Anime-Empfehlung: Ojamajo Doremi

Es gibt sehr wenige Serien aus meiner Kindheit, die ich heute noch Eltern für ihre eigenen Kinder empfehlen würde. Speziell wenn ich an die Anime aus den 90ern und frühen 2000ern denke, gibt es nur eine Serie, die ich empfehlen kann. Ironischerweise eine Serie, die ich, als sie ihren deutschen Release bekam, nicht einmal leiden konnte. Ojamajo Doremi, in Deutschland unter dem Titel DoReMi erschienen.

Ich habe vor zu Anfangszeiten des Blogs bereits über das Problem der Darstellung von Weiblichkeit in Magical Girl Anime gesprochen. Dabei erwähnte ich auch Ojamajo Doremi als eine der wenigen Ausnahmen. Generell ist die Serie eine recht ungewöhnliche Magical Girl Show und heute möchte ich darüber sprechen, warum.

Glaubst du an Hexen?

Ojamajo Doremi fängt mit unserer „Heldin“ an. Doremi Harukaze ist ein typisches Magical Girl. Sie ist ungeschickt, schulisch nicht die beste und isst gerne und viel (am liebsten Steak). Als Grundschülerin hat sie außerdem jede Woche einen neuen, oberflächlichen Crush. In Liebeskummer und Ärger über die Schule versunken, findet sie einen seltsamen Laden. Einen Zauberladen. Als sie diesen betritt kommt ihr die Besitzerin seltsam vor. Denn Doremi liebt Hexengeschichten und diese Verkäuferin sieht aus wie eine Hexe. Doch kaum, dass sie diese Vermutung geäußert hat, verwandelt sich die Verkäuferin, Majo Rika, in einen Frosch.

Hexen sind verflucht. Findet ein Mensch heraus, dass sie magisch sind, verwandeln sie sich in einen Hexenfrosch. Die einzige Möglichkeit dies umzukehren: Der Mensch muss selbst zur Hexe werden. Und so befinden sich bald Doremi, ihre Kindheitsfreundin Hatsuki und das neu aus Osaka dazugezogene Mädchen Aiko in der Hexenausbildung. Zu Majo Rikas Unzufriedenheit können sie sich auf diese jedoch nicht gänzlich konzentrieren, denn jede Woche kommen neue Dinge dazwischen.

Denn während Doremi ungeschickt und impulsiv ist, hat sie auch viel Empathie und merkt, wenn in ihrer Klasse etwas nicht stimmt. Dann kann sie manchmal einfach nicht anders, als sich in die Probleme ihrer Mitschüler einzumischen, um ihnen zu helfen. Dabei muss sie leider schnell feststellen, dass Magie zwischenmenschliche Probleme allerdings auch nicht einfach aus der Welt schaffen kann.

Release

Ojamajo Doremi ist in Japan zwischen 1999 und 2003 erschienen, umfasst vier Staffeln und eine OVA, sowie einige kürzere Filme. In Deutschland sind die ersten zwei Staffeln erschienen, ehe es (leider) dank Problemen bei der Verhandlung zur Einstellung der Serie kam. Dankbarerweise ist die Serie hier aber auf DVD bei Kaze Anime zu haben.

Gerade für den Zeitpunkt des Releases ist Ojamajo Doremi überraschend fortschrittlich in seiner Weltsicht – was wahrscheinlich nicht zuletzt darauf zurückgeht, dass die Serie sich vornehmlich mit alltäglichen Problemen auseinandersetzt. „Monsters of the Week“ gibt es hier nicht, viel eher „Problems of the Week“ und diese finden ihre Wurzel alle in realen Dingen, die Kinder nachvollziehen können.

Themen

Diese Themen fangen klein an. Wir haben übliche Missverständnisse unter Freunden, erste unschuldige Lieben, Probleme mit Lehrern, Probleme mit Eltern und was sonst für einfache Probleme man sich mit Acht- bis Zwölfjährigen Kindern vorstellen kann. Auch Geschwisterkonflikte, besonders zwischen Doremi und ihrer Schwester Pop spielen immer wieder eine Rolle.

Doch wer glaubt, dass es so unschuldig bleibt, irrt sich. Weitere Themen, die im Verlauf der Serie behandelt werden sind: Scheidung, chronische Krankheiten, Sexismus, Rassismus, Mobbing, Fatshaming, Essensstörungen, Sozialangst, Depressionen, Suizidgedanken und Krieg. Es gibt außerdem die Andeutung anderer Themen, von denen das wohl unerwartetste Prostitution war. Ach ja, und in der OVA gibt es eine Folge, in der ein Kind stirbt und dies thematisiert.

Kurzum: Die Serie spricht viele, sehr viele wichtige Themen an, aber – und das ist der springende Punkt – tut dies auf eine sehr kinderfreundliche Art. Die Themen werden verständlich und empathisch aufgearbeitet, immer in einfache Themen aufgearbeitet, die einen konkreten Bezug auf das Leben der Kinder haben.

Beispiele

Beispielsweise spielt die Scheidung von Aikos Eltern eine große Rolle in Aikos Charakterentwicklung über die Staffeln hinweg. Aiko blieb als kleines Mädchen von sich aus beim Vater, da sie davon überzeugt war, dass dieser allein nicht zurecht kam. Ihr Vater verzweifelt derweil darüber, dass er mit seinem Job sie kaum ernähren kann. Auch die Umstände der Scheidung, die nicht zuletzt durch die Berufstätigkeit von Aikos Mutter und deren Unwille, ihren Job aufzugeben, zustande kam, werden beleuchtet und reflektiert. Ja, nicht alles ist perfekt und hier und da merkt man die 20 Jahre der Serie schon an – dennoch ist der Umgang damit erstaunlich reflektiert.

Dahingehend wird auch Sexismus mehrfach angesprochen. Diesen finden wir im kleinen, durch Verhalten, das wir bereits bei Kindern finden („Du kannst nicht mit uns Sport machen, weil du bist ein Mädchen!“), als auch im großen. Hier haben wir beispielsweise mehrfach das Thema, wie die Klassenlehrerin der Charaktere, Seki-sensei, in ihrem Beruf mit Sexismus zu kämpfen hat und auch, wie die Tatsache, dass sie mit Ende Zwanzig noch unverheiratet ist, gegen sie gehalten wird.

In den deutschen Staffeln leider nicht enthalten haben wir auch den Fall einer Klassenkameradin, die aufgrund von Mobbing seit über einem Jahr Schule schwänzt. Diese Geschichte bekommt ein eigenes Arc über eineinhalb Staffeln, in dem Doremi die Hintergründe, aber auch die Sozialängste des Mädchens zu verstehen lernt.

Pädagogik und Spaß

Natürlich haben wir diese harten Themen nicht in jeder Folge. Viele Folgen sind auch einfache lustige Folgen, in denen ein paar Hexenfrösche Samba tanzen oder Wettrennen gegen Hase und Schildkröte gelaufen werden. Man findet dahingehend in der Serie eine enorme Varianz von Themen. Selbst die düsteren Folgen schaffen es zumeist dennoch ein paar lustige, lockere, aber dennoch nicht unpassend wirkende Momente einzubringen.

Was man außerdem loben muss, gerade weil man es in Kinderserien so selten sieht: Auch die Erwachsenen sind Charaktere. Erwachsene Charaktere, egal ob Eltern, Lehrer oder sonstige, sind Menschen, die auch mal Fehler machen, aber eben auch oft genug richtig liegen. Viele Episoden drehen sich darum, dass Kinder lernen Eltern und Lehrer besser zu verstehen, diese es aber auch umgekehrt lernen. Die Moral: Sprecht euch mit euren Eltern/Kindern aus. Gesteht Fehler ein. Für beide Seiten.

Das ist speziell etwas, das ich in keiner anderen Show jemals so gesehen habe und einer der Gründe, weshalb ich diese Serie so liebe. Nicht zuletzt, da sie dabei eine unglaublich kindliche Sicht auf die Dinge hat und es in dieser Sicht gut schafft, die Themen zu vermitteln.

Nicht perfekt

Wie immer komme ich natürlich auch hier auf die Kritikpunkte der Serie zu sprechen – und Kritikpunkte gibt es auch hier. Denn während die Serie eine Vielzahl unterschiedlicher Frauenfiguren hat und die magische Welt, anders als in gefühlt 98% aller an Mädchen gerichteten Serien, von einer Königin, statt einer Prinzessin regiert wird, so ist sie dennoch an traditionellen Genderollen ausgerichtet.

Denn während die erste Staffeln dahingehend noch recht harmlos ist, fängt es in Staffel 2 an. Die Mädchen ziehen hier nicht nur ein Baby gemeinsam auf, sie haben auch einen Blumenladen. Dieser wird in Staffel drei durch eine Konditorei und in Staffel 4 durch einen Schmuckladen abgelöst. Gerade das Großziehen von Hana-chan hat, auch wenn es viele Momente mit sich bringt, die bezüglich des Elternthemas helfen … Nun, wir haben vier neunjährige Mädchen, die ein Baby großziehen.

Außerdem sei natürlich gesagt – auch wenn ich das nicht als negativen Punkt anrechnen würde – dass die Serie episodisch ist. Nur ist die Handlung genau darauf ausgerichtet. Eben auf die wöchentlichen Alltagsprobleme. Das macht den Charme der Serie aus, ist aber nicht jedermanns Sache.

Wem ist die Serie zu empfehlen?

In erster Linie empfehle ich diese Serie tatsächlich als etwas, dass man als Elternteil mit jungen Kindern gemeinsam schauen kann. Speziell für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren. Wichtig halte ich nur, dass man sie mit den Kindern gemeinsam schaut, da die Serie darauf ausgelegt ist einen Dialog zwischen Eltern und Kind zu fördern und es nach einigen Episoden sicher auch Redebedarf gibt.

Allerdings habe ich die Serie mittlerweile auch genug Erwachsenen empfohlen, um sagen zu können: Ja, die Serie funktioniert auch bei diesen sehr gut. Es ist eine lustige, fröhliche und selbst, wenn man sie als Kind nicht kannte, seltsam nostalgische Serie. Sie schafft es auf seltsame Art das Gefühl von „Kindheit“ einzufangen.

Insofern: Egal, ob ihr Kinder habt oder nicht, gebt der Serie vielleicht eine Chance. Denn speziell dafür, dass sie dieses Jahr zwanzig Jahre alt wurde, ist die Serie noch immer wunderbar und spricht einige Themen an, die bis heute in Anime selten sind.

Hat euch dieser Beitrag gefallen? Wenn ja, unterstützt mich doch eventuell mit einem Ko-Fi oder über Patreon. und/oder teilt den Artikel mit euren Freunden. Danke!