Weltenbau 101: Urban Fantasy – Von Amerika und dem Rest der Welt

Kommen wir zum ersten Eintrag über Urban Fantasy Worldbuilding. Hier findet ihr eine Übersicht der Themen. Heute soll es darum gehen, wie es in unserer Welt gesamt aussieht, wenn wir Magier, Vampire, Werwölfe und weiß Gott noch was herumkriechen haben. Denn oftmals ist es etwas, das zwischen magischen Geschehnissen in einer bestimmten Stadt rasch untergeht. 

Wenn man eine mehr oder minder gegenwärtige Urban Fantasy Welt schreibt, sollte man nicht vergessen, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Dinge, die in einer Ecke der Welt geschehen können ihre Effekte auch in vollkommen anderen Ländern spürbar machen. Das gilt fraglos auch für etwaige magische Dinge. 

USA, USA, USA 

Wir dürfen bei Urban Fantasy nicht vergessen, dass es ein US amerikanisches Genre ist. Das heißt, es hat seinen Ursprung in den vereinigten Staaten, weshalb große Teile des Genres bis heute davon geprägt werden. Bis heute ist es selbst bei Büchern, die in anderen Ländern geschrieben werden, nicht selten so, dass sie in den US spielen – bevorzugt irgendeiner Großstadt. 

Der Ursprung vieler Bücher in den USA ist fraglos auch einer der Gründe, warum es oft so wenig Präsenz von anderen Ländern gibt. Denn ja, der Blick vieler Amerikaner ist sehr auf ihr Land gerichtet. 64% der Amerikaner haben die USA nie verlassen. Kein Wunder, sind doch alle Klimazonen im Land vertreten und daher wenig Anreize da, sich dem Zoll und anderen Unannehmlichkeiten des internationalen Flugverkehrs auszusetzen, wenn es nicht gerade der Job verlangt. (Von der sozialen Ungleichheit und dem daher für viele fehlenden Geld einmal abgesehen.) 

Bedenkt man außerdem, wie riesig und bevölkerungsreich die USA sind, ist es nicht sonderlich überraschend, dass in vielen US amerikanischen Urban Fantasy Reihen man wenig darüber erfährt, was sich außerhalb der Staaten abspielt. Es scheint erst einmal nicht wichtig – umso mehr, wenn man wirklich zu denen gehört, die das Land nicht verlassen haben. 

Die Sache mit den europäischen Monstern 

Nun fängt die Frage nach Worldbuilding schon mit einer bestimmten Grundlage an, sollte man sich für ein Setting in den USA entschieden haben. Und das ist die Frage, das sämtliche übliche Urban Fantasy Monster aus Europa kommen. Werwölfe und Vampire, wie wir sie in Urban Fantasy für gewöhnlich sehen entstammen mittel- und osteuropäischen Legenden, werden aber in einer deutlich vom Gaslight Horror Genre inspirierten Formen präsentiert. Fae, sollte es sie geben, bauen meistens auf britischen/gälischen Legenden und Shakespeare auf. Sollten Götter vorkommen, sind es auch meist europäische und sicher keine, die ihren Ursprung auf dem amerikanischen Kontinent sein. 

Das macht auch Sinn. Immerhin gilt es als extrem unschöne Sache, sollte man als Autor nicht selbst einem indigenen Stamm angehören, deren Legenden zu verwenden. Viele der Stämme sprechen sich sogar deutlich dagegen aus. Entsprechend sollte es sogar positiv bewertet werden, eher bei europäischen Legenden zu bleiben. Soweit also okay: Aber woher kommen diese Wesen dann? Während selbst der bei Vollmond zur Verwandlung gezwungene Werwolf heutzutage sicher seinen Reiseplan darum herum planen kann, was es früher schwerer. Der Vampir hat derweil bis heute mit Sonne oftmals ein Problem. Einen Flug so zu buchen, dass es zu keinem Zeitpunkt Sonne gibt, ist verflucht schwer. 

Sind diese Wesen schon immer dort gewesen? Dann kollidiert die eigene Geschichte schnell mit der Glaubwürdigkeit der Welt. Wenn sie schon immer da waren: Warum gibt es vor Ort keine Legenden. Sind die Wesen doch hergereist? In dem Fall braucht es eine gute Erklärung. Und natürlich sei dabei gesagt: Ja, es gibt Werke, die diese Erklärungen bieten! 

Magie – ein US-amerikanisches Phänomen? 

Ich muss offen zugeben: Wenn man sich das tausendste Video anschaut, dass irgendwo in den USA aufgenommen wurde und vermeintlich Geister, Aliens oder Bigfoot zeigt, kann der Eindruck schnell entstehen, dass es dort eben mehr von diesem gewissen Etwas gibt. Dabei lässt sich dann streiten, ob dieses gewisse Etwas Magie oder die Willigkeit der Menschen, Geistervideos zu fälschen und in natürliche Phänomene, etwas Paranormales hinein zu interpretieren, ist. 

So oder so: Ähnliches spiegelt sich auch hier in der Urban Fantasy wieder, wenn diese in den USA spielt. Denn viel wird nie über internationale Verhältnisse gesagt. Dies ist bei Einzelbänden durchaus verständlich, doch bei längeren Reihen kommt es oft seltsam herüber, wenn es in den USA einen magischen Krisenfall nach dem nächsten gibt, aber man nie von ähnlichen Fällen in anderen Ländern hört. 

Natürlich gilt dies durchaus auch für Geschichten, die anderswo angesiedelt sind. Doch zumindest innerhalb von Europa hört man von anderen europäischen Ländern. Sicher, Europa ist weit, weit kleiner, als die USA – doch ich denke, viel eher spielt hier mit hinein, dass es in Europa weit schwerer fällt, die Existenz anderer Länder zu ignorieren. 

Magische Bedrohungen und Landesgrenzen 

Ebenfalls auffällig ist, dass magische Bedrohungen oft innerhalb eines Landes bleiben. Die Charaktere müssen keine Landesgrenzen überschreiten und haben keine damit einhergehenden Probleme. Etwas, das natürlich ausgesprochen entgegenkommend ist. Doppelt, wenn alles in derselben Stadt und deren näheren Umgebung passiert aus irgendwelchen magischen Gründen. 

Zugegebenermaßen: Diese Sache wäre weder bei Geschichten, die in Europa, noch bei Geschichten, die innerhalb der USA spielen, ein Problem. Wie schon gesagt: Die USA ist groß. Etwas kann theoretisch (auch wenn das ebenfalls selten passiert) weit weg und doch innerhalb der Landesgrenzen sein. Ebenso ist es in der EU so, dass es selten schwer ist über die Grenzen zu kommen.  

Doch hier ist eben die Sache: Während andere Geschichten, gerade in der Fantasy, oftmals weltenumspannende Geschichten beschreiben, so ist Urban Fantasy sehr lokal. Bedrohungen scheinen sich nicht für das Leben außerhalb des Landes, ja, oftmals außerhalb der lokalen Region oder Stadt zu interessieren. Und warum wird nie beantwortet.  

Ein paar Reizfragen für internationalen Weltenbau 

Ihr kennt diese Beiträge mittlerweile wahrscheinlich. Wenn ich in dem Text eher Informationen oder Beobachtungen schreibe, gibt es eine Fragenliste, in der ich euch ein paar Reizfragen zum Bedenken für euren Weltenbau gebe. So auch hier. 

  • Wie ist die magische Struktur (Zusammenarbeit, etw. Geheimhaltung, Regelungen, Standards) vor Ort für deine Charaktere aufgebaut? Ist dies lokal oder staatlich geregelt? 
  • Inwieweit unterscheidet sich diese örtliche Regelung von der Internationalen? 
  • Gibt es internationale Möglichkeiten für Wesen mit besonderen Ansprüchen (bspw. Kein Sonnenlicht bei Vampiren) zu reisen? Wie funktioniert das? 
  • Wird kontrolliert, wie viele magische Wesen und/oder Magier sich in einem Land aufhalten? Braucht es besondere Voraussetzungen um als magisches Wesen/Magier reisen zu dürfen? 
  • Was passiert, wenn eine magische Bedrohung mehr als ein Land bedroht? Gibt es dafür Regelungen? 
  • Was beeinflusst die Art der Magie, die Menschen an verschiedenen Orten ausführen? Ist Magie überall gleich? Geht Magie auf dieselben oder unterschiedliche Rituale zurück? Was ist der Grund dafür? 
  • Gibt es unterschiedliche magische Wesen an unterschiedlichen Orten? Was beeinflusst das? 
  • Gibt es internationale Abkommen, was magische Dinge angeht? 
  • Wenn es Götter real gibt, sind diese in den Gebieten, in denen sie sich bewegen können, limitiert? 
  • Gibt es Möglichkeiten, schneller zu reisen, als mit üblichen mundanen Fortbewegungsmitteln? 
  • Unterscheiden sich Dinge, wie die Geheimhaltung, zwischen unterschiedlichen Ländern? 

Interessante Beispiele 

Was das Bearbeiten dieser Themen angeht, fallen mir zumindest drei Reihen ein, die ein wenig darauf eingehen.  

Die Sookie Stackhouse Reihe erwähnt zumindest ab und an, was im Rest der Welt passiert, wenn es um magische Dinge geht. So erfahren wir direkt am Anfang, wie verschiedene Länder das “Coming Out” der Vampire wahrgenommen haben und auch später gibt es hier und da Updates, wenngleich es deutlich mehr sein könnte. Allerdings wird auch die Frage nach den Reisen immer mal wieder aufgegriffen – nicht zuletzt auch, da mehrere große Städte der USA vorkommen. 

Im zweiten und dritten Band von The Arcadia Project spielen internationale Verhältnisse eine sehr große Rolle. Wir lernen hier einige Dinge über den internationalen Ablauf. Doppelter Bonus: Ja, hier gibt es Fae und vieles hat europäische Namen, es wird allerdings kanonisch erklärt, dass dies damit zu tun hat, dass die Briten es waren, die den Fae ihre Namen in Menschensprache gegeben haben. 

Zuletzt haben wir noch Rivers of London von Dan Aaronovich – eine Reihe, über die ich hier sonst nicht gesprochen habe, die sich allerdings einige Mühe mit internationalem Weltenbau gegeben hat, wie man vor allem später und in den Sidestories bemerkt. 

Fazit 

Ich verstehe absolut, dass Einzelbände keinen Platz für internationale Ereignisse haben, doch gerade bei längeren Reihen finde ich es oft schade, wenn sämtliche Handlung in den USA stattfindet und man nie von Ereignissen jenseits der US erfährt. Gerade im modernen, globalisierten Zeitalter wirkt es doch recht unglaubwürdig, dass manche Dinge so lokal gebunden sind – sofern es eben nicht mit lokalen Eigenschaften erklärt wird. Doppelt so, wenn man Themen, wie Geheimhaltung bedenkt. Doch zu dieser komme ich später. 

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