Weltenbau 101: Grenzen und Straßenbau

Wieder ein Donnerstag, wieder ist es Zeit für Weltenbau. Letztes Mal haben wir ja über Staatsformen gesprochen und Aufgaben eines Staates – heute möchte ich auf zwei andere damit zusammenhängende Aspekte eingehen: Landesgrenzen und Infrastruktur und wie beides mit dem Erhalt eines Staates zusammenhängt.

Wo sind die Grenzen?

Fangen wir erst einmal mit einer zentralen Frage an: Wo sind die Grenzen und wie sehen diese aus? Denn das ist selbst heute eine teilweise recht umstrittene Frage – und nein, dabei rede ich nicht um einfache Grenzkonflikte. Fakt ist: GPS ist eine neue Sache. Früher konnten Grenzen nicht so genau bestimmt werden. Was hat man also gemacht? Genau, man hat die Grenzen ungenauer bestimmt – an Punkten, an denen man sich orientieren konnte.

Das heißt, Grenzen wurden bestimmt durch die Landschaft. Vielleicht verlief eine Grenze an einem Fluss entlang, vielleicht an einer Bergkette oder am Rand eines Moors. Manchmal wurden Grenzen auch durch Straßen bestimmt, durch Berge oder durch bestimmte andere Eigenheiten der Landschaft. Wer sich alte Grenzabkommen anschaut, wird da oft umfassende Beschreibungen finden, von wo bis wo welche Grenze verläuft.

Dabei gibt es natürlich ein Problem: Diese Dinge verändern sich. Natürliche Landschaften können sich verändern. Eventuell sorgt Wetter dafür, dass ein Fluss flutet und anders verläuft oder ein Teil eines Moors austrocknet. Vielleicht wird das Moor auch ausgetrocknet. Und dann könnte es Erdbeben gegeben, die auch Bergketten verändern. Was bedeutet das für die Grenzen?

Natürlich sind nicht alle Grenzen so gezogen. Dank Kolonialisierung. Denn da wollte man auf einmal ganz gewieft sein und hat de facto mit Linealen Grenzen in die Landschaft gezogen – ungeachtet dessen, ob man kulturelle Gemeinschaften damit auftrennt und in neuen Ländern mischt oder nicht.

Was gibt es für Transportwege?

Die andere große Frage ist die Frage nach der Infrastruktur. Infrastruktur in unserer Welt umfasst alles mögliche: Wasserversorgung, Abwasser, Elektrizität, Heizung, Internet und natürlich die Straßen, Kanäle, Bahnhöfe und Schienennetzwerke. Hier will ich mich auf den letzteren Abschnitt konzentrieren: Was für Wege gibt es, um Güter von A nach B zu bringen? Und was für Technologien gibt es, um diese Wege zu nutzen?

Zentral für die Fragen ist halt auch: Wie sicher ist es, die Wege zu nutzen? Und: Wie schnell kann man diese Nutzen? Denn beides hat mit anderen Fragen bezüglich des Staates zu tun. Generell ist es im Sinne eines Staates, eine gute Infrastruktur – zumindest für den Transport von Menschen, Gütern und Nachrichten zu unterhalten. Denn diese erlauben es, bei Problemen schneller agieren zu können.

Es sollte dabei allerdings nicht vergessen werden, dass der Erhalt von Infrastruktur dem Staat Geld kostet – und dies ggf. knapp ist. Je nach Art des Staates könnte es allerdings natürlich auch sein, dass Bürger dazu verpflichtet werden, sich am Bau und dem Erhalt von Straßen und dergleichen zu beteiligen.

Wie groß kann der Staat sein?

Kommen wir zu wahrscheinlich dem Aspekt, der realistisch gesehen wahrscheinlich der Untergang vieler „böser Imperien“ in Fantasy und SciFi wäre: Die Grenzen des Staates, die damit einhergehende Größe und die eben genannte Infrastruktur. Denn: Je größer das Land ist, desto schwerer ist es, bei Problemen, Truppen in irgendwelche Randregionen zu bringen. Im Falle eines bösen Imperiums: Je größer das Imperium, desto schwerer ist es, irgendwo Rebellionen niederzuschlagen. Denn dann hat das Imperium nur zwei Möglichkeiten: Entweder überall Soldaten quartieren und damit die Soldaten sehr dünn säen, oder halt immer nur Gruppen zum Niederschlagen senden und damit riskieren, dass die Rebellion gewonnen hat, bis man hinkommt.

Anders gesagt: Will man, dass ein Staat stabil ist, ist seine Größe durch die Infrastruktur und die Schnelligkeit der Transportmöglichkeiten von Nachrichten und Truppen begrenzt. Ja, das gilt sogar dann, wenn es kein böses Imperium, sondern ein gerechter Staat ist. Denn auch dieser ist darauf angewiesen – um Frieden zu erhalten – etwaige extremistische Gruppen möglichst schnell zu bekämpfen, feindlichen Angriffen an Grenzen entgegenzuwirken und bei Unglücken den Menschen zu helfen.

Stellt euch einfach nur vor: Etwas passiert in einer Grenzregion und es gibt nur Reiter, die Nachrichten transportieren können. Das heißt: Das Ereignis findet statt, ein Reiter reitet in sagen wir 6 Tagen zur Hauptstadt mit der Nachricht. Dann muss die Armee gesammelt werden. Und erst dann kann die Armee – wahrscheinlich über zwei Wochen – zur Grenzregion marschieren. Wie weit sind die Gegner bis dahin vorgerückt?

Autonome lokale Verwaltung

Natürlich gibt es eine Methode, ein großes Reich zu haben, und dennoch halbwegs schnell reagieren zu können: Lokale Verwaltungsgebiete einsetzen. Das heißt, man teilt sein Land in verschiedene Abschnitte ein (Regionen, Distrikte oder wie auch immer man sie nennt) und gibt einer Lokalverwaltung die Macht bei den oben genannten Problemen gegebenenfalls einzugreifen. Diese Lokalverwaltung hat Kontrolle über Soldaten (und anderes Personal) entsprechend ihrer Größe.

So wurde es in Rom gemacht, als es so riesig wurde und so wurde es generell von Kolonialmächten gemacht. Wobei es natürlich dennoch keine sichere Sache ist – denn schlimmstenfalls riskiert man, dass sich die eigenen Leute der Lokalverwaltung gegen einen stellen. Umso mehr, wenn diese nicht gut mit Ressourcen versorgt werden. Warum soll man halt für Rom arbeiten, wenn man doch alles selbst machen muss und keinerlei Vorteile, nur fremde Regeln hat? Da kann man auch sein eigenes Ding machen.

Beispiele

Gehen wir doch ein paar Beispiele für die Aspekte durch, ja? Denn es ist etwas, das im Weltenbau selten bedacht wird.

Panem in „The Hunger Games“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht macht. Angelehnt ist der Aufbau hier an Rom und die Verwaltungsbezirke. Die größten Probleme jedoch: Das Gebiet ist groß, Flugschiffe werden nur aus dem Capitol heraus genutzt, ansonsten ist die Reisezeit groß und in den ärmeren Distrikten hungern die Leute aus der Verwaltung – und die Soldaten – genau so, wie die normalen Menschen. Oder auch: Nie im Leben hätte dieses Konstrukt über 100 Jahre überlebt.

Star Wars hat mit dem Imperium letzten Endes ein ähnliches Problem, da Hyperraumreisen nicht sofortig sind. Wie groß das Problem ist, hängt davon ab, nach welchem Canon wir gehen, doch solange wir Star Killer Base später ignorieren … Wie will man so viele Planeten kontrollieren? Es ist praktisch unmöglich.

Ein positives Beispiel, das mir jedoch eingefallen ist, sind die Hexer-Romane von Andrzej Sapkowski. Hier wurden diese Aspekte bedacht und Nilfgaard bekommt genau diese Probleme, als sie größer werden. Auch die Grenzführung ist hier sehr realistisch für die Epoche, an die die Bücher angelehnt sind. Die Bücher, wohlgemerkt, nicht die Spiele, die teilweise einen guten Teil des Weltenbaus aus dem Fenster geworfen haben.

Weitere Fragen

Wie immer beende ich den Beitrag mit einer Sammlung von Fragen zum Thema, die euch helfen sollen, eure Welt dahingehend auszubauen!

  • Was ist die schnellste Art zu reisen? Wer kann sie nutzen? Wie gefährlich ist es, auf diese Art zu reisen?
  • Was ist die schnellste Art, Informationen zu übermitteln? Wie weitläufig wird sie genutzt? Wie sicher ist es, dass Informationen ankommen? Wie groß die Gefahr, dass Nachrichten abgefangen werden?
  • Gibt es Straßen? Sind diese wichtig?
  • Gibt es Luftverkehr?
  • Gibt es Schienenverkehr?
  • Gibt es Wasserverkehr? Nutzt man dafür natürliche Wasserwege oder werden Kanäle errichtet? Beachten diese die Notwendigkeit von Flutgebieten?
  • Gibt es Möglichkeiten andere Planeten oder auch nur einen Mond zu besuchen?
  • Gibt es etwas wie Teleportation oder – sollte Magie existieren – die Möglichkeit auf magische Art zu reisen?
  • Wie werden schwere Dinge transportiert?
  • Wer hält die Infrastruktur in Stand? Woher kommt das Geld dafür?
  • Wie werden Transportmittel in Stand gehalten? Wie viel Wartung brauchen sie? (Oder wenn es Tiere sind: Wie werden diese versorgt?)
  • Welche Vor- und Nachteile gehen daraus hervor, abseits von den dafür vorgesehenen „Wegen“ (seien es Weltallrouten oder Straßen) zu reisen?
  • Wie werden Grenzen gezogen?
  • Wird bei Grenzen darauf geachtet, dass verfeindete Kulturen durch Grenzen getrennt sind?
  • Wie gerecht wurden Grenzen gezogen?
  • Wie fest gelten die Grenzen? Wird ignoriert, wenn jemand einfach zum Handeln diese überschreitet oder ist es verboten? Wie schwer ist es, sich abseits einer Grenze niederzulassen?
  • Hängt es von Grenzen ab, ob jemand als „Bürger“ eines Landes gilt oder ist Abstammung dafür wichtiger?
  • Wie groß ist das größte Land? Wie groß das kleinste? Wie verteilt ist die Macht in den Ländern?