Weltenbau 101: Urban Fantasy – Die Wesen der Welt

An welche magischen Wesen denkt ihr, wenn ich „Urban Fantasy“ sage? Darf ich raten? Vampir. Werwolf. Magier. Feen. Geister. Doch vor allem an Vampire und Werwölfe oder Werwesen allgemein. Denn diese beiden dominieren nach wie vor das Genre. Beinahe alle großen Reihen haben entweder einen Vampir oder einen Gestaltwandler in einer zentralen Rolle. Doch was könnte es noch geben? Und wie funktioniert das ganze überhaupt?

Der Genreanfang

Ich denke, ein Grund für die Vorherrschaft der beiden Wesen, ist der Genre-Anfang. Denn technisch gesehen waren Vampire in urbanen Settings spätestens seit Dracula zugegeben. Und mit Ann Rice, die den (offiziellen) Anfang des Subgenres beeinflusst hat und ihren Vampiren, gab es einen weiteren Faktor dafür. Vampire und Werwölfe waren derweil lange schon zwei Klassiker der Horrorliteratur. Vielleicht bot sich deswegen an, Werwölfe mit hineinzunehmen? Bonus dafür, dass sich irgendwann die Popkultur entschieden hatte, dass Werwölfe und Vampire miteinander verfeindet sind. Eine schöne Grundlage für Konflikte.

So oder so: Das erste offizielle Buch im Subgenre – oder auch das Buch, für das das Subgenre abgegrenzt wurde – war „Guilty Pleasures“ von Laurell K. Hamilton. Der erste Band der Anita Blake Reihe. Und Anita Blakes kleines Love Triangle, später Triade? Sie, die Nekromantin, ein Vampir und ein Werwolf. Und diese Dynamik (Magierin im Love Triangle mit Werwolf und Vampir) würde fortan immer wieder vorkommen. Damit wurden diese drei Gruppen zu einer Grundlage des Subgenres, vergleichbar mit Elfen, Zwergen, Orks in der High Fantasy.

Die Fae

Ein wenig anders sieht es mit den Fae oder Feen aus. Hier ist es schwer zu sagen, wie sie in das Genre kamen. Irgendwann waren sie halt da. Als ich angefangen habe, explizit Urban Fantasy zu lesen, waren sie bereits zugegen. Dabei erfüllten sie da, wie oft genug, letzten Endes eine Rolle: Die Stand-Ins für „Was man gerade braucht.“ Man will Tolkien-Elfen? Nimm ein paar Fae. Man will engelsgleiche Wesen ohne Engel zu haben? Fae. Paranormales Deus Ex Machina? Fae lösen dir das Problem. Du willst ein wenig Portal Fantasy? Nimm die Anderswelt und Fae!

Und nein, auch wenn es gerade etwas zynisch klingt, ist es nicht einmal negativ gemeint. Es ist nur auffällig, dass Fae wirklich alles mögliche darstellen, wenn sie vorkommen. Es gibt kein anderes Wesen in Urban Fantasy, das so vielseitig ist und sich letzten Endes nicht fest definieren lässt. Fae sind oftmals einfach „Das seltsame etwas, das die Geschichte gerade braucht“.

Woher kommen die Wesen?

Damit kommen wir jedoch zu einer zentralen Frage, die oft genug nicht beantwortet wird: Woher kommen die Wesen überhaupt? Damit meine ich zum einen die Frage, die ich im letzten Eintrag schon angebracht habe: Gab es die schon immer überall oder sind diese Wesen irgendwann von Osteuropa zum Ort, an dem die Geschichte spielt, migriert? Und wie sind diese Wesen zuerst entstanden? Weiß das überhaupt jemand?

Ich habe dahingehend ja noch immer die unpopuläre Meinung, dass ich den Weltenbau in Twilight mag – weil es eine der wenigen Urban Fantasy Geschichten ist, die sich mit diesen Fragen beschäftigt. Ja, ich hätte einen Teil der Fragen wahrscheinlich anders beantwortet, aber dennoch finde ich es gut, dass es hier überhaupt gemacht wurde. Denn oft genug zuckt Urban Fantasy mit den Schultern und sagt: „Isso.“

Und ja, das finde ich tatsächlich sehr unzufriedenstellend. Denn so oft wird speziell über Vampire und Werwölfe einfach nichts erklärt. Vampire sind generische Hollywood-Vampire, die kein Sonnenlicht vertragen und Blut trinken müsse. Werwölfe sind etwas variabler. Mal sind sie durch den Biss verwandelt, mal so geboren, mal verwandeln sie sich nur bei Vollmond, mal suchen sie sich ihre Verwandlung aus. Doch erklärt wird auch bei Werwölfen wenig.

Die alten Legenden

Ich hatte vor einer Weile ja bereits einen Eintrag über alte Werwolfslegenden geschrieben und darüber, wie variabel diese waren und in welchem historischen Kontext sie entstanden. All das kommt leider in den wenigsten Urban Fantasy Geschichten vor. Bei Vampiren sieht es allerdings noch schlimmer aus: Vampirische Wesen gibt es und gab es beinahe überall auf der Welt und doch sehen wir davon selten etwas.

Dies finde ich bei Urban Fantasy besonders schade, da Urban Fantasy oft beinhaltet, dass normale Menschen mit den Vampiren interagieren. Dennoch scheinen die wenigsten Geschichten das einzubringen – eben, dass Vampire nicht denn etwaigen Mythen entsprechen. Dies wäre eigentlich eine interessante Frage für den Weltenbau: Warum sind Vampire so anders, als die traditionellen Legenden? Doch leider wird diese Frage sehr, sehr selten beantwortet.

Kulturelle Aneignung

Ja, ich lasse die Fae aus, da sie eben oft ein Joker sind. Sie sind, was auch immer die Geschichte gerade braucht. Stattdessen möchte ich über diese eine andere Sache reden: Den Mangel an anderen Wesen – aber auch darüber, warum es kompliziert ist. Dafür fange ich mit einem Wesen an, dass tatsächlich häufiger einen Auftritt in Urban Fantasy hat: Yee Naaldlooshii, für viele eher als „Skinwalker“ bekannt. Neben dem Wendigo ist der Yee Naaldlooshii als Skinwalker eins der wenigen bekannten Wesen aus der indigenen Mythologie. Hollywood und Co. haben ihn etwas zum Horrormonster hochstilisiert. Genau deswegen kommt er wohl auch häufiger in Urban Fantasy vor. Dabei gibt es nur ein Problem: Der Yee Naaldlooshii ist Navajo und von den Navajo leben noch mehr als genug in den USA, von denen viele nicht unbedingt begeistert sind, dass dieses Wesen frei genutzt wird. Vor allem, da die wenigsten Darstellungen viel mit den tatsächlichen Mythen zu tun haben.

Damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt: Es ist bei Urban Fantasy schwer, die kulturelle Aneignung einzuschätzen, wenn man sich an anderen Wesen bedient. Das ist natürlich der Vorteil, wenn man beim althergebrachten bleibt: Da ist man vor diesen Problemen größtenteils relativ sicher. Klar, diese Monster entstammen auch nicht wirklich der eigenen Kultur – sind aber halt am Ende doch ein Teil von ihr.

Andere Wesen

Dennoch wäre es natürlich schön, hier und da ein wenig mehr Abwechselung für viele denke ich sehr willkommen. Was also tun, sprach Zeus. Und das wäre halt direkt der erste Ansatz: Es gibt viele europäische Mythen und Legenden, zu denen wir weit mehr kulturellen Bezug haben, als zu indigenen amerikanischen Wesen. Denn ja, Mythen in Europa bieten eigentlich viel, wenn man es sich genauer ansieht. Vielleicht findet man darunter etwas, das man einbringen will.

Auch wäre es natürlich eine Möglichkeit, ein wenig zu schauen, ob man einfach Wesen aus anderen Tieren baut. Warum müssen es immer die Werwölfe sein? Warum können es keine Wer-Irgendwas sein? Zum einen gibt es dahingehend auch einige Mythen, zum anderen hat man dahingehend aber auch Freiheiten. Man kann eigene Regeln erfinden.

Und ja, natürlich gibt es auch andere Kulturen. Nur wie gesagt: Kulturelle Aneignung ist ein Problem, über das man dabei nachdenken sollte, wenn ein Wesen eine zentrale Rolle spielt. Dennoch ist es, wenn man vorsichtig ist und sich wirklich mit einer Kultur auseinander setzt und idealerweise auch mit Leuten aus den etwaigen Kulturen redet, nicht gänzlich unmöglich andere Wesen einzubringen.

Ich mahne dahingehend allerdings zur Vorsichtig. Nicht nur, weil man die etwaige Kultur gegebenenfalls missrepräsentiert, wie es mit dem „Skinwalker“ so oft passiert, sondern auch, weil man sonst oft bestimmte Nuancen nicht mitbekommt. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Tauchen wo Werhyänen auf, nennt man sie Buda. Immerhin heißen Werhyänen in Ostafrika Buda. Das Problem: Der Buda Mythos ist in seinem Ursprung antisemitisch. Die Information ist nicht weit verbreitet. Dennoch ist es eine Tatsache.

Quellen?

An dieser Stelle möchte ich einfach den Blog nutzen, um drei Webseiten mit euch zu teilen, die dahingehend eine Hilfe sein können. Webseiten, die magische Kreaturen aus Mythen sammeln oder mehr Informationen über verschiedene Darstellungen einer Kreaturenart bieten. Insofern …

  • Vampires Underworld: Seite mit einer Sammlung zum Thema Vampirmythen. Sowohl moderne, als auch diverse Multikulturelle Vampire finden sich hier.
  • Cryptid Wiki: Ein Wiki zum Thema Cryptide, also Wesen, von denen Leute glauben, dass sie real sind. Von Big Foot, Nessie und Co.
  • Gods and Monsters: Eine Webseite zum Thema Mythologie, die unter anderem auch eine recht ausführliche Monsterliste beinhaltet.

Ich würde die Liste allerdings gerne ergänzen. Wenn ihr also weitere dazu passende Webseiten kennt, tweetet sie doch bitte an mich, ja?

Fazit

Ja, dieser Beitrag ist ein wenig anders, als die anderen Weltenbau-Beiträge, da ich weit mehr noch als sonst das „ist“ und das „was gibt es“ beschreibe – so wie auf die Probleme eingehe. Ich halte es in diesem Kontext allerdings für enorm wichtig das zu tun. Denn wie schon gesagt: Gerade Urban Fantasy hat dahingehend weiterhin ein wenig mit gewissen Formen des Zentrismus zu tun. Gleichzeitiig hat Urban Fantasy sehr selten eigene Arten von magischen Kreaturen, wenn eher eigene Interpretationen.

Für all diejenigen, die sich noch einen Beitrag zum Thema „eigene Kreaturen entwerfen“ wünschen: Dieser wird früher oder später auch kommen. Wie schnell entscheiden letzten Endes die Patreons!

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Das Beitragsbild wurde von Eric Lin aufgenommen und unter der CC2.0 Lizenz über Flickr zur Verfügung gestellt. (Wie immer wurde es zugeschnitten)