Anime Review: 22 Jahre Pokémon

Schwert und Schild. Eine neue Pokémon Generation. Und damit wird es auch einen neuen Pokémon-Anime geben. Lasst uns auf die vergangenen 21 Jahre Pokémon-Anime zurückschauen.

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Der Pokémon Anime ist ein Phänomen für sich. Immerhin gibt es wenige Serien, die mit ihm in purer Folgenanzahl konkurrieren können. Dabei haben wir die ganze Zeit Satoshi begleitet – außerhalb von Japan Ash Ketchum – wie er wieder und wieder neue Regionen bereiste, neue Freunde kennenlernte und die Pokémon-Ligen herausforderte.

Dabei war der Anime auch hinter den Kulissen immer wieder von Drama geprägt – selbst wenn wir darüber weniger wissen, als über das Drama hinter den Kulissen von Digimon. Doch Drama gab es, schon in der ersten Staffel, als das Konzept, das Takeshi Shudo sich erdacht hatte, als „nicht kindgerecht“ bezeichnet wurde. Und auch später gab es immer wieder Konflikte zwischen etwaigen Drehbuchautor*innen und der Produktion. Dennoch ist der Pokémon Anime eine der Serien, die viele Leute lang begleitet hat.

Ich selbst habe bisher in jeder Region den Anime geschaut, wenngleich ich nur bei wenigen Religionen alle Folgen kenne. Zu sagen, dass die Serie in der Qualität ein stetiges Auf und Ab war, fühlt sich dabei wie eine maßlose Untertreibung an. Doch schauen wir uns die Serie einmal „Abschnitt für Abschnitt an“.

Pokémon – The Original Series

„The Original Series“ ist der einzige Abschnitt des Anime, der wirklich zwei Regionsreisen komplett umfasst. Hier Kanto und Johto, wobei Kanto mit nur 80 Folgen die kürzeste aller Regionen war. Nicht verwunderlich, da das Konzept der Serie am Anfang noch nicht in Stein gemeißelt war. Wie schon vorher geschrieben: Die Serie wurde hier schon von Drama hinter den Kulissen geplagt. Dem Drama, von dem wir am meisten wissen: Shudo hatte ein Konzept und dieses galt als zu düster. Man zwang ihn, dieses Konzept stark abzuändern – vor allem auch die Charakterkonzepte. Dies hat der Serie massiv geschadet und eine der schwächsten, wenn nicht die schwächste Pokémon-Serie hervorgebracht.

The Original Series ist zentral von dem Problem geprägt, dass Satoshi zwar viel davon redet, Pokémon-Meister werden zu wollen, doch nicht genug Motivation oder Agency hat, um wirklich etwas dafür zu tun. Deswegen lässt er sich wie ein Blatt im Wind vom Plot vorantreiben und bekommt – in Kanto und Johto – einen nicht unerheblichen Teil seiner Orden geschenkt. Einen richtigen Zweit-Plot gibt es nicht. Nur das Rocket Trio, dass Folge um Folge Pokémon stehlen will.

Auch seine Gefährten sind nicht viel besser. Denn Kasumi (Misty) wurde vom Executive Meddling am stärksten betroffen. Wer wissen will, wie Kasumi hätte werden sollen, dem empfehle ich die Romanreihe, die Shudo basierend auf seinem ursprünglichen Konzept schrieb und die Kasumi als einen recht reflektierten Charakter zeigt, der aus Rücksicht auf die Familie mit Satoshi reist. Anime Kasumi dagegen wirkt wie ein Wettbewerb: „Wie viele sexistische Stereotypen kriegen wir in einen Charakter gequetscht?“ Sie ist kontrollierend, hat enorme emotionale Ausbrüche ohne guten Grund, ist eitel, bemutternd und hat Angst vor Insekten. Sie ist ein Klischee auf Beinen.

Takeshi (Rocko) ist derweil nicht viel besser. Eher schlimmer. Denn in der Original Series fehlt ihm praktisch komplett ein Ziel auf das er hinarbeitet. Stattdessen ist er der glorifizierte Koch, mit einem hohen Sexualtrieb.

Das kurze Orange Liga Arc funktionierte alles in allem etwas besser, als die beiden Hauptregionen, doch die grundlegenden Probleme ziehen sich durch die gesamte Serie.

Pokémon – Advanced Generation

Schon für große Teile der Johto-Liga hatte der Pokémon Anime keinen zentralen Autor und das setzte sich in Hoenn fort, wo das Drehbuch-Team keinen Kopf hatte. Entsprechend ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass der Anime in Hoenn ein wenig brauchte, um sich zu finden – was er dankbarerweise später tat.

Letzten Endes haben wir hier dasselbe wie vorher auch: Neue Region, neue Liga, Pokémon-Meister werden. Der größte Unterschied war, dass hier Kasumi rausgeschrieben und durch Haruka (Maike) ersetzt wurde, die außerdem ihren kleinen Bruder Masato (Max) dabei hatte. Takeshi blieb weiterhin als der Koch im Team.

Die Selbst-Findung dieser Serie zeigt sich durch nichts besser, als Harukas Selbstfindungsarc. Denn Haruka beginnt die Serie ohne großes Ziel, da sie Angst vor Pokémon hat. Erst nach und nach gewinnt sie Vertrauen in die Tiere und beschließt schließlich Koordinatorin werden zu wollen, so dass sie einen eigenen B-Plot bekommt, der vor allem im letzten Abschnitt der Serie überzeugen kann, als die Gruppe nach Kanto zurückkehrt.

Masato, ihr kleiner Bruder, ist noch zu Jung um ein eigenes Pokémon zu haben, weshalb er einfach nur dabei ist – und die meiste Zeit leider kein Charakter-Arc hat. Seine Rolle scheint vor allem „Audience Insert“ zu sein für die eher jüngere angestrebte Zielgruppe. Aber wenigstens Satoshi kann in dieser Staffel endlich anfangen seine Pokémon zu trainieren und wirklich auf die Liga hinzuarbeiten. Dennoch ist auch für ihn der beste Abschnitt die Rückkehr nach Kanto.

Pokémon Diamond & Pearl

Kommen wir zu meinem persönlichen Favorit im Pokémon Anime: Die vierte Generation. Diamant und Perl. Und hier konnte der Anime endlich überzeugen. Der Unterschied zu vorher? Es gab einen zentralen Autor, die Serie war deutlich besser durchgeplant, so dass es mehr Story und weniger Einzelfolgen gab und jeder Charakter hatte ein eigenes Arc. Selbst ein Teil der Pokémon hatte hier Charakter-Entwicklung.

Sinnoh ist das erste Mal, dass wir Satoshi oft und viel trainieren sehen. Dies wird vor allem dadurch angetrieben, dass er mit Shinji (Paul) einen Rivalen hat, der ideologisch sein Gegenteil ist, anstatt einfach nur ein Ego-Problem zu haben. Entsprechend hat Satoshi in dieser Staffel tatsächlich Charakterentwicklung und muss nach und nach lernen, wie er in Kämpfen vorgeht. Dabei setzt sich die Serie tatsächlich mit den beiden Ideologien („Pokémon sind meine besten Freunde“ vs. „Pokémon sind Werkzeuge auf dem Weg zum Sieg“) auseinander.

Auch Hikari und Takeshi haben ihr eigenes Arc, wenngleich Takeshis Weg zum Pokémon-Arzt eher nebensächlich neben den Storyarcs von Satoshi und Hikari ist. Hikari derweil bekommt wohl eins der besten Arcs einer Begleiterin: Sie eifert ihrer Mutter, der Pokémon Top-Koordinatorin hinterher und hat dabei jedoch einige Schwierigkeiten sich selbst zu finden. Sie entwickelt Selbstzweifel, findet am Ende aber dank ihrer Freunde und Rivalen zu sich.

Und auch Team Rocket hat hier ein Arc, das eine ziemliche Grundlage für ihre Arcs in späteren Staffeln bietet. Den in Sinnoh fängt Team Rocket an zu hinterfragen, warum sie eigentlich genau dieses Pikachu wollen und was sie sich im Team eigentlich erhoffen. Gegen Ende der Serie gibt es kaum noch Versuche Pokémon zu stehlen und stattdessen ehrliche Arbeit. Außerdem spielen sie im Story-Plot rund um Team Galaktik und der besten aller Pokémon Antagonistinnen – Hunter J – eine große Rolle.

Pokémon Best Wishes

Es hätte so schön sein können, hätte Pokémon die Energie aus Sinnoh beibehalten. Doch es sollte nicht sein. Wir wissen, dass es zum Übergang hinter den Kulissen einigen Konflikt beim Übergang zu Best Wishes gab, selbst wenn Details schwer zu finden sind. Es ging wahrscheinlich darum, welche Charaktere aus Sinnoh nach Isshu (Einall) weiterreisen. Am Ende war es natürlich Satoshi, während sowohl Takeshi, als auch Hikari zurückblieben.

In Best Wishes sind die Probleme der Serie leicht zu identifizieren: Satoshis Charakterentwicklung wurde komplett aus dem Fenster geworfen. Die von Team Rocket auch. Via Götterpokémon Ex Machina wird Pikachu wieder schwach gemacht. Was man mit den neuen Charakteren – Dent und Iris – machen wollte, das schien niemand so wirklich zu wissen. Erst als die Serie zu „Best Wishes 2“ übergeht, scheint es, als würde die Serie so etwas wie einen Plot entwickeln … nur damit dieser überschnell aufgeklärt wird.

Es ist nicht so, als hätte Best Wishes nicht seine Momente. Als die Serie anfängt Iris als Charakter zu behandeln, kann diese durchaus überzeugen. Etwas, das man von Dent leider nicht behaupten kann. Satoshi allerdings ist beinahe wieder so schlimm wie in der Original Series – die Tatsache, dass sein neuer Rivale praktisch ein unbeschriebenes Blatt Papier ist und wenig eigenen Charakter hat, hilft dahingehend nicht.

Pokémon XY

Ich habe persönlich sehr komplizierte Gefühle gegenüber XY. Denn es sah in XY so aus, als würde vieles besser werden. Der Satoshi, der nach Kalos reist, ist weit eher der Satoshi vom Ende seiner Sinnoh-Reise, als der Satoshi von irgendeinem Punkt in Isshu. Auch Team Rocket ist zurück zu ihrem alten Selbst. Und die neuen Charaktere, Serena, Citron und Eureka sehen aus, als hätten sie interessante Charakterkonflikte zu bieten.

Leider enttäuschte der XY Anime in der Hinsicht stark. Denn auch wenn der Anfang interessant wirkte und die Charaktere – Menschen, wie Pokémon – Potential hatten, so wurden die Folgen hier sehr schnell eintönig und die Nebenfiguren bekamen wenig Chancen auf ihre Ziele hinzuarbeiten. Dabei war ebenfalls ein großes Ziel, dass sich Serena für weite Teile der Serie beinahe komplett durch ihre (unerwiderte) Liebe zu Satoshi identifizierte. Ja, sie bekam relativ spät noch etwas eigenes zu tun, doch alles in allem war sie nur da, weil sie in Satoshi verliebt war. Nicht gerade eine tolle Frauenrolle.

Womit XY allerdings glänzen kann, sind richtig tolle und sehr dynamische Animationen, nicht zuletzt durch die Engine von OLM, die vor allem die Belichtung richtig gut aussehen lässt und schöne Kamerafahrten erlaubt. Die Kämpfe anschauen macht hier richtig Spaß.

Pokémon Sun & Moon

Sun & Moon ist im deutschen Pokémon-Fandom leider sehr verschrien, weil ja angeblich der Zeichenstil, der hier deutlich einfacher ist als in XY, so „kindisch“ ist – etwas, das für viele schon Grund genug war, die Serie nicht zu schauen. In deutschen Pokémon Communities über die Serie reden zu wollen endet mit Flamewars. Was schade ist: Denn Pokémon Sun & Moon hat sich bewusst für einen kindlicheren Zeichenstil entschieden, um auch außerhalb der Kämpfe dynamischere Animationen zuzulassen.

Zudem glänzt die Serie enorm dadurch, wie die Charaktere geschrieben sind. Anders als zuvor reist Satoshi hier nicht durch die Region, sondern besucht die Pokémon-Schule von Alola und erlebt regelmäßig Abenteuer zusammen mit seinen Mitschüler*innen, während er selbst bei Professor Kukui lebt. Dabei hat jede*r der Mitschüler*innen ein eigenes Ziel und eigenes Arc mit massenhaft Charakterentwicklung. Selbiges gilt für praktisch viele der vorkommenden Pokémon. Dazu ist die Diversität des Casts ebenfalls positiv anzumerken!

Zugegebenermaßen erinnert Sun & Moon weniger an die bisherigen Pokémon-Staffeln, da oftmals der Fokus wirklich nicht auf dem „Trainer-Sein“, sondern auf dem Zusammenleben zwischen Menschen und Pokémon liegt. Auf gewisse Art und Weise erinnert es vom Gefühl eher an Ojamajo Doremi oder Cardcaptor Sakura – nur in der Welt von Pokémon. Aber genau das ist eine angenehme Abwechselung. Die Charaktere sind gut geschrieben, einige Folgen gehen mit ersten Themen um und es ist eine sehr schöne Abwechselung Satoshi einmal im Rahmen einer Familie zu sehen.

Es sei übrigens nebenbei angemerkt, dass Sun & Moon die erste Staffel war, die in erster Linie von einer Frau geschrieben wurde.

Und jetzt?

Es bleibt abzuwarten, was die neue Pokémon Serie „Pocket Monsters“ bringen wird. Zu meiner Enttäuschung hat man auch jetzt wieder Satoshi und Pikachu es nicht gegönnt einfach bei seiner bestehenden „Familie“ zu bleiben – so dass er jetzt weiterreisen wird, nur um eine Tour durch die bestehenden Regionen anzufangen. Ganz sicher bin ich mir nicht, was ich von der neuen Serie halten soll – nicht zuletzt, weil es mir an einer weiblichen Begleiterin fehlt. Doch wir werden sehen, wie es umgesetzt werden wird.

So oder so: Pokémon als Anime-Serie begleitet mich seit mittlerweile ziemlich genau 20 Jahren. Und so gespalten ich auch zwischen den verschiedenen Staffeln bin, die leider nicht durchweg überzeugen können … Es wäre schon seltsam in einer Welt ohne Pokémon Anime zu leben.

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Das Beitragsbild stammt von Unsplash.