Warum ich Digimon Tamers liebe!

Gestern ging es um das Digimon Franchise als ganzes. Heute möchte ich über einen bestimmten Aspekt des Franchises oder viel mehr eine bestimmte Staffel sprechen: Digimon Tamers. Die dritte Staffel von Digimon und mein ganz persönlicher Favorit. Und ja, darüber möchte ich heute reden: Warum Digimon Tamers mein Favorit ist, was die Serie in meinen Augen zur besten Digimon Staffel macht und warum sie mir bis heute viel bedeutet.

CN: Kindesmissbrauch, Depression

Was ist Digimon Tamers?

Digimon Tamers ist, wie ihr wahrscheinlich wisst, die dritte Staffel von Digimon und hat eine gewisse Sonderstellung. Weil es damals die erste Staffel, die nichts mit Adventure zu tun hatte, war. Weil die Serie zwischenzeitlich sehr düster war. Und weil der Autor der Serie Chiaki J. Konaka war, der normalerweise eher für seine Thriller, Horrorgeschichten und Cyberpunk-Konzepte bekannt ist. Alles Dinge, die man in Digimon Tamers merkt.

Digimon Tamers spielt in einer Welt, in der es das Digimon Franchise gibt. Die Kinder in dieser Welt kennen Digimon-Spielzeuge, kennen wahrscheinlich auch den Anime und spielen mit Digimon-Karten. Deshalb schaut Takato nicht schlecht, als eine seltsame blaue Karte ein Spielzeug in ein echtes Digivice verwandelt und aus diesem sein selbst erfundenes Digimon – Guilmon – geboren wird. Doch Guilmon ist nicht das einzige Digimon in Tokyo und Takato nicht der einzige Tamer. Tatsächlich scheinen die Digimon mehr und mehr eine Gefahr für die reale Welt zu werden, weshalb sich auch die Regierung in die Vorfälle einmischt.

Was macht Tamers so anders?

Es gibt diverse Dinge, die Digimon Tamers von den anderen Digimon Serien unterscheiden. Da ist zum einen die Menge an benannten Charakteren, von denen ein nicht unerheblicher Teil sogar erwachsen ist. Da ist auch die Tatsache, dass beinahe alle Ereignisse der Serie pseudowissenschaftlich erklärt werden – die Serie damit deutlich mehr SciFi als Fantasy ist. Da ist ebenso der große Fokus auf die reale Welt, die alles mögliche, was man realistisch dort erwarten könnte enthält. Und da ist natürlich auch der Aspekt, dass Digimon hier wirklich endgültig sterben können und dies genutzt wird, um einige ernstere Themen zu behandeln.

Anders gesagt: Die Serie war damals ein recht großer Bruch von Digimon Adventure und 02, die beide vielleicht ernster, als die damalige Pokémon-Serie, alles in allem aber doch eher locker, lustig und eben eher abenteuerfokussiert waren. Das war fraglos für einige damals ein enormer Schock, gerade wenn man nicht an Serien gewohnt war, die einfach eine neue Staffel mit komplett neuer Story haben.

Die Tatsache, dass der Soundtrack sich ebenfalls stark verändert hat, man bzgl. der Animation deutlich den Einfluss des zweiten Studios (Sakura Tri) sehen konnte, hat diesen Bruch sicher nicht angenehmer gemacht.

Aber selbst wenn man Digimon Tamers mit den später kommenden Staffeln vergleicht, ist die Serie in so vielerlei Hinsicht sehr anders – und das nicht nur wegen den erwachsenen Figuren.

Cyberpunk-esque

Digimon Tamers mag nicht wirklich Cyberpunk sein, aber die Serie ist Cyberpunk-esque. Das heißt in vielerlei Hinsicht wurde sich an Themen bedient, die man in Cyberpunk häufig findet und man sieht entsprechende Einflüsse. Das fängt damit an, dass die Regierung am Anfang das Netz überwacht in einer Organisation, die einer SIGINT Unit nachempfunden ist. Darüber haben diese auch enorme Informationen über die Charaktere – weil sie eben das Netz überwachen. Und gerade dieser Überwachungsaspekt und die damit zusammenhängende Frage nach Verantwortung ist ein Konzept, das wir häufig in Cyberpunk wiederfinden.

Stärker aber noch haben wir das Thema darin, wie die Digimon erschaffen wurden. Denn die Digimon haben einen konkreten Anfang, wurden wirklich von Programmierern erschaffen, haben sich danach jedoch verselbstständigt. Selbst wenn das Thema nur zwischenzeitlich kurz im Vordergrund steht, beschäftigt sich die Serie dahingehend durchaus mit den philosophischen Fragen rund um das Thema: „Ist etwas weniger lebendig, weil es künstlich erschaffen wurde“ und „Gibt es Individualität, wenn diese replizierbar ist?“

Und auch in der Ästhetik finden sich natürlich einige Anlehnungen an Cyberpunk. Besonders die digitale Welt ist visuell unter anderem an TRON angelehnt, aber auch an die Beschreibungen anderer Cyberpunk-Klassiker, wie Neuromancer.

Dichte Handlung

Was allerdings Digimon Tamers mit am meisten von den anderen Serien unterscheidet, ist wohl, wie dicht die Handlung aufgebaut hat. Die Serie hat kaum nennenswerte Fillerfolge, da beinahe jede Folge entweder wichtige Charakterentwicklung beinhaltet oder wichtige Plotinformationen. Das geht soweit, dass viele der Folgen nahtlos aneinander anknüpfen – nicht selten mit Cliffhanger – was für mich beim Schauen einen starken Kontrast bildet, da praktisch alle anderen Digimon-Staffeln abgesehen von Arc-Finalen in sich mehr oder minder geschlossene Folgen haben, die zwar lose Verbunden sind, nicht aber in einander überfließen.

Diese Folgen enthalten dazu nicht einmal alle Kämpfe. Tatsächlich ist Digimon Tamers nachwievor die einzige Digimon-Staffel, die Folgen beinhaltet, in denen es weder Kämpfe, noch sonstwie gelöste Konflikte zwischen Digimon gibt, so dass die Charaktere stattdessen einfach in der Welt existieren.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist natürlich, das der Plot von Tamers mehr als Mystery, denn als Abenteuer aufgebaut ist. Ja, sicher, es ist für die Figuren ein Abenteuer, aber im Zentrum steht immer ein Mystery. Also offene Fragen, die versucht werden zu beantworten. Das gibt der Serie eine sehr andere Stimmung, die sich auch im Soundtrack und der visuellen Darstellung wiederspiegelt.

Gleichzeitig ist es jedoch ein Aspekt, warum ich die Serie so gerne mag. Denn es erhöht für mich den Rewatch-Wert. Es gibt einfach immer wieder neue Details zu entdecken. Auch verändert sich bei jedem Rewatch der Kontext zu diversen politischen Aspekten ein wenig – bzgl. gerade dem, wie die Regierung mit der Handlung interagiert.

Die Charaktere

Die größte Liebe in Digimon Tamers sind für mich allerdings die Charaktere. Ich liebe beinahe jeden von ihn – also jeden, bis auf Akiyama Ryou, da ich seine Darstellung im Vergleich zu den Wonderswan Spielen einfach nicht mag. Aber ich liebe es so, das beinahe jeder Charakter ein eigenes Arc hat. Die Tamer, die Digimon, aber auch viele der erwachsenen Figuren. Yamaki hat ein Arc. Reika hat ein Arc. Janyuu hat ein Arc. Takatos Mutter hat ein Arc. Dahingehend wurde wirklich sehr viel gemacht – und das auch auf eine Art, das man einiges erst später wertzuschätzen lernt.

Als ich ein Kind war, hat es mich tatsächlich sehr fasziniert mit Yamaki einen erwachsenen Charakter zu haben, der so viel Tiefgang hat. Das kannte ich aus Serien seinerzeit nicht. Deswegen hatte ich zu ihm immer schon eine sehr besondere Beziehung. Aber auch die anderen erwachsenen Figuren waren spannend – umso mehr, da diese etwas internationaler waren und auch ein paar Themen beigebracht haben, die man normal nicht in solchen Serien sah.

Besonders aber finde ich es schön, dass wir sehen, wie die Tamer mit ihren Familien interagieren. Das ist etwas, das mir so ziemlich in jeder anderen Digimon-Staffel zu kurz kam, das ich jedoch gerade bei Kindern für wichtig ansehe. Denn für Kinder sind die Familien wichtig. Und so liebe ich die Entwicklung der Beziehung von Takato zu seiner Mutter, das Drama zwischen Jenrya und Janyuu, Ruki und ihr Versuch die eigene Weiblichkeit zu definieren, und, ja, auch die Thematisierung von Vernachlässigung bei Juri.

Juri, D-Reaper und Depression

Damit kommen wir zu einer der Sachen, die ich erst im Erwachsenenalter zu schätzen gelernt habe: Der Umgang mit Juri Kato und ihrer Depression. Denn das ist etwas, woran sich wenige Kinderserien je trauen.

Vielleicht eine kleine Spoilerwarnung für diejenigen, die die Serie noch nicht gesehen haben, bis zum Ende dieses Abschnitts. Okay? Okay.

Juri taucht in der ersten Hälfte der Serie als sehr unbesorgtes Mädchen auf. Ja, sie findet die Digimon niedlich. Ja, sie jagt Leomon hinterher und will seine Prinzessin sein. Aber sie wirkt sehr unschuldig und positiv. Als die Charaktere in die digitale Welt gehen, merkt man jedoch, das sie etwas bedrückt – und dann haben wir das Beelzebumon-Finale und Leomon stirbt. Und auf einmal hat sie ihren Zusammenbruch.

Denn Juri hat PTBS und das sehr ausgeprägt. Leomons Tod war gleichzeitig Trigger und neues Trauma – eine Kombination, die sie mental zusammenbrechen lässt. Und auch wenn ich es als Kind nicht verstanden habe, sehe ich mittlerweile, dass genau das letzten Endes der Kern des letzten Arcs ist. Das D-Reaper Arc handelt nicht zuletzt zentral davon, Juris Trauma zu verstehen und sie dazu zu bringen, sich helfen zu lassen. Mehr noch: Die D-Reaper Agenten stellen verschiedene Aspekte der Depression, die aus dem Trauma entstanden ist, dar. (Dies ist bei der Kugel, die verhindert, dass die anderen zu ihr kommen, und Agent 01, aka „böse Juri“ denke ich am offensichtlichsten.)

Allgemein ist Juri ein sehr interessanter Charakter und es lohnt sich so sehr, sich ein Rewatch zu gönnen, um die Serie aus ihrer Perspektive zu verfolgen.

Was die Serie für mich besonders macht

Was Digimon Tamers für mich besonders macht, ist allen anderen Dingen voraus allerdings eins: Die Charaktere waren nicht auserwählt. Die Charaktere haben sich selbst entschieden, Digimon Tamer zu werden. Bis Tamers herauskam, war es für mich gänzlich normal, das Held*innen von Geschichten entweder wiedergeborene ehemalige Held*innen oder von einer höheren Macht auserwählt waren. Das hat mich damals sehr viel darüber reflektieren lassen, wie Geschichten geschrieben werden – und darüber, dass es besser ist, die Helden selbst entscheiden zu lassen, da sie so mehr „Agency“ haben.

Ein anderer Faktor für mich ist aber auch, dass Digimon Tamers für mich ein wichtiger Anstoß war, mich mit dem „Wie“ des Schreibens auseinander zu setzen. Denn Konaka war damals – anders als viele anderen Autor*innen – bereits Online und zugänglich. Und er hat über das Schreiben gebloggt. Was auch dazu führte, das ich erst gelernt habe, wie man in Japan schreibt, ehe ich halt westliche Standards wirklich beigebracht bekommen habe.

Fanserien

Was für mich allerdings natürlich auch ein wichtiger Faktor ist, sind die Fanserien, die ich selbst dazu geschrieben habe. Wer mich schon etwas länger kennt, weiß von ihnen: Digimon Alpha Generation und Digimon Battle Generation. Zwei Geschichten mit je über 50 Kapiteln in denen in Digimon Tamers fortsetze und die für mich eine wichtige Übung zum Schreiben waren – die mich auch zu dem Autor* gemacht haben, dier ich heute bin. Und natürlich haben sie mich nebenbei 10 Jahre lang begleitet.

Ihr findet die Geschichten samt dazugehörigen Kurzgeschichten und Timeline übrigens auf Animexx – und nur auf Animexx.

Daher erlaubt mir kurz, sie euch vorzustellen:

Digimon Alpha Generation

Sieben Jahre nachdem Takato Guilmon bekam, erhält der Teenager Yuki Denrei eine Einladung zu einem Kartenspiel. Das Ganze wird schnell gruselig, als das Mädchen, das sich mit ihm trifft, ein reales Digimon vor seinen Augen beschwört. Auch vor Denrei taucht ein Digimon auf – Dracomon – das ihn beschützt. Bald muss er feststellen, das er nicht der einzige Tamer in Tokyo ist und das es Dinge aus seiner Kindheit gibt, die er offenbar gänzlich vergessen hat.

Digimon Alpha Generation habe ich mit damals gerade einmal 19 Jahren angefangen zu schreiben und an vielen Stellen merkt man es. Gerade Denrei als Figur ist oftmals sehr melodramatisch drauf und auch ein wenig ein Arschloch – ohne, das dies in der Geschichte reflektiert wird. Die Idee kam damals über das Card Game Alpha, das leider nicht sehr lange fortgesetzt wurde – und der Frage, was wäre, würde es für die neuen Karten neue Digivices geben.

Auch wenn man der Geschichte allerdings das Alter anmerkt – und dass ich ein paar Aspekte von Tamers damals noch sehr anders verstanden habe als heute – hängt dennoch sehr viel Herzblut darin. Gerade in den Charakteren.

Digimon Battle Generation

Takato und Guilmon sind nun seit zehn Jahren Partner. Die Grenzen zwischen der realen und der digitalen Welt sind so dünn, wie noch nie. Digimon sind offiziell in der realen Welt anerkannt, auch wenn verschiedene Länder sehr unterschiedliche Politik dahingehend führen. Alles scheint perfekt, bis Takato von einem illegalen Turnier zwischen Tamern erfährt. Einem Turnier, in dem Tamer die Partner anderer Tamer töten. Bald muss er sich eingestehen, dass seine vermeintliche Utopie viele Gefahren birgt und es nur eine Frage der Zeit ist, bis alles zusammenfällt.

Battle Generation setzt noch einmal drei Jahre nach Alpha Generation ein und ist vom Konzept her weitaus philosophischer aufgebaut, als Alpha Generation, dessen Vorkenntnis auch nicht zwingend notwendig ist. Es gibt hier weitaus weniger Kämpfe, als man es von Digimon erwarten würde – da ich hier mehr Spaß mit verschiedenen Konzepten hatte, zu denen Digimon Tamers einlädt. Ich meine: Fun Fact. Digimon Tamers ist die einzige Staffel, die auch im japanischen den Ausdruck „reale Welt“ verwendet. Alle anderen nutzen „Welt der Menschen“. Dabei ist es schon seltsam, das gerade Digimon Tamers dazu einlädt zu hinterfragen, wie „real“ die „reale“ Welt doch ist …

Kurzum

Digimon Tamers ist meine liebste Digimon-Staffel. Mehr noch: Digimon Tamers gehört zu meinen liebsten Anime überhaupt. Die Serie hat einen sehr besonderen Platz und schafft es dabei auch trotz des Alters in vielerlei Hinsicht zu überzeugen. Immerhin ist nicht nur die Story und Handlung großartig, sondern auch die Rollenbilder ihrer Zeit um einige Jahre voraus.

Insofern kann ich euch wirklich nur sagen: Habt ihr die Serie noch nie gesehen? Dann schaut sie euch einmal an! Ihr werdet es nicht bereuen! Alpakagarantie! Habt ihr die Serie nur in der Kinderheit/Jugend gesehen? Seht sie euch noch einmal an. Solltet ihr sie damals nicht gemocht haben, werdet ihr wahrscheinlich positiv überrascht. Sollte sie euch damals gefallen haben, seit einfach froh, dass es etwas Nostalgisches gibt, das sich im Nachhinein nicht als super problematisch herausstellt.

Digimon Tamers ist eine tolle Serie, die gerade aufgrund ihrer Position als Teil eines Franchises – und Bruch in diesem Franchise – leider nicht die Liebe bekommt, die sie verdient. Und Liebe verdient diese Serie für so viele Aspekte.

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