[Writing] About Us – Kindesmissbrauch | Lange Version

Ich habe vor ein paar Wochen „[Writing] About Us“ ins Leben gerufen – eine Aktion, um über eigene Erfahrungen und wie solche Erfahrungen in den Medien (mis)repräsentiert werden, zu sprechen. Das hier ist nun mein eigener Beitrag dazu – und anders, als Leute, die mich kennen, eventuell erwarten würden, schreibe ich nicht direkt über meine Identität als pansexuelles, genderfluides Demigirl, sondern über Kindheitserfahrungen. Auch wenn meine Identität dabei deutlich reinspielt. Denn ich wurde von meiner Mutter meine gesamte Kindheit und Jugend lang misshandelt.

Die Vorgeschichte

Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich etwa zwei Jahre alt war. Laut meiner Mutter, weil mein Vater sie geschlagen hat. Laut meinem Vater (und meiner älteren Schwester), weil meine Mutter zur extremen Ausbrüchen neigte. So oder so: Sie haben sich scheiden lassen. Meine besten älteren Schwestern blieben bei meinem Vater. Ich war gerade 2 Jahre alt und es war Anfang der 1990er Jahre – natürlich wurde ich meiner Mutter zugesprochen.

Was ich mittlerweile weiß: Meine Mutter hatte Depressionen und eine bipolare Persönlichkeitsstörung. Diese war schon vor meiner Geburt diagnostiziert worden, meine Mutter war jedoch auch zum Zeitpunkt der Scheidung, laut den Informationen die ich habe, in Behandlung. Sie weigerte sich jedoch Medikamente zu nehmen, warf diese weg und erfand später Ausreden dafür, was mit den Medikamenten geschehen war. Entsprechend: Meine Mutter war emotional nicht besonders stabil.

Dennoch wurde ich ihr zugeteilt, denn in Deutschland bekommt gerade bei kleinen Kindern die Mutter selbst bis heute das Kind wahrscheinlicher zugesprochen. Selbst wenn die Mutter nachgewiesenermaßen instabil ist und zudem kein Geld hat, um das Kind zu versorgen. Selbst wenn die älteren Geschwister sich weigern, zur Mutter zu ziehen. Yay.

Diagnosen

Zugegebenermaßen fällt es mir schwer zu sagen, wie die Misshandlungen in meiner Kindheit ausgefallen sind. Ich weiß durch ehemalige Lehrer und Ärzte ein paar Dinge, die passiert sind. Das wichtigste davon ist wohl, dass meine Mutter sich geweigert hat, eine ärztliche Diagnose anzuerkennen. Denn als ich im Kindergarten war, fiel ich immer wieder durch bestimmtes Verhalten auf. Verhalten, dass für Autismus sprach. Irgendwann, als ich gerade in der Grundschule war, wurde ich deswegen zu einer Psychologin geschickt, um eine genauere Diagnose zu stellen. Tat sie wohl auch.

Leider war da eine Sache: Im Rahmen der Untersuchungen durfte ich auch einen IQ-Test machen. Und dieses Ding hat mich erst richtig verflucht. Denn ja, ich hatte in einigen Bereichen überdurchschnittliche Ergebnisse. Was meine Mutter toll fand. Dass dies wahrscheinlich mit Autismus zusammenhing dagegen eher nicht. Genauso wenig, wie die festgestellte Rechtschreibschwäche. Fortan war ich ihr kleines, hochbegabtes Kind. Kein Autist und sicher nicht schreibschwach. Ich bekam Förderung für meine Hochbegabung – nicht aber Hilfe für Autismus oder Rechtschreibschwäche.

Und das hieß vor allem eins: Ich musste überall toll sein. Jedenfalls in der Schule. Immerhin war ich ja hochbegabt, nicht? War ich nicht den Anforderungen entsprechend – also sobald Noten ins Spiel kamen, schlechter als 2 – wurde ich ausgeschimpft und fertig gemacht. Ja, auch schon in der dritten Klasse.

Religion

Dazu kommt ein anderer wichtiger Faktor, der die bisher berichteten Dinge sicher mit beeinflusst hat: Meine Mutter war ultrakatholisch. Sie war so katholisch, dass ihr die Auslegungen der Bibel aus dem Theologiestudium nicht hardcore genug waren. Einmal hat sie meine Religionslehrerin am Elternabend angeschrien, da diese es wagte uns beizubringen, dass Jesus eventuell nicht hunderte Leute mit Brot und Fisch, sondern mit Worten speiste, oder dass er nicht einen physisch Blinden das Augenlicht gab, sondern ihn die „Wahrheit“ hat sehen lassen. Sprich: Dass die Bibel eventuell metaphorisch war. Laut meiner Mutter war das deutlich Ketzerei.

Entsprechend der Religion wurde ich auch von kleinauf zur Kirche geschleppt. Jeden Sonntag. An jedem Feiertag. Zu jeder Sache. Ich wurde zur Frühkommunion geschickt. Dann auch verfrüht zur Beichte. Danach, wann auch immer ich etwas tat, was ihr nicht passte, wieder zum beichten. Religion war ihr ein uns alles. Und ich hatte an diese Dinge zu glauben – auf dieselbe Art, wie sie es tat, bitte sehr. Äußerte ich Zweifel oder hinterfragte auch nur wörtliche Lesearten der Bibel wurde ich angeschrien und geshamet. Etwas, das mich allerdings nicht mehr hat daran glauben lassen.

Entsprechend wurde ich auch immer auf die besseren katholischen Schulen geschickt. Gymnasien, natürlich. Doof nur, dass mein gesamter Freundeskreis auf staatliche Gesamtschulen ging, da er aus agnostisch erzogenen und muslimischen Kindern bestand. Aber genau das wurde auch mehr und mehr kritisch gesehen.

Die Sache mit der Gesundheit

Ich war ein kränkliches Kind. Das sowieso. Ich hatte ein schwaches Immunsystem. Allerdings wurde es sicher nicht dadurch besser gemacht, dass meine Mutter mir ständig einreden wollte, dies oder jenes zu haben und mich durch Fachkliniken geschleift hat, bis ein junger Arzt, der bis heute mein Held ist, in einem Krankenhaus sie einmal ordentlich zurecht gewiesen hat, ob sie eigentlich wüsste, was sie mir antut. Beispielsweise hatte ich laut ihr Epilepsie, was absoluter Unsinn war, da ich nie nur einen Anfall oder einen Hinweis darauf hatte.

Dazu kam, dass meine Mutter an Krebs erkrankte, als ich 7 Jahre alt war. Etwas, das dazu führte, dass ich für eine ganze Weile von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht wurde. (Über die ich teilweise Dinge erzählen könnte, die einen eigenen Eintrag rechtfertigen würden.) Als sie als geheilt galt, fing sie an, sich einzubilden, dass so ziemlich gefühlt alles Krebs hervorrufen könnte und diese Dinge prompt aus dem Leben bannte oder es versuchte.

Was allerdings heftiger war: Ja, meine Mutter – ausgebildete Kinderkrankenschwester – wollte ständig irgendwelche Dinge an mir diagnostiziert sehen. Aber nur die Dinge, die ihr passten. Und wenn sie einmal diagnostiziert waren, wollte sie diese auch nicht schulmedizinisch, sondern mit Religion und Zuckerkugeln behandeln. Damit hat sie mich zwei Mal beinahe umgebracht.

Das zweite Mal hatte ich üble Bauchschmerzen, Durchfall und Übelkeit. Erst tippte meine Mutter auf „Das Kind will nur wieder Schule schwänzen“, der Hausarzt auf „Üblicher Magendarm“, doch als die Symptome nach einer Woche kein Stück besser wurden – und es andere Fälle aus meiner Schule gab – tippte der Arzt auf „Salmonellen“. Meine Mutter weigerte sich darauf testen zu lassen, rieb mich stattdessen mit Wasser aus den Quellen von Lourdes ein. Eine Woche später erst setzte sich der Arzt durch. Ich wurde getestet. Und dann mit Blaulicht ins Kinderkrankenhaus gebracht. Als ich dort ankam, war ich laut dem behandelnden Art aufgrund meiner Dehydrierung nur wenige Stunden vom Tod entfernt. (Salmonellen waren damals an einer zentralen Stelle ins Speiseeis vom Schulessen gekommen – hatten daher viele Schüler aus unserer Schule und Umgebung betroffen.)

Übrigens auch daraufhin nichts vom Jugendamt. Yay.

Fantasy & Anime

Das erste große Thema, durch das ich richtig Konflikt mit meiner Mutter bekam, war mein Medienkonsum. Denn bis ich 9 war hatten wir nur Antennenfernsehen, das hieß, dass das Kinderprogramm größtenteils auf Sendung mit der Maus, Tigerentenclub und ZDF tivi am Wochenende beschränkt waren. Ich habe entsprechend viel gelesen (wie gesagt, ich hatte eine Schreibschwäche, keine Leseschwäche – oder vielleicht hatte ich letztere auch nicht, weil ich früh mit Lesen angefangen habe und es meine einzige Unterhaltung war).

Als ich in der Grundschule war, habe ich erst Enit Blyton, dann diverse Detektivgeschichten gelesen. So Dinge wie TKKG. Böse gesagt: Uralte, oftmals rassistische Detektivabenteuer. Außerdem schenkte mir mein Vater eine ganze Buchreihe über weibliche Jungdetektive, die ich geliebt habe. Meiner Mutter war das zu brutal. Da starben ja sogar Leute drin! Ich sollte etwas kinderfreundlicheres Lesen. Da ist diese neue Reihe, von der sie gehört hatte. Dieses „Harry Potter“. Und so begann ich mit Fantasy und damit mehr und mehr mich in fantastische Welten zu flüchten. Oh, und dann meinte sie: „Hmm, vielleicht Fantasy mit religiösen Aspekten“ und schenkte mir „Der goldene Kompass“. Was mich prompt dazu brachte, die Kirche zu hinterfragen.

Kurzum: Von meinem Fantasy-Konsum war meine Mutter alles andere als begeistert. Dann aber zogen wir um, bekamen RTL2, ich fand heraus, dass es „Pokémon“ gibt und stolperte prompt über den RTL2 Anime-Block. Und damit, ja, damit ging es richtig los. Denn ich gab mein Taschengeld fortan für Manga aus. Und diese waren ketzerisch. So, so, ketzerisch. Und diese halbnackten Frauen! Und die Sexualität! Und waren dass da Lesben? Kurzum: Ich bekam kein Taschengeld mehr. Was leider wenig brachte, außer, dass ich schnell sehr erfinderisch wurde, wenn es um die Frage ging, wie ich an Geld komme. Nur, dass ich es vor meiner Mutter geheim halten musste.

Und weg damit

Wozu meine Mutter ebenfalls neigte: Wenn ihr ein Hobby von mir nicht gefiel, schmiss sie die Dinge weg, die dazu gehörten. Jetzt keine Konsole, aber Hefte, Poster, diese Dinge. Der heftigste Fall war wohl, als ich in einem Sommer, als ich 13 war, aus dem Feriencamp – in das ich alljährlich abgeschoben wurde – wiederkam. Damals war ich ein riesiger Digimon-Fan. Meine Zimmerwände hingen eigentlich voll mit Digimon-Postern. Doch als ich heimkam: Kein Poster. Meine Digimon Comics? Weg. Digimon-Bilder, die ich selbst gemalt hatte? Ebenfalls weg.

Meine Mutter hatte sie während ich im Camp war entsorgt, damit ich „meinen Kopf nicht länger mit diesen nutzlosen Monstergeschichten fülle“. Ich habe so sehr geweint. Umso mehr, da ich dieses Sommercamp (ein katholisches Camp im Internat) gehasst habe. Da kam ich wieder und habe mich auf meine Dinge gefreut. Weg waren sie.

Dankbarerweise hatte allerdings die (wohlgemerkt volljährige) Tochter unserer Nachbarn das durch Zufall gesehen und hatte die Sachen heimlich aus den Müll gefischt und sie mir wiedergegeben. Ein Teil der Poster waren danach zwar hin, aber zumindest die Hefte und Zeichnungen konnten gerettet werden.

Isolation

Wie schon angedeutet wollte meine Mutter außerdem sehr genau kontrollieren, wer meine Freunde sind. Die Anforderungen waren lang. Das Kind sollte idealerweise aus einer katholischen Familie kommen, sollte gut in der Schule sein, vorbildlich halt, idealerweise mit einer musikalischen Freizeitbeschäftigung. Besser noch die Familie war eine Akademikerfamilie (verlangte meine nicht akademische Mutter). Das wäre ja ein guter Einfluss. Sicher, ich hatte auch andere Freunde, aber meine Mutter ließ diese und mich regelmäßig spüren, dass sie davon nicht so begeistert war.

Leider gab es von diesen Personen nachdem eine andere Freundin wegzog und ich meine erste feste Freundin nicht länger sehen durfte nur eine in meinem Umfeld, mit der ich überhaupt klarkam. Und wenn wir ehrlich waren: Wir haben uns beide gegenseitig gelangweilt. Wir haben uns nicht gehasst, aber viel miteinander zu tun wussten wir eben auch nicht. Wenn ich bei ihr war, verbrachte ich oft mehr Zeit mit ihrer bei weitem nicht so vorbildlichen Schwester.

Was mich rettete war das Internet. Denn im Internet konnte ich alle möglichen Freunde machen und meine Mutter konnte es nicht kontrollieren, da sie zu wenig von Computern verstand. Ich fand sogar welche, die aus meiner Gegend waren und mit denen ich Interessen teilte.

Mithilfe zum Mobbing

Aber das war noch nicht schlimm genug. Denn ich erfuhr als ich 16 war, dass meine Mutter das Mobbing vielleicht nicht ausgelöst – hier war der Autismus sicher ein großer Faktor – aber zumindest mit begünstigt hatte. Denn sie hatte anderen Kindern und ihren Eltern klar gemacht, dass ich zu gut für sie sei. Dass ich besser sei, als diese anderen Kinder und sie daher nicht meine Freunde sein können.

Dass das Kinder und Eltern nicht toll fanden, muss ich nicht erst sagen, oder? Man hielt mich deswegen für eingebildet. Erfahren habe ich das ganze erst, als ich mit 16 (heimlich, bzw. dank unserem Geschichtslehrer) mit Mitschülern auf einer Feier war. Ich habe mit getrunken, mit geraucht und auf einmal meinte eine Mitschülerin: „Du bist ja gar nicht so, wie deine Mutter sagt.“ Und erzählte mir davon, was meine Mutter auf einer Schulversammlung, auf der ich nicht war, gegenüber speziell anderer Eltern abgezogen hatte.

Bisexualität

Und dann wurde ich 13. Und mit dreizehn entdeckte ich erste Gefühle für Jungs, aber auch Gefühle zu einer guten Freundin. Etwas, dass von Erwachsenen, inklusive meiner Mutter, zuerst nicht ernst genommen wurde. „Die probieren halt rum“, sagte man dann. Doch mir wurde irgendwann klar, dass das definitiv kein rumprobieren war. Ich war bi. (Von „pansexuell“ wusste ich damals genau so wenig, wie von nicht-binären Existenzen.) Und als naives Sommerkind habe ich das offen zugegeben. Großer Fehler.

Ich habe erwähnt, dass meine Mutter extrem katholisch war, ja? Nun, ratet mal, was die Reaktion war. Da wurde viel versucht. „Prey the Gay away“ war der Anfang. Das Ende war ein Versuch diesen Dämon aus mir vertreiben zu lassen. Zu ihrem Leidwesen fand sie keinen Exorzisten, der dies tat. Die Priester waren sich recht einig, dass das vielleicht eine Charakterschwäche von mir, aber kein Dämon war.

Danach wechselte das Thema. Denn fortan war es kein Dämon mehr, nein, es war (gemeinsam mit meiner immer größer werdenden Nachlässigkeit in der Schule und Versuchen von mir fortzulaufen) ein Versuch sie umzubringen. Ich wollte sie psychisch fertig machen und deswegen war ich bisexuell. Und als sie erneut mit Krebs diagnostiziert wurde, ratet mehr, wer laut ihr Schuld war? Ja, genau, ich.

Sexualität allgemein

Generell war meine Mutter übrigens der Auffassung, dass ich keinen Sex haben sollte, ehe ich verheiratet war. Anders gehörte es sich ja nicht, richtig? Entsprechend wurde meine Zimmertür abgeschlossen, nachdem ich das erste Mal meine Periode gehabt hatte, sobald Jungen oder Männer im Haus schliefen. Was zu dem Zeitpunkt nur dazu führte, dass ich allein aus Trotz lernte, wie man einfache Schlösser knacken konnte.

Abgehalten hat es mich von nichts. War ja auch schwer, war meine Mutter doch oft im Krankenhaus und ich in dem Alter dann über Wochen allein zuhause. Da ich außerdem zwei Mal die Woche („Das Kind ist schließlich hochbegabt!“) an die Uni geschickt wurde, um ein Probestudium zu machen, machte diese Dinge nur einfacher.

Daher, dass ich daheim jedoch nie über diese Erfahrungen reden konnte – und einmal von meiner Mutter stundenlang angeschrien wurde, weil ich eine Sexszene in meiner Geschichte geschrieben hatte – lernte ich allerdings auch ein recht schlechtes Verhalten. Oh, und ein Bonus: Als ich mit gerade 17 vergewaltigt wurde, habe ich nie Anzeige erstattet. Obwohl ich den Namen kannte. Aus dem Grund, dass meine Mutter dann erfahren hätte, dass ich mich aus dem Haus geschlichen habe.

Sehr späte Hilfe

Die erste Person, die mir je sagte, dass das, was da passierte nicht in Ordnung sei, war die Mutter meiner zweiten festen Freundin. Diese war selbst lesbisch, auch wenn sie lange im Closet gelebt hatte, und arbeitete als Lehrerin. Sie bekam über meine Freundin mit, was so vorging und rief mich einmal an, um mit mir drüber zu reden. Sie war die erste und so gesehen auch einzige Person, die je versuchte, mir zu helfen.

Das zweite Mal, dass überhaupt jemand bemerkte, dass was nicht stimmte, war nur wenige Wochen vor dem Tod meiner Mutter. Ich war gerade 17 und meine Mutter besuchte ihren Bruder, also meinen Onkel. Dieser lebte nur 50 Meter von meiner Großtante entfernt, die mir auch einst das Kochen beigebracht hatte und die ich sehr mochte. Ich war bei der Großtante, kochte mit ihr zusammen und wir schauten Fernsehen. Ich sollte bis 21 Uhr zurück sein, der Film ging aber bis 21:30. Also rief ich bei meiner Tante (die Frau des Onkels) an. Sagte Bescheid, sie sagte „ist okay, wir reden eh noch“ und ich kam eine halbe Stunde später runter. Als ich ankam flippte meine Mutter vor Onkel, Tante und Großtante komplett aus, bis meine Tante ihr eine Ohrfeige gab und sie anfauchte, dass sie so nicht mit mir umgehen könne. Aber bis da jemand etwas hatte tun können, war meine Mutter auch tot.

Die Briefe vom Vater

Ich war in meiner ganzen Kindheit nie bei meinem Vater. Als ich klein war, erzählte meine Mutter mir, dass mein Vater ein Vergewaltiger sei und mich vergewaltigen würde, wenn ich zu ihm ging. Deswegen weinte ich natürlich auch, als mich das Jugendamt, als ich 6 war, fragte, ob ich nicht meinen Vater besuchen wollen würde. Was sollte ich auch sonst tun?

Mein Vater versuchte derweil immer wieder Kontakt aufzunehmen. Er schrieb mir Briefe, rief an. Ab und zu, wenn er mich besuchen wollte, bot er auch immer wieder an, bestimmte Dinge mit mir und auch mit meiner Mutter zu machen. Zum Musical gehen, zum Fußball. Anders als meine Mutter kaufte er mir Manga und brachte mir sogar mal Digimon-Merchandise aus Japan mit. Natürlich ist es schwer zu sagen, wie viel davon ein Versuch war, mich zu erkaufen.

Doch der Schock für mich kam, als ich Jahre später, in Österreich, durch Aktenordner meiner Mutter ging und einen ganzen Umzugskarton voller Ordner, die soweit nur irgendwie möglich gefüllt waren. Mit Briefen meines Vaters, der angeblich nie versuchte, mich zu erreichen. Hunderte Briefe. Teilweise auch mit Bezug auf Sachen, die er mitgeschickt hatte. Geld, Schreibkram, Spielzeug … Geschenke halt. Zu Ostern. Zu Feiertagen. Aus dem Urlaub geschickt. Ich habe von diesen Briefen nie erfahren, bis ich sie dort fand. Nie. Und es waren so, so viele Briefe, die je später sie kamen immer verzweifelter klangen. Eine Mischung von „Willst du wirklich nichts mit mir zu tun haben“ und „Hast du die Briefe überhaupt erhalten?“. Ich habe sie nie erhalten. Und bis ich sie gefunden habe, war mein Vater lange tot.

Warum hat nie jemand etwas gemacht?

Was ich mich bis heute frage, ist, warum nie, nie, nie jemand etwas gemacht hat. Jedenfalls nicht bis zur Mutter meiner zweiten Freundin. Es müssen so viele Leute etwas mitbekommen haben und doch hat niemand was gemacht. Die Leute vom Jugendamt haben mich zu meiner Mutter gepackt, obwohl deren Krankheitsbild bekannt war. Und okay, es gibt auch Leute, die ähnliche Krankheitsbilder wie meine Mutter haben und gute Eltern sind. Aber zumindest etwas Betreuung? Irgendwas?

Warum hat niemand was gemacht, als ich als Kind bei jeder Erwähnung meines Vaters Angst zeigte? Warum hat niemand bei den Psychologen, zu denen ich geschickt wurde, etwas gemacht? Warum hat niemand etwas gemacht, als ich mit 7 Jahren das erste Mal depressiv und suizidal war? Warum hat die Lehrerin, vor der ich über eine 2- schluchzend zusammenbrach nicht nachgefragt? Warum hat unserer Schulpfarrer, dem ich all das erzählt habe, nicht versucht mehr zu machen? Warum hat im Krankenhaus niemand nachgefragt, als ich erst halbtot ins Krankenhaus kam? Warum hat der Kinderarzt nie etwas gesagt? Und warum hat das Jugendamt nicht gehandelt, nachdem die Mutter genannter Freundin sie informierte? Warum hat mir niemand geholfen? Warum haben es alle ignoriert?

Ich werde es nie verstehen. Aber genau das ist der Grund, warum ordentliche Darstellung in den Medien wichtig ist. Damit es so nicht noch mehr Leuten passiert.