Charakterbeschreibungen – mit oder ohne Spiegel?

Ich drehte mich um und sah in den Spiegel. Ich sah noch immer sehr durchschnittlich aus. Mein Gesicht war schmal und unauffällig, einzig meine violetten Augen stachen daraus hervor …“ Na ja, ihr wisst, worauf ich hinauswill, oder? Denn wir alle kennen sie: Die Spiegelszene. Und beinahe immer entsteht sie aus einem Grund …

Der Fluch der Charakterbeschreibungen

Schnell, was hassen viele Autor*innen am allermeisten? Ja, okay. Exposé schreiben. Stimmt. Okay, was hassen sie am zweitmeisten? Eben das. Oftmals sind es die Charakterbeschreibungen – doppelt, wenn es sich um den Hauptcharakter oder Point of View Charakter handelt. Denn wie oft denkt so eine Person schon darüber nach, wie si*er eigentlich aussieht?

Daraus entsteht sie immer wieder. Die Spiegelszene, die gerade in Young Adult Romanen ein Trope ist. Sie läuft immer ähnlich ab. Aus irgendeinem Grund starrt di*er Protagonist*in lange in den Spiegel und nimmt dabei Details des eigenen Aussehens wahr, die dann in aller Ausführlichkeit der*m Leser*in mitgeteilt werden.

Doch selbst bei anderen Charakteren ist es nicht immer so leicht. Wie viel Detail ist angemessen? Wie viel kann sich di*er Leser*in überhaupt merken? Und was sagt man mit bestimmten Charakterbeschreibungen überhaupt aus? Hier fünf Tipps zum Thema Charakterbeschreibungen.

Der Sinn und Unsinn der Spiegelszene

Fangen wir mit dem größten Thema an: Di*er Protagonist*in muss beschrieben werden, auch wenn die Geschichte aus der etwaigen Perspektive geschrieben ist. Wie kann man dies angehen? Sollte man vielleicht doch auf die Spiegelszene zurückfallen?

Nun. Prinzipiell halt ich die Spiegelszene gar nicht für so schlimm, wie ihren Ruf. Jedoch hat sie oft das Problem, dass sie weder zum Szenario, noch zum Charakter passt. Denn es gibt zwei Voraussetzungen, unter denen diese Spiegelszene recht glaubwürdig ist. Erstens: Di*er Protagonist*in ist einfach in einer Situation, in der es für sie*ihn Sinn ergibt, sich lange im Spiegel anzustarren. Vielleicht macht si*er gerade das Make-Up, vielleicht gibt es auch eine Verletzung oder Veränderung, die einen guten Grund dafür geben, sich mal im Spiegel zu betrachten.

Ein anderer Grund kann einfach sein, dass der Charakter sehr auf das eigene Äußere achtet. Sei es weil si*er sehr zufrieden oder sehr unzufrieden damit ist. Dann gibt es auch genug Möglichkeiten, sich selbst im Spiegel zu betrachten – was dabei den Charakter noch zusätzlich charakterisiert.

Das Problem in vielen der Young Adult Romane, die den Trope verwenden, ist halt nur, dass es oft die Protagonistinnen sind, die (angeblich) nichts auf ihr Äußeres geben und natürlich kein Make-Up tragen, die diese Szenen bekommen. Und da wirkt es nun einmal schnell unglaubwürdig.

Beschreibung über Vergleiche

Bleiben wir bei einer Möglichkeit, die helfen kann die Perspektivenfigur zu beschreiben, aber aber nützlich ist, um mehrere neue Charaktere zu beschreiben, ohne gleich zwei Seiten damit zu verbringen. Und das sind Vergleiche.

Um den Perspektivencharakter zu beschreiben, kann man an einer Stelle, an der ein neuer Charakter vorkommt, einzelne Vergleiche streuen. Sei es, weil der Perspektivencharakter der Person ähnlich ist oder genau das Gegenteil der Fall ist. Im Notfall muss es nicht einmal eine wirklich handelnde Figur sein. Und wenn sich der Protagonist (oder wessen Perspektive die Geschichte auch sonst annimmt) mit einer fiktionalen Figur oder einem Star vergleicht. Es ist eine Möglichkeit ein wenig zu beschreiben, ohne dass jemand in den Spiegel starrt oder ganz ohne Grund über das eigene Aussehen philosophiert.

Ebenso können Vergleiche zwischen verschiedenen Charakteren auch nützlich sein, um mehrere Charakterbeschreibungen auf einmal zu machen. Damit meine ich keine wertenden Vergleiche, sondern: „Jonas‘ Haar war deutlich widerspenstiger, als das von Markus.“ Das macht es kürzer – hat natürlich aber auch Potential, dass es den Leser verwirrt.

Die vielen Kleinigkeiten

Eine weitere Sache, die Leser*innen bei Charakterbeschreibungen stören können, ist die Tatsache, dass diese oftmals auf einmal kommen können. Wir kennen es: Der Charakter taucht auf, wir bekommen eine ausführliche Beschreibung, danach wird das Aussehen erst dann wieder erwähnt, wenn es relevant ist. Gerade wenn an einer Stelle jedoch mehrere Charaktere – von denen nicht einmal alle gleich wichtig sind – vorgestellt werden, kann dies schnell erschlagend wirken. Noch dazu ist es sehr schwer für einen Charakter, sich alles zu merken.

Das ganze kann man ein wenig umgehen, indem man immer einmal wieder Kleinigkeiten einbringt – auch wiederholend, solange nicht übertrieben – über das Aussehen der Charaktere. Dies kann auch fließend passieren und macht es öfter auch leichter, den eigenen Charakter zu beschreiben. Vielleicht fällt dem Charakter ja wieder eine Strähne des eigenen widerspenstigen Haares ins Gesicht oder ihnen fällt mal wieder auf, wie unglaublich blass sie sind o.ä. Dasselbe natürlich auch bei anderen Figuren.

Dieses Vorgehen hat in meinen Augen zwei Vorteile: Erstens erschlägt es den Leser nicht, zweitens wirkt es natürlicher. Denn sehr detaillierte Beschreibungen beim ersten Treffen wirken oft unnatürlich. So viel fällt den wenigsten Leuten das erste Mal an jemand anderen auf. Stattdessen werden Auffälligkeiten und ein genereller Eindruck verortet. Andere Details fallen nach und nach auf, wenn man mit den Personen interagiert.

Wahrnehmung anderer Personen

Solange wir bei einer perspektivischen Beschreibung bleiben: Was fällt am ehesten an einem Charakter auf? Nun, meistens eben Dinge, die besonders ins Auge stechen. Außergewöhnliche Haarfarben, Narben, außergewöhnliche Größe, Tattoos, Piercings und Dinge, die sonst von der Erwartung abweichen. Gibt es etwas Außergewöhnliches, so wird dies ins Auge fallen. Danach werden allgemeine Dinge verortet. Meistens Größe, Körperform, Haarfarbe und oft eine persönliche Einordnung des Gesichts.

Diese Details kann man auch immer wieder sehen, wenn es um Dinge wie Zeugenaussagen bei der Polizei oder dergleichen geht. Denn das sind am ehesten Elemente, die wahrgenommen werden – wenngleich auch hier der Eindruck trügen kann. Je nach Ausstrahlung, Körperhaltung und Kleidung kann es sein, dass man Fremde größter, kleiner, dünner, dicker oder muskulöser wahrnimmt, als sie eigentlich sind.

Das bringt mich auch zu einem Aspekt, dessen man sich klar werden muss: Die Beschreibung durch die Augen eines Charakters muss nicht akkurat sein. Sie sagt außerdem etwas über die Figur und ihre Welt aus. Denn es kann durchaus sein, dass ein Charakter sich immer wieder an bestimmten Elementen aufhängt (bspw. der Modedesigner, der kaum das Gesicht, dafür jede Naht der Kleidung wahrnimmt) oder Dinge anders wahrnimmt. Genau so kann es sein, dass bestimmte Standards in einer Welt die Prioritäten in einer solchen Beschreibung verändern können. Nehmen wir an, man kann bestimmte Dinge nur an den Augen erkennen: Auf einmal würden Personen mehr auf die Augen achten, als sie es in unserer Welt tun. (Pro-Tipp: Augenfarben werden selten wahrgenommen – auch weil es vielen Menschen unangenehm ist anderen längere Zeit in die Augen zu schauen.)

Wertende Beschreibungen

In dem Sinne möchte ich zuletzt eine andere Sache ansprechen, da ich vor kurzem mich darüber unterhalten habe: Viele Personen bewerten andere, wenn sie sie betrachten. Das ist normal. Wir schreiben aufgrund vom Aussehen ggf. Eigenschaften zu. Aber vor allem denken wir auch: „Woooah, die Person ist hübsch/sexy/attraktiv“ oder eben das Gegenteil in einigen Fällen. Das ist natürlich. Das ist glaubwürdig. Aber das kann auch für den Leser ein Problem sein.

In dem Fall, über den das Gespräch handelte, traf der Ich-Erzähler einen jungen Mann und fing die Beschreibung mit „Er war sehr attraktiv“ an, ehe er sie zwei Dialog-Absätze später fortsetzte. Da gab es nur ein Problem: Jede*r Leser*in hat eine eigene Vorstellung von „attraktiv“, die weder mit dem übereinstimmen muss, was in der Welt attraktiv gilt, noch mit den Vorstellungen des Charakters. Das kann dazu führen, dass das Wort „attraktiv“ im Kopf der*s Leser*in direkt ein Bild entsteht, dass von der Beschreibung abweicht. Umso mehr, wenn vorher nicht etabliert wurde, was der Charakter eigentlich so als „attraktiv“ empfindet.

Entsprechend: Ja, es ist natürlich. Aber es ist ein Aspekt über dessen Folgen man sich bewusst sein sollte.

Zum Abschluss

Ich gebe offen zu: Ich halte mich selbst nicht für sehr gut darin, Charaktere zu beschreiben. Zwar weiß ich, wann und wo ich es machen sollte, jedoch fühlt es sich dann doch nicht richtig an – einfach aus dem Grund, dass manche Charaktere nicht wirklich über ihr Aussehen nachdenken oder über das von Menschen, mit denen sie tagtäglich interagieren.

Worin ich jedoch Zuflucht finde: Die Leser werden sich ohnehin ein eigenes Bild der Charaktere bilden. Ja, das ist manchmal ärgerlich (gerade da diese Bilder oft von visuellen Medien inspiriert und dadurch nicht selten „normschön“ sein werden), aber es lässt sich nicht vermeiden, sofern man nicht alle paar Seiten das Aussehen ins Gedächtnis rufen will. Das ist leider nun einmal so.

Und wenn man das Aussehen zu oft in Erinnerung ruft, nervt es auch schnell. Spezifisch, wenn es Aspekte sind, die man schwer vergisst, da sie mit dem Charakter verbunden sind. Das hat mehr als einmal dazu geführt, dass ich ein Buch zur Seite gelegt habe.

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