Mad Max: Fury Road – Immortan Joe & sein Kult

Das letzte Mal haben wir über die Darstellung von Frauen und speziell Furiosa als Hauptcharakter in Mad Max Fury Road gesprochen. In dieser Woche soll es um die Antagonisten gehen: Immortan Joe und seine War Boys. Was repräsentieren sie und wie werden sie dargestellt?

Dies ist der zweite Eintrag meiner Mad Max Reihe. Wie einigen auffallen mag: Auch hier geht es nicht um Max, sondern um den Hauptantagonisten des Films. Immortan Joe, die War Boys, die an seiner Zitadelle leben und was der Kult zwischen ihnen darstellt. Dazu sei direkt gesagt: Es gibt zwei übliche Lesungen des Kultes, die ohne Aussage des Regisseurs beide ähnlich gültig sind. Doch dazu später. Kommen wir erst einmal zum Mann selbst: Joe.

Immortan Joe

Während Furiosa zur War Rig geht, sehen wir einen von Schwielen, Ödemen, Tumoren und Narben verunstalteten Körper. Ein paar Warboys pusten weißes Puder – wahrscheinlich Kalk – auf die offenen Stellen, ehe dem deutlich übergewichtigen Mann eine Rüstung aus Plastik angelegt wird. Sie ist mit Abzeichen verziert und geformt und bemalt, um den Körper, den sie verbirgt, muskulöser, gesunder, maskuliner wirken zu lassen. Dennoch muss der Mann, dessen Haar weiß und ausgegraut ist, eine Atemmaske tragen, um überhaupt leben zu können.

Der Film stellt uns vor keine Illusion. Von Anfang an sehen wir Joe für das, was er ist: Ein alter, kranker Mann, der auch so wahrscheinlich nicht mehr lang zu leben hat. Gefolgt wird diese Darstellung jedoch durch eine Darstellung seiner Macht und woher diese kommt. Während die Menschen sich unterhalb der Zitadelle versammeln, öffnet er nur kurz das Wasser. Das Wasser, mit dem er alle kontrolliert. Zynisch fordert er die Menschen auf, nicht vom Wasser abhängig zu werden.

Das ist das letzte, was wir von ihm sehen, bis Furiosa von ihrer Lieferroute abweicht und Joe klar wird, was vor sich geht. Wir sehen ihn durch die Zitadelle laufen, sehen ein Tresorraum, in dem Nachrichten für ihn hinterlassen wurden. „Unsere Söhne werden keine Kriegsherren sein.“ Auch sehen wir seine Wut und damit auch die Gefahr, die von ihm ausgeht. Obwohl er ein alter, gebrechlicher Mann ist.

Joes Söhne

Wie schon im letzten Beitrag erwähnt, wird dem Zuschauer relativ wortlos klar gemacht, was es mit Joes „Frauen“ auf sich hat. Den Grund, warum er sie hat, sehen wir auch direkt in dieser ersten Szene, wo Joe zwischen seinen beiden Söhnen steht: Rictus Erectus und Corpus Colossus. Beide mit lateinischen Namen.

Corpus Colossus sind seine körperlichen Einschränkungen anzusehen. Er hängt auf einer Art Schaukel, die ihm dank einem Seilsystem zumindest ein wenig Mobilität gibt, die er sonst dank seiner kurzen Arme und Beine nicht hat. Er braucht künstliche Beatmung. Auf seiner Brust sind Narben von Herz-OPs zu sehen. Dass er körperlich behindert zur Welt kam, ist ihm anzusehen. Sein Name „Corpus Colossus“ (riesiger Körper) wirkt dabei ebenso zynisch wie Joes Worte über die Abhängigkeit von Wasser.

Der zweite ist Rictus Erectus, der entgegen seines Bruders physisch beinahe eine idealisierte männliche Form hat – allerdings dennoch auf ein Atemgerät angewiesen ist. Es wird jedoch schnell klar, dass er zwar den Körper eines erwachsenen Mannes, jedoch die geistige Reife, die Impulskontrolle und auch Intelligenz eines Kindes. Auch sein Name ist Ironie. „Rictus Erectus“ bedeutet „hervorstehendes Kinn“, doch er muss einen Kieferstabilisator tragen.

Keiner der beiden Söhne ist in Joes Augen ein geeigneter Erbe, ist doch das langfristige Überleben von auch nur einem der beiden mehr als fraglich. Daher sieht Joe sich gezwungen einen gesunden Erben zu zeugen – der Grund, warum er die wenigen gesunden Frauen dieser post-apokalyptischen Welt gefangenhält.

Der Kult

Bevor wir auf die War Boys zu sprechen kommen, macht es Sinn, kurz über den Kult zu sprechen, den Joe für sie geschaffen hat. Und ja, Joe hat diesen Kult künstlich geschaffen. Es wird mehrfach im Film deutlich, dass er nicht, wie manch andere Kultgründer, selbst daran glaubt. Nein, er benutzt diese falsche Religion, um die Jungen und jungen Männer zu kontrollieren.

Der Kult hat mehrere Facetten. Die erste, die wir sehen ist der „Altar“ der in der Zitadelle steht und an dem die individualisierten Lenkräder hängen, wenn sie nicht gebraucht werden. Sie verehren Wortwörtlich einen Motor. Einen V8-Motor um genau zu sein. Mit religiösen Gesten verbeugen sich die War Boys davor, ehe sie ihre Lenkräder nehmen.


Doch der größere Faktor, den diese Religion ausmacht, hören wir bereits im Dialog zwischen Nux und Slit. Als die Verfolgung anfängt, wird er noch deutlicher: Die Fury Road, Valhalla und harte oder weiche Tode. Hier hat sich Immortan Joe deutlich an der nordischen Mythologie bedient, sie jedoch für seine Ideologie noch einmal mehr – nun – „metal“ gemacht. Denn viele seiner War Boys sind krank. Viele haben Tumoren, die sie langsam zerfressen. Joe bietet ihnen einen Ausweg: Einen harten, historischen Tod, der sie nach Valhalla bringt.

Dabei sehen wir recht schnell, worum es geht: Um einen möglichst „epischen“ Tod. Mit viel „kawumm“. Einen Tod, bei dem man Gegner mit sich nimmt, mit sich in den Tod reißt. Deswegen Selbstmord mit Explosionen. Deswegen Nux‘ Versuch, sich und Max samt Wagen in die Luft zu jagen. Und – das ist wichtig – es braucht einen Zeugen. „Witness me.“ Einen Zeugen, der den Tod offenbar bewerten soll.

Die War Boys

Aber wer sind die War Boys? Nun, eine geschnittene Szene, aber auch der Comic zu Nux‘ Vorgeschichte bieten die Antwort. In der geschnittenen Szene sehen wir eine Frau, die ihren Sohn, einen Säugling als War Boy anbietet. Und auch im Nux Comic gibt es was ähnliches: Nachdem Nux‘ Mutter, die unter der Zitadelle lebte, gestorben ist, klammert er sich als sehr kleiner Junge am Aufzug fest und beweist somit seine Eignung zum War Boy.

Anders gesagt: Die War Boys sind vorrangig die Söhne der Leute von unterhalb der Zitadelle. Eventuell kommen noch weitere Kinder dazu, die aus Gas Town und von der Bullet Farm kommen, bzw. eingefangene Kinder, die entführt wurden. Größtes Kriterium scheint zu sein, dass sie gesund genug sein müssen, um kämpfen zu können. Alt werden sie sowieso nicht.

Die Kinder werden größtenteils wohl von klein auf in der Zitadelle aufgezogen und so in den Glauben indoktriniert. So halten sie Joe wirklich für jemand, der beinahe ein Gott ist, jemand, für den sie bereit sind zu sterben. Während sie für Joe nichts weiter, als Kanonenfutter sind.

Joes Motivation

Kommen wir zu einem Abschnitt, über den man nicht komplett reden kann, ohne in die Interpretation, also die metaphorische Ebene des Films zu gehen. Was ist eigentlich Joes Motivation in dem Film? Natürlich, ich habe bereits etabliert, dass er einen gesunden Sohn will. Wir wissen auch, das Aghara hochschwanger ist. Doch all das wäre natürlich kein Grund, effektiv seine ganze Armee zu mobilisieren.

Da ist jedoch diese eine andere Sache: Schwäche. Und dies ist seine Motivation. Denn er hat Angst, seine Autorität zu verlieren, indem er Schwäche zeigt. Denn wenn Furiosa ihm das stehlen kann, was ihm am meisten bedeutet, was könnte ihm dann der nächste stehlen? Wie lange würde es dauern, bis irgendjemand gegen ihn rebelliert? Denn auch die Achtung seiner Leutnants – dem Menschenfresser und dem Bullet Farmer – ist ihm nicht gänzlich sicher.

Doch während das wahrscheinlich sein rationaler Grund ist, liegt da auch noch ein emotionaler Grund dahinter. Er ist der Mann, der alles hat. Er ist der Mann, der alles haben kann. „Nein“ ist keine Antwort, die Immortan Joe einfach so akzeptiert. Schon gar nicht von Frauen, die in seiner Gesellschaft, in seinem Kult, effektiv nur als „Vieh“ existieren können.

Deswegen versucht er es mit einer Darstellung seiner Macht, die ihm zum Verhängnis wird. Er will zeigen, das er der stärkste, der mächtigste ist. Verheizt dabei diverse War Boys, die in den Kriegskalkulationen nicht einmal auftauchen – und am Ende … Nun, wir haben den Film gesehen.

Selbstdarstellung

Allgemein ist für Joe Selbstdarstellung der Name des Spiels. Wie am Anfang schon gesagt, trägt er eine Plastikrüstung, die ihn muskulös und fitter darstellt, als er eigentlich ist. Und man soll sich nur seinen Gürtel anschauen. Er trägt seine Waffen – nun … – am Gürtel. An einer deutlichen Stelle. Natürlich will er damit etwas sagen!

Und dann ist da sein monströser Wagen, der aus zwei Wagen zusammengebaut wird. (Oh ja, das wird später noch einen eigenen Eintrag geben.) Alles, was er macht, hat eine gewisse Größe darin, alles ist übertrieben, groß, laut. Er hat alles und das muss er zeigen, damit niemand seine Macht hinterfragt. Denn seine „Dinge“ sind er. Seine Dinge sind „Macht“. Und deswegen muss er seine Dinge zeigen, damit seine Macht klar ist.

Das ist letzten Endes auch der Aspekt seiner Rede am Anfang. Klar, sie zeigt, dass er ein Arschloch ist. Doch was tut sie aus seiner Sicht? Sie demonstriert seine Macht. Er kontrolliert das Wasser – das wird später wortwörtlich gesagt – und damit jeden anderen. Genau das zeigt er zu beginn des Films.

Was bedeuten seine Frauen?

Eine Frage, die ich persönlich allerdings ebenfalls interessant finde, ist die Frage nach Joes Verhältnis zu den Frauen. Denn ein wenig komplizierter ist dies schon. Denn ja, er betrachtet sie als sein „Eigentum“. Dennoch haben wir ein paar Momente und ein wenig Informationen, die zeigen, dass da doch ein wenig mehr ist – was übrigens in keiner Weise heißen soll, dass er doch ein guter Typ wäre oder so. Nein. Ist er nicht. Er ist Abschaum. Aber genau das macht es interessant, dass man ihn über diese Aspekte doch menschlicher dargestellt hat, damit er eben nicht einfach nur ein cartoonhafter, komplett eindimensionaler Bösewicht ist.

Da ist zum einen Furiosa. Wie ich im letzten Eintrag schon etabliert habe, wird deutlich angedeutet, dass sie ursprünglich auch eine „Brüterin“ war, jedoch wegen ihrer Unfruchtbarkeit nicht in der Position blieb. Das Interessante hier ist eben, dass er sie dennoch nicht aus der Zitadelle geworfen hat, sondern sie einem Imperator zur Ausbildung gegeben hat. Eine fraglos eher emotionale Entscheidung, die ihm das Leben gekostet hat.

Etwas anderes sieht man auch später mit Aghara. Auch wenn er damit argumentiert, dass es ihm um das Kind in ihrem Uterus geht, schießt er nicht auf sie, als sie sich vor Furiosa stellt. Er warnt sie auch vor dem Felsen und als sie fällt, zieht er instinktiv den Wagen zur Seite, was zu einem Unfall führt, der ihn hätte ernsthaft verletzen können. Auch sieht man ihn deutlich um sie trauern – auch wenn es ihn (erneut etwas, das wir in einer geschnittenen Szene sehen) nicht davon abhält, ihre Leiche den Krähen zu überlassen.

Aber es sind genau diese Momente, die ein wenig notwendige Nuance in den Charakter bringen. Denn seien wir ehrlich, ohne diese kleinen Momente wäre er ein eintöniger, extrem langweiliger Bösewicht.

Joes Ende

Wir müssen aber natürlich auch über den Tod von Joe sprechen – beziehungsweise auch das, was danach folgt. Über den Tod selbst gibt es nicht mehr viel zu sagen, was ich nicht schon weiter oben und im letzten Beitrag gesagt habe. Es ist Rache von Furiosas Seite aus und es ist effektiv etwas, das durch Joes maßlose Selbstüberschätzung und seine Machtdemonstration, herbei geführt wurde. Na ja, dem und der Tatsache, dass er durchweg Frauen unterschätzt. Denn ein wichtiger Faktor in seinem Tod, war, dass er und Rictus Cheedo und Toast unterschätzen, was es ihnen erlaubt, lang genug für Ablenkung zu sorgen.

Was jedoch ebenso interessant ist, ist die Rückkehr zur Zitadelle und das Ende seines Kultes. Als Max, Furiosa, Joes Frauen und die überlebenden Vouvalini an der Zitadelle ankommen und Joes Leiche zeigen, wird diese von den Menschen am Boden wortwörtlich zerrissen. Seine Leiche wird nicht wie die eines toten Führers behandelt, erhält keinen Respekt. Sie ist nur noch Fleisch (Nahrung) und Wertgegenstände. Die jungen, noch nicht so lange indoktrinierten War Boys, die neben den Sklaven die einzigen in der Zitadelle sind, zögern kaum, ehe sie beschließen, dass sie wohl einen neuen Anführer haben. Auch Corpus Colossus macht keine Anstalten irgendjemand aufzuhalten.

Was all das zeigt, ist, dass letzten Endes Joe nur durch seine militärische Übermacht – gegeben durch die erwachsenen und vollkommen indoktrinierten War Boys – seine wirkliche Macht hatte. Davon abgesehen jedoch gab es keinen Glauben an ihn oder in seine Sache. Seine ganze Macht baute auf der Indoktrination junger Männer und auf Gewalt auf. Ja, ich denke, es ist leicht zu sehen, dass der Film damit etwas sagen will. Oder?

Nach Joes Tod

Eine Sache finde ich noch interessant. Und das ist die Information aus dem erweiterten Material was später mit Corpus Colossus passiert. Hierbei finde ich es tatsächlich schade, dass man davon im Film nichts mehr sieht – auch wenn es natürlich Sinn macht. Der Film ist eine sehr dichte Erzählung und endet halt wirklich mit dem Ende der Erzählung.

Dennoch: Tatsächlich ist Corpus Colossus in die spätere Gesellschaft der Zitadelle integriert. Er hat sehr viele Planungsaufgaben für Joe übernommen und hat daher viel Wissen über die Infrastruktur, die Joe aufgebaut hat. Etwas, das er später wohl für den Neuaufbau der Gesellschaft um die Zitadelle einsetzt. Und ja, ein wenig traurig finde ich es schon, dass wir sonst so wenig über ihn erfahren. Denn er scheint mir ein interessanter Charakter zu sein.

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