Cartoon-Review: Rapunzel’s Tangled Adventures

Ich werde von nun an auch Cartoons – unabhängig davon, ob sie Urban Fantasy sind oder nicht – hier auf dem Blog reviewn. Einfach, weil ich viel Cartoons schaue und diverse nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Den Anfang macht „Tangled – The Series“ aka „Rapunzel’s Tangled Adventures“. Die Serie zum Disneyfilm „Tangled“, bzw. „Rapunzel“.

Worum es geht

Die Handlung von „Tangled“ fängt nach dem Film an. Rapunzel ist zurück bei ihren leiblichen Eltern und lebt als Prinzessin in Corona. Eugene ist bei ihr. Und beide passen nicht so ganz in das Leben am Hof. Umso mehr, da Rapunzel raus in die Stadt und das umliegende Land will – nachdem sie ihr bisheriges Leben in einem Turm eingesperrt verbracht hat. Derweil tun sich ihre Eltern, vor allem ihr Vater ein wenig schwer ihre Tochter kennen zu lernen.

Zur Seite steht Rapunzel neben Eugene auch Cassandra zur Seite: Rapunzels Zofe und die Tochter des Kapitäns der königlichen Garde. Als Cassandra heimlich mit Rapunzel aus der Stadt hinausreitet, um ihr das umliegende Land zu zeigen, finden sie die Stelle, wo einst die Blume wuchs, die Rapunzel ihre Macht gegeben hatte. Nur, dass an dieser Stelle nun pechschwarze Steine aus der Erde herausragen. Als Rapunzel diese berührt, wachsen ihre Haare wieder lang. Bald stellt sich heraus, dass es mit dem Sonnentropfen mehr auf sich hatte, als zuerst gedacht. Es ist Rapunzels Schicksal, der Sache auf den Grund zu gehen.

Ich mochte Tangled, den Film, nicht

Ich möchte das Review mit einer Sache anfangen: Ich hatte an dieser Serie ursprünglich keinerlei Interesse, weil der Tangled Film zu meinen am meisten gehassten Disney-Filmen gehört. Der Grund dafür lässt sich leicht zusammenfassen damit, dass der Film Kindesmissbrauch durch Elternteile nicht ernst nimmt. Die Misshandlung, die Rapunzel durch Gothel erfährt, werden als lustig dargestellt. Gothels „Mother knows best“ ist effektiv ein knapp dreiminütiger Song über Gaslighting und wird visuell mit vielen Gags untermauert. Auch als Rapunzel, die ihr Leben lang psychisch misshandelt und manipuliert wurde, aus dem Turm herauskommt und zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“ wechselt („Best Day Ever!“ vs. „Mother is going to hate me!“) wird es als lustig dargestellt und nicht etwa, als etwas sehr Trauriges/Verstörendes.

Auch am Ende des Films ist es leider deutlich, dass die Macher absolut das Thema nicht ernst genommen haben. Rapunzel findet heraus, dass Gothel sie gestohlen hat und sofort fallen 18 Jahre Manipulation und Gaslighting magisch von ihr ab und sie hasst Gothel jetzt und hat keinerlei Probleme damit sich ihr entgegen zu stellen. Weder sind da Reste von den ihr eingeredeten „positiven“ Gefühlen, noch lässt sie sich von Gothel manipulieren. Sie ist scheinbar magisch davon geheilt.

Das war mein größtes Problem mit dem Film. Dazu kamen halt diverse kleine Sachen. Ich fand die Charakterisierung von Eugene inkonsistent. Maximus‘ Art, sich wie ein Hund zu verhalten war nervig. Die Animation war leider sehr unfertig. Die Musik war nicht gut.

Tangled – The Series ist endlos viel besser

Warum habe ich also überhaupt die Serie geschaut? Nun, vornehmlich weil ich ein Animatic zu Star vs the Forces of Evil gesehen habe, das einen Song aus der Serie verwendet hat und der Song war geil. Und als ich dann ein wenig nach anderen Liedern geschaut habe, musste ich feststellen, dass der Soundtrack der Serie allgemein stark war. Und ich entwickelte ein massives Interesse an dem neuen Charakter: Cassandra. Denn so ein wenig lesbisch wirkten die Interaktionen zwischen ihr und Rapunzel auch in diesen Ausschnitten.

Also habe ich dann angefangen die Serie von Anfang an zu schauen. Und habe rasch festgestellt, dass sie so ziemlich alles besser macht, als der Film. Rapunzels Trauma durch die Jahre an Missbrauch spielt wieder und wieder eine Rolle. Es gibt mehrere Episoden, die es zentral zum Thema machen. Auch wird immer wieder gezeigt, dass Rapunzel durch ihre Jahrelange soziale Isolation nicht gut darin ist, mit anderen Menschen umzugehen, obwohl sie es will und es versucht.

Auch Eugene bekommt deutlich mehr Charakterentwicklung, die vor allem dadurch profitiert, dass wir mehr über seine Vergangenheit erfahren und auch ein Jugendfreund von ihm später zum dauerhaften Nebencharakter wird. Das richtig schöne bei ihm und seinem Charakter ist vor allem, wie anti-toxisch es ist. Er wird als sehr weicher Charakter dargestellt und die Beziehung zwischen ihm und Rapunzel ist süß und wholesome und dafür, wie kaputt die beiden sind, sehr, sehr gesund.

Selbst das Problem mit Maximus wird mehr oder minder angesprochen. Es ist in der Serie jetzt Teil vom Weltenbau. Denn offenbar ist es in der Serie normal, dass die meisten Tiere eine gewisse Intelligenz haben. Es ist keine Eigenheit von Maximus. Das heißt auch: Tiere können lesen, manche Tiere haben eigene Ausweise und sie können von sich aus Jobs annehmen – aber ohne sprechen zu können. Und ja, es macht viele Dinge sinniger.

Episodisch und dennoch mit Plot

Es sei dazu gesagt, dass die Serie am Anfang sehr episodisch ist. Gerade Staffel 1 ist aufgebaut wie diverse alte Disney-Serien: Jede Folge hat einen für sich alleinstehenden Plot. Die Frage nach den schwarzen Steinen kommt zwar immer mal wieder aus, spielt aber bis zum Staffelfinale keine zu große Rolle. Staffel 2 ist dagegen schon deutlich fokussierter, da hier alles auf ein Endziel hinarbeitet – selbst wenn es immer noch recht viele Standalone Folgen gibt. Bei Staffel 3 sind die Standalone-Folgen zwar noch immer da, aber eher in der Minderheit. Dies mag aber auch daran liegen, dass Staffel 3 weniger Folgen hat als die anderen beiden und daher den Plot relativ zügig beendet.

Was den Plot sehr gut macht, ist, dass er sehr charaktergetrieben ist. Entwicklungen sind durchweg gut nachzuvollziehen und gehen nicht zuletzt auch von den Fehlern der Charaktere aus. Dabei stehen auch die Beziehungen zwischen Charakteren im Vordergrund – speziell die Beziehung zwischen Rapunzel und Eugene, aber auch Rapunzel und Cassandra. Bei letzteren beiden muss ich deutlich sagen: Ich frage mich teilweise inwieweit wir es mit Queerbaiting zu tun haben oder inwieweit irgendein Mensch die beiden (und Eugene) geschrieben haben kann, ohne dabei sich zu denken: „Wow, das ist ein tolles queeres Polycule.“

Der Soundtrack

An dieser Stelle erlaubt mir eins: Ein wenig über den Soundtrack zu schwärmen. Denn ja, die Serie ist eine Musical-Serie. Nicht jede Folge hat Musik-Einlagen, aber viele. Und die Musik ist zu großen Teilen richtig, richtig, richtig gut. Er ist sehr musical-esque. Vor allem die Storyrelevanten Songs sind verflucht gut.

Sei es „I’ll make you proud“, sei es „Ready as I’ll ever be“, sei es „Waiting in the Wings“ oder der polyamore Liebessong, bei dem ich mich weigere, ihn anders zu lesen. Es sei hier auch gelobt, dass die Synchronsprecher verflucht gut sind – und ja, Eugene und Raps werden von ihren Film-Synchronsprechern gesprochen und gesungen. Aber auch Espinosa, die Cassandra spricht und singt, ist großartig.

Ernsthaft: Der Soundtrack ist an sich schon genug Grund, die Serie anzuschauen.

Es gibt auch Kritikpunkte

Ich muss an dieser Stelle sagen, dass es in der Serie auch Kritikpunkte gibt. Allen voran: Stereotype. Denn leider hat die Serie ein kleines Problem, wenn es um bestimmte Figuren geht. Allen voran ist es leider so, dass die Serie im englischen den G-Slur nutzt, wenn es um Sinti und Roma geht und dahingehend einen sehr, sehr, sehr stereotyp dargestellten Charakter hat. Eine „Wahrsagerin“, die betrügt und andere Sachen macht und auch Designtechnisch sehr klischeehaft dargestellt wird. Das ist leider sehr unschön, selbst wenn es nur ein Charakter ist, der in drei Folgen als Comic Relief auftritt.

Auch gibt es in einer Folge one-off Hintergrundcharaktere aus nicht-weißen Kulturen (oder das Fantasy-Equivalent in dieser Welt), die ebenfalls recht klischeehaft vorkommen. Selbst Adira, eine ostasiatisch kodierte Figur, die eine recht große Rolle in Staffel 2 spielt, ist teilweise klischeehaft dargestellt, selbst wenn sie anders als die anderen Beispiele ein deutlich positiv kanontierter Charakter ist, der auf der Seite von Rapunzel und Co. steht. Dennoch wäre es schön gewesen, hätten die Macher diese rassistischen Klischees etwas hinterfragt.

Ebenfalls ist es leider so, dass die Banditen, die wir bereits aus dem Film kennen, zum Teil zwar gut dargestellt sind, zum Teil aber auch in ableistische Klischees abdriften. Das gilt speziell für Shorty, der besonders in Staffel 2 als Comic Relief Charakter dabei ist und leider viel von diesem „Comic Relief“ saneistischen Ursprungs ist. Das hätte so nicht sein müssen.

Alles in allem

Wie gesagt: Die Serie ist leider nicht perfekt, aber ist gerade als Charakterstudie über Rapunzel, Eugene und Cassandra eine gute Serie, die sich auch sehr kritisch mit dem Thema Kindesmissbrauch auseinandersetzt. Sie ist außerdem ausgesprochen gut, wenn es um die Darstellungen von Charakterbeziehungen geht und redet außerdem nicht auf etwaige Kinder, die die Serie schauen herunter.

Vor allem aber überzeugt die Serie durch wunderschöne Animation und einen schönen Soundtrack.

Insofern: Wenn ihr noch etwas in der Quarantäne schauen wollt, gibt es von mir eine absolute Empfehlung für diese Serie.


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