Solarpunk: Konflikte für die Utopie

Seit ich angefangen habe, auf Twitter über Solarpunk zu posten, bekomme ich immer wieder diesele Frage gestellt: „Aber wenn Solarpunk doch eine Utopie ist, was für Geschichten will man dann erzählen? Was ist denn der Konflikt?“ Und darum soll es heute gehen. Also: Lasst uns darüber sprechen.

Was ist eine Utopie?

Wenn wir uns den Weltenbau von Solarpunk ansehen, können wir feststellen: Solarpunk strebt in der Regel an, eine Utopie zu sein. Es gibt ein paar Ausnahmen, über die wir später in diesem Beitrag noch sprechen werden, aber ja, wenn wir idealistisches Solarpunk betrachten, ist es in der Regel eine Utopie.

Natürlich sollte man sagen, dass das Wort „Utopie“ vielleicht nicht das richtige ist, um Solarpunk zu beschreiben. Denn Utopie kommt aus dem griechischen und wird übersetzt zu „kein Ort“, im Sinne von „kein Ort, der wirklich existieren kann“. Aber alle der Aspekte, die Solarpunk fordert sind zumindest in der Theorie möglich und werden aktuell nur vom System des Kapitalismus verhindert.

Klassisch sind Utopien Vorstellungen eines Ausgangs unserer Welt, in der „alle“ Probleme oder zumindest ein sehr zentrales Problem gelöst wird. Entsprechend sollte natürlich auch gesagt werden, das die Utopie des einen, für jemand anderes eine Dystopie sein kann. Ich meine, fragt Elon Musk, ob er eine Solarpunk-Zukunft als Utopie empfinden würde.

Doch ja, aus unserer links-grün versifften Weltsicht ist Solarpunk eine Utopie. Die Umwelt wird respektiert und man versucht zumindest, sie zu retten (selbst wenn Settings, wo dies bereits nach einer großen Katastrophe passiert, häufig sind). Kapitalismus ist geendet, damit auch künstliche Knappheit. Es wird dekolonialisiert. Wahrscheinlich wird auch gesellschaftsweit gegen Rassismus, Misogynie, Queermisia usw. vorgegangen. Alles, wofür wir in der Regel kämpfen, wurde erreicht oder wird gemeinsam angegangen.

Wo ist da der Konflikt?

Aber da kommen wir an die Stelle, die vielen Leuten Probleme bereitet. Wenn wir eine solche Utopie haben, wie bauen wir dann einen Konflikt auf? Was wenn wir die Umwelt gerettet, Anarchokommunismus eingeführt und gegen strukturelle Diskriminierungen vorgegangen sind? Worum dreht sich dann der Konflikt?

Das liegt letzten Endes auch daraus, dass Solarpunk als Science Fiction (mal mit, mal ohne Fantasy-Elemente) eben zur Phantastik gehört. Und wenn wir uns Phantastik anschauen, sind wir es fast immer gewohnt, dass wir sehr weitreichende Konflikte haben, bei denen es mal mehr, mal weniger um die Rettung der Welt geht.

In Fantasy haben wir häufig dunkle Lords der einen oder anderen Art, die die Welt oder wenigstens ein ganzes Land bedrohen. Auch in SciFi haben wir häufig große Kriege und Konflikte dieser Art. Wenn die Konflikte nicht so groß sind, haben wir dennoch häufig Charaktere, die in Konflikt mit ihrer Umwelt stehen.

Und genau diese Konflikte fallen unter der Annahme dieser utopischen Welt häufig weg. Also: Was für Konflikte können wir in einer Solarpunk-Geschichte behandeln?

Der Wert von Iyashikei

Nein, ich werde die Frage nicht direkt beantworten, denn bevor ich auf mögliche Konflikte eingehe, möchte ich euch ein anderes Genre vorstellen, das sich in diesem Kontext als eine möglich Alternative anbietet: Iyashikei.

Iyashikei kommt aus dem Japanischen und bedeutet soviel wie „die heilende Art“. Es beschreibt im spezifischen Geschichten, die eine beruhigende, eben heilende Atmosphäre haben. Daher kommen sie meistens auch komplett ohne größeren Konflikt aus. Meistens sehen wir einfach nur Charaktere, die ihr Leben leben – was auch immer das in ihrer jeweiligen Welt heißt. Ja, bei Anime heißt es häufig: „Niedliche Mädchen machen niedliche Dinge und sind dabei sehr niedlich“ (Stichwort: Moe), doch prinzipiell ist „niedliche Mädchen“ keine Voraussetzung für Iyashikei.

Und wenn ich mir aktuell die Welt – zwischen Corona, Klimawandel und Kapitalismus – anschaue, können wir vielleicht auch einfach ein paar heilende Geschichten vertragen, in denen es keinen großen Konflikt gibt. Vielleicht dürfen auch bei uns einmal Geschichten existieren, die man einfach liest, um in eine schöne Welt einzutauchen und diese zu genießen. Nur so ein Gedanke. In Japan ist das Genre auch in Buchform sehr erfolgreich!

Solarpunk als Romancesetting

Okay, fangen wir mit der einfachsten Lösung des „Konflikt-Problems“ an: Romance. Denn, ja, Romance kann in jedem Setting passieren. Romance kann in jedem Setting Probleme haben. Denn die Probleme in Romance sind häufig genug Probleme an den Charakteren – und auch wenn wir uns in einer Utopie befinden, können Menschen beispielsweise schlecht im Kommunizieren haben, können immer noch Traumas haben, können misstrauisch sein, können Sachen missverstehen.

Entsprechend: Natürlich kann man Romance-Geschichten unterschiedlicher Art in einem Solarpunk-Setting erzählen. Das ist eine der schönen Sachen: Romance kann man praktisch in jedem Setting erzählen. Ein großer Vorteil des Solarpunk-Settings ist auch, dass man die Romance darin als wirklich wholesome gestalten kann. Denn man kann ein Solarpunk-Setting so schreiben, dass wir zumindest ein wenig über das Patriarchat hinweg sind und damit über die toxischen Sachen, die mit dem Patriarchat zusammenhängen.

Und ja, ich weiß, dass viele dazu neigen, über Romance die Nase zu rümpfen, aber … Vielleicht müssen wir das nicht? Denn ja, natürlich, Romance hat viele Klischees und auch viele problematische Klischees – aber dasselbe lässt sich auch über die Phantastik sagen. Und hey, wir können halt auch Romances der Arten schreiben, die wir soweit noch zu selten sehen.

Krimi geht immer

Aber gut, sagen wir, ihr wollt keine Romance schreiben. Euch liegt das einfach nicht oder vielleicht könnt ihr Romance als Genre aus dem ein oder anderen Grund wirklich nicht leiden. Also, was für einen anderen Konflikt könnt ihr noch in einem Solarpunk-Setting schreiben? Nun, wie wäre es mit einem Krimi?

Denn ja, auch wenn in einer Solarpunk-Welt ohne künstliche Knappheit und Armut und bessere psychische Versorgung Kriminalität und Gewalttaten stark zurückgehen würden, hieße das nicht, dass es keine Kriminalität mehr gibt. Es wird weiterhin Morde geben aus unterschiedlichsten Motivationen, es wird auch weiterhin Diebe geben und Leute, die seltene Gegenstände aus purem Egoismus gerne besitzen wollen.

Sprich: Alles, was ins Krimi-Genre fällt, steht euch offen. Ob Mordaufklärung oder Heist-Geschichte. Interessant dabei ist, dass ihr auch diese Geschichten durch das Setting unter einem komplett neuen Blickwinkel betrachten könnt. Stellt euch zum Beispiel vor, wie Mordaufklärung aussehen könnte in einer Welt, die die Polizei abgeschafft hat. Was würde sich durch diese Umstände ändern?

Aber was ist mit größeren Konflikten?

Romance und Krimi sind aber natürlich meistens sehr klein gefasste Geschichten, die nur sehr wenige Leute betreffen. Bei Romance halt die Verliebten und effektiv die Leute in ihrer Umgebung, bei einem Krimi vielleicht noch das Dorf oder die Stadt, wo der Krimi spielt. Doch was ist, wenn man einen Konflikt schreiben will, der doch ein wenig epischer ist?

Die Antwort darauf ist recht leicht, es gibt sogar mehrere mögliche Antworten:

  • Es kann ein Konflikt von außen an die Solarpunk-Welt getragen werden. Vielleicht ist nicht die ganze Welt Solarpunk und es gibt andere Länder, die sich eher Cyberpunk entwickelt haben. Vielleicht kommt aber auch ein Konflikt von ganz außen – bspw. Aliens oder Figuren aus einer anderen Welt/Dimension.
  • Auch innerhalb der Solarpunk-Welt kann es Leute geben, die mit dem Status Quo einverstanden sind. Wie oben schon gesagt: Elon Musk und Jeff Bezos würden eine Solarpunk-Welt, in der sie komplett enteignet wurden und auf einmal leben müssen, wie alle anderen, nicht als Utopie empfinden. Wer sagt, dass nicht solche Leute versuchen könnten, die Solarpunk-Welt von innen heraus zu zerstören? Allgemein, gierige Menschen wird es auch immer geben.
  • Es kann auch eine natürliche Bedrohung epischen Ausmaßes geben, beispielsweise in Form einer (drohenden) Naturkatastrophe oder eines drohenden Meteoriten-Einschlags.

Das wären allein die Ansätze, die mir so auf Anhieb einfallen würde. Aber prinzipiell gilt es einfach zu bedenken: Nur weil eine Welt Solarpunk ist, heißt es nicht, dass alle Menschen damit glücklich sind. Allein aus dieser Annahme lassen sich eine Menge möglicher Konflikte ziehen!

Nicht so utopisches Solarpunk

Es gibt allerdings noch einen anderen Ansatz Solarpunk-Geschichten zu erzählen – was bisher auch der häufigste Ansatz von Solarpunk-Autor*innen ist: Nämlich der Ansatz einer nicht so utopischen Solarpunk-Welt oder sogar einem dystopischen Ausgangsszenario.

Dahingehend gibt es effektiv zwei verschiedene Ansätze: Entweder, wir schreiben über den Kampf, eine Solarpunk-Welt zu erreichen, oder wir haben zwar eine Welt, die ästhetisch eine Solarpunk-Welt ist (grüne Energiequellen, begrünte Häuser, generelle Umweltverträglichkeit), aber gesellschaftlich nicht diese Standards beinhaltet.

Zum ersten Ansatz lässt sich sagen: Ja, auch eine Geschichte, in der es um den Kampf für eine Solarpunk-Zukunft geht, kann dem Genre Solarpunk zugeordnet werden. Umso mehr natürlich, wenn in diesem Kampf auch die Methoden, die die Solarpunk-Bewegung idealisiert (Guerrilla Gardening, Mutual Aid usw.) zum Einsatz kommen. Umso mehr natürlich, wenn am Ende der gewünschte Zustand erreicht wird.

Die Alternative ist das, was wir soweit am häufigsten in der Solarpunk-Literatur sehen: Die Welt ist in einigen Ansätzen Solarpunk, aber nicht komplett. Vielleicht gibt es statt Anarchie ein autoritäres Regime oder eine Mehr-Klassen-Gesellschaft. Vielleicht haben wir effektiv die Struktur einer Cyberpunk Welt, die nur greenwashed ist. Wer weiß. Dann geht es eben um die Rebellion, diese Welt in eine echte Solarpunk-Welt zu verwandeln – und sei es nur in kleinen Teilen.

Viele Möglichkeiten

Ihr seht also: Es ist gar nicht mal so schwer, einen Konflikt zu finden, den man in einer Solarpunk-Welt erzählen kann. Denn Konflikte zwischen Menschen bleiben ja weiterhin bestehen und können für eine Menge Drama Sorgen – egal ob in Form von Romanzen oder Krimis oder vielleicht auch Familiendramen. Menschen sind nicht perfekt, sie bieten damit einen wunderbaren Ansatz für Konflikte.

Auch kann es sein, dass die Solarpunk-Welt durch irgendetwas bedroht wird – sei es durch andere Länder, die nicht Solarpunk sind, sei es durch eine Verschwörung innerhalb der Welt oder vielleicht durch Faktoren ganz außerhalb dem Einfluss von Menschen. Es sollte halt immer wieder bedacht werden: Nur weil etwas für uns eine Utopie ist, ist es nicht für alle Menschen eine Utopie und manche würden sich eine andere Gesellschaft herbeiwünschen.

Ebenso gibt es soweit eine Menge Solarpunk-Geschichten, die eben von einer nicht ganz so utopischen Welt ausgehen. Vielleicht ist es eine Welt, in der Menschen versuchen für eine Solarpunk Zukunft zu kämpfen, vielleicht ist es eine Welt, die in Teilen Solarpunk ist, aber nicht komplett.

Und zu guter Letzt möchte ich auch immer wieder deutlich machen: Nur weil klassische, westliche Schreibschule sagt, dass Konflikte lebensnotwendig für Geschichten sind, muss dies nicht der Wahrheit entsprechen. In Japan werden bereits seit einigen Jahren sehr erfolgreich Geschichten erzählt, die ohne Konflikte auskommen.

Wahrscheinlich gibt es auch über diese Themen hinaus noch einige Ideen. Solarpunk ist letzten Endes nur ein Setting in der man viele unterschiedliche Geschichten erzählen kann. Wer weiß – wie wäre es zum Beispiel mit Solarpunk-Horror? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.


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