Odaiba Memorial: Rückblick auf 22 Jahre Digimon

Diesen Monat mache ich eine kleine Ausnahme: Es gibt zwei Anime-Beiträge direkt hintereinander und noch dazu zum selben Franchise. Dieses Franchise ist, wie ihr am Titel schon sehen könnt, Digimon. Und zwar möchte ich heute über das Franchise allgemein sprechen – und morgen über meine liebste Digimon-Staffel. Digimon Tamers. Gut? Gut.

Und falls sich jemand wundert, warum das ganze: Wir haben heute den 1. August 2019. Das heißt, wir haben den zwanzigsten Odaiba Memorial Day. Denn in der Kontinuität von Digimon Adventure war es der 1. August 1999, an dem Taichi und Co. in die digitale Welt kamen. Seither ist es eine Art Fandom-Feiertag.

Was ist Digimon?

Digimon ist ein Multimedia-Franchise, dass mit Gendermarketing begann. Ja, ohne Witz. Denn die grundlegende Idee hinter Digimon war: „Hey, Tamagotchis sind gerade unser Hit! Aber Mädchen fühlen sich von den knuffigen Viechern eher angesprochen als Jungs. Wir sollten coole Tamagotchis für Jungs machen, die kämpfen und halt cool aussehen!“ Und aus dieser Idee entstanden digitale Monster, die von ihren Tamern in kleinen Käfige gehalten und trainiert wurden. Diese brachten dann die ersten Spiele und zwei Jahre später mit Digimon Adventure einen Anime hervor. Ein Anime, der soweit sieben Staffeln – und was auch immer Digimon Adventure tri. ist – umfasst.

Für mich war Digimon der Einstieg in Anime. Ja, ich habe vorher schon Sailor Moon und Pokémon geschaut, doch Digimon war die erste Serie, bei der ich wusste: „Das kommt von diesem komischen Inselstaat Japan und die machen solche Sachen.“ Nicht zuletzt, da Japan recht eng mit der Handlung der Serie verknüpft war. Dazu kommt, dass Digimon Tamers die erste Serie war, die ich in japanischer Originalsprache schaute.

Das stolpernde Franchise

Digimon hat eine etwas holprige Geschichte, die nicht zuletzt durch reaktionäre Produktionsentscheidungen geprägt war. Über das Chaos in der Produktion von Digimon Adventure und Digimon Adventure 02 habe ich ja bereits gesprochen. Ironischerweise war es dieses Chaos, dass letzten Endes dazu führte, dass Tamers damals früh in Produktion ging. Doch was dem Franchise fehlte, war eine Richtung, in die man gehen wollte. Was war Digimon eigentlich? Das wusste scheinbar auch bei Bandai und Toei niemand so genau.

Alles, was man wusste: Tamers nahm das Franchise in eine andere Richtung, als ursprünglich gedacht und geplant. Und es lief gut. Frontier dagegen, war kommerziell gesehen alles andere, als ein Erfolg. Das war ein Grund, warum der Anime, bei dem ursprünglich sieben Staffeln angedacht waren, daraufhin erst einmal unterbrochen wurden. Seither ist es mit dem Anime eine Stop-and-go Sache: 2006 kam Digimon Savers, 2010 Digimon Xros Wars und 2016 Appmon. Dazwischen hier und da Spiele – zu denen kommen wir gleich.

Dabei hat Digimon das Pech ganz offiziell eine Shonen-Serie zu sein. Sie ist als Serie für Jungs konzipiert und hat damit mehr Konkurrenz, als diverse Shojo-Serien. Das ist auch einer der Gründe, warum PreCure, eine Serie für Mädchen, die zwischenzeitlich schlechtere Quoten und Verkäufe hatte, als Digimon, noch immer läuft. Denn Toei deckt abseits von PreCure den „Mädchen im Grundschulalter“-Markt aktuell nicht wirklich anders ab.

Der Fluch des Gendermarketings

Digimon hängt als Franchise ein bisschen zwischen den Seilen. Denn wer sich genaue Aufschlüsselungen von Zuschauerumfragen anschaut, sieht, dass zumindest was den Anime angeht, Mädchen/Frauen einen nicht unerheblichen Anteil des Publikums ausmachen und schon immer ausgemacht haben. Nun kann man lange darüber spekulieren, warum das so ist. Vielleicht liegt es an den Charaktergeschichten? Vielleicht an den Charakterdesigns? Vielleicht an der Geschichte? Oder ist es einfach nur Zufall? Wer weiß. Letzten Endes ist nur eins wichtig: Der Anime hat seine Zielgruppe ein wenig verfehlt und das war ein Problem.

Warum? Nun, vornehmlich, weil der Anime, der letzten Endes Werbung für das Spielzeug ist, nun auch die Zielgruppe für das Spielzeug ansprechen sollte. Aber genau das schaffte er nicht durchgehend. Erneut kann man lang darüber diskutieren, warum das so ist und inwieweit die Aufteilung von Spielzeug in Mädchen- und Jungenspielzeug mit hineinspielt. Die Tatsache, dass die Spiele ursprünglich kaum darauf abzielten, eine Story zu erzählen und ständig neue Mechaniken nutzten, tat dem Franchise fraglos ebenfalls nicht gut. Weder bei der einen, noch der anderen Zielgruppe. Sicher, eine grobe Rahmenhandlung gab es oft, doch war diese nur hauchdünn und nicht mit dem, was der Anime bot vergleichbar.

Mittlerweile sind wir zumindest soweit, dass es einen Teil des Merchandises für ältere Serien etwas genderneutraler gibt. Ja, es gibt hier und da sogar Dinge, die an Frauen vermarktet werden. Und nicht wenige hatten das Gefühl, dass Digimon Adventure tri. versuchte, diese Zielgruppe stärker anzusprechen. Doch so oder so: Bei Digimon wurde zumindest in der Mentalität nie der Gedanke aufgegeben, dass es für Jungs sei. Anders als PreCure, übrigens, dass mittlerweile ganz offiziell für Jungs und Mädchen ist, nachdem man merkte, dass auch Jungs das Spielzeug kauften.

Sind Digimon-Spiele schlecht?

Im letzten Abschnitt habe ich die Digimon-Spiele bereits angesprochen. Denn dafür ist Digimon leider ebenfalls bekannt. Wie oft habe ich bei der endlosen Diskussion „Digimon vs Pokémon“ schon gehört? Wie oft: „Der Anime bei Digimon ist besser, die Spiele aber bei Pokémon“? Dabei würde ich beiden Aussagen nicht zustimmen. (Über den Pokémon Anime werden wir hier im Oktober sprechen!)

Doch ja, die Digimon-Spiele waren chaotisch. Die Wonderswan-Spiele konnten nicht in den Westen kommen, da es den Wonderswan hier nicht gab und Ports sich nicht lohnten. Digimon World hatte in jedem Spiel eine beinahe komplett neue Spielmechanik. Dabei haben wenige außerhalb der Hardcore Fans nur den zweiten Teil gespielt, da der erste ein sehr unintuitives und wenig interaktives Spielsystem nutzte und in Europa zudem stark verbuggt herauskam. Daher kamen für lange Zeit neben drei Digimon World Teilen hier nur ein paar Beat’m Ups und ein Mario Kart Klon heraus. Auch die DS Spiele schafften es damals nur zum Teil in den Westen, selbst wenn sie weit mehr in Richtung Story boten.

Dennoch waren unter den Digimon-Spielen einige Schätzchen. Ich hänge nachwievor an den Geschichten mit Ryous Story und selbst wenn es ein Desaster in Sachen Game Design war, liebe ich auch Digimon Medley für den Wonderswan. Mehr aber noch: Die Story Games für den DS waren wirklich gut. Und auch die PSP-Spiele hatten ihren Charme und haben es vor allem geschafft, im Herzen das Spielsystem des ersten Digimon World zu behalten, aber spielbar zu machen. Hierzulande kennt man sie jedoch nicht wirklich.

Habu, der Held eines Franchises?

Wer sich noch irgendwie mit Digimon beschäftigt, wird allerdings sich nun auch denken: „Hey, aber die neuen Digimonspiele waren sogar ziemlich gut! Die sind doch auf der PS4 erschienen!“ Und damit läge man natürlich absolut richtig. Denn letzten Endes ist ein kleines Wunder passiert und dieses Wunder ist ein Teamwechsel bei Bandai. Dieser Wechsel sorgte dafür, dass Kazumasa Habu die Rolle des zentralen Produzenten der Digimon-Spiele einnahm und für einen ziemlichen Richtungswechsel sorgte.

Denn letzten Endes hatte Habu eine sehr gute Idee: Viele Fans mögen Digimon für die Storys und Charaktere. Was wäre, wenn es die Spiele auch fesselnde Storys und Charaktere hätten? Und daraus wurden bereits die PSP-Spiele geboren. Richtig Anerkennung fand das ganze jedoch mit einem kleinen Spiel, das sich Digimon Story Cyber Sleuth nannte und ursprünglich auf der PSVita erschien. Anders als vorherige Spiele bemühte sich dieses Spiel, eine ältere Zielgruppe anzusprechen, wie man auch schon an frühen Trailern erkennen konnte.

Und siehe da: Das Spiel hat einen solchen Buzz erzeugt, dass es sogar im amerikanischen und europäischen Markt ankam. Nur war die Playstation Vita, auf der das Spiel erschienen war, hier ein absoluter Flop gewesen – was dafür sorgte, dass das Spiel, wie auch die folgenden Spiele, bald einen Port für die PS4 inklusive besserer Qualität bekommen haben. Und, ja, was soll man sagen, außer, dass die Spiele genug Buzz erzeugt haben, um teilweise sogar hier für ein paar Wochen in den Top-Listen zu landen? Es reicht zumindest, als dass Bandai auf der Anime Expo in den US letzten Monat ein Panel mit Habu hatte und der Trailer für das kommende Spiel einer der am häufigsten angesehenden Trailer auf dem US Bandai-Youtube-Kanal zu sein. Auch das auf der Anime Expo gezeigte Eröffnungsvideo, das erneut auf eine an etwas ältere Spieler gerichtete Story hinweist, hat einige Aufmerksamkeit bekommen. (Irgendwie möchte ich an dieser Stelle übrigens anmerken, dass seine Spiele queere Repräsentation und massenhaft Frauenfiguren bieten!)

Die digitale Generation

Ein Problem, was in meinen Augen Digimon als Franchise für Kinder hat, ist, dass die Serie dieses gewisse Etwas mit sich brachte, das ich mit der Jahrtausendwende assoziiere. Da ist diese Faszination mit einer neuen, digitalen Welt. Das Internet halt, das langsam allgemein zugänglich wurde. Ich meine, das war eine spannende Zeit und genau aus dieser Zeit ist Digimon erwachsen.

Was dieser Aspekt jedoch mit sich bringt, ist die Tatsache, dass Digimon als Franchise Probleme hat einen Fuß bei den Kindern von heute zu fassen. Denn diese nehmen das Internet anders wahr, als die Kinder von 1999 es taten. Natürlich. Die Welt hat sich nun einmal gewandelt. Aber das ist meiner Meinung nach eins der zentralen Probleme von Digimon, wenn es um die eigentliche Zielgruppe der Grundschüler geht. Wie spricht man diese an?

Appmon hatte hierfür ein Konzept und war damit nicht einmal unerfolgreich. Statt die digitale Welt vollkommen fremd zu machen, hatte sie viel eher etwas Vertrautes dabei – gleichzeitig wurde eben über Apps gesprochen. Doch leider war die Serie Bandai offenbar nicht erfolgreich genug, wenn wir bedenken, dass auch sie leider, leider keine Fortsetzung bekam.

Verschenktes Potential?

Was daran bleibt, ist, dass es traurig ist. Immerhin zeigen die Playstation 4 Spiele, dass Digimon definitiv noch ein Publikum hat – und Appmon macht ebenfalls sichtbar, dass das Franchise durchaus noch etwas machen kann. Was es dabei braucht, wäre auch im Anime-Department ein wenig Mut. Mut eben noch ein paar Sachen auszuprobieren, anstatt zu hoffen, dass man mit Digimon Adventure Filmen und OVAs weiterhin eine tote Kuh melken kann.

Denn ja, Digimon bietet durch sein Konzept viele Möglichkeiten, gerade wenn man es mit Cyberpunk-Konzepten mischt. Man kann Vorsicht im Umgang mit dem Internet lehren, man kann philosophische Fragen einbringen und einiges mehr. Ja, auch mit dem originalen Konzept aus Adventure, das leider nie fertig aufgearbeitet wurde, könnte man einiges machen: Eben die Charaktere auf verschiedene Arten, nicht nur als eine, nutzen um Probleme anzusprechen. Möglichkeiten gäbe es viele, würden sie denn genutzt.

Soweit aber scheint man vorsichtig geworden zu sein. Wer weiß aber, was sich in den nächsten Jahren entwickeln wird? Zumindest ein weiteres Projekt in Sachen Anime wird mit „Digimon Adventure Last Evolution Kizuna“ erwartet und zwei weitere Digimon-Spiele für die Playstation sind angekündigt: Digimon Survive und ein neues Digimon Story Spiel. Bei beiden wird Habu weiterhin die Spiele-Regie und Produktion übernehmen. Wir können also zumindest dahingehend gespannt sein!

Zumindest lässt sich eins sagen: Digimon ist dieses Jahr auch als Anime 20 Jahre alt – und hat bis heute viele treue Fans. Das ist mehr, als viele andere Serien von sich behaupten können. In dem Sinne: Happy Odaiba Memorial Day!

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