Wenn „gute Freunde“ keine Freunde sind

Wir sprechen häufig über Romantik in Bücher und darüber, wie oft diese problematisch dargestellt wird. Vor allem dann, wenn 50 Shades und Konsorten eine Beziehung voller Missbrauch als romantisch darstellen. Worüber wir aber selten bis gar nicht sprechen – vor allem nicht so weitläufig – sind toxische Freundschaften und wie diese in Medien oft genug idealisiert werden. Das möchte ich ändern.

CN: Missbrauch, Mobbing

Was ist Missbrauch in einer Freundschaft?

Eigentlich kennen wir es alle. Diese Freund*innen, die viel erwarten, aber oft selbst weit weniger bereit sind zu geben. Diese Freund*innen, die nicht immer da sind, die bei Konflikten sich nicht einmischen, die nicht für einen einstehen, aber Vorwürfe machen, wenn man selbst nicht sofort springt, wenn sie rufen. Diese Freund*innen, die einen immer in das Privatleben reinreden wollen, in die Beziehungen – ungebeten natürlich. Die daran mäkeln, wie man Dinge macht. Die meinen, alles besser zu können. Die am Ende dir erzählen, dass du dir das alles nur einbildest.

Ich denke eigentlich, die meisten von uns hatten irgendwann so eine Freundschaft, die entweder ganz offen beendet wurde oder einfach mit der Zeit auseinandergebröselt ist. Wenn wir ehrlich sind waren vielleicht einige von uns auch selbst einmal diese*r Freund*in. Meistens nicht im extremen Sinne. Aber halt schon ein wenig.

Na ja, und dann gibt es diese ganz extremen Freund*innen. Jene, die nicht akzeptieren wollen, dass du andere Freund*innen neben ihnen hast. Jene, die immer im Mittelpunkt stehen wollen und einen Anfall bekommen, wenn das nicht der Fall ist – Beleidigungen und Handgreiflichkeiten inklusive. Jene, die dich für Dinge shamen – vielleicht auch dafür, nicht auf ihren Rat gehört zu haben, da ihr Rat der einzig wahre ist. Jene, die am liebsten immer da wären. Die am liebsten dein Haus gar nicht verlassen. Außer, wenn es ihnen natürlich passt. Wie, du hast eine Beziehung ohne sie zu fragen? Wie kannst du es wagen!

Und sagen wir es ganz offen: Oftmals geht so etwas aus Trauma hervor. Wie halt eben auch Missbrauch in romantischen Beziehungen. Verlassensängste. Probleme mit dem Selbstbewusstsein. Die Abwesenheit anderer Freundschaften. Diese Dinge spielen oft eine Rolle. Doch wer sich dies nicht eingesteht und keine Therapie sucht, der tut sich und anderen weh – und kann eben enorm toxisch sein.

Sechs schlechte Freunde

Was für mich als Kind, der 90er und frühen 2000er eine böse Erkenntnis war, war, dass ich mit sehr vielen toxischen Freundschaften in der Medienlandschaft aufgewachsen bin. Das fing schon mit dem vielleicht klassischsten Beispiel dafür an: friends. Eine Serie über eine Gruppe unterirdisch mieser Freunde. Denn was ich damals lustig fand, baut am Ende doch darauf auf, dass die sechs Freunde untereinander unehrlich, manipulativ und kontrollierend sind. Ja, ich gehe sogar soweit, dass ein Großteil der Konflikte der Serie darauf zurückgehen, dass eine der Personen in der Gruppe enorm toxisch agiert.

Monica ist manipulativ und will alles kontrollieren und braucht ständig Lob und positives Feedback, sonst flippt sie aus. Phoebe tratscht über alles und jeden – auch die Geheimnisse ihrer Freunde – und gibt ihnen dann selbst dafür noch die Schuld. Chandler lenkt von seiner eigenen Unsicherheit ab, indem er Witze über seine Freunde macht und diese etwaig hintergeht. Ross ist ein Besserwisser, der absolut nicht kritikfähig ist und außerdem sich permanent alles und jedem gegenüber besitzergreifend verhält. Und dann ist da noch Rachel, in deren Welt eigentlich niemand eine Rolle spielt, außer sie selbst. Und ja, gut, Joey ist als Freund noch … okay. Er ist zwar ansonsten ein Sexist und alles – aber wenigstens manipuliert oder hintergeht er seine Freunde nicht. Yay.

Wie man so schön sagt: Je tragischer, desto lustiger. Schadenfreude ist die größte Freude. Diese Dinge. Aber … eigentlich ist das ganze Konzept der Serie, wie lustig es ist, dass diese sechs „Freunde“ einander (und auch andere Personen in ihrem Umfeld) ständig verletzen und hintergehen. Ha. Ha. Ha.

Die toxischen Freundschaften in Kinderserien

Nun, davon abgesehen, dass zur damaligen Zeit scheinbar auch wenige wrwachsene Zuschauer bei friends darüber nachgedacht haben … die Serie war natürlich ohnehin nicht vornehmlich für Kinder und junge Teenager geschrieben. Andere Serien aber schon. Ich selbst bin vor allem im Rahmen von Anime massiv häufig mit toxischen Freundschaften, die in ihren etwaigen Serien idealisiert wurden, in Kontakt gekommen.

Das Beispiel, das mich bis heute am meisten aufregt, ist Yamato in Digimon Adventure. Er ist ein Charakter, der immer im Mittelpunkt steht und dessen Handlung zentral durch seine Eifersucht auf Taichi geprägt wird. Er ist eifersüchtig, dass andere auf Taichi hören. Er ist eifersüchtig, dass sein kleiner Bruder Taichi mag. Es geht soweit, dass er sich von einem sprechenden Kirschbaum überreden lässt, zu versuchen Taichi zu töten. Gut, er wird gestoppt, lässt dafür den Rest der Gruppe aber eiskalt im Stich – obwohl er neben Taichi der einzige mit den Mitteln ist, die aktuellen Gegner zu bekämpfen. Aber weil er am Ende in letzter Minute auftaucht ist alles gut. Denn angeblich, ja, angeblich ist Yamato der beste Freund überhaupt – vor allem für Taichi – und sein Wappen ist daher auch Freundschaft. (Für Leute, die die Serie nicht kennen: Die Serie behauptet, dass Yamatos beste Eigenschaft seine loyale Freundschaft ist.)

Aber auch die andere Mon-Serie der Zeit hatte ähnlich miese Freundschaften. Denn da haben wir auch Pokémon mit einer Gruppe, die nicht wirklich wie Freunde wirken. Denn während Takeshi/Rocko meistens einfach vornehmlich die wandelnde Küche ist und Comic Relief ist, ist Kasumi/Misty unglaublich herrisch, akzeptiert weder Kritik, noch Entscheidungen entgegen ihrem Rat, wird teilweise handgreiflich und scheint es zum Hobby gemacht zu haben Satoshi/Ash am laufenden Band für irgendetwas zu shamen. Aber ja, angeblich eine tolle, enge Freundschaft. Laut einigen Fans sogar die einzige, wirkliche Freundschaft, die Satoshi je hatte.

Und dann haben wir natürlich noch diverse Shonen Jump Serien, in denen Figuren zwar viel über Freundschaft reden, aber natürlich alles für einen guten Kampf oder die Chance stärker zu werden aufgeben würden. Na ja, und dann gibt es noch Sasuke …

Bestenfalls ein schlechter Einfluss

Und natürlich war es auch nicht nur in den japanischen Medien so. Ich habe in meiner Kindheit genug Bücher und Serien konsumiert, die ebenfalls viele toxische Freund*innen beinhalteten. Gerne als di*en beste*n Freund*in, der:s Protagnost*in. Es ist wirklich etwas, das bei weitem nicht so selten ist, wie man glaubt. Übrigens auch in diverse Geschichten, die für ihre toxischen romantischen Beziehungen kritisiert werden … Denn auch wenn dort die meist weibliche Protagonistin von ihrem Lover manipuliert und missbraucht wird, manipuliert und missbraucht sie ihrerseits nicht selten die beste Freundin, die sie obligatorisch natürlich hat.

Genau so gibt es halt sehr oft in Kinderserien Freund*innen, die eben ein mieser Einfluss und dabei noch toxisch sind. Ihr wisst schon: Wollen immer was mit Protagonist*in machen, nehmen „Nein“ nicht als mögliche Antwort wahr und spornen an, Regeln zu brechen oder gefährliche Dinge zu machen. Immer und immer wieder. Nur um dann versuchen sich selbst rauszuwinden, wenn man erwischt wird. Auch neigen diese Freund*innen dann dazu persönliche Abneigungen über di*en Protagonist*in abzuspielen. Freund*in hat Ärger mit jemanden? Na, da muss Prota definitiv eine Seite wählen – und wehe es ist nicht die von Freund*in.

Und ja, ich empfinde auch bspw. Ron Weasley als einen unglaublich toxischen Freund gegenüber Harry und vor allem gegenüber Hermine. Er bringt beide ständig in Schwierigkeiten, hat keinerlei Probleme die beiden zu beleidigen, wenn er Probleme hat zieht er die anderen mit hinein, hat er Ärger lässt er diesen an beiden (vor allem aber Hermine) aus … nun, und in Band 4 mobbt er munter Harry mit aus purer Eifersucht. Aber ja, bester Freund ever!

Mein Problem mit toxischen Freundschaften

Wir wissen alle, warum die romantische Darstellung von toxischen Beziehungen problematisch ist. Reale Menschen, die eventuell dafür ohnehin abfällig sind, lassen sich davon einreden, dass ihre Beziehung total okay wäre. Das kann zu realem Schaden führen. Schlimmstenfalls zu Toden. Deswegen ist es richtig und wichtig darüber zu sprechen, entsprechende Geschichten zu kritisieren. (Dass diese Kritik allerdings häufig misogyne Züge annimmt steht dabei auf einem anderen Blatt.)

Die Sache ist: Vieles, wenn nicht alles davon trifft auch auf toxische Freundschaften zu. Wie viele Kinder kennt ihr, die ihrerseits wenige Freund*innen haben – vielleicht auch, weil sie gemobbt werden – und sich daher sehr schnell und sehr bereitwillig auf eine richtig miese Freundschaft einlassen. Bspw. mit Freund*innen, die nur daran interessiert sind, von ihnen Hausaufgaben abzuschreiben und dergleichen, sie derweil aber selbst munter beleidigen, nicht auf ihrer Seite stehen und so weiter? Was solche Geschichten – gerade in Kinderbüchern – diesen Kindern sagen ist, dass das tolle Freunde sind und sie sich das alles gefallen lassen sollten. Immerhin wird es irgendwann dann doch den einen Moment geben, wo di*er Freund für sie da ist. Denn das passiert natürlich bei diesen Freundschaften am Ende doch immer. In der Realität dagegen …

Und es sind nun einmal nicht nur Kinder. Es gibt genug Jugendliche und Erwachsene, die sozial isoliert sind und deswegen an einer Freundschaft, die ihnen nicht gut tut, festhalten wollen. Schlimmstenfalls mit Freundschaften, die in beide Richtungen furchtbar toxisch sein können. Und ja, solche fiktionalen Geschichten sind dabei nicht hilfreich.

Wir sollten wirklich mehr über toxische Freundschaften sprechen, wenn diese idealisiert werden. Denn nein, auch wenn die fiktionalen toxischen Freunde am Ende doch in höchster Not plötzlich auftauchen und den Tag retten … das macht sie nicht zu guten Freunden und das macht die Verletzungen, die sie anderen zuvor zufügen nicht wett. Vor allem aber ist es etwas, worauf so manch einer bei einer:m realen toxischen Freund*in zu lange gewartet hat.


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