Das Black-Widow-Problem

Wisst ihr was? Ich kann es mir nicht verkneifen. Eigentlich hatte ich es nicht vor, doch ja, hier ist er. Ein Eintrag zu Natasha Romanoff und die Art, wie das MCU mit ihr umgeht. Denn diese war von Anfang an alles andere als schön. Also: Schauen wir uns mal die vergangenen Filme an, in denen Natasha Romanoff, alias Black Widow, vorkam – und was ihre Rolle darin war.

An der Stelle sei deutlich gesagt: Dieser Eintrag beinhaltet Spoiler für Avengers Endgame. Einzige Warnung.

CN: Sexismus, Ableismus

Iron Man 2

Natasha wurde in das MCU in Iron Man 2 eingeführt. Aka dem Iron Man Film, der von allen, außer mir, als der schlechteste Iron Man Film angesehen wird. Dort bewirbt sie sich auf den Job als Peppers Sekretärin – im Auftrag von SHIELD – um Tony im Auge behalten zu können. Dargestellt wird sie für große Teile des Films als hyperkompetente Puppe. Sie sieht hübsch aus und kann oftmals, was der Plot gerade verlangt.

Sie ist ein Plotdevice und Eyecandy. Dabei wird letzteres noch zusätzlich durch CGI-Nachberabeitung verbessert. Einfach, um diesen lächerlichen Cat Suite, der nicht praktikabler zum Kämpfen ist, noch betonender wirken zu lassen. Und ja, gerade hier im Film fällt das deutlich auf.

Avengers

Das erste Mal eine richtige Rolle spielte Natasha im ersten Avengers. Dort war sie das Token-Chick der Gruppe, die Smurfette. Der Film wurde von Joss Whedon geschrieben und gefilmt, weshalb sie hier per default viele für Whedon üblichen Eigenschaften eines „Badass Chicks“ bekommt. Das bedeutet vor allem, dass sie gleich mehrfach als verletzlich dargestellt wird, um die Erwartungen von Zuschauern und Bösewichten umzudrehen.

Allerdings: Auch wenn man diverse Sachen an Whedons Umgang mit weiblichen Figuren kritisieren kann, ist das hier wahrscheinlich einer der Filme, bei denen Nat am besten wegkommt. Ihre Freundschaft zu Clint wird ausgebaut und sie bekommt mit diversen Charakteren eine gute Szene. Auch im Kampf kriegt sie einige gute Action Beats – und ist auch diejenige, die letzten Endes das Tor schließt. Eine gewisse Mühe, sie als einzige Frau der Truppe nicht in den Hintergrund zu stellen, ist durchaus zu bemerken. Trotz des lächerlichen Catsuits.

Wo diese Mühe weniger zu bemerken war, war im Merchandising des Films. Denn hier geriet das MCU das erste Mal für den Umgang mit weiblichen Figuren in Kritik. Denn während jeder der anderen fünf Avenger – sogar Hawkeye – eigene Actionfiguren bekam, tauchte Black Widow im Merchandising kaum auf. Und das, obwohl es diverse Kinder gab, die sie mochten. Doch natürlich: Das Marketing war an Jungs gerichtet und die wollen sicher nicht mit einer weiblichen Figur spielen.

Phase 2 beginnt

Kommen wir also zu Phase 2 – und bevor ich über Nats Auftreten in den Filmen rede, sollten wir über den Metakontext sprechen. Denn viele Fans von Avengers wollten einen Black Widow Film sehen. Oder, generell, einen Film mit einer weiblichen Hauptfigur. Doch die Neuzugänge mit eigenen Filmen in Phase 2 wurden als Ant-Man und die Guardians angekündigt.

Natasha bekam keinen eigenen Film. Kein Prequel, kein Sequel, kein gar nichts. Obwohl sie ein beliebter Charakter sei. Bei ihr wurde sich vage auf „Man kann den Film nur schwer PG13 machen“ herausgeredet, bzgl. des Mangels an anderen weiblichen Figuren (oder nicht-weißen Hauptcharakteren) verwies man auf vage Pläne. Aber hey, dafür würde Natasha in Captain America 2 vorkommen. Yay?

Winter Soldier

Ich gebe offen zu: Von allen Darstellungen Natashas gefällt mir die in Winter Soldier wahrscheinlich am besten. Heißt nicht, dass sie fehlerfrei ist, doch für mich war es dieser Film, der sie am meisten vermenschlicht hat. Sie hat hier die Chance eine Freundschaft zu Steve aufzubauen, wir sehen die enge Bindung, die sie zu Fury hat, und sie darf im Finale ihrerseits tatsächlich etwas machen. Oh, und sie trägt für gute Teile des Films normale Klamotten. Ganz normale, bequeme Klamotten. Unglaublich!

Es sei jedoch gesagt, dass ich und viele andere auch vor dem Film enorm nervös waren. In einem Interview hörte man was davon, dass Johanson Evans für eine Szene geküsst hatte. Es wäre so typisch gewesen die einzige Heldin, die es soweit im MCU gab, zu verkuppeln! Doch der Film überraschte auch hier positiv. Ja, sie küssten sich, doch es war um eine Ablenkung zu schaffen. Die Beziehung zwischen den beiden blieb den Film über freundschaftlich – und es war großartig!

Tja und dann kam …

Age of Ultron

Age of Ultron war das erste Mal, dass die Kritik um Black Widow richtig laut wurde. Denn es war der erste Film, bei dem der Sexismus für viele Leute nicht länger zu ignorieren war. Es ist als außenstehende Person schwer zu sagen, was es war, das zu der Behandlung geführt hatte. Was war Whedon? Was war das in diesem Film extreme Executive Meddling? Und welche Entscheidungen gingen vielleicht darauf zurück, dass Johanson während der Dreharbeiten schwanger war und deswegen bzgl. der Actionszenen eingeschränkt?

So oder so. Der Film sammelte diverse Essays zum „Black Widow Problem“ an. Dabei waren die zentralen Kritikpunkte:

  • Die Romanze zwischen ihr und Banner
  • „Ich bin ein Monster, [weil ich unfruchtbar bin]“
  • Die Entführung und spätere Rettung von Nat

Gehen wir eins nach dem anderen durch, ja?

Die Romanze

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich habe mit der Romanze an sich keinerlei Probleme. Es ist eine Dynamik, die ich mag, und die Schauspieler haben Chemie. An sich gibt es kein Problem mit der Romanze an sich. Das Problem ist erneut ein anderes oder eher zwei andere: Zum ersten, dass – natürlich – letzten Endes die eine Frau der Truppe in eine Romanze gestopft werden muss. Zum zweiten, dass dies vorrangig als Storyvehicle genutzt wurde, um Banners Charakterentwicklung voran zu treiben.

Genau das ist etwas, dass bereits mehrfach an Black Widow kritisiert wurde: Sie dient als Charakter in beinahe jedem Film dazu, einen Mann vor sich selbst zu retten. In Iron Man 2 ist es Tony, in Avengers ist es Clint, in Winter Soldier ist es Steve und hier ist es – auf gewisserweise – Bruce. Und ja, wenn man die Filme betrachtet, fällt dies auf. Selbst wenn ich ihre Darstellung in Winter Soldier mag: Ihre Motivation ist praktisch immer an einen Mann gebunden und das ist gelinde gesagt öde und ja, halt sexistisch.

„Ich bin ein Monster“

Kommen wir zum anderen Aspekt – und dies ist einer, den Age of Ultron bis ins geht nicht mehr melkt. Der Film macht uns klar, dass Natasha unfruchtbar ist. Sie ist unfruchtbar, weil man sie zwangsweise sterilisiert hat. Deswegen sitzt sie da, schaut wie Clint seine Familie großzieht und sehnt sich genau danach. Nach einer Familie. An sich etwas, das nicht so schlimm wäre, kamen da nicht ein paar Aspekte zusammen.

Der erste ist der Dialog mit Bruce, als sie ihm davon erzählt. Der Dialog läuft etwa so ab. „Ich kann aber keine Familie haben, wegen dem Hulk! Das wäre zu gefährlich! Ich weiß nicht mal, ob das funktionieren könnte.“ – „Kann ich aber auch nicht. Ich bin steril. Als ich im Assassinentraining war wurde ich sterilisiert. Du bist nicht das einzige Monster hier.“ Was halt etwa so herüberkommt: „Ich bin ein Monster, weil Frauen, die keine Kinder gebären können, Monster sind.“ Und ja, das ist sexistisch. Es ist ekelhaft sexistisch, ableistisch und – ganz nebenbei – auch noch transfeindlich.

Es sei dazu gesagt: Ja, ich weiß absolut, dass Whedon dazu gesagt hat, dass sich das „Ich bin ein Monster“ auf ihre Karriere als Assassinnin beziehen sollte. Doch dies wird – besonders wenn man ihren Plot im Film betrachtet – nun einmal so nicht klar. Im Kontext der Szene klingt es anders.

Dazu kommt: Hat man ein Cast mit mehreren wichtigen, weiblichen Figuren, von denen eine extrem traurig ist, weil sie keine Kinder bekommen kann und es sich so wünscht, während vielleicht eine andere gar keine will, ja, dann wäre es okay. Dann hätte dieser Plot keine Probleme. Denn dann wäre es einfach eine Frau, die gerne Kinder hätte. Doch ist diese Frau die einzige relevante Frau im Plot? Tja, dann ist sie „alle Frauen“. Und dann ist es ein Problem.

Und einmal Damsel zum Mitnehmen

Tja, und dann ist da noch die Sache mit Natashas Entführung. Denn ja, sie wird halb durch den Film von Ultron entführt und erst ein ganzes Stück später gerettet. In der Zwischenzeit hat sie nur eine Aufgabe: Zuzuhören, während Ultron sie zumonologiert. Yay.

Dazu gibt es auch sonst nicht viel zu sagen. Ich möchte hier wirklich vermuten, dass es eine Entscheidung war, die getroffen wurde, weil Johanson schwanger war. Doch ich kann mir leider zu gut vorstellen, dass sie tatsächlich von Anfang an als Damsel geplant war. Immerhin ist sie (zu dem Zeitpunkt noch) die einzige Frau der Truppe. Wen soll Ultron denn sonst entführen?

Civil War & Infinity War

Das nächste Mal tauchte Nat in Civil war auf. Und was gibt es darüber groß zu sagen? Denn wirklich viel hat sie hier nicht, wenn es um Charakterentwicklung geht. Sie hat einen Kampf – ja. Sie steht auf Tonys Seite – ja. Sie wechselt später die Seiten und hilft Steve und Bucky zum Jet zu kommen – auch ja. Aber da der Fokus eben nicht auf ihr liegt, kann man dazu wenig sagen. Sie hier hier eher ein größeres Cameo, als eine wirkliche Rolle im Film.

Dasselbe gilt letzten Endes auch für Infinity War. Hier ist Natasha da – doch wie praktisch jede andere Figur ist sie hier kaum ein Charakter. Sie hat ihre Actionsequenzen und mehr nicht. Richtig cool darf sie dabei letzten Endes nur bei der Rettungsaktion in Edinburgh sein. Später in Wakanda darf sie halt mit den anderen Frauen zusammen, die eine weibliche Gegnerin bekämpfen. Sonst hätte ja einer der Jungs eventuell die Gegnerin schlagen müssen. Und ich hatte ja einmal etabliert: Sowas geht ja gar nicht! Jedenfalls nicht, wenn man ein paar Produzenten fragt.

Endgame

Damit kommen wir also zu Endgame. Ich hatte mich bereits in meinem Spoiler-Review drüber aufgeregt, doch hier eben noch einmal: Ja, es war schön, dass gezeigt wurde, was Nat die Avengers bedeuten. Es hat sogar etwas von einer Charakterentwicklung. Doch leider wird diese kurzfristig unterbrochen, als sie die zweite Frau ist, die in den Kühlschrank – ähm, ich meine in die Schlucht für den Soul Stone geworfen wird.

Und es bringt so ganz wunderbar die Probleme alle auf die Spitze. Denn natürlich ist es die eine Frau der alten Avengers, die stirbt. Natürlich ist es von allen Frauen die unfruchtbare, die stirbt. Und natürlich opfert sie sich für einen Mann, damit dann ihre männlichen Freunde ganz traurig sein können und extra motiviert werden. Stichwort: Man Pains.

Das, was Infinity War mit Gamora und Endgame dann mit Nat gemacht hat, nennt man übrigens auch „fridging“. Ein Trope benannt nach einem Vorfall in Green Lantern. Doch die einfache Fassung: Eine Frau stirbt einen schockierenden, dramatischen Tod, damit die Stakes höher und die männlichen Figuren motivierter sind.

Ach ja, und wäre das nicht genug, bekommt Tony am Ende eine große Beerdigungsszene, während bei Nat die Jungs kurz trauern, ehe der Plot weitergeht. Beerdigung? Gedenken? Irgendwas? Nein. Nichts. Gar nichts.

„Aber es war In-Character!!“

Die ganze Zeit wird damit argumentiert: „Es war In-Character!“ Und: „Aber sie ist halt die bessere Kämpferin, deswegen musste sie gegen Clint gewinnen.“ Und: „Aber Clint hat halt eine Familie!“

Dazu kann ich nur folgendes sagen: Erstens ist es egal, ob Clint eine Familie hat. Das macht ihn nicht mehr wert, als Natasha. Zumal der Film es so wunderbar sagt: Sie hat eine Familie. Die Avenger sind ihre Familie. Es sollte nicht weniger wert sein, nur weil es keine Blutsfamilie ist. Sie sollte als Figur nicht weniger Wert sein, nur weil sie keine Kinder hat. Zweitens: Es ist vollkommen egal, ob es In-Character war. Und wisst ihr warum? Weil es nicht Clint und Natasha hätten sein müssen, die nach Vormir gehen.

Das alles waren Entscheidungen der Autoren. Es hätte ein komplett anderes Duo nach Vormir gehen können – eins, das keine Frau beinhaltet hätte. Eins, in dem sich ein Mann hätte heldenhaft für den Seelenstein opfern können.

Ich habe diverse Vorschläge schon gehört für Paarungen. Eine war, dass man hätte Steve mit jemanden hinschicken und ihn opfern können. Sicher, dass hätte einen epischen Moment aus dem Finale genommen, aber für viele Steve-Fans, die sich an seinem aktuellen Charakterende gestört haben, wäre es vielleicht annehmbarer gewesen. Na ja, und ebenso möchte ich anmerken, dass Infinity War und Endgame gemeinsam geschrieben und gedreht wurden. Beispielsweise hätte auch Drax den Snap überleben und für den Seelenstein sterben können. Dies wäre in meinen Augen sogar ein schöner Abschluss für ihn als Charakter gewesen: Er spielt eine essenzielle Rolle, Thanos zu besiegen, aber eben nicht im Kampf.

Ein zerstückeltes Charakterarc

Natasha hat ein Charakterarc. Wirklich. Nur leider ist dieses noch stärker zerstückelt, als das Charakterarc vieler anderer Figuren im MCU. Denn wie gesagt, Entwicklung findet oftmals Off-Screen statt. Bei Nebenfiguren wie Natasha mehr noch, als bei den großen Charakteren (also speziell Steve und Tony).

Wir lernen Natasha als einen Charakter kennen, der praktisch für den Job lebt. Sie ist Agentin für SHIELD und das ist ihr Lebensinhalt. Ihre einzigen wirklichen Beziehungen scheinen zu Clint und zu Fury zu sein. Aber dann kommt Avengers und auf einmal kann sie ein Teil eines Teams sein. Ein Team, in dem sie autonom agieren kann – etwas, das bisher nie Teil ihres Lebens war. Allerdings wird sie verständlicherweise auch von ihrer Vergangenheit verfolgt. Sie hat gemordet, sie wurde effektiv hirngewaschen. Und was auch immer in der MCU Version in Budapest passiert ist: Es hat sie zu SHIELD gebracht. Nur, dass sie dort effektiv dasselbe gemacht hat wie vorher, nur für einen anderen Auftraggeber.

Erst als Mitglied der Avengers hat sie angefangen, so etwas wie eine eigene Agenda zu entwickeln. (Selbst wenn man hier kommentieren kann, dass sie, obwohl jüngstes oder zweitjüngstes Mitglied, als einzige Frau natürlich die Team Mom sein musste.) Und danach handelt ihr Charakterarc effektiv davon, einen Platz für sich zu finden.

Natürlich kann man jetzt sagen: Hat sie doch. Als Opferlamm. Doch, ja, eben das ist sexistisch. Dass das und Team Mom das einzige war, was etwaigen Autoren zu ihr eingefallen ist.

Und ihr Standalone?

Laut diversen Quellen wird der kommende Black Widow Film wohl ein Prequel sein. Wozu ich nur sagen kann: Was interessiert mich jetzt noch ein Prequel? Zumal, selbst mit weiblichem Staff hinter den Kulissen, habe ich die arge Befürchtung, dass es auf eine „Gewalterfahrungen machen Frauen stark“ Narrative herauslaufen wird. Eine Idee mit der Medien so gerne flirten.

Allerdings ist für mich vor allem die Sache: Mich interessiert Natasha, die Killerin, nicht. Mich interessiert Natasha, das Avengers-Mitglied. Davon will ich mehr sehen. Ich will eine Geschichte, in der sie auch mal im Rampenlicht stehen darf. Aber das wird es wohl nicht mehr geben. Dafür hat Endgame gesorgt. Wenn überhaupt irgendwas, wird es wohl darauf hinauslaufen, dass es irgendwann eine neue Black Widow geben wird. Jemand, der nicht Natasha ist. Und ja, vielleicht wird man es bei ihr besser machen.

Doch bei einer Sache bleibt es: Das MCU hat Nat alles in allem wirklich scheiße behandelt. Sie hätte – als Charakter – besseres verdient. Umso mehr, weil sie so lange das Token Chick, die Smurfette war.

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Das Beitragsbild ist ein (ewigaltes) Fanart, das Madita Recktenwald, die auch für das Cover von Der Schleier der Welt verantwortlich ist, gezeichnet hat und das sie mir netterweise zu nutzen erlaubt hat.