[Writing] About Us: Alkoholsucht in der Familie

Heute gibt es einmal wieder einen Gastbeitrag zum Thema Writing About Us. Heute zum Thema Alkoholabhängige Eltern. Vielen Dank für den Beitrag 🙂

Wenn du als Leser*in wissen willst, was es mit [Writing] About Us auf sich hat, so findest du hier eine Erklärung.

Bevor ich anfange würde ich mich zu erst ganz lieb bei Alex bedanken wollen, für die Möglichkeit diesen Gastbeitrag hier anonym veröffentlichen zu dürfen. Es ist das erste Mal, dass ich mit diesem Thema so wirklich an die Öffentlichkeit treten kann und das ist irgendwie voll der Wahnsinn.

CN: Alkohol(-ismus), toxische Beziehungen, Sachbeschädigung, Andeutung verschiedener Mental Health Issues

Meine Mutter, eine Alkoholikerin

Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen möchte ich betonen: Meine Mutter ist eine wundervolle Frau, ich liebe sie über alles, sie liebt mich über alles (jedenfalls hoffe ich das), sie ist eine der größten Stützen meines Lebens und ohne sie wäre meine Kindheit wohl nur einen Bruchteil so schön gewesen wie sie es gewesen ist. Sie hat mir weder physische noch niemals bewusste psychische Gewalt angetan oder angedroht. Sie ist mit mir durch die dunkelsten Zeiten gegangen und ohne sie wäre ich wohl nicht mehr am Leben. Nichtsdestotrotz hat sie eben dieses eine große Problem: der Alkohol.

Es hat lange gedauert…

Es hat lange gedauert bis ich realisiert habe, dass meine Mutter ein Alkoholproblem hat und noch sehr, sehr viel länger bis ich es überhaupt aussprechen oder gar jemandem erzählen konnte. Ich versuche diesen Beitrag so übersichtlich wie möglich zu halten, aber das Thema ist bei weitem noch zu emotional als das ich wirklich sachliche Aufklärungsarbeit leisten kann. Ich glaube/ hoffe auch, dass Own-Voice dafür da ist? Zurück zum Thema, weshalb hat es also so lange gedauert bis ich die Alkoholabhängigkeit meiner Mutter realisiert und mir eingestanden habe.

Bis heute habe ich immer noch das Bild der verwahrlosten Obdachlosen mit dem Einkaufswagen voller leerer Bierflaschen im Kopf, wenn ich an den Begriff Alkoholiker_in denke. De facto weiß ich, dass es so etwas wie gesellschaftlich akzeptierten Alkoholismus gibt oder schädlicher Alkoholkonsum der höheren Bildungsschichten (aka Akademiker_innen), aber wie sieht das genau aus? Ich konnte mir in der Vergangenheit nicht vorstellen, dass meine eigene Mutter süchtig nach Alkohol sein sollte und gleichzeitig ein so wundervoller Mensch sein konnte. Sie war die perfekte Hausfrau und Mutter, darüberhinaus gut aussehend, gepflegt, immer modisch, immer eloquent und geistreich, witzig. Heute weiß ich, es geht. Heute weiß ich, dass die früheren zwei 1-Liter Weinflaschen pro Abend damals schon zu viel waren, im Laufe meines Lebens wurden es drei und heutzutage sind es an sehr schlechten Tagen (die bis jetzt sehr selten vorkommen) ganze vier. Egal wie viel Mühe sie sich gibt, ihre Sucht (un-)bewusst zu verstecken, ich sehe die Symptome, ich sehe die Auswirkungen und das Gefühl der Ohnmacht ist am schrecklichsten. Allem vor ran, hier die Kriterien an denen ihr eine alkoholabhängige Person erkennt. Eine Einsicht in die eigene Sucht haben leider die wenigsten. So müssen mindestens drei der folgenden Punkte innerhalb eines Jahres vorhanden sein, um eine Abhängigkeit festzustellen:

– Ein starkes Verlangen/ Zwang, Alkohol zu trinken

– Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns/ Beendigung und der Menge des Konsums

– Körperliche Entzugserscheinungen (Schwitzen, Zittern)

– Toleranzentwicklung diesbezüglich Alkohol

  • Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügungen/ Interessen zugunsten des Alkohols
  • Fortgesetzter Alkoholkonsum trotz schädlicher Folgen im körperlichen, geistig-psychischen oder sozialen Bereich wider besseren Wissens

Es gibt übrigens einen erheblichen Unterschied zwischen schädlichem Alkoholkonsum und Alkoholismus, der ist jedoch fließend und oft sehr schwer zu differenzieren. Was für mich die ganze Sache nicht leichter gemacht hat als Kind, denn gerade die älteren Erwachsenen in meinem erweiterten Familienkreis haben allesamt einen schädlichen Umgang mit Alkohol. Was noch viel mehr in das Schweigen mit hinein spielte, war die Scham vor dem gesellschaftlichen Stigma, zu viel Angst vor der Verleumdung anderer, zu viel Angst vor sozialen Konsequenzen. Zu viel Angst vor allem, was auch nur mit dem Thema zu tun hatte, weshalb ich jahrelang in einem merkwürdigen Strudel aus „Ich habe das Bedürfnis darüber zu reden, weil es muss irgendwie raus“ und „Was zur Hölle fällt dir ein?“ schwamm.

Same Shit, different Day

Wie ihr bereits ahnen könnt erfüllt meine Mutter fast all die oben genannten Kriterien. Dennoch funktioniert sie im Alltag. Sie geht Einkaufen, erledigt ihre Aufgaben im Haushalt, geht ihrem geregelten Nebenjob nach und wirkt auf Fremde absolut gesund und munter. Sobald sie vom Nebenjob nach Hause kommt, das Notwendigste im Haushalt erledigt und der Kühlschrank gefüllt ist, wird der Fernseher angemacht und sie fängt mit der ersten Flasche Wein an. Das ist meist so gegen frühem Nachmittag und der Wein wird auch Glas für Glas genoßen. Bis die erste Flasche leer ist und sie die zweite aufmacht. Auch dies waren Faktoren, die es für mich als Kind wahnsinnig schwierig gemacht, diese Kriterien von oben zu überprüfen. Zumal sie auch noch eine Meisterin des Verstecks ihrer Weinflaschen war/ ist. Ungefähr nach vier Stunden beginne ich ihr den Alkohols anzumerken. Sie kann ihre Gedanken schlechter formulieren, ihre Formulierungen werden undifferenzierter, sie wird zunehmend philosophischer, melancholischer, weinerlicher und zu guter letzt depressiv. Entweder es folgen extreme Stimmungsschwankungen oder Weinkrämpfe. Erstere kommen eindeutig öfters vor. Nicht selten passiert es, dass ihre Motorik nachlässt und sie deshalb ihre Weinflasche(n) umkippt oder fallen lässt. Ich glaube, kein Kind in meiner Grundschulklasse kannte sich schon so früh mit der Beseitigung von Rotweinflecken aus sämtlichen Stoffen aus wie ich. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine fremde Person beim Verrücken eines von unseren Möbelstücken irgendeinen Rotweinflecken wieder zum Vorschein bringt, ist übrigens heute noch verdammt hoch. Zumindest im letzten Jahr hat sich das Fleckenproblem von selbst gelöst, meine Mutter trinkt nur noch Weißwein.

Des Weiteren verliert sie zunehmend ihren Gleichgewichtssinn. Sie ist zwar erst dreimal wirklich schwer gestürzt, jedoch waren diese dreimal in den vergangenen letzten zwei Jahren. Es war jedes Mal nicht bei uns zu Hause, ich war immer dabei und bin vor Scham gestorben. Zum Glück ist unsere Wohnung so klein, dass meine Mutter sich problemlos an unserer Einrichtung abstützen kann. Ihre Unsicherheit ist trotzdem nicht zu übersehen, genauso wenig wie die Spuren ihrer Essanfälle. Sofern ich keine Flecken wegwische, räume ich zumindest nachts die Küche auf. Sollte es einmal so sein, dass nichts ist, der Weingestank bleibt trotzdem und der erwischt mich jedes Mal auf dem falschen Fuß, auch nach all den Jahren.

Ihr physischer Zustand ist dabei noch nicht einmal das Schlimmste, sondern eher mein persönliches Gefühl der Schuld. Schuld daran zu sein, dass die eigene Mutter ein Alkoholproblem hat. Ich habe mit ihr darüber geredet und auch wenn ich weiß, dass ich nicht per se Schuld bin, kaufe ich es ihr nicht ab. Ich merke, dass sie Dinge unausgesprochen lässt und das ist „okay“. In dem Sinne von: „Sie muss mir natürlich nicht alles erzählen, ich bin schließlich kein psychotherapeutisches Fachpersonal und jeder Mensch hat ein absolutes Recht auf Privatsphäre“. Womit ich sehr viel weniger klarkomme ist die Tatsache, dass sie nichts an ihrem derzeitigen Zustand ändern will, obwohl es allen Grund dazu gäbe.

Konsequenzen, Auswirkungen, the real Shit eben

Meine Mutter hat kein wirkliches soziales Umfeld mehr, dass ihre Probleme mitbekommen könnte. Ihre engsten Freund_innen wohnen in anderen Städten und die, die sie früher hatte haben sich in alle Winde verstreut, der Kontakt ist aufgrund von Streit abgebrochen oder sie wurden von meinem Vater vergrault. Ein neues Umfeld will sie sich nicht suchen, ist ihr zu anstrengend, zu aufwendig, ihr sind die Frauen in ihrem Alter entweder alle zu spießig oder zu schrullig. Die Partyzeiten von früher sind laut ihr endgültig Geschichte. Die einzigen Bezugspersonen, die ihr noch bleiben wären mein Vater und ich.

Mein Vater kann mit ihrem Alkoholproblem übrigens noch weniger umgehen als ich. Er ist auch der Grund weshalb ich früher die Flecken immer entfernt oder mal eben das Wohnzimmer geschickt umdekoriert habe. Hätte ich es nicht gemacht, hätte es noch mehr Tobsuchtsanfälle und Streitereien gegeben als ohnehin schon. Alkohol war natürlich das wiederkehrende Thema, genauso wie die Reaktion seinerseits unsere Einrichtung durch die Gegend zu schmeißen. Er versteht bis heute nicht, dass weder er noch ich meiner Mutter helfen können. Entweder sie gesteht sich ihren Leidensdruck selbst ein oder nicht. Natürlich helfe ich ihr trotzdem hin und wieder, alles ist besser als die Reaktionen und das Unverständnis meines Vaters. Die Welle von Unverständnis, Trauer, Hilflosigkeit und Wut, die von ihm ausgeht ist einfach unfassbar toxisch. Was zynisch ist, da meine Mutter ihr Leben trotz Alkohols immer noch mehr im Griff hat als er und zwar um Längen.

Mittendrin, Ich

Diesen Abschnitt schreibe ich eher mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite will ich Menschen darüber aufklären welche Folgen Alkoholismus innerhalb der Familie haben kann auf der anderen Seite, denke ich mir soll ich mich bloß nicht so anstellen es gibt Kinder, denen geht es so viel schlechter als mir. Es wäre dennoch eine absolute Lüge, wenn ich sagen würde, dass der emotional baggage kaum vorhanden wäre. Er ist da und ich merke ihn jeden Tag. Gerade die toxischen Beziehungen innerhalb unserer Familie färben auf mich ab. Für eine Scheidung hat mein Vater nicht genügend Geld, geschweige denn für eine eigene Bleibe oder gar ein Hotel. Seine Anzahl von Freunden ist noch geringer, als die meiner Mutter, weshalb die Option ebenfalls wegfällt. Für mich hieß es deshalb in den letzten Jahren aktiv Eskapismus betreiben. Welche Mental Health Issues auf jeden Fall direkt aus diesem ganzen Sachverhalt zurückführen kann wären meine Vertrauensprobleme, Beziehungsunfähigkeit und meine extreme Abneigung gegen Alkohol. Besonders letzteres ist in unser heutigen Gesellschaft leider immer noch ein „Problem“, da in vielen sozialen Kreisen „Trinken“ als etwas cooles, positives wahrgenommen wird. Wer nicht trinkt, ist automatisch spießig, uncool oder wird gar nicht erst eingeladen, weil es Menschen peinlich ist sich zu betrinken, während eine nüchterne Person im Raum ist.

Hallo Welt, Hallo Medien

Um ehrlich zu sein habe ich mich nie ernsthaft mit dem Thema Darstellungen von Alkoholismus oder Alkoholabhängigkeit in den Medien auseinandergesetzt. Was mir jedoch alltäglich auffällt ist die bereits angesprochene Verherrlichung von Alkohol in sämtlichen Coming of Age Filmen durch die mega coolen Hauspartys von irgendwelchen super coolen Kids der High School oder der Colleges. Betrunken Flaschendrehen spielen ist doch immer wieder gern gesehen und natürlich überträgt sich das auf die Realität. Die Toleranz gegenüber übermäßigem Alkoholkonsum in unserer Zivilisation ist enorm. Egal ob auf Feiern/ Partys, (Metal-)Konzerten, Festivals, Aprés Ski Treffen, Discoabende, „Erstie“-Woche an der Universität oder auch Beginn der Ausbildung. Alkohol gehört immer zum guten Ton und fast schon zu einer Art sozialem Zwang. Mein absolut rotes Tuch sind die gewalttätigen und brutalen alkoholabhängigen Eltern, die das eigene Kind misshandeln. Ja, solche Eltern gibt es und ja, natürlich sollte allen Beteiligten sofort geholfen werden (allem vorran dem Kind!), aber verdammt noch mal Alkoholismus kann so viel perfider sein und die damit zusammenhängenden Folgen soviel zeitverzögerter.

Ende Gelände

Ich persönlich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Gesellschaft vielleicht ein wenig umsichtiger werden könnte in Bezug auf Alkohollimits oder Konsummengen. Ich hasse Menschen und Party nicht per se, ich meide sie jedoch aufgrund des Alkohols. Sicherlich der Hass auf Alkohol ist mein persönliches Problem, aber nicht auf jeder Party muss es Trinkspiele geben, oder Flaschendrehen oder genervte Blicke oder Überredungsversuche, wenn ich sage: „Ich trinke nicht.“ Es muss kein Kreuzverhör darauffolgen, weshalb ich nicht trinke.

Darüber hinaus habt bitte immer im Gedächtnis: Alkoholabhängigkeit kann jeden treffen, egal welches Alter, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, Klasse etc. Es ist eine Sucht wie alle anderen, Abhängigkeit ist scheiße, aber die damit verbundene Scham und das Verbot darüber zu reden muss aufhören. Vor allem würde ich mir Wünschen, dass es mehr Aufklärung an Schulen geben sollte diesbezüglich des Themas. Vielleicht existiert sie schon, dann habe ich sie leider verpasst sofern nicht wie gesagt nachbessern. Es muss vor allem darüber informiert werden, an welche Organisationen Minderjährige oder Angehörige wenden können ohne gleich Konsequenzen fürchten zu müssen (Jugendamt). Vielen Dank fürs Lesen und Durchhalten, ich hoffe

der Text konnte irgendjemandem irgendwie weiterhelfen.