdienen nicht einmal annähernd den Wert ihrer Arbeit in Einkommen. Gleichzeitig sind dadurch, dass große Investoren den Immobilienmarkt als (idealerweise risikolose) Anlage betrachtet, die Preise von Immobilien stark gestiegen. Nur wenige Millenials können sich ein Eigenheim leisten und viele zahlen die Hälfte ihres Einkommens als Miete. Damit auch teure Unterfangen wie Heirat oder, Gott bewahre, das Aufziehen von Kindern, die noch mehr kosten, für viele einfach nicht möglich.

Gleichzeitig sorgt dies dafür, dass viele Millenials desillusioniert von dem System sind und sich häufig auch Änderung wünschen – selbst wenn zu wenige bereit sind oder die Möglichkeiten haben, etwas dafür zu tun.

Aber genau daraus ergibt sich auch, dass ältere Generationen auf Millenials hinabsehen – vor allem natürlich die Generation, die am stärksten von den genannten Dingen profitiert: Die Boomer, alias die Baby Boomer. Diese Generation ist überproportional für die steigenden Immobilienpreise, die stagnierenden Löhne und die die allgemeine Perspektivenlosigkeit für sowohl Millenials, als auch die Zoomer, verantwortlich. Da dies aber eine sehr unbequeme Wahrheit ist und Boomer, die große Teile der politischen Klasse und auch Vorstände von bspw. Nachrichtenorganisationen stellen, die Schuld lieber bei den Millenials suchen, ist die Narrative oft eine andere.

Die Narrative ist, dass Millenials sich weigern, erwachsen zu werden. Millenials sprechen sich gegen überlange Arbeitszeiten aus? Die sind einfach nur faul und wollen nicht erwachsen werden. Millenials kaufen keine Häuser, die sie sich nicht leisten können? Die wollen doch nur die Immobilienindustrie ruinieren. Millenials gründen seltener Familien, sowohl, weil sie das Geld nicht haben, als auch, weil sie für potentielle Kinder in einer von Klimawandel bedrohten Welt keine Zukunft sehen? Pah, die wollen einfach nur keine Verantwortung übernehmen!

Wie viele Artikel habt ihr schon gelesen, die irgendwie so klangen? „Millenials ruinieren die Diamentenindustrie, da sie seltener Diamantenverlobungsringe kaufen“. „Millenials haben Hauspflanzen, statt eigener Kinder“. „Millenials haben keine Kinder, besuchen stattdessen Disneyland allein oder mit Freunden“. Wahrscheinlich eine Menge. Solche Artikel gehen in regelmäßigen Abständen durch die Medien.

Das ganze geht soweit, dass ich selbst mit diversen Millenials gesprochen habe, die einen absoluten Hass auf Millenials hatten – und davon ausgingen, dass die Generation nach ihnen, die „Zoomer“, das wären, was der Begriff „Millenials“ bezeichnet. Weil sie wussten immerhin, dass sie selbst nicht faul sind, dass sie selbst vielleicht auch gerne Kinder hätten, dass sie selbst durchaus gerne etwas von dem Wohlstand, der in der Tradition versprochen wird, gehabt hätten. Also können sie mit diesen Millenials nicht gemeint sein, richtig?

Aber gleichzeitig sorgt diese Darstellung von „Millenials“ dazu, dass „Millenials“ in der allgemeinen Darstellung auch immer wieder infantilisiert werden. Sie werden wie Kinder dargestellt und, ja, auch im Umgang mit älteren häufiger wie Jugendliche behandelt, als wie Erwachsene. Etwas, das sicher ein Faktor darin spielt, warum sie sich nicht wie „Erwachsene“ fühlen.

Wir werden auch häufig als „Jungend“ und „Mädchen“ bezeichnet, nicht als „Männer“ und „Frauen“ (nicht-binäre Begriffe gibt es im Deutschen noch immer nicht wirklich). Etwas, das viele so internalisiert haben, dass sie diese Wortwahl selbst so nutzen und sich damit selbst infantilisieren.

Und dann ist da noch der andere Aspekt: Die Medien. Denn um es böse zu sagen: Millenials mussten sich nicht von ihren Kindheitsfandoms trennen. Wir durften alles behalten. Franchises, die unsere Kindheit und Jugend dominiert haben, sind noch immer das, was die Medienlandschaft beherrschen.

Unsere heutigen Medien werden von Dingen dominiert, die es seit den 80ern/90ern gibt. Manche natürlich schon länger, doch das ändert nichts an dem Punkt: Diverse Dinge sind für uns nicht in der Kindheit geblieben, sondern haben uns ins Erwachsenenalter begleitet. Wenn ich schaue, was ich an Medien konsumiere … Nun, da haben wir das MCU, was anfing, als ich im späten Teenager-Alter war. Dann habe ich Fluch der Karibik, das herauskam, als ich 13 war. Auch ist da Pokémon, das seit meiner Grundschulzeit ein Faktor gespielt hat. Und Digimon, das ich das erste Mal gesehen habe, als ich gerade in der 5. Klasse war. Und alles davon ist noch immer da, lebt durch immer neue und neue Iterationen weiter.

Ich kann mich jederzeit wieder in meine Kindheit zurückversetzen, indem ich neue Folgen Digimon schaue oder das neue Pokémon Spiel spiele.

Die Sache dabei ist, dass diese Dinge, die letzten Endes nur dem Eskapismus dienen, für viele auch einfach eine Notwendigkeit sind. Denn wie gesagt: Viele von uns haben nicht genug Geld und keine Jobsicherheit. Die Welt draußen steht wortwörtlich in Flammen. Politiker*innen weigern sich aus finanziellen Gründen, etwas zu tun, um die Feuer in Zukunft zu verhindern, genau so, wie sie sich weigern, unsere finanzielle Zukunft zu sichern (bspw. durch BGE). Außerdem leben wir in einer Pandemie, weil das Leben sonst nicht deprimierend genug ist. Einmal abgesehen von all den anderen Dingen, die 2020 noch so passiert sind.

Und vielleicht spielt auch das eine gewisse Rolle. Dieses Gefühl der Machtlosigkeit, was viele von uns nie wirklich verloren haben. Denn es ist egal, wen wir wählen, letzten Endes läuft es doch immer wieder auf dasselbe hinaus. Es ist auch egal, ob wir auf die Straße gehen, um zu demonstrieren – ja, selbst wenn Millionen von uns überall auf der Welt auf die Straße gehen. Es wird nicht gehört. Es wird nichts geändert. Das gibt ein Gefühl der Machtlosigkeit – beinahe so, als wäre man noch ein Teenager, der nur begrenzt Einfluss auf das eigene Leben hat.

Was für mich dafür spricht, dass genau das die Faktoren zum „sich nicht wirklich erwachsen fühlen“ sind, ist, dass ich auch Millenials kenne, die sich sehr erwachsen fühlen. Diese haben eine Sache gemeinsam: Sie glauben an das System und sind in Positionen, um davon zu profitieren. Sie arbeiten größtenteils im Finanzsektor, manchmal auch direkt in der Politik bei FDP und CDU. Meistens sind sie aus privilegierten Familien, sind finanziell abgesichert. Manche von ihnen haben schon eigene Häuser oder zumindest Eigentumswohnungen – Erbe, in den meisten Fällen, doch das ändert nichts am Besitz. Diese rümpfen dann über die anderen Millenials die Nase. Wenn die nicht das Geld haben, dann arbeiten sie halt nicht genug, heißt es dann. Immerhin haben sie ja das Geld und über Privilegien zu reflektieren tut weh. Deswegen sind für sie Privilegien nur Ausreden der Faulen, um nicht mehr Geld verdienen zu müssen. Und falls sich jemand die Frage stellt: Ja, das wurde mir genau so schon von einem jungen (weißen, männlichen) FDP-Politiker gesagt.

Das wäre nun der Punkt in diesem Aufsatz, wo es sich gehören würde, einen hoffnungsvollen Ausblick zu geben oder Ideen für Veränderung … doch die Sache ist: Ich weiß auch nichts. Natürlich könnte ich nun sagen: „Geht in die Politik. Macht Lärm.“ Aber wie schon gesagt, scheint dies wenig zu bringen. Weder scheint es da die wirkliche Möglichkeit zu geben, etwas zu verändern, noch werden irgendwelche Proteste etwas daran ändern, wie wir wahrgenommen werden. Im Gegenteil: Wenn wir für gerechtere Löhne oder gegen den Klimawandel protestieren, wird nur wieder der Vorwurf kommen, dass wir faul oder realitätsfremd wären, dass wir mehr arbeiten und weniger konsumieren sollen, wenn es uns wichtig wäre. Mehr Radfahren, weniger Auto – dass auch das Auto ein Luxus ist, den sich einige Millenials nicht leisten können, wird außen vor gelassen.

Die einzige Möglichkeit aus dem Kreislauf zu entkommen, so scheint es mir, ist das System zu akzeptieren und sich zu unterwerfen. Doch das kommt für viele nicht in Frage.

Das einzige andere, was uns bleibt, ist uns selbst daran zu erinnern, dass wir tatsächlich erwachsene Menschen sind, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Wir sind erwachsen, wir sind vernünftig, wir sind reflektiert. Und wenn wir gegen den Klimawandel, den Mietenwahnsinn oder für bessere Löhne auf die Straße gehen, dann sind wir realitätsnäher, als all jene, die uns dafür verteufeln.


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