Frozen & ich

Dieses Alpaka ist verwirrt. Hieß es nicht ursprünglich „Frozen 2“ solle in Europa ein ganzes Stück später als in den USA erscheinen? Weil wir kein Thanksgiving haben. Aber gut, es kommt diese Woche heraus – und das heißt wohl es ist Zeit für meinen Beitrag zum ersten Frozen. Denn es ist ein Film über den ich viele Gefühle habe …

Das Disney-Problem

Als Frozen angekündigt wurde, hat es mich nicht wirklich gefreut. Die Ankündigung kam zu einer Zeit, zu der ich nicht die höchste Meinung zu Disney Animations hatte. Es war nicht zu weit nachdem ich erfahren hatte, wie mies Disney mit diversen Mitarbeitern umging und mir beim kritischen Hinterfragen klar geworden war, wie viel Sexismus, Rassismus, White Washing und mehr in viele der Disneyfilme, mit denen ich als Kind der Disney Rennaissance aufgewachsen war, geflossen war. Noch dazu war der letzte Disney-Film Tangled (also Rapunzel) gewesen – ein Film, den ich bis heute nicht ausstehen kann. Sei es wegen der miesen Animation, dem schlechten Umgang mit dem Thema toxische Eltern, der Darstellung von Rapunzel als weiblicher Charakter oder wie einfach es sich der Film mit der Konfliktlösung gemacht hat.

Es war klar, dass Frozen auf derselben Animationsengine herauskommen würde – also war mit besserer Animation schon einmal nicht zu rechnen. Weil es Disney war fürchtete ich auch um die Darstellung der weiblichen Figuren. Und immerhin gehört „Die Schneekönigin“ zu meinen liebsten Märchen, was praktisch diese Vorahnungen verschlimmert hat. Nur einen Lichtblick gab es: Das Casting von Idina Menzel, die ich dank Wicked einfach liebte, als Elsa. Dennoch hatte ich sicher keine Pläne mir den Film im Kino anzusehen. Vielleicht irgendwann einmal online …

Ein Schneesturm und das Kino

Allerdings hatte das Universum andere Pläne, die dazu führten, dass ich den Film doch an einem eisigen Januartag in einem Kino in New York sah. Denn sehr passend hatte ein unerwarteter Schneesturm mit Kinokarten besorgt. Warum? Nun, damals neigte sich meine Zeit in den USA dem Ende zu, als dieser Blizzard über die Ostküste einbrach. Genau als ich im Zug von Baltimore nach New York saß und der Zug stundenlang auf der Strecke steckenblieb. Als Entschuldigung bekam ich von Amtrak, die ohnehin gerade eine Werbeaktion am laufen hatte, zwei Kinotickets geschenkt. Obwohl ich meinen US-Aufenthalt zu nicht unerheblichen Teilen in Kinos verbracht hatte. Und so gab es nur einen Film, der mich auch nur vage interessierte, den ich noch nicht gesehen hatte: Frozen.

Und so sah ich den Film in einem New Yorker Kino, während draußen -20°C herrschten. Wie gesagt, sehr passend. Und zu meiner großen Schande musste ich gestehen, dass ich den Film nicht hasste. Ich mochte ihn nicht zwangsläufig oder liebte ihn zumindest nicht, doch fand ich ihn auch nicht unbedingt schlecht. Als ersten Disneyfilm seit diesem kleinen goldenen Zwischenraum zwischen Rennaissance und Beginn der miesen 3D-Engine.

Die Animation

Eine Sache musste ich dennoch sagen: Die Animation war wieder nicht gut. Sicher, es war ein wenig besser als Tangled. Weniger Cliping, weniger offensichtliche Fehler und die Kleidung wirkte etwas mehr, als hätte sie Gewicht, doch gerade bei der eigentlich für den Film zentralen Engine für Schnee und Eis scheiterte der Film furchtbar – an keiner Stelle so auffällig, als in „Let It Go“, als Elsa ihr viel zu glattes, viel zu ebenes Eisschloss in die Höhe zieht, das eher aussieht, als sei es einem der Barbie-Filme entlaufen, anstatt seinen Ursprung in einem mehrere hundert Millionen Dollar budgetierten Film.

Aus heutiger Sicht finde ich das auch schade. Immerhin gab es damals Engines, die weitaus besser mit Schnee und Eis waren – und die gekauft wahrscheinlich weitaus besser gewesen wären, als die damals von Disney selbst entwickelte Engine. Schade ist es aus heutiger Sicht, da es mir daher schwer fällt, den Film zu rewatchen. Aber gut …

Zwischen Elsa und Anna

Die Sache, die ich jedoch am meisten befürchtete, war die Darstellung der weiblichen Charaktere, insbesondere Elsa und Anna. Und ja, bei Anna bestätigte sich dies zum Teil. Denn ja, natürlich war sie niedlich. Natürlich hatte sie, was man im englischen als eine „bubbly Personality“ bezeichnete. Natürlich war sie etwas hypermotiviert, zu naiv und all das … doch im Vergleich zu vielen ihrer Vorgängerinnen konnte ich es Anna nicht ganz so übelnehmen. Zum einen, da der Film diesen Umstand deutlich kommentierte, zum anderen aber auch, da ihre Social Anxiety ein zentrales Thema im Film und nicht zuletzt ein Auslöser für den Plot.

Derweil war Elsa halt ein sehr anderer Charakter. Weniger niedlich, absolut nicht „bubbly“ und sehr zurückgezogen. Nebenbei halt auch noch eine Königin und keine Prinzessin. Und ja, so häufig es auch gesagt wurde: Ohne Love Interest. Nicht, dass die Abwesenheit eines solchen Love Interests einen Charakter automatisch besser macht – doch im Rahmen von Disney-Figuren war es eine Neuheit, als der Film herauskam.

Und ja, die Tatsache, dass der zentrale Inhalt des Films sich um die Liebe zwischen Schwestern, anstatt eine heteroromantische Liebe drehte war auch einmal eine nette Abwechselung.

Die Musik

Ein zentraler Aspekt jedoch, der mich von dem Film überzeugte, war die Musik. Nicht einmal unbedingt „Let it go“ (ein Stück, bei dem ich das deutlich hörbare Autotuning nie verstehen werde!), sondern allgemein die musikalische Identität des Films und der Aufbau der Songs und die Art, wie diese die Geschichte stützen.

Dabei ist für mich ein großes Highlight eine Kleinigkeit, die eine Freundin einmal bemerkte: Viel des Plots ist bereits in den Songs angedeutet. Ich denke es ist mittlerweile bekannt wie in (Eröffnungssong) praktisch der ganze Plot angedeutet wird, aber auch andere Songs beinhalten Foreshadowing. Richtig klasse ist das in „Love is an open door“. Dort singt Hans große Teile des Songs um ein kleines Stück zu Anna versetzt. Warum? Nun, weil er ihr „nach dem Mund singt“, wenn man so will. Er will sie davon überzeugen, dass sie komplett auf derselben Linie sind und spricht/singt ihr daher nach.

Und dergleichen hat der Film an vielen Stellen. Etwas, das wirklich nicht so viele Filme von sich behaupten können. Dahingehend muss ich auch nachwievor sagen, dass die Musik des Films (und übrigens auch des Musicals) absolut underrated ist – abseits von „Let it go“ natürlich.

Und dann ist da der wahre Grund

Aber natürlich ist da noch der wahre Grund dafür, diesen Film zu lieben. Ein Grund, bei dem man nun lang diskutieren kann, inwieweit es beabsichtigt wurde. Aber ja: Der queere Subtext bei Elsa ist so dick aufgetragen, dass er in Frozen 2 mit einer Schicht mehr drauf kaum noch als Subtext bezeichnet werden kann.

Wir haben eine junge Frau, die solche Angst vor sich selbst und ihren Gefühlen hat, dass sie ihre ganze Jugend in einem sprichwörtlichen Schrank (also „im Closet“) verbringt. Deren Motto: „Conseal, don‘t feel“ ist. Wohlgemerkt, weil ihr von klein auf von den Eltern eingeprägt wurde, dass sie ihr wahres Selbst nicht zeigen darf, da die Leute sie sonst hassen würden. Und deren musikalisches Hauptstück davon handelt, all das aufzugeben und endlich sich selbst auszuprobieren. Es ist … relativ leicht, dort Queeren Subtext reinzulesen.

Und genau das ist der Punkt über den mir der Film wichtig geworden ist. Queer Elsa. Deswegen gehöre ich auch zum „Give Elsa a girlfriend“ Camp. Ich denke letzten Endes ist es auch der wahrscheinlichste Disney-Charakter, der irgendwann queer wird – denn das Risiko sie irgendwann im letzten Teil (und wir werden sehen, wie viele Teile Frozen bekommen wird – zuletzt habe ich was von 4 gehört) zu outen wäre relativ gering.

Kurzum

Frozen ist kein perfekter Film. Absolut nicht. So ganz und gar nicht. Wenn ich wollte, könnte ich noch über tausend kleine Sachen ranten – und über die Animation. Und ich verstehe absolut, warum der Film einen dank der Überpräsenz auf die Nerven gehen kann. Zwischen den Shorts und dem Merchandise ist Frozen gefühlt überall zu finden. Und ja, dass kann einem auf den Keks gehen.

Dennoch hat der Film auch einige ziemlich gute Aspekte. Die Charaktere sind ziemlich gut ausgearbeitet (solange man die Trolle ignoriert) und weichen doch etwas von der üblichen Disney-Formel ab. Die Musik ist wirklich gut und gut durchdacht. Der Film nutzt außerdem seine Stilmittel (Stichwort „Tür“) sehr, sehr gut.

Vor allem aber ist er vielen Leuten der Queer-Community – jedenfalls in meinem Freundeskreis – extrem wichtig. Es ist ein Film der vielen Mut gegeben hat und auch ein wenig Hoffnung und als solcher eben für viele Leute wichtig. Und das ist etwas, dass sich objektiv kaum bewerten und einbeziehen lässt.

Und daher … ich freue mich sehr auf Frozen 2, der nicht nur mehr queeren Subtext zu haben scheint, sondern auch – und das bekannterweise – komplett auf der neuen Engine animiert wurde. Yay.

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Das Beitragsbild stammt von Unsplash.