Ein kleiner Schreibtipp: Filterworte meiden

Heute möchte ich nur einen kurzen Tipp mit euch teilen. Einen kleinen Schreibtipp für Prosa. Einen stilistischen Tipp, der überraschend selten in den deutschen Autorencommunities vorkommt. Und ja, es ist ein Tipp, der aus dem Englischen (um genau zu sein aus „On Writing“, bzw. „Writing Fiction“ von Janet Burroway) kommt, aber sich ebenso auf die deutsche Sprache beziehen lässt und von vielen unterbewusst so wahrgenommen wird.

Genug um den heißen Brei herumgeschlagen. Es geht um Filterworte.

Filterworte?

Ja, Filterworte.

Filterworte sind Worte, die wie ein Filter für den Leser funktionieren, beziehungsweise dem Leser zumindest unterbewusst klarmachen, dass er die Handlung durch den Filter der Wahrnehmung des Perspektivencharakters liest. Das heißt natürlich, wenn die Geschichte aus einer Charakterperspektive geschrieben ist, was nicht für jeden Prosatext der Fall ist. Doch gerade in der Belletristik sind Perspektiven (egal ob diese in erster oder dritter Person verwendet werden) üblich und gerade dort schwächen Filterworte den Text.

Aber was sind denn nun diese Filterworte?

Filterworte sind vor allem die Wahrnehmungsverben in entsprechenden Satzkonstruktionen. Bspw.:

  • sehen
  • hören
  • riechen
  • fühlen
  • denken
  • erkennen
  • entdecken
  • spüren

Die Liste ist natürlich erweiterbar. Auch Worte wie „wissen“, „scheinen“ und „können“ haben oft diese filternde Wirkung.

Beispiele

Aber was ist nun genau damit gemeint, Filterworte zu vermeiden? Hierzu ein paar Beispiele. (Wohlgemerkt Beispiele, um die Filterworte hervorzuheben, wohl wissend, dass sie nicht in jeder Hinsicht optimal sind.)

 

Mit Filter: Sie spähte in den Wald hinein. In der Ferne meinte sie, eine schattenhafte Gestalt erkennen zu können.

Ohne Filter: Sie spähte in den Wald hinein. Da war eine Gestalt, kaum mehr als als Schatten zwischen den Bäumen.

 

Mit Filter: Andre hörte den Schuss und duckte sich hinter den Wagen.

Ohne Filter: Der scharfe Knall des Schusses durchschnitt die Luft. Ganz automatisch duckte Andre sich hinter den Wagen.

 

Mit Filter: Ann schmiegte sich an Lilia, vergrub ihre Nase in dem roten Haar, roch den Hauch von Erdbeershampoo. Sie spürte Tränen in ihren Augen brennen.

Ohne Filter: Ann schmiegte sich an Lilia, vergrub ihre Nase in dem roten Haar. Es roch noch immer ein wenig nach Erdbeershampoo. Die Tränen brannten in ihren Augen.

 

Und mein absoluter Liebling:

Mit Filter: Er sah die Sonne aufgehen.

Ohne Filter: Die Sonne ging auf.

 

Zu filtern oder nicht zu filtern

Warum wird nun in so vielen englischen und zumindest ein paar deutschen Schreibratgebern von Filterworten abgeraten? Kurzum: Weil sie dazu neigen, den Text ein wenig schwächer zu machen, diverse Ereignisse indirekter darstellen und zudem eine Information einstreuen, die meistens unnötig ist. Denn: Wenn es einen Perspektivencharakter gibt und dieser etwas sieht, muss die Tatsache gar nicht mehr erwähnt werden. Erzähler kann letzten Endes nur wiedergeben, was die Figur, aus deren Perspektive erzählt wird, auch sieht, hört, schmeckt, riecht. Das ist bereits in der Beschreibung des Ereignisses impliziert.

Wie gesagt: Das gilt vorrangig für Prosatexte, die eine bestimmte Perspektive einnehmen. In einem Text bspw. mit einem allwissenden Erzähler, kann es durchaus Sinn ergeben, hervorzuheben, dass eine bestimmte Beschreibung der Wahrnehmung eines Charakters entspricht – wenn man das denn hervorheben will.

Genau so gibt es auch andere gute Gründe, Filterworte zu nutzen. Sie können zum Beispiel auch genutzt werden, um mit Absicht mehr Abstand zwischen Leser und Figur zu bringen. Vielleicht, weil der Charakter sprichwörtlich „neben sich steht“. Vielleicht, um zu betonen, dass eine Szene extrem surreal ist. Vielleicht auch, um den Gedankenprozess des Charakters hervorzuheben.

Wie immer gilt: Es gibt Ausnahmen für Regeln und wie immer können Regeln und Richtlinien, wenn man sie kennt, mit Absicht gebrochen werden. Dennoch habe ich in meinen eigenen Texten festgestellt, dass diese deutlich besser geworden sind, nachdem ich einen Großteil der Filterworte gestrichen habe.

Daher wollte ich den Tipp mit euch teilen.

Viel Spaß beim Schreiben!

Beitragsbild aufgenommen von Rich Niewiroski Jr., bereitgestellt über WikiCommons unter der CC2.5 Lizenz