Filmreview: John Wick Chapter 3 Parabellum

Wir waren letzte Nacht in John Wick Chapter 3: Parabellum (oder auch: „Hätte John Wick Chapter 3 nicht als Titel gereicht?“), dem dritten Teil der überraschend erfolgreichen John Wick Reihe. Ich mochte den ersten Film der Reihe sehr und habe den zweiten geliebt. Entsprechend habe ich mich auf den dritten gefreut. Zu recht? Na ja …

Worum geht’s?

Der Film fängt da an, wo der letzte aufhört: John Wick wurde vom hohen Tisch und dem Continental exkommuniziert und ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Das heißt, er muss einer Stadt voll Assassinen entkommen, ohne die Möglichkeit zu haben, die Services der Unterwelt in Anspruch zu nehmen. Dies gestaltet sich als schwierig.

Noch schwieriger wird es allerdings dadurch, dass der hohe Tisch ein Adjudicator nach New York gesendet hat. Denn auf seiner Jagd nach Santino D’Antonio in Teil 2 der Reihe, hat John einige Regeln gebrochen – und dennoch haben ihm Leute geholfen, die davon wussten. So versucht der hohe Tisch durch dien Adjudicator wieder Ordnung herzustellen.

John derweil hat nur eine Möglichkeit, Frieden zu finden – und diese Möglichkeit kommt mit einem hohen Preis.

Story, Charaktere, Schauspieler

Nun, seien wir ehrlich: Bei Teil 3 wird niemand mehr in einen John Wick Film gehen und eine großartige Story erwarten. Die ersten beiden Teile hatten gerade genug Story, um die ausgepfeilten Kampfsequenz zu rechtfertigen, die das eigentliche Herz der Filme sind. Derweil bestachen sie allerdings durch wunderbar subtiles Worldbuilding. Immerhin scheint in dieser Welt ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung mit der Unterwelt zu tun zu haben.

Hier kommen wir dann auch zum ersten Kritikpunkt. Denn während der Flug von Actionsequenz zu Actionsequenz ähnlich war, wie in den ersten beiden Filmen, war das Worldbuilding hier viel, aber nicht subtil. Der Film hat gleich an mehreren Stellen, vor allem aber im zweiten Akt, mehrere Exposition Dumps gemacht, die nicht zum Stil der Filme passten und mich rausgerissen haben.

Auch ist die Story leider weniger Abwechselungsreich, als in den bisherigen Teilen. Denn in den anderen Teilen wechselte zwischen den Szenen immer wieder die Dynamik, wer der Aggressor war. Sprich: Mal war John der Angreifer, mal hat er sich verteidigt. Hier ist er bis auf in einer Sequenz praktisch immer in der Verteidigung, was ihm als Figur die eigene Motivation kleinhält.

Ansonsten bleibt dasselbe zu Charakteren und Schauspielern zu sagen, was man auch in den anderen Teilen sagen kann: Die Figuren sind ein interessanter Haufen und fühlen sich oft an, wie aus einem Comic entnommen, was sie jedoch nicht unsympathisch macht. Die Schauspieler sind durchweg perfekt gewählt. Vor allem Reeves und Barry können hier durch die physische Präsenz in den Filmen wirklich überzeugen.

Diversity

Okay, hier möchte ich es kurz ansprechen, da der Punkt mir am Herzen liegt: Ob ihr es glaubt oder nicht, es ist etwas, worauf die John Wick Filme geachtet haben. Ich meine, Teil 2 hatte als einen der prominentesten Rollen Roby Rose als taubstumme Bodyguard – und war darin großartig. Und auch sonst ist das Cast sehr bunt durchmischt.

Nun gab es – abgesehen davon, dass es ein John Wick Film ist – einen Grund, warum ich besonders für diesen Film gehypt war: Asia Kate Dillon spielt mit. Für diejenigen, die xien nicht kennen: Asia Kate Dillon ist ein transgender non binary Schauspieler und es war angemerkt worden, dass xier hier auch eine non-binary Rolle spielt. Tut xier auch. Nur auf eine Art, dass jeder, der es nicht weiß, den Charakter fraglos als weiblich lesen wird, da der Film nie auch nur ein einziges Mal über die Figur in dritter Person spricht und die Figur auch nicht als Mx, sondern nur als Adjudicator angesprochen wird. So wird aufgrund von der Stimme allein der Charakter als weiblich gelesen werden.

Davon abgesehen gab es auch eine andere Sache, die mich diesbezüglich störte: Dier Adjudicator heuert relativ früh im Film eine Gruppe Shinobi an, um beim Vollstrecken zu helfen. Erster Kritikpunkt: Diese Shinobi sind sehr, sehr klischeehafte Ninja. Einziger Bonus in dem Bereich war, dass sie durchweg Wakizashi und keine Katana genutzt haben. Nein, aber mein eigentlicher Kritikpunkt ist, dass diese Shinobi nicht von japanischen Schauspielern oder Schauspielern japanischer Abstammung gespielt wurden. Ein Großteil des Casts hier war eine Gruppe indonesischer Stund Darsteller. Und ja, es ist sicher besser als Yellowfacing, aber dennoch war mein Gefühl dabei, das jemand beim Casting gesagt hat: „Asiat ist Asiat! Macht doch keinen Unterschied!“

Die Kampfszenen

Doch kommen wir zu meinem Hauptkritikpunkt an diesem Film: Die Kampfsequenzen. Denn ja, leider – wirklich leider – waren die in diesem Film, jedenfalls für mich als Person, die in der Jugend Martial Arts gelernt hat, mies. Und das war die größte Enttäuschung am Film. Denn ja, ich bin nicht in den Film gegangen für die Story. Ich bin in den Film für großartige Kampfszenen gegangen und genau die wurden mir vorenthalten.

Dahingehend bin ich auch etwas sprachlos, dass die Kampfszenen in vielen Reviews weiterhin gelobt wurden. Ich verstehe es nicht. Denn ja, es gibt einen neuen Kampfchoreograph und leider fehlte in der Choreographie dadurch viel von dem, was die anderen Filme ausgemacht hat.

Hier die Problempunkte …

Die Geographie

In Kampfszenen – egal in welcher Form sie konsumiert werden – ist vor allem eine Sache wichtig: Der Zuschauer muss eine Vorstellung von der Geographie des Raumes, in dem der Kampf stattfindet, haben. Das macht es leichter dem Kampf logisch zu folgen und zu verstehen, was dort passiert. Wenn ein Film es gut macht, vermittelt er diese Informationen dadurch, uns vorher mit der Geographie vertraut zu machen, oder im Kampf immer mal wieder Wide Angle Shots hineinzubringen.

Dies war etwas, worin die ersten beiden Filme großartig waren. Fast immer wurde uns bevor ein Kampf losging die Geographie des Raums vermittelt. Als Zuschauer wusste man genau was kommt und was wo war. Obwohl viel los war in den Kämpfen, war es nicht schwer sich zu orientieren.

Es ist nicht so, als wäre das hier durchweg schlecht gewesen. Zwei Kampfszenen arbeiten ebenfalls damit und funktionieren mehr oder minder dahingehend auch. Die anderen allerdings? Ja, wir bekommen vorher eine Einführung in viele der etwaigen Orte – doch dabei sieht man viele Aspekte, die später im Kampf wichtig werden, nicht.

Auch ein anderer Aspekt ist diesbezüglich anders. Denn die anderen Filme spielten ebenfalls mit Gegenständen, die an den Settings herumlagen, auf dass diese später als Waffe genutzt wurden. Und auch das passiert in diesem Film kaum noch. Stattdessen ist der Nahkampf einfaches zuschlagen und zuschlagen und zuschlagen …

Der Nahkampf und die Regeln

Ein anderer wichtiger Aspekt bei Actionfilmen ist, dass der Zuschauer in Kämpfen ein Gefühl für die Regeln haben sollte. Uns allen sollte klar sein, dass ein Kampf in einem Film selten wirklich realistisch sind. Da stehen Helden auch nach Angriffen auf, die sie eigentlich hätten ausschalten sollen. Soweit, so gut. Aber genau deswegen ist es wichtig, dass der Zuschauer ein Gefühl dafür entwickeln kann, wie viel Schaden ein Angriff macht. Genau so sollte das Gefühl aufkommen, dass ein Angriff schaden macht. Und hier ist das größte Problem des Films: Dieses Gefühl fehlt.

Denn der Film nutzt viel – sehr viel – Nahkampfszenen, in denen John Wick sich mit diversen namenlosen Goons prügelt. Dabei teilen beide Seiten aus. Leute werden heftig in den Kopf geschlagen, es gibt Tritte in die Rippen und die Eier, Leute fallen aus mittelgroßen Höhen und landen auf dem Rücken, werden durch Glasscheiben geworfen und … machen danach einfach weiter.

Im Wrestling gibt es den Ausdruck „selling“. Sprich: Man verkauft dem Publikum, dass ein Angriff wirklich weh getan hat. Und genau das passiert hier nicht. Ich habe als Zuschauer zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass jemand wirklich im Nahkampf schaden nimmt. Weder John, noch die Gegner. Doch wenn es keinen Schaden gibt, bis eine Waffe ins Spiel kommt: Wo ist dann die Spannung in den teilweise minutenlangen Nahkämpfen?

Das ganze wird nur dadurch verschlimmert, dass es Teil 3 der Reihe ist – und die bisherigen Teile zumindest einen direkten Schlag zum Kopf als etwas gefährliches behandelt hat. So sehr, dass es ein Gag war, als in Teil 2 jemand nach einem Kopftreffer wieder aufgestanden ist. Und hier? Hier hält jeder kleine Goon einen solchen Treffer aus.

Um es deutlich zu machen: Das Problem liegt weder bei den Schauspielern, noch bei der Stuncrew allgemein, sondern eher im Drehbuch und vielleicht beim neuen Kampfchoreograph.

Sound Design

Nun, da hatten wir schon die Probleme im Nahkampf. Wisst ihr, wodurch die hier verschlimmert werden? Durch das Sound Design und die Tonmischung. Über diese Dinge hatte ich ja schon ein wenig in meinem Black Panther Review gesprochen. Frei nach dem Motto: Sind sie gut, nimmt man sie nicht bewusst wahr, sondern sieht sie als Teil des ganzen. Sind sie schlecht bemerkt man sie aber. Und sagen wir es so: Man bemerkte sie arg.

Erneut war es etwas, das in den Nahkämpfen schlimmer war, als in den Gun Fu Kämpfen. Doch hier … Jeder Schlag klang gleich. Jeder Tritt klang gleich. Egal was für Kleidung ein Charakter trug. Egal, wohin der Schlag traf. Immer in etwa dasselbe Geräusch. Immer derselbe zu laute, zu dumpfe Schlag. Dies hat den Eindruck, dass es effektiv keinen Unterschied machte, wohin jemand getroffen wurde, nur verstärkt. Es klang ja auch alles gleich.

Ebenso wurde ein Geräusch mehrfach genutzt, das scheinbar ein Indikator für „Ups~ Hier ging gerade ein Knochen entzwei!“ sein sollte – jedoch nicht immer mit einer entsprechenden Folge im visuelle. Da kam ein Knacks und dann wurde der vermeintlich gebrochene Arm jedoch weiter genutzt.

Ach ja, und dann war da noch dieser wirklich seltsame und eher videospielhafte Soundeffekt für einen zerschossenen Kopf. Und das Klirren von Glasscheiben, das ebenfalls immer wieder zu gleich klang und selten zu dem dargestellten Brechen des Glases passierte.

Fazit

Ich wollte diesen Film wirklich lieben, so wie ich den letzten Teil der Reihe geliebt habe. Leider war es mir nicht vergönnt. Ich weiß nicht, was genau in der Produktion des Films schiefgegangen ist. Denn während ich dazu neige, die Struktutprobleme im Script auf zu viele Revisionen zu schieben (vier Drehbuchautoren statt einem spricht für Massen an Revisionen), bin ich unsicher, wieso die Kämpfe hier auf einmal so … mies waren.

Sicher, nicht alle der Kämpfe waren mies (der Wurfmesserkampf war sehr gut gemacht) – halt nur viele/die meisten. Lag es am Choreograph? Lag es daran, dass die Produktion in Zeitdruck geraten ist? Letzteres könnte eventuell auch das schlechte Sound Design erklären – selbst wenn man das auch darauf schieben könnte, dass es für den Sound Designer der erste Blockbuster war, in dem er diese Aufgabe übernommen hat. Ich bin mir nicht sicher. Fakt ist: An den Standard der ersten zwei Filme reicht es nicht dran.

Alles in allem bin ich vor allem enttäuscht. Ich mag die Filme, ich mag die Figuren, aber hier habe ich deutlich mehr erwartet. Es war Standardaction und nicht das, wofür die Reihe so bekannt war.

Ich weiß nicht, inwieweit es jemanden stören wird, der sich weniger mit Kampfszenen beschäftigt. Doch als jemand, dem diese Dinge zumindest in dieser Filmreihe wichtig sind, bleibt am Ende Enttäuschung.

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Das Beitragsbild stellt eine GP dar und wurde vom Hersteller Grand Power Ltd., Slovakia aufgenommen und unter CC1.0 bereit gestellt. Für den Beitrag wurde das Bild leicht nachbearbeitet und zugeschnitten.