Mad Max Fury Road: Nux

Bevor wir mit dieser Reihe in die Juni-Pause gehen (da ich im Juni ausschließlich zu LGBTQ*/Minority-Themen bloggen werde), beenden wir die Charakterreihe mit Nux, dem letzten wichtigen Charakter des Films. Nux ist neben Max der einzige männliche Charakter, der positiv dargestellt wird und wahrscheinlich der Charakter mit der meisten Nuance. Allerdings auch der Charakter, zu dem ich am wenigsten sagen kann.

Wie immer: Ihr findet die Übersicht zu allen Mad Max Einträgen zusammen mit der Einleitung zur Reihe hier.

Halbleben

Nux beginnt den Film als War Boy. Als halb toter War Boy. Denn bei ihm ist das Wort „Halbleben“, das die War Boys nutzen, um sich selbst zu bezeichnen (im Versuch Valhalla näher zu sein), eine gute Beschreibung. Als wir ihn sehen, wird er zum „Organic Mechanic“, dem Mediziner der Zitadelle, gebracht, da er offenbar anämisch ist. Er braucht eine Bluttransfusion, wodurch Max überhaupt erst ins Spiel kommt. Durch den Dialog wird relativ klar: Nux hat so oder so nicht mehr lang zu leben.


Nux hat jedoch Glück – jedenfalls, wenn man ihn fragt. Denn genau zu dieser Zeit bemerkt Joe, dass seine Frauen verschwunden sind und setzt die Verfolgung an. Nux erwischt Slit dabei, wie er sich den Wagen schnappen will. Der darauffolgende Austausch der beiden macht vor allem zwei Sachen klar: Die Hierarchie der War Boys und Nux‘ Verzweifelung. Denn Nux will auf keinen Fall „weich“ sterben, was ihm den Zutritt zu Valhalla verwehren würde. Er muss an der Verfolgung teilnehmen und er muss dabei sterben. Im Kampf.

Die Tore zu Valhalla

Es folgt die Verfolgungsjagt und innerhalb der nächsten knapp 30 Minuten die drei Versuche von Nux nach Valhalla zu kommen: Im Kampf gegen die Buzzards, der von Max verhinderte Kamikaze Angriff im Sturm und zuletzt in der Mission für Joe, als er auf der War Rig ausrutscht.

Dabei dient Nux zu dieser Zeit vor allem dazu, uns einen Einblick in das Denken der War Boys zu geben. Für ihn ist eine beinahe eine Erleuchtung, dass Joe nur kurz in seine Richtung schaut. Gleichzeitig ist es etwas, das Slit ihm neidet, wenn wir seine Reaktion betrachten. Auch beim zweiten Versuch – den Versuch im Sturm – zeigt Nux sehr gut, wie er denkt. Denn hier haben wir die berühmte „What a lovely day“ Szene. Als Nux durch den Sturm fährt, sieht, wie andere War Boys sterben, sieht, dass er sterben kann, ist seine ehrliche und unironische Reaktion: „Was für ein wundervoller Tag!“ Das hier ist, wofür er lebt. Das da ist, wofür er sterben will.

Zuletzt haben wir dahingehend die Szene im Canyon und seine einzige wirkliche Interaktion mit Joe. Als die Verfolger vor dem gesprengten Canyon halten, kann Nux beweisen, dass er auf der War Rig war. Dafür lässt Joe ihn auf seinem Fahrzeug mitfahren. Als Nux ihm erzählt, dass Furiosa einen geheimen Zugang zur Rig eingerichtet hat, verspricht Joe ihm, ihn selbst nach Valhalla zu tragen. Dies bedeutet wahrscheinlich, dass er ihn selbst töten wird – offenbar eine große Ehre für die War Boys. Nux wird auf die War Rig gebracht, doch dann fällt er. Joe schenkt ihm ein „Mediocre“ und für eine Weile verschwindet für eine Weile aus dem Film.

Die Stille

Ja, ich habe zwei Szenen mit Nux ausgelassen. Die Szene um den Kampf mit Max und Furiosa und die Szene, in der er in die Fahrerkabine der Rig einbricht. Diese dienen vor allem dazu zu zeigen, wie ergeben Nux zu diesem Zeitpunkt der Ideologie Joes ist. Er hat kein Verständnis dafür, dass Max es ablehnt für Joe zu arbeiten. Ebensowenig hat er ein Verständnis dafür, dass die Frauen Joe entkommen wollen. Immerhin ist Joe für Nux ein Prophet, der ihnen ein besseres Leben ermöglicht.

Wirklich interessant wird es allerdings mit Nux, als Capable ihm während ihrer Nachtfahrt findet. Sie geht als Ausguck raus und bemerkt Nux erst, weil er selbstverletzendes Verhalten zeigt. Immer wieder schlägt er den Kopf gegen den Metallboden, ehe Capable ihn stoppt. Hier ist seine Reaktion interessant, denn er zeigt ihr gegenüber keinerlei Feindseligkeit. Der Grund wird im Dialog klar: In seinen Augen haben sich mit der Wertung Joes die Tore zu Valhalla für ihn für immer verschlossen. Er muss sich nicht länger beweisen, da es keinen Zweck mehr erfüllt.

Deshalb sehen wir hier Nux zum ersten Mal normal mit jemanden interagieren. Er weiß, dass er sterben wird und er fürchtet sich davor. Vor allem vor dem langsamen, weichen Tod. Sein Körper ist bereits von Tumoren zerfressen. Seine Halluzinationen, von denen er spricht, können für einen Hirntumor sprechen. Außerdem ist er krank, hat regelmäßige Fieberkrämpfe. Und das macht ihm Angst. Allerdings bietet Capable ihm etwas, das ihm soweit verwehrt wurde: Trost, Verständnis und Sanftheit.

Der War Boy will helfen

Von hier an geht es mit Nux Entwicklung sehr schnell. Als die War Rig bei der Verfolgung stecken bleibt, hilft er, indem er fährt. Außerdem kennt er sich mit der Maschine halbwegs aus, da er in der Reparatur in der Zitadelle gearbeitet hat. Also hilft er, die Maschine aus dem Sumpf zu bekommen. Da unsere Protagonistentruppe jede Hilfe brauchen kann, wird nach Capables Versprechen, dass er in Ordnung ist, nichts mehr hinterfragt. Er ist einfach Teil der Gruppe.

Was recht schnell klar wird: Zwischen Capable und Nux entwickeln sich relativ schnell Gefühle. Etwas, das eventuell zu fix zu sein scheint. Allerdings muss man auch bedenken: Beide haben soweit wenig Kontakt mit einem Mitglied des jeweiligen Geschlechts im selben Alter gehabt, das sie auch noch nett behandelt hat. Ist dies furchtbar heteronormativ? Jap. Gehen wir aber davon aus, das die beiden tatsächlich Hetero sind und bedenken dabei noch den „Suspended Bridge Effekt“, kann ich es mir durchaus vorstellen. Und sei da einfach nur der Wunsch nach dieser Art von Zuneigung.

Wir sehen die beiden in der Rig aneinandergekuschelt und auch später halten sie sich aneinander. Allerdings haben wir wenig Aktion von Nux in den kommenden Szenen, bis Max halt seinen Vorschlag bringt, zur Zitadelle zurückzufahren. Nux ist hier immerhin ein zentraler Teil des Plans. Er könnte vorgeben, die Frauen zurückzubringen. Sein einer Satz hier, ist interessant, da er eine direkte Antwort zu Max Dialog mit Furiosa in der Nacht zuvor ist. Max zuvor: „Hoffnung ist ein Fehler.“ Nux auf den Plan hin: „Ja, das fühlt sich wie Hoffnung an.“

Ein historischer Tod?

Nux Rolle ist – trotz wenig Dialog – in der letzten und längsten Actionsequenz interessant. Denn hier bilden er, Furiosa und Max ein Trio. Ich habe ja bereits darüber gesprochen, wie gut Max und Furiosa hier als Team funktionieren, doch auch Nux spielt eine große Rolle. Er übernimmt vor allem das, was die beiden gerade nicht können. So rettet er den beiden auch mehrfach das Leben. Dahingehend ist die interessanteste Stelle, als er Reperaturen unter der Rig durchführt. Max fällt beinahe runter, Furiosa fängt ihn, wird verletzt, kann ihn kaum noch halten, als Nux Max einen Tritt gibt, der es ihm erlaubt, auf die Rig des Menschenfressers aufzuspringen. Aber auch abseits dieser Szene ist Nux für viele kleine Aspekte im Kampf zuständig.

Sein großer Moment kommt jedoch natürlich später. Der Plan ist klar: Sie wollen nach Joes Tod den Canyon mit der War Rig versperren. An sich kein Problem, da sich die Rig jammen lässt. Nux ist am Steuer. Er will die Frauen, die überlebt haben, erst rüberspringen lassen, ehe er selbst folgt. Doch eine Sache hat niemand bedacht: Rictus hat überlebt. Gerade als Nux die Rig jammen will, springt Rictus auf die Kühlerhaube und zwingt Nux dazu zu bremsen, damit Rictus den Frauen nicht folgen kann.

Wir sehen die nächste Szene in Zeitlupe und aus Nux Perspektive, während die Musik wieder an den Sturm im ersten Akt erinnert. Da ist er wieder, Nux „wunderschöner Tag“. Was diese Inszenierung zeigt: Für ihn stehen die Tore zu Valhalla doch noch offen. Ein letztes Mal. Und er kann etwas wirklich historisches tun: Eine neue Ära garantieren. Sein Blick sucht den Capables. „Witness me!“ Capable antwortet mit dem Trauerzeichen der Vouvalini. Dann fährt Nux die Rig gegen die Canyonwand, opfert sich um den Frauen das Entkommen zu ermöglichen.

Wer ist Nux?

Widmen wir uns wie bei Max ganz kurz der Frage, wer Nux es ist. Denn er ist anders als Max kein Charakter, für den wir viel Hintergrund haben. Doch ein wenig etwas können wir anhand seines Designs, seines Verhaltens und seinem Dialog ableiten. Und dann gibt es auch noch den sehr kurzen Comic zu Nux, in dem wir erfahren, wie er zum War Boy wurde.

Schauen wir uns erst einmal sein Design an. Wie alle War Boys ist er sehr blass geschminkt. Seine Augen sind totenkopfhaft schwarz umschminkt. Seine Lippen sind – erneut um den Totenkopf hervorzuheben – vernarbt und zudem furchtbar trocken. Doch dann ist da noch seine Brust, die vernarbt ist. Diese Narben sind jedoch absichtlich gezogen worden, anstelle eines Tattoos. Sie stellen einen Motor dar. Einen V8. Wie bereits beschrieben: Joe hat einen Teil seiner Religion um diesen Motor gebaut.

Und dann haben wir halt Nux Verhalten: Er ist Joe ergeben. Er kennt in seinem bewussten Leben außerhalb von Joes Kult. Deswegen betet er Joe förmlich ab. Deswegen hinterfragt er nicht, bis er glaubt, dass es keine Zukunft für ihn im Kult gibt. Und was hat er sonst? Nur die Aussicht auf einen langsamen, grausamen Tod.

Dies sehen wir dann auch im Comic: Er war ein Waisenkind unter der Zitadelle. Als Kleinkind klammerte er sich an den Aufzug. Da er es schaffte sich den ganzen Aufstieg lang festzuhalten, bekam er eine Chance zum War Pup zu werden, obwohl er bereits sehr krank war. Dennoch hat er irgendwie bis in die späte Jugend gelebt, selbst wenn es da deutlich mit ihm zuende geht.

Warum muss Nux sterben?

Zuletzt müssen wir uns mit einer wichtigen Frage beschäftigen: Warum muss Nux sterben? Denn wie im Einleitungspost gesagt: Ein Kritikpunkt, den man ernsthaft beim Film nennen muss, ist es eben die Darstellung von kranken Menschen. Denn ja, bei den War Boys und Joe sind krank, körperlich behindert und böse. Das diese beiden Dinge dadurch gleichgesetzt werden, ist natürlich problematisch.

Nux ist das Gegenstück dazu. Er ist krank – wenngleich halt eben nicht so entstellt, wie viele der anderen War Boys – er ist ein War Boy, aber er ist dennoch bereit seine Einstellung zu überdenken und sich den Helden anzuschließen. Trotzdem stirbt er. Und ja, wenn man es kritisieren will, kann man hier leicht herausinterpretieren, dass der Film damit sagt, alle War Boys sterben müssen. Das ist ein Thema, auf das ich im späteren Beitrag über metaphorische Themen des Films eingehen will. Denn da kann man durchaus einen anderen Grund für das Ende und die Krankheiten finden.

Abseits davon jedoch, lässt sich das Argument machen, dass es für Nux dennoch sein Happy End ist. Es ist das Ende, das er den ganzen Film gesucht hat. Er wollte „historisch auf der Fury Road“ sterben. Und er stirbt historisch auf der Fury Road. Er ändert die Geschichte der Fury Road durch sein Opfer und entgeht dabei gleichzeitig dem langsamen, schmerzhaften Tod. Denn sehen wir es, wie es ist: Auf dem medizinischen Stand der Welt, wäre es wahrscheinlich unmöglich gewesen, ihn noch zu retten. Sich zu opfern für ein größeres Ziel war sein Wunsch als Charakter. Seine Charakterentwicklung beruht darauf, von einem Ziel, das ihm durch Gehirnwäsche eingepflanzt wurde, auf ein Ziel, an das er selbst glaubt, zu wechseln. Er stirbt nicht mehr (nur) für sich selbst, für seinen Platz in Valhalla, sondern um Menschen zu retten. Menschen, die er vielleicht noch nicht sehr lange kennt, aber zu denen er eine Verbindung hat.

Fazit

Nux ist von den benannten Charakteren eher flach in Sachen seines Charakters gehalten. Er hat kein so umfangreiches Arc wie Max oder Furiosa, spielt aber doch eine wichtige Rolle. Denn gerade er zeigt, dass jemand, der komplett einem Kult verfallen ist, soweit, dass er richtig und falsch nicht unterscheiden kann, durchaus noch gerettet werden kann. Er, als Charakter, ist ein Zeichen der Hoffnung.

Es sei allerdings genau so gesagt, dass es auf Basis von den symbolischen Ebenen des Films noch weitaus interessanter ist, ihn als Charakter zu interpretieren. Versprochen. Denn da, ja, da haben er und Max noch eine ganz besondere Aufgabe!

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