Die queere Geschichte des modernen Vampirs

Es ist Oktober – das heißt, die Zeit von Geistern und Monstern hat wieder begonnen. Heute möchte ich mich daher dem Monster widmen, das mich am längsten in meinem Leben begleitet hat: Der Vampir. Um genau zu sein möchte ich darüber sprechen, warum Vampire immer ein wenig queer sind.

Der queere Vampir

Es gibt viele Dinge, die man mit Vampiren verbinden kann. Da ist definitiv die Tatsache, dass sie Blut trinken und in den meisten Fällen unsterblich sind. Vielleicht auch der Fakt, dass sie im Sonnenschein nicht rausgehen (können), sei es, weil sie verbrennen, weil sie Sonne sie ihrer Kräfte beraubt oder vielleicht auch weil sie glitzern.

Was jedoch genau so mit dem Vampir in Verbindung steht, ist eine gewisse sexuelle Anziehung, die sich nicht verleugnen lässt. Es hat durchaus einen Grund, warum Vampire immer wieder in Zusammenhang mit Romantik und Sexualität aufgebracht werden, selbst wenn sie ihrer heutigen Vorstellung ihren Ursprung im Genre des Horrors haben.

Allerdings sind sie nicht nur ausgesprochen sexuell, sondern sind auch Ikonen der queeren Szene. Ja, man kann sagen, dass Vampire in vielen Fällen queere Eigenschaften mit sich bringen, sogar da, wo sie vermeintlich heteronormativ dargestellt werden. Dies hängt tatsächlich sehr eng mit der Geschichte und der Symbolik des Vampirs zusammen – lasst uns ein wenig darüber sprechen.

Disclaimer: Ich werde in diesem Essay historischen Personen, die natürlich vor einer Zeit der modernen queeren Label existierten, eben solche zuschreiben. Darüber kann man streiten, aber es ist im Kontext dieses Artikels einfacher, um diese Personen zu umschreiben.

Der Vampyr

Die Geschichte der modernen Vampirvorstellung begann damit, dass Lord Byron den jungen Arzt Polidori als seinen Leibarzt anstellte. Das klingt komisch, ist aber tatsächlich so, wenn man so möchte. Lord Byron war ein Autor und Poet, der allerdings auch sehr umtriebig war. Er hatte viele Liebhaberinnen, allerdings auch einige Liebhaber. Das führte dazu, dass er auch einige verschmähte Exfreund*innen hatte, die über ihn herzogen, sich bereits mit Mitte 20 diverse Geschlechtskrankheiten zugezogen hatte, aber auch eine gewisse sexuelle Anziehung auf viele Leute auswirkte – und fraglos auch Polidori faszinierte.

Nachdem sein Lebensstil ihm einige Schulden eingebracht hatte, verließ Byron Großbritannien und reiste durch Europa. So kam es, dass er, zusammen mit Polidori, dem Poeten Percy Bysshe Shelley, dessen Verlobten Mary Godwin und deren Stiefschwester Claire Clairmont im verregneten und düsteren Sommer 1816 in der Villa Diodati zusammenfanden und eines Nachts gemeinsam Gruselgeschichten erzählten. In dieser Nacht wurde Frankenstein und sein Monster geschaffen, aber auch Byrons Geschichte Ein Fragment erzählt.

Drei Jahre später war Polidori nicht länger in der Anstellung Byrons und erinnerte sich an diese Nacht und Byrons Geschichte zurück. An diese angelehnt schrieb er eine Novelle: Der Vampyr. Sie handelte von einem jungen Mann, der für einen Adeligen namens Ruthven arbeitete, der in Wahrheit ein Vampir war. Der junge Protagonist war von Ruthven fasziniert. Daran ist erst einmal nichts queeres – wäre da nicht die Sache, dass Lord Ruthven ein Name war, die eine Exfreundin Lord Byron gab, was allgemein bekannt war. Durch diesen Namen wurde die Figur implizit als bisexuell kodiert.

Lord Ruthven war, wenn man so möchte der erste moderne Vampir und sollte eine Vorlage für spätere Vampire werden, die häufig dem byronischen Ideal entsprachen …

Carmilla

Damit aber nicht genug, denn etwas über 50 Jahre später, kam die nächste Novelle heraus, die einen großen Einfluss auf die Vorstellung von Vampiren hatte: Denn im Jahr 1871 brachte der irische Autor Sheridan le Fanu seine Novelle Carmilla heraus. Was ihn genau dazu verleitete, diese Geschichte zu schreiben, ist leider nicht bekannt. Allerdings lässt sich nicht bestreiten, dass die Novelle sehr lesbisch ist.

Carmilla handelt von einer jungen Adligen, die in der Steiermark zusammen mit ihrem distanzierten Vater lebt. Der Abstand zu Gleichaltrigen lässt sie sehr einsam sein, bis eines Tages durch einen Kutschnunfall die junge Carmilla zu ihnen findet, deren Mutter darum bittet, dass sie das Mädchen doch für eine Weile betreuen sollen.

Die junge Adlige ist begeistert von ihrer neuen Gefährtin und entwickelt auch Gefühle für sie, die durchaus auch als romantisch gelesen werden können. Was sie jedoch nicht weiß, ist, dass Carmilla eine Vampira ist, die das Blut junger Frauen trinkt.

Und dann war da noch Dracula

Keine Diskussion über die Darstellung von Vampiren kann jedoch komplett sein, ohne den ersten Vampiren anzusprechen, an den die meisten denken werden: Dracula. Auch dieser ist im Buch nicht nur als bisexuell kodiert, sondern hängt auch eng mit den komplizierten Gefühlen des Autors gegenüber seiner eigenen Sexualität und der eines wohl ehemaligen Freundes zusammen.

Denn was man über Bram Stoker wissen sollte: Er war lange Zeit eng mit Oscar Wilde befreundet. Oscar Wilde – selbst ein bekannter Autor – sorgte jedoch für einiges Aufsehen damit, dass er seine Bisexualität sehr offen auslebte. Die Freundschaft der beiden war eng genug, als dass Stoker eine Exfreundin von Wilde heiratete. Allerdings generierte Wildes Lebensweise in der damaligen Zeit viel negative Presse und brachte ihm letzten Endes ein Gerichtsverfahren ein. Auch Stoker verurteilte Wilde stark, kämpfte allerdings selbst mit seinen Gefühlen.

Auch wenn man es im Nachhinein schwer sagen kann, ist schon lange eine Diskussion unter Historiker*innen, ob Stoker nicht schwul war. Denn es ist bekannt, dass er sehr warme, sehr bewundernde Gefühle für den Poeten Walt Whitman hegte. Aus den Briefen, die Stoker an diesen schrieb, lassen sich auch romantische Gefühle herauslesen. Anders jedoch, als Oscar Wilde, lebte Stoker diese Gefühle nie offen aus und schrieb auch in Briefen davon, dass er sie unterdrückte.

All das ist in Dracula eingeflossen, der fraglos im Text als bisexuell dargestellt wird. Immerhin hat er nicht nur an Mina, sondern auch an Jonathan Interesse. Das macht der Roman deutlich. Es lässt sich sogar hineininterpretieren, dass genau diese sexuelle Andersartigkeit es ist, die Dracula so monströs macht – immerhin hatte Stoker zumindest in der Öffentlichkeit eine starke Abneigung gegenüber Wilde zu dem Zeitpunkt, als er Dracula schrieb.

Die inhärente Sexualität des Vampirs

Was wir bedenken müssen, wenn wir über den Vampir in Literatur und später anderen Medien sprechen, ist, dass der Vampir inhärent sexuell ist. Genau deswegen hat er in der Literatur eben während der viktorianischen Zeit so Fuß fassen können, denn der Vampir hat es möglich gemacht, über etwas zu schreiben, über das man eigentlich nicht schreiben durfte.


Denn der Biss des Vampirs ist sexuell. Es ist ein sexueller Akt, bei dem der Vampir den Körper seines Opfers (mit seinen Zähnen) penetriert. Dabei werden Körperflüssigkeiten ausgetauscht. Es ist also nicht schwer eine Parallele zwischen dem Biss eines Vampirs und dem Geschlechtsverkehr zu ziehen. Damit bot der Vampir die Möglichkeit dieses Thema anzusprechen, ohne dass explizit über Sex gesprochen wurde.

Aber mehr noch: Der Vampir (oder auch eine Vampira) penetriert seine Opfer gleichermaßen, unabhängig vom Geschlecht des Opfers. Der Akt sieht in beiden Fällen identisch aus, was es ihm möglich macht, eine gewisse Gleichstellung zwischen dem homosexuellen und heterosexuellen Akt zu schaffen.

Lesbische Vampire erobern die Leinwand

Diese inhärente Sexualität des Vampirs ist vielen Leuten nicht entgangen, was auch dazu geführt hat, dass unter dem Hays Code (dem Motion Picture Production Code, der Hollywood Filme lange Zeit stark zensierte) Dracula niemanden auf der Leinwand beißen durfte. Immerhin wurde dies als zu sexuell wahrgenommen.

Allerdings betraf der Production Code nur amerikanische Filmproduktionen. Aber auch wenn es manchmal so scheint: Die USA sind nicht das einzige Land auf der Welt, das Filme produziert. So wurde in Italien in den 70er Jahren der Film „Blood and Roses“ herausgebracht, der explizit eine lesbische Vampira beinhaltete. Da der Film gut ankam, folgten mehrere ähnlich geartete Filme in der Sexploitation Ära.

Es sei natürlich dazu gesagt, dass diese lesbischen Vampire häufig sehr auf den Male Gaze orientiert waren. Genau so sei gesagt, dass ihr Verhalten häufig gestraft wurde und die Vampire am Ende des Films gepfählt wurden. Natürlich kann man hier sagen, dass sie ja eigentlich dafür gepfählt wurden, Vampire zu sein – doch wenn man bedenkt wie nahe in der Symbolik der Vampirismus mit Sexualität zusammenhängt, so kann man es durchaus auch als Strafe für eben diese sehen.

Interessant an diesen lesbischen Vampirfilmen ist, dass das Love Interest der Vampira meistens bisexuell war. Sprich: Sie waren der Vampira durchaus nicht abgeneigt, selbst wenn sie am Ende des Films meistens doch in einer heterosexuellen Beziehung endeten – immerhin konnten sie ja nicht mit der Vampira zusammenhängen.

Interview mit dem Vampir

Allerdings waren italienische, lesbische Vampire nicht das einzige Queere, was in den 70er mit Vampiren in der Popkultur geschah. Denn brachte auch Autorin Anne Rice das erste Buch ihrer Vampir-Chroniken heraus: Interview mit dem Vampir und dieses Buch war, wie viele wissen sollten, explizit queer.

Das Buch erzählt die Lebensgeschichte des Vampirs Louis, der vom Vampir Lestat gebissen und verwandelt wird und fortan mit diesem in einer sehr dysfunktionalen Beziehung lebt, die sehr deutlich einer Ehe ähnelt. Die Queerness der Figuren wurde in den folgenden Romanen der Reihe nur weitergehend vertieft und expliziter gemacht.

Diese Bücher waren sehr erfolgreich und gehörten zu den Medien, die die moderne Vorstellung des Vampirs massiv beeinflusst haben. Dies geschah nicht zuletzt dadurch, dass die Vampire hier von der Rolle des Monsters, das bekämpft werden musste, in die Rolle der Hauptfigur gerückt wurden. Dies änderte die Perspektive, zeigte aber eben auch, dass der Vampir nicht einfach nur ein Monster, sondern ein sehr tragisches Monster sein könnte – eins, das eine Geschichte auch komplett allein tragen konnte.

Da dieses Konzept hier zusammen mit der expliziten Queerness eingeführt wurde, waren es auf einmal zwei Konzepte, die auf einmal eng beieinander lagen.

Der Vampir und die AIDS-Krise

Allerdings folgten auch die 1980er und mit ihnen die Entdeckung einer neuen Krankheit – eine Krankheit, die die erkrankten komplett auslaugte. Eine Krankheit, die zuerst sich vor allem in der queere, im spezifischen der schwulen Community ausbreitete, weshalb sie zuerst den Namen „GRID“ (gay-related immune deficiancy) bekam.

Forschende fanden bald heraus, dass die Krankheit über Körperflüssigkeiten übertragen wurde, beispielsweise beim unverhüteten Sex. Dennoch hing die vorerst nicht behandelbare Krankheit wie ein Gespenst über die damalige Gesellschaft und natürlich vor allem über der queeren Community.

Allerdings fand sich auch hier der Vampir ein, der wie viele kulturelle Monster auch hier genutzt wurde, um mit dem Trauma, das die Epidemie mit sich brachte, umzugehen. Dabei bot sich der Vampir in dieser Hinsicht auch besonders an: Immerhin wird auch der Vampirismus, der sein Opfer in der Regel tötet (nur, um es als untot auferstehen zu lassen) auch über den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen.

Dies floss teilweise sehr deutlich, teilweise nur unterschwellig einige Vampirfilme und -romane der 80er und 90er mit ein, in denen Vampirismus – besonders, wenn es sich um Horror-Vertreter der Vampire handelte – häufig zu einer Krankheit wurden.

Weitere queere Vampire auf der Leinwand

Ein Vampirfilm, bei dem es vielleicht etwas fraglich ist, ob bereits die AIDS-Krise mit hineingespielt hat, selbst wenn er sich leicht so lesen kann, ist The Hunger. Dieser Film hat mehr als genug bisexuelle Elemente – nicht zuletzt dadurch, dass David Bowie eine der Hauptrollen spielt, der zum damaligen Zeitpunkt bereits offen als bisexuell geoutet war.

Ein anderer Vampirfilm der 1980er, der deutliche queere Untertöne hat und nicht zuletzt auch von einem offen schwulen Regisseur gedreht wurde, ist The Lost Boys. Wenngleich dieser Film nicht explizit queer ist, so lässt sich schwer übersehen, dass ein queerer Subtext in dem Film besteht.

So ging es eigentlich mit den meisten Vampirfilmen weiter. Egal ob die Vampire die Held*innen oder die Antagonist*innen sind: Häufig haben sie eine queere Konnotation in ihrem Auftreten, das mal deutlicher, mal weniger deutlich zum Erscheinen trifft.

Dies zieht sich sowohl durch Bram Stoker’s Dracula, wo sowohl Dracula, als auch Lucy als queer impliziert werden, als auch durch nicht einmal explizite Vampirfilme, die dennoch vampirisch angehaucht sind, wie Jessica’s Body.

Als auf einmal alle Vampire bi waren

Mit Ende der 1990er kommen wir auch in die Zeit der modernen Urban Fantasy, in der die Vampire natürlich eine große Rolle spielten. Immerhin gehören sie neben Werwölfen, Fae und Hexen zu den Standard-Kreaturen, die eine Urban Fantasy Welt bevölkern. Hier sind die Vampire häufig Held*innen oder Love Interests, weshalb es natürlich nicht zu vermeiden war, dass Anne Rice einen großen Einfluss auf die Darstellung der Vampire hatte.

Dieser Einfluss macht sich nicht zuletzt in der Sexualität der Vampire bemerkbar. Selbst in ansonsten sehr heteronormativen Werken, wie beispielsweise den Sookie Stackhouse Romanen oder auch der Anita Blake Serie, sind die meisten Vampire zumindest angedeutet bisexuell. Teilweise begründen das Autor*innen damit, dass jemand, der ein so langes Leben führt, wie ein Vampir, einfach am Ende alles einmal probiert.

Selbst in der denkbar heteronormativsten Buchreihe, die existiert – der Twilight-Reihe und ihren Verfilmungen – sind zumindest die antagonistischen Vampire deutlich queer kodiert. Fast so, als sei es schwer das Konzept der Vampire heutzutage komplett von seiner inhärenten Queerness zu trennen.

Alle Vampire sind ein bisschen queer

Was sich also feststellen lässt: Während der originale Vampirmythos vielleicht nicht unbedingt etwas mit Queerness zu tun hat, so ist der Vampir der Literatur und modernen Medien absolut aus Queerness geboren. Um genau zu sein wurden die ersten Vampire aus den gespaltenen Gefühlen ihrer Autoren über die eigene Queerness oder die Queerness in ihrem Umfeld geboren – und dies ist ein Erbe, das sich in der Darstellung des Vampirs verankert hat.

Dies wurde nur weiter dadurch gefestigt, dass der Biss des Vampirs mit dem sexuellen Akt gleichgesetzt wurde – entsprechend war ein Vampir, der Männer und Frauen biss, automatisch bisexuell. Dies führte nicht zuletzt dazu, dass der Biss des Vampirs zu Zeiten des Hay’s Code komplett zensiert werden musste.

Später hatte vor allem aber auch Anne Rice einen großen Einfluss darauf, wie der Vampir dargestellt wurden. Denn ihr Werk ist das einflussreichste gewesen, das die Vampire als Protagonisten dargestellt hat. Gleichzeitig aber, waren ihre Vampire auch allesamt queer. Das hat die beiden Aspekte inhärent miteinander verbunden.

Und heute? Heute finden wir Vampire sowohl als Protagonist*innen, als auch als Monster. Die inhärente Queerness ist jedoch nur selten fortzudenken. Die Geschichte des modernen Vampirs ist eine queere Geschichte und dies spiegelt sich bis heute in den Medien wieder.


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