Ein Nachruf

CN: Tiertod, kranke Haustiere

Am Mittwoch war es soweit. Wir mussten uns von der letzten unserer Ratten verabschieden. Eigentlich wollte ich heute etwas über Patriarchismus schreiben – aber stattdessen schreibe ich einen Nachruf für unsere fünf. Speziell für die ersten und letzten unter ihnen. Victor und Vigora.

Plötzlich Ratteneltern

Unsere Karriere als Rattenversorger begann sehr plötzlich am 10. Mai 2017. Ich stieg gerade aus dem Bus an meiner damaligen Arbeitsstelle aus, als mir zwei kleine Körper auf dem Radweg gleich bei der Bushaltestellen. Tote Nagerbabys, wie ich dachte. Immerhin lagen die einfach da. Traurig. Ich wollte nicht, dass die dann jemand auch noch richtig platt fährt und wollte sie zur Seite packen, damit sie im Gebüsch verwesen konnten … als sich das eine Tier auf einmal mit den Vorderbeinchen aufstellte und sich zwei Zentimeter voranzog, schrie und wieder kollabierte. Da war also noch Leben. Ich berührte das andere Tier, das zumindest zuckte und kaum hörbar wimmerte.

Das war dann der Moment für Panik. Was mache ich mit den beiden. Sie waren sehr, sehr kalt und dehydriert. Was tun? Irgendwo muss es einen Tierarzt geben. Also Taschentuch geschnappt, die beiden vorsichtig eingewickelt (das lebendigere Tier war kein Fan davon) und zum nächsten Laden gelaufen. Gefragt. Die Leute dort gaben mir eine kleine Box, in die ich beide legen konnte und man verwies mich auf eine Praxis weiter die Straße runter.

Bevor ich die aber fand, fand ich einen Fressnapf. Die Dame da schaute die beiden an, fühlte. „Die sind aber kalt …“ Aber dankbarerweise war der Tierarzt direkt im Gebäude nebenan. Also dahin. Eigentlich war die Praxis nicht mal offen. Aber man hat die Ärztin gerufen. Und so wurden die beiden erst mal versorgt. Das lebendigere Tier trank sofort, als man es einmal aufgewärmt hatte. Das andere nicht so viel. Tierärztin rechnete diesem Tier nicht große Chancen zu. Dem anderen … vielleicht. Wir könnte es versuchen, sagte sie. Seien Ratten. Aber große Hoffnungen sollen wir uns nicht machen.

Die kleinen Babys von der Straße

Von Katzen- und Soyamilch

Die Tierärztin gab uns Pulver für Babykatzenmilch zu. Das benutzt man wohl traditionell auch für Kleintiere aus der Wildnis, da es nahe genug dran ist. Also einmal die Stunde, bald alle 2 Stunden die Babys mit der Spritze füttern. Bei beidem nicht so der Hit. Beim weniger lebendigen Tier allerdings noch weniger. Dessen Kot war dann auch komisch. Also … Freund Google bedienen. Es gäbe Tiere, sagte da eine Webseite, die vertragen die Katzenmilch nicht. Man solle eine bestimmte Babymilch nutzen – eine vegetarische auf Soyabasis – und da noch etwas Hafer druntermischen. Also probiert.

Und man höre und staune: Es ging. Unser kleiner Schwacher war auf einmal gierig am Essen und hat mal eben das eineinhalbfache weggemacht vom eigentlich üblichen. Aber gute Daumenregel bei den Babys: Solange geben, wie sie wollen. Wir nannten die beiden Vigor und Victor. Vigor, der Lebhafte, für das lebhafte Tier. Victor für den Schwachen, da ihm so wenig Chancen zugestanden wurden, dass er ein Sieger wäre, wenn er überlebte.

Aber ja, nach 4 Tagen öffneten die beiden ihre Augen, nach 7 Tagen fraßen sie selbstständig Vitalkraft-Pellets. Allerdings nur Vitalkraft. Nicht die gesünderen. Weil … Nun, sie wussten, was sie wollten. Allerdings gab es da auch noch ein anderes Problem: Während sich Vigor als Vigora herausstellte, war Victor ein Männchen und endeckte nach 11 Tagen, dass er ein paar Dinge probieren wollte. Also erst einmal die beiden trennen. Dankbarerweise bekamen wir über Ebay Kleinanzeigen 2 Käfige.

Die Auswilderungsfrage

Allerdings hatte Victor, auch wenn er überlebt hatte, ein paar andere Probleme: Seine Vorderzähne im Unterkiefer wuchsen, als sie richtig wuchsen, V-förmig, und mussten abgeschliffen werden. Sowas wie diese Getreidebällchen konnte er essen, aber ansonsten war seine Nahrung vornehmlich flüssig. Vielleicht dadurch, vielleicht aus anderen Gründen, hatte er auch mit Magen und Darm Probleme. Damit waren sich die Tierärztinnen recht sicher: Auswildern war mit ihm nicht. Vigora dagegen war kräftig und aktiv.

Das brachte zwei Probleme mit sich: Victor brauchte einen Kumpanen, damit er am Ende nicht allein wäre. Wir überlegten einen anderen Wilden oder Halbwilden zu nehmen, wobei es letzten Endes allgemein unmöglich schien ein Männchen im selben Alter zu finden – selbst eine Farbratte.

Vigora auszuwildern tat dagegen weh. Sie war so eine liebe. So eine zutrauliche. Vielleicht zu zutraulich. Aber Tierärzte sagten, es wäre das richtige. Also gaben wir sie einem Tierarzt zur Auswilderung. Und dann … bekamen wir nach ein paar Tagen einen Anruf, wir sollten sie abholen. Sie war nicht gegangen. Und als wir sie abholen kamen, quietschte sie so sehr, bis sie wieder bei mir war. Sie saß für den Rest des Tages auf meiner Schulter.

Vigora, nachdem sie sich für’s Bleiben entschieden hatte.

Farbratten

Damit war es klar: Victor und Vigora bleiben. Mit nur einem Problem: Victor wollte Babys machen, Vigora deutlich nicht. Also mussten die beiden getrennt bleiben. Unsere Tierärztin riet uns, Victor mit 8 Wochen dann kastrieren zu lassen – das frühste Datum, um es sicher zu machen. Doch damit die beiden nicht nur zu zweit waren, brauchte es mehr Ratten. Also suchte ich online nach Züchter*innen, die Tiere im etwa selben Alter hatten. Wir konnten sehr sicher sagen, dass die beiden am 1. Mai geboren waren. Also etwas um den Dreh.

Bei Bielefeld fanden wir dann eine Züchterin. Die hatte noch genau drei Ratten aus zwei Würfen. Eine vom 18. April, zwei vom 20. April. Wir wollten eigentlich nur zwei, doch wollte sie gerne diese drei zusammen weggeben, gab uns Nummero drei daher am Ende umsonst mit.

Also kamen drei Weibchen mit dazu, die sich erst einmal (durch Hasengitter geteilt) den größeren Käfig mit Vigora teilten. Wir spielten sie Vigora dann während der Spielzeiten vor. Dabei hat es allerdings nicht lang gebraucht, bis die drei Farbratten Vigora akzeptierten. Vigora war soweit zwar nicht begeistert von ihnen – aber nicht aggressiv.

Wir hatten dabei die großartige Idee die drei Ratten nach Charakteren aus „Der Schleier der Welt“ zu benennen: Kyra, Lilly und Luna. Nicht die beste Idee, denn leider hatten sie charakterlich gemeinsam. Vor allem Kyra … Roman-Kyra? Dickköpfig und hat ein Problem mit Authorität. Ratten-Kyra? Beschließt nach zwei Mal spielen, dass Vigora ihre Cheffin ist und wird freiwillig Vigoras Lakai. Roman-Lilly? Mütterlich, nach außen kühl, berechnend. Ratten-Lilly? Dauerverwirrt. Roman-Luna? Schwesterlich, aufgeschlossen, aber in Angst vor Ablehnung. Ratten-Luna? Eine elendige Diva, die immer 100% Aufmerksamkeit von ihren Menschen wollte.

Drei Farbratten während der Hitzewelle 2017. Von links nach rechts: Luna, Kyra (oder eher ihr Hintern) und Lilly.

Rudeldynamik

Unser kleines Rudel war dann durchaus ganz niedlich miteinander. Vigora hat sich relativ schnell als Cheffin des Rudels herausgestellt, obwohl sie ein Leichtgewicht war mit nur 340g. Warum? Nun, Vigora war eine intelligente Ratte. Nicht nur, dass sie herausgefunden hat, wie man verschiedene Käfige öffnet, sie hat auch Kämpfe mit ihrer Intelligenz gewonnen. Indem sie halt Physik in ihrem Vorteil genutzt hat und so etwaige Rangkämpfe für sich entscheiden konnte. Einzig Victor konnte gegen sie gewinnen – aber meistens hat er keine Lust auf Rangkämpfe gehabt und hat sie einfach machen lassen.

Luna hat versucht, die zweite im Kommando zu sein, wie gesagt, sie war eine Diva. Allerdings war sie einfach nicht so gut gewesen – was zwischenzeitlich teilweise echt dramatisch wurde, da sie dann versucht hat die anderen zu beißen, um dominant zu sein. Was leider auch dazu führte, dass andere zurückbissen. Dankbarerweise wurde es irgendwann etwas besser.

So oder so: Kyra war meistens die zweite im Kommando, da sie von Vigora lernte und außerdem dann von Vigora verteidigt wurde, da sie halt auch sonst alles für Vigora tat. Lilly und Luna waren immer etwa auf einem Level. Und wie gesagt: Victor bekam, was er wollte, stritt sich aber nicht darum. Außer es war Mais. Denn Mais war definitiv das beste für ihn.

Kyra und Vigora in einer Transportbox, während der Käfig gereinigt wird.

Lecker, lecker?

Wo wir bei Mais sind: Ich mag ein wenig über die Lieblingsessen der Rattis sprechen. Denn ja, da gab es einiges. Ja, wir wissen, dass Vitalkraft-Futter nicht super ist. (Für die, die es nicht wissen: Ja,Vitalkraft Futter hat keinen guten Ruf.) Allerdings waren es wenige der Pallets, die die Ratten gegessen haben. Denn ohne Witz: Alle anderen Pallets wurden ignoriert – da haben sie eher die Möbel angeknabbert. Sie bekamen dazu zwar anderes Futter, besseres, aber waren Pallets drin, wurden diese stehengelassen.

Auch was Frischfutter anging war ganz klar, was man mochte und was nicht. Große Hits: Mais (das beste überhaupt und eine der wenigen Sachen, wie man Medikamente in widerwillige Ratten tricksen kann), Erdnüsse, Hafer, ganze Dinkelkörner, Erbsen. Und natürlich der Klassiker: Joghurt. Unsere Ratten waren bereit viel für Joghurt zu tun – oder besser noch: Ein Joghurt-Erbsen-Mais-Smoothie. Ja, sobald ich einen Smoothie-Maker hatte entdeckten die Rattis diesen für sich.

Übrigens auch ein Geheimtipp: Die Knabbersachen (jedenfalls die, in denen keine für Ratten giftigen Sachen drin sind) von „Freche Freunde“. Eigentlich für Kinder, aber komplett auf natürlicher Basis und ein großer Hit bei unseren Ratten. Kein Wunder, es war viel auf Mais-Basis.

Mit dem Smoothie-Maker habe ich ihnen auch gerne im Sommer Eis gemacht. Halt Gemüse-Eis unterschiedlicher Natur. Ein Gemüse-Smoothie, vielleicht mit etwas Joghurt, angedickt mit Maismehl und geriebenen Nüssen. Ab und an mit ungezuckerter Erdnussbutter dazu. Ebenfalls ein Liebling unserer kleinen.

4 Ratten vs 1 Maissmoothie

Drei kranke Ratten

Was leider sich sehr fix andeutete, war, dass die Farbratten durchweg nicht besonders gesund waren. Lilly hatte direkt von Anfang an Probleme mit der Atmung und auch Kyra war immer viel am schniefen. Unsere Tierärztin gab ihnen etwas, was es erst einmal besser machte und dafür sorgte, dass es ihnen ganz gut ging. Immerhin ging es für sieben Monate so gut. Ehe es bei Luna und Lilly losging mit den Tumoren. Vor allem Luna hat es dahingehend schlimm erwischt. Alle paar Wochen hatte sie einen neuen und musste zum Tierarzt. Etwaige Kratzer und dergleichen, die sie in Kämpfen bekommen hatte, kamen dazu.

Lilly war allerdings die erste, die starb. Sie hatte einen Tumor am Hals, der gestreut hat und offenbar hinter ihrem Auge, vielleicht auch im Gehirn war. Dazu war ihr Atemwegsinfekt schlimmer geworden, weshalb die Tierärztin eine OP für zu gefährlich hielt, vor allem da sie eben einen Hirntumor vermutete. Deswegen mussten wir Lilly mit eineinhalb Jahren einschläfern.

Kyra starb an ihrem Atemwegsinfekt. Und im Februar von diesem Jahr hatte Luna dann einen Herzinfakt. Zumindest glaube ich das. Ich hatte mit ihr gerade gespielt, als sie sich auf einmal zusammenzuckte, einmal nach Luft schnappte und dann zusammenklappte – ohne Herzschlag.

Als es nur noch zwei waren

Am Ende waren wir also wieder mit Victor und Vigora allein. Den beiden ging es allerdings alles in allem ganz gut – abgesehen davon, dass Victor mittlerweile mehr oder weniger nackt war. Denn kurz bevor Lilly gestorben war, hatten wir durch ein neues Spielzeug wohl Milben in den Rattenstall bekommen. Und diese hatten Victor ganz böse erwischt. (Aus irgendeinem Grund war Vigora immun.) Bei den Farbratten schlugen die Medikamente dagegen an, aber bei Victor … bei ihm leider nicht. Und obwohl wir alles mögliche versucht haben und er einige Anti-Milbenbäder mit mir hat über sich ergehen lassen müssen … die Haare waren weg und wuchsen nicht nach. Und er entwickelte Neurodermitis danach, inklusive immer wieder offengekratzter Haut. Ansonsten war er allerdings weiterhin fit drauf.

Nun war da mit Victor in dieser Zeit beim Tierarzt nur ein Problem: Victor war bei mir handzahm. Aber nur bei mir. Ich durfte ihn annehmen. Ich durfte ihn baden (obwohl er es hasste). Ich durfte ihn überall streicheln. Ich durfte offene Wunden versorgen. Ich durfte ihm nach einer OP sogar Verband anlegen und wechseln. Aber niemand sonst. Nein. Auch keine Tierärztin. Schon gar keine Tierärztin. Weshalb leider viel bei ihm unter Narkose gemacht werden musste oder während ich ihn hielt. Er war dahingehend eigen. Und ja, er konnte böse, böse beißen. Wir hatten bei ihm auch im Notdienst schon Fälle von „Nun, man merkt, dass er wild ist.“ Und einen Moment später saß er auf meinem Arm und war die liebste, zahmste Ratte überhaupt, die nicht mal zuckte, als sie Spritzen bekam.

Letzteres galt übrigens auch – da allerdings durchweg – für Vigora. Vigora war die zahmste unserer fünf Ratten. Sie horchte aufs Wort, verstand scheinbar wirklich, was man von ihr wollte. Selbst bei der Tierärztin kam sie auf Zureden hin aus der Transportbox heraus. Sie war einfach die tollste.

Leider ging es am Ende auch mit den beiden zu Ende. Vigora hatte irgendwann auch den Atemwegsinfekt und hörte kurz nach meinem Geburtstag auf zu fressen. Sie war nur sehr apathisch und hockte nur noch in einer Ecke. Sie gehen zu lassen tat von allen Ratten am meisten weh. Auch weil Victor, als wir ohne sie die Tierarztpraxis verließen nach ihr quiekte.

Victor blieb am Ende noch ziemlich genau zwei Monate länger und wurde in der Zeit sogar gegenüber Sven noch einmal richtig zahm und verschmust. Diesen Mittwoch allerdings hatte auch er seinen Zusammenbruch, bekam auf einmal keine Luft mehr. Er hat die Fahrt zur Tierärztin in meinem Arm verbracht, wollte nicht loslassen.

Und jetzt steht da der Käfig noch immer dort, wo er die letzten drei Monate stand. Und jedes Mal, wenn ich hinsehe, vermisse ich die Nase, die sich ans Gitter presst, um um Leckerli zu betteln.

Daher ein Nachruf. Für Lilly, Luna und Kyra, für Victor und Vigora. Die besten Ratten, die wir je hatten.