Jessica Jones – Misery Porn?

In der letzten Juni-Woche brachte Netflix nun den Abschluss der nächsten Marvel-Serien heraus: Jessica Jones. Streng genommen die erste Titelheldin eines MCU-Eintrags, selbst wenn die Zugehörigkeit zum MCU mittlerweile deutlich fraglich ist. Dennoch: Es ist Marvel. Es ist eine Heldin. Es ist Netflix. Es hat Repräsentation. Oder?

CN: Akohol, Vergewaltigung, Gewalt

Eigentlich wollte ich ein richtiges Review zu der Serie schreiben, doch wisst ihr was? Nein. Nein, ich mache etwas anderes. Denn es gibt eine Sache, über die ich sprechen will. In dem Sinne sei gesagt: Ab hier gibt es komplette Spoiler für Staffel 1 und zumindest Plotpunkte von Staffeln 2 und 3.

Wer ist Jessica Jones?

Jessica Jones ist die MCU-Umsetzung eines Charakters, der in den Marvel-Comics ursprünglich mit dem Namen Jewel auftrat. Eine Superheldin mit einem klassischen Power-Set: Sie kann fliegen, sie hat enorme Kraft und sie hat eine erhöhte Widerstandskraft und sie ist (später zumindest) gegen Telepathie immun. Als solche gehörte sie immer zu den Hintergrundfiguren der Erde 616. Sie war einmal Mitglied der Avenger und taucht häufiger bei den Defenders auf. Was sie allerdings interessanter machte war die Entscheidung, irgendwann das Superheldenkostüm an den Nagel zu hängen und Privatdetektivin zu werden, nachdem sie als Superheldin zu viel Scheiße erlebt hatte.

Das ist letzten Endes auch die Grundlage, die die Netflix Serie sich hernimmt. Jessica hatte nach einem Autounfall, bei dem ihre Familie ums Leben kam, Superkräfte (hier nur große Körperkraft und leicht erhöhte Widerstandskraft). Sie wurde von eine Talent-Managerin adoptiert, die dies vornehmlich für die gute Publicity tat. Die eigene Tochter dieser Managerin, der junge Superstar Trish, wurde misshandelt. Eine von Jessicas ersten Heldentaten war, Trish davon zu überzeugen, sich von ihr beschützen zu lassen. Einige Jahre später ist Trish von der Idee begeistert, Jessica zu einer Superheldin zu machen. Jessica will ihre Kräfte sogar für gute Dinge nutzen – doch auf ihre Art. Also versucht sie kleine Verbrechen zu verhindern. Dadurch jedoch trifft sie auf Kilgrave. Ebenfalls ein Mann mit Superkräften. Superkräften, die es ihm erlauben, andere Menschen zu kontrollieren. Denn sein Wort ist jedem Menschen ein Befehl. Er ist fasziniert von Jessica und macht sie so zu seiner Sklavin. Zwar entkommt sie, jedoch bleibt ihr das Trauma erhalten und treibt sie in die Alkoholabhängigkeit.

Staffel 1 und die Traumabetrachtung

Fangen wir die Besprechung der Netflixserie mit Staffel 1 an. Denn Staffel 1 hat die Weichen für das gelegt, was später kommen sollte. Der Aufhänger für diese Staffel: Ein Mädchen kommt zu Jessica. Sie ist Killgraves letztes Opfer gewesen. Wie sich herausstellt, hat er sie programmiert, ihre Eltern zu töten. Nun ist das Mädchen angeklagt. Dass ein Superbösewicht der eigentliche Schuldige ist, will niemand glauben. Gerade da Jessica dank ihrer Alkoholabhängigkeit und Neigung, Probleme mit Gewalt zu lösen, nicht als glaubwürdig gilt. Jessica hat also nur eine Wahl: Beweisen, dass es Killgrave gibt und sich damit ihrem Vergewaltiger zu stellen

Dabei geht es in der Serie vor allem um die Psyche der Figuren. Was hat es mit Jessica gemacht so lange eine willenlose Sklavin zu sein? Was hat Killgrave zu einem empathielosen Mörder gemacht? Was machen seine Befehle mit anderen Menschen, selbst wenn diese nur kurz unter seiner Kontrolle stehen? All das wird in der Serie behandelt und das mit einer teilweise schmerzhaften Ehrlichkeit, die einem einige Male den Magen verdreht.

Staffel 1 war interessant, da es in diesem fantastischen Kontext des MCU eine erstaunlich bodenständige Betrachtung dieser Themen erlaubt hat. Auch hat die Serie die weibliche Heldin genutzt, um ein für viel zu viele Frauen relevantes Thema zu behandeln: Vergewaltigung und die Tatsache, dass am Ende es doch niemand glaubt. Letzten Endes kann man dabei natürlich drüber diskutieren, ob dies gut ist. Ich allerdings fand, dass die Serie den Drahtseilakt Jessica als Überlebende darzustellen, aber dennoch auch klar gemacht hat, dass sie ein Opfer war, gut dargestellt hat. Andere Dinge dagegen …

Jessica und die anderen Frauen

An dieser Stelle müssen wir über ein anderes Thema sprechen, dass Jessica Jones als Serie hat: Die Darstellung weiblicher Figuren. Denn die Show hat damit abseits von Jessica einige Probleme damit. Denn größtenteils kommen die Frauen in Jessica Jones in vier Geschmacksrichtungen: Unschuldige, rehäugige Opfer. Empathielos. Psychisch instabil. Dauerwütend. Das zieht sich durch alle drei Staffeln hindurch zu einem Punkt, dass es schwer ist zu ignorieren.

Das letzte Opfer Killgraves? Rehäugig, unschuldig. Die lesbische Anwälting Jerry Hogarth? Vollkommen empathielos. Deren Affäre? Größtenteils ein rehäugiges Opfer. Die Exfrau? Wütend. Jessicas Adoptivschwester Trish? Nach und nach immer weiter psychisch instabil. Deren Mutter? Empathielos. Die Liste lässt sich so weiterführen. Weiblich und mit positiven Eigenschaften ausgestattet findet man hier praktisch nicht. Jessicas Sekretärin in Staffel 3 ist das nächste, was die Serie uns in der Hinsicht bietet. Diese ist zwar zynisch gegenüber Jessica, doch dies ist seitens Jessica nicht unverdient.

Dazu kommt eben auch, dass Jessica den Kontakt zu anderen Menschen meidet – auch zu anderen Frauen. Speziell zu anderen Frauen, da sie mit Männern zumindest Sex haben kann.

Ab wann ist es Misery Porn?

Wie schon gesagt: Staffel 1 fand ich gut, aber Staffel 1 hat auch die Weichen auf gewisse Art gelegt. Denn ja, von allem, was wir wissen, war Staffel 1 doch recht beliebt, doch es scheint, als wären die falschen Schlüsse gezogen worden. Was ich an Staffel 1 mochte: Letzten Endes war die Serie „empowering“. Denn die Serie handelte davon, wie Jessica ihr Trauma konfrontierte und daran wachsen konnte. Ja, sie hat gelitten und am Ende war nicht alles gut, aber man hatte den Eindruck, dass sie gewachsen war, dass sie an einem besseren Ort war, als zu Beginn der Serie.

Den Teil haben Staffel 2 und 3 allerdings ignoriert. Stattdessen blieben sie eher an der Ästhetik der leidenden Märtyrerin hängen und haben begonnen dies mehr und mehr auszuschlachten. Auf einmal sieht sich Jessica mit ihrer Mutter gegenüber, die den Unfall doch überlebt hat, allerdings durch die Kräfte, die sie ebenfalls hat, psychisch instabil wurde. Soll sie ihre Mutter nun töten? Wird ihr das auch wieder genommen? (Ja. Die Antwort ist ja.) Und das ist das Thema, dass sich mehr und mehr abzeichnet.

Jessica hat am Ende von Staffel 2 ein Supportnetzwerk. Doch das wird ihr wieder genommen. Ihr wird immer und immer wieder alles genommen, so dass sie immer und immer wieder leiden muss. Und nach einer Weile endete meine Empathie als Zuschauer und wurde eher zur Wut gegen diejenigen, die die Serie so schrieben.

Jessica als Opfer

Das Hauptproblem, dass Staffel 2 und 3 in der Hinsicht hatten, war, dass Jessica die meiste Zeit durch äußere Umstände getrieben wurde. Sie war letzten Endes das Opfer. Ja, theoretisch gesehen konnte sie abhauen, praktisch gesehen war dies jedoch keine ernsthafte Option. So reagiert sie die meiste Zeit nur auf Dinge, die passieren. Sie wird zum Opfer. Zur Märtyrerin, wie schon gesagt. Und das ist ein Problem.

Was ich aus der Serie lese, ist, dass das Produktionsteam nicht wollte, dass es Jessica besser geht, dass Jessica lernt vernünftig mit ihren Traumata umzugehen und ihre Alkoholsucht in den Griff zu bekommen. Genau deswegen werden ihr immer wieder neue emotionale Wunden zugefügt. Genau deswegen wird ihr mehr und mehr von ihrem Support Netzwerk entzogen. Das Problem dabei ist, dass es erzwungen wirkt. Denn große Teile des Support Netzwerks verschwinden Off-Screen (eine Beziehung, die sie sich in Staffel 2 aufbaut, ist in Staffel 3 kaputt, was mit einem Satz abgehandelt wird) oder werden ihr vom Plot entrissen. Es ist nicht Jessica, die diese abstößt – etwas, womit ich weitaus besser hätte leben können – sondern erzwungene Umstände, die dafür sorgen. Bei denen, wo sie selbst dafür verantwortlich ist, geschieht es Off-Screen oder wird eben als ein Opfer angesehen, was sie bringen muss.

Trauma ist kein Witz

Ein weiteres Problem von Staffel 2 und 3 ist der Umgang mit dem Thema Trauma und Alkoholsucht. Denn ja. Auch Staffel 1 fing damit bereits an: Jessicas oft eher antisoziales Verhalten soll lustig sein. Jessicas Alkoholsucht auch. Haha, Trish bemerkt, dass sie das falsche Getränk hat, weil Alkohol drin ist. Wie lustig! Doch wer damit im realen Leben zu tun hatte, weiß, wie unlustig diese Dinge sind. Doch Staffel 1 hat dies zumindest ausgeglichen, indem die Serie das Trauma zeigte und gezeigt hat, wie Jessica versucht, dieses zu konfrontieren. Das verschwindet in Staffel 2 jedoch nach und nach und ist in Staffel 3 genau so unwichtig, wie die Tatsache, dass Jessica ab Folge 2 keine Milz mehr hat. Ja, es wird eingebracht, dass dies so ist, aber damit gearbeitet? Nein. Das tut die Serie nicht.

Und genau da liegt eben das Problem: Die Serie hat gesamt sehr viel Potential. Sehr viele interessante Konflikte. Doch diese werden selten bis gar nicht ausgebaut, da die Serie mehr Interesse daran hat, Jessica als eine zynische, saufende Märtyrerin darzustellen, als daran, ihr wirkliche Entwicklung, einen wirklichen Abschluss zu erlauben. So fühlt sich auch das Ende von Staffel 3 sehr unzufriedenstellend an. Denn was ist am Ende wirklich gewonnen worden?

Ein wenig mehr Comic-Jessica

Ich habe nach Staffel 1 damals angefangen, die Jessica Jones Comics zu lesen. Diese haben vor allem den Vorteil, dass sie oftmals ein wenig abseits der anderen Helden stehen. Sicher, Jessica bekommt mit, was in der Welt vor sich geht. Manchmal sind es sogar Taten der Avenger, die ihre Fälle auslösen. Dennoch sind ihre Geschichten, jedenfalls in den neueren Comics, oftmals sehr intime, aber auch sehr normale Geschichten in einer Welt voller Superhelden. Etwas, das mir im MCU deutlich fehlt.

Die Grundelemente dort sind dieselben. Jessica ist ein Charakter, der vor allem durch das Trauma getrieben wird, aber Comic!Jessica hat eben auch andere Einflüsse. Sie tut viel für ihre Familie, viel für die Tochter, die sie hier mit Luke Cage gemeinsam hat. Der Beziehung der beiden (wie auch andere Beziehungen, die Jessica hat) wird Zeit und Raum gegeben, sich zu entwickeln. Auch hat sie andere Freunde und vor allem Freundinnen. Hier sei vor allem Carol Danvers genannt. Die beiden haben in den Comics eine wunderbare Frauenfreundschaft.

Und genau diese Dinge fehlen halt in der Serie. Diese kleinen Momente, in denen Jessica auch mal lächelt. In denen es mit ihrem Leben weitergeht. Davon hätte ich mir in der Serie mehr gewünscht.

Kurzum

Nein. Ich halte Jessica Jones für keine schlechte Serie. Im Gegenteil. Die Serie hat viele gute Schauspieler. Staffel 1 ist sehr gut, Staffel 2 zumindest relativ gut geschrieben. Die Serie hat Spannung und arbeitet mit dem, was sie hat, ausgesprochen gut. Gerade in Staffel 1 bietet sie etwas, das im MCU fehlte: Halt die einfache Ansicht der Dinge. Doch muss man eben auch schreiberisch kritisieren, dass die Serie bezüglich Charakterentwicklungen teilweise stark stagniert und dies durch einige plötzliche Sprünge auszugleichen versucht. Mehr aber noch muss kritisiert werden, wie die Serie das Leid, das sie darstellt, zu genießen scheint. Denn was wir in Jessica Jones sehen ist mehr als Drama und das auf eine Art die kritisiert werden muss. Genau so, wie man einfach sagen muss: Ja, die Serie hat mehr Frauenrollen zu bieten, als das MCU außerhalb Netflix. Doch besonders gut sind viele davon leider nicht geschrieben, schlagen doch viele von ihnen weiter und weiter in uralte Kerben hinein.

Schade. Ich liebe Jessica Jones als Figur und hoffe, dass sie irgendwann eine Umsetzung bekommt, die sowohl ernsthaft mit dem Trauma umgeht, als auch ihr eine Möglichkeit zu bieten, zu lernen, mit diesem Trauma zu leben.

Hat euch dieser Beitrag gefallen? Wenn ja, unterstützt mich doch eventuell mit einem Ko-Fi oder über Patreon. und/oder teilt den Artikel mit euren Freunden. Danke! 


Das Beitragsbild wurde von tramrunner229 aufgenommen und unter der CC3.0 Lizenz bereit gestellt.