[Writing] About Us – Kindesmissbrauch

Ich habe letzte Woche „[Writing] About Us“ ins Leben gerufen – eine Aktion, um über eigene Erfahrungen und wie solche Erfahrungen in den Medien (mis)repräsentiert werden, zu sprechen. Das hier ist nun mein eigener Beitrag dazu – und anders, als Leute, die mich kennen, eventuell erwarten würden, schreibe ich nicht direkt über meine Identität als pansexuelles, genderfluides Demigirl, sondern über Kindheitserfahrungen. Auch wenn meine Identität dabei deutlich reinspielt. Denn ich wurde von meiner Mutter meine gesamte Kindheit und Jugend lang misshandelt.

CN: Krankheit, Depression, Missbrauch, emotionale Manipulation, Mobbing, Alkohol

Was ist passiert?

Kurz vorweg: Ich werde hier nur einen kurzen Abriss der Ereignisse schreiben. Wer sich ein besseres Bild machen möchte: Ich habe hier (es gelten dieselben TWs) eine ausführlichere Version meiner Geschichte online gesetzt. Ich habe diesen versteckt gesetzt, in der Hoffnung das dieser Beitrag zuvor gelesen wird.

Religiöse, bipolare Mutter

Meine Eltern waren geschieden. Ich wuchs, weil es damals so üblich war, bei meiner bekannterweise depressiven und bipolaren Mutter, die zudem zu manischen Phasen neigte, auf. Meinen Vater kannte ich kaum, da meine Mutter ihn während meiner Kindheit als den Teufel persönlich ausmalte und ich so Angst vor ihm bekam. Außerdem, so meinte Mutter, interessierte er sich nicht für mich. Er meldete sich ja kaum. Dass sie damals die Briefe und Anrufe von meinem Vater abfing und verbarg erfuhr ich erst viel später – nachdem beide meine Eltern bereits verstorben waren.

Zudem war meine Mutter eins: Ultrareligiös. Sie klammerte sich an den Katholizismus. Er war der Inhalt ihres Lebens. So sehr, dass ihr selbst manch ein Priester und viele meiner Religionslehrer nicht katholisch genug war. Einmal bezeichnete sie meine Religionslehrerin der Oberstufe als Ketzerin, dafür, dass sie uns Dinge die im von der katholischen Kirche beschlossenen Lehrplan standen, beibrachte.

Nun, ganz stimmt es nicht, dass Religion ihr einziger Lebensinhalt war. Da gab es noch was anderes: Ich. Und ich hatte das perfekte Kind zu sein, dass sie wollte. Als man bei mir Hochbegabung, Autismus und Rechtschreibschwäche diagnostizierte, entschloss sie sich die Hochbegabung zu nehmen und die anderen beiden Dinge zu ignorieren. Ich war schlecht in Diktaten? Musste meine Schuld sein. Immerhin war ich hochbegabt. Ich solle mich doch mehr anstrengen!

Krankheit

Dank den bipolaren Phasen, die schlimmer wurden, als sie Krebs bekam, hatte sie allerdings auch Tage, an denen sie einfach nichts tat. Ich war sechs, als ich die meiste Zeit für mich selbst kochte. Auch, weil ich, als ich es einmal gelernt hatte, mich weigerte, das Essen meiner Mutter – die nach der Chemo Salz oft nicht schmeckte – anzufassen.

Meine Mutter war krank. Auch ich war oft kränklich. Allerdings wollte meine Mutter immer, dass ich exotische Krankheiten habe. Bis auf das Mal, bei dem ich eine weniger häufigere Krankheit bekam. Und als mir aus der Schulmensa Salmonellenfing, wollte sie mich mir Lourdeswasser behandeln. Als ich endlich ins Krankenhaus kam, hatte ich 30 Kilo abgenommen und stand laut Arzt schon an der Türschwelle des Todes.

Dank der Krankheit meiner Mutter lebte ich effektiv, als ich 15, 16, 17 war praktisch allein, da meine Mutter die meiste Zeit im Krankenhaus lag. Dazu in Köln. Da ich selbstständig war und es niemanden gab, der mich betreuen konnte, ohne dass ich die Schule hätte wechseln müssen, blieb ich also mindestens das halbe Jahr allein in der Wohnung. Es war der Himmel!

(Bi)sexualität

Da meine Mutter so unglaublich katholisch war, war Sexualität ein Tabu. Was mich natürlich nicht daran gehindert hat, mich für das Thema zu interessieren. Ab einem bestimmten Alter war mir der Umgang mit Jungs praktisch untersagt – jedenfalls wenn unbetreut (etwas, das andere Eltern, Lehrer etc. dankbarerweise genau so doof fanden, wie ich, weshalb sie wenig machen konnte). Ein noch größeres Tabu war aber natürlich Homosexualität.

Da ich kleines, unschuldiges Ding allerdings naiv war und dank den Mangel an generellen Informationen zum Thema auch nicht wusste, wie die katholische Kirche dazu steht, meine Liebe zu einer Freundin gegenüber meiner Mutter gestand, ging für mich mit 13 oder 14 (genau weiß ich es nicht mehr) die Hölle los. Ich sollte beten, beichten, sonst was machen, dass das verschwindet. Wollte ich nicht. Daraufhin versuchte sie jemanden zu finden, der den Geist der Bisexualität aus mir exorziert. Fand sie nicht.

So beschloss sie schließlich, dass ich das alles tat, um sie zu töten. Ich war bi, um sie krank zu machen. Ich war schlecht in Deutsch und Englisch, um sie krank zu machen. Ich mochte Fantasy und Anime, um sie krank zu machen. Egal, was ich tat, tat ich – laut ihr – um sie krank zu machen. Als sie dann nicht viel später wieder mit Krebs diagnostiziert wurde, war es natürlich vollkommen meine Schuld!

So viele Dinge

Es sei dazu gesagt, dass dies nur die Spitze des Einbergs ist. Meine Mutter hat mich nie geschlagen, aber psychisch auf jede erdenkliche Art fertig gemacht. Sie hat mich von meinen Freunden isoliert – oder es versucht. Hat dafür aktiv gesorgt, dass ich in der Schule gemobbt werde (oder es zumindest provoziert). Hat mich eingeschlossen. Hat meine Dinge geklaut und weggeworfen und vieles, vieles mehr.

Was eigentlich alles sagen sollte: Als ich einmal in Mathematik eine Klausur mit einer 2- zurückbekam, brach ich weinend zusammen. Als die Lehrerin mich fragte, was denn los sei, schluchzte ich: „Wenn meine Mutter das erfährt, bringt sie mich um.“ Die Lehrerin verstand natürlich nicht. Immerhin war die Note doch nicht so schlimm. Dennoch wurde mir zuhause mein Handy weggenommen, meine Bücher und ich bekam Hausarrest und Fernsehverbot.

„Warum bist du nicht weggelaufen?“

Eine Frage, die ich oft gehört habe: „Warum bist du nicht weggelaufen?“ Oder auch: „Warum hast du niemanden etwas gesagt?“

Die Antwort ist einfach: Weil es als Kind praktisch unmöglich ist, Missbrauch zu erkennen. Vor allem, wenn er nicht aus physischer Gewalt besteht. Als Kind liebt man seine Eltern – oder seinen einen Elternteil. Weil es halt so ist. Man lernt es so. Und Eltern erziehen ihre Kinder. Das ist normal. Meine Mutter hat bis kurz vor ihrem Tod (als ich 17 war) mich nie in Anwesenheit von jemand anderem fertig gemacht. Daher bin ich lange davon ausgegangen, dass das vollkommen normale, vielleicht etwas strenge Erziehung sei.

Das hörte erst auf, als die Mutter einer (festen) Freundin, als ich 15 oder gerade 16 war, mitbekam, was ich ihrer Tochter so erzählt hatte. Sie rief mich an, redete lange mit mir. Sie war Lehrerin, hatte Erfahrung mit solchen Dingen. Sagte mir, dass es nicht normal sei. Nach ein paar Tagen glaubte ich ihr. Sie bot mir an, herzukommen, mit meiner Mutter zu reden. Aber ich hatte Angst. Also bot sie etwas anderes an: Ich könne zu meiner Freundin und ihr fahren und wir könnten gemeinsam dort zum Jugendamt gehen. Also versuchte ich wegzulaufen. Leider verriet eine Schulfreundin mich, die davon wusste. So erfuhr meine Mutter davon. Wieder ein angeblicher Versuch sie umzubringen. Der Kontakt zu der genannten Freundin wurde mir daraufhin untersagt. Schule und Jugendamt? Haben nichts getan, obwohl die Mutter der Freundin es wohl versuchte in die Wege zu leiten.

Pflegefamilie

Dankbarerweise – ja, das sage ich so und meine es auch – starb meine Mutter dann am Krebs, als ich 17 war. Ich war frei, konnte endlich über diese Dinge reden. Und ich kam zur Pflegefamilie, die meine Mutter beschlossen hatte. Etwas, das toll war – erst einmal – leider ebenfalls schnell zum Albtraum wurde, als ich herausfand, warum die Kinder der Familie sehr früh ausgezogen sind: Vater war Alkoholiker und im Alkoholrausch öfter auch gewalttätig.

Da diese Leute aber weder meine Eltern waren, noch der Missbrauch mit Gaslighting verbunden war, war es hierbei viel leichter zum Jugendamt zu gehen. Am Morgen nach einem solchen Ausbruch (ich war gerade 18), fuhr ich zur Schule, sagte meiner Lehrerin und einem Schulfreudn Bescheid, fuhr zum Jugendamt. Ironischerweise war ich gerade angekommen, als der Pflegevater beim Amt anrief, um meinem Berater zu sagen, er dürfe mir sicher nicht glauben, sollte ich versuchen ihm zu sagen, dass ich geschlagen worden wäre. Ich erfuhr so indirekt, dass man mich rauswarf. Doch wie gesagt: Es war alles leichter. Ich hatte blaue Flecken. Der Anruf machte Pflegevater verdächtig. Es war kein Problem. Am Abend holte ich mit drei Freunden, Polizeibegleitung und Anhänger meine Sachen ab, schlief bei einem der Freunde. Drei Tage später zog ich zu meinem damals festen Freund nach Österreich.

Wie gesagt: Es war leichter. Weil es eine Pflegefamilie war. Weil der Täter ein Mann war. Weil es physische Misshandlung war und dass das Misshandlung ist, musste ich niemanden erklären. Keinen Freunden, keinen Lehrern, keinem Jugendamt. Niemand zweifelte an, dass ich aus der Situation heraus musste.

Das Medienproblem

Damit kommen wir auch zu den Problemen von Medien und Gesellschaft, wenn es um dieses Thema geht. Und ja, es sind einige Probleme.

Der Missbrauch

Und damit kommen wir auch zu dem größten Problem, was ich mit den Darstellungen in den Medien habe: Der Missbrauch, der gezeigt wird, ist oftmals vorrangig physischer Natur oder geht in die Richtung, dass ein Kind versklavt wird. Eventuell gibt es noch extreme Vernachlässigung, aber das eher in einem Kontext, dass das Kind in ein Zimmer gesperrt und hungern gelassen wird. Oh, und natürlich sexueller Missbrauch. Davon hören wir auch. Psychischen Missbrauch? Reiner psychischer Missbrauch? Davon liest man wenig, hört man wenig, sieht man wenig.

Auch wenn es einen Radiobericht im Lokalradio gibt, dass das Jugendamt ein Kind von seinen Eltern befreit hat, so sind das Kinder, die geschlagen wurden und mit gebrochenen Knochen daraus geholt wurden. Oder Kinder, die wochenlang allein lebten, weil ihre Eltern feiern gingen, in den Urlaub fuhren und sie einfach zurückließen.

So oder so: Der Kindesmissbrauch, von dem wir in Medien hören, ist immer nur der Missbrauch in seiner extremsten und am leichtesten sichtbarsten Form. Halt dann, wenn dem Kind aktiv physisch geschadet wird. Und das meist auch extrem. Wenn werden die Kinder windelweich geprügelt, ehe man sie hungern lässt. Emotionale Vernachlässigung im Zusammenhang mit regelmäßigen Ohrfeigen? Findet man ebenso wenig.

Was man außerdem wenig zeigt: Die warmen Phasen. Denn auch wenn es nicht immer so ist, so gibt es bei von Erziehungsberechtigten vieler missbrauchten Kindern immer wieder diese Phasen, wo der Elternteil supernett ist und versucht es wieder gut zu machen. Halt übliches Verhalten einer toxischen Beziehung. Man versucht den Partner – oder hier das Kind – davon zu überzeugen, dass ja alles okay ist und man einander ja doch lieb hat. Doch in Mediendarstellungen? Sieht man das selten.

Der Täter

Wenn wir Täter in den Medien sehen, dann fallen diese fast immer in bestimmte Schema. Pflege- oder Adoptiveltern werden häufiger – gerade in fiktionalen Werken – als Täter dargestellt. So natürlich auch Personal von „Waisenhäusern“ oder dergleichen. Gerade wenn man fiktionale Medien ansieht, in denen so etwas vorkommt, könnte man manchmal meinen, Waisenhäuser (die es real übrigens in den meisten Ländern nicht mehr gibt!) betreiben durchweg Kinderprostitution und Pflegeeltern wollten nur Kinder aufnehmen, um billige Arbeitskräfte zu haben.

Dann haben wir als Täter zu dem oft Väter, gerne alleinerziehende Väter. Denn natürlich wollten diese das Kind nicht oder so etwas in der Art. Sie werden dann am häufigsten physisch gegen das Kind tätig, schlagen, verprügeln, misshandeln. Gerne mit Alkohol im Spiel, aber nicht immer. Eventuell gibt es eine Stiefmutter, die mitmacht. Vielleicht ist die Stiefmutter auch allein. Kommt auch vor.

Leibliche Mütter, die ihre Kinder misshandeln? Sieht man in den Medien sehr, sehr selten. Noch seltener sehen wir leibliche Mütter, die dabei nicht Drogenabhängig sind. Denn die Vorstellung, dass eine leibliche Mutter ein Kind missbraucht? Kaum vorzustellen! Wenn nur, wenn sonst etwas nicht stimmt und diese Mutter generell eine „asoziale“ Person ist. Meistens dann mit Stereotypen über psychisch Kranke verbunden, die ich was dieses Thema angeht, lieber anderen überlasse.

Real aber werden Kinder von vielen, vollkommen verschiedenen Leuten misshandelt. Auch wunderbar gesellschaftlich angepassten Menschen, die einen guten Ruf haben, eventuell Koryphäen in einem Bereich sind!

Die Hilfe

Kommen wir zu einem anderen Thema, dass ich ansprechen möchte, da es mich gerade in Kinder und Jugendbüchern stört: Denn dort haben wir immer mal wieder mal unseren „Auserwählten“. Ein misshandeltes Kind oder Jugendlicher, dass entweder bei den Leuten lebt, die ihm schaden, oder auf der Straße. Und dann kommt irgendwann jemand vorbei, um dem oder der Auserwählten zu sagen, dass er oder sie auserwählt oder zumindest etwas Besonderes ist und deswegen jetzt ein besseres Leben bekommen kann.

Das habe ich leider in meiner Kindheit mehr als einmal gelesen und, nun, ja, denkt mal darüber nach, was es einem Kind in einer solchen Situation sagt: „Wenn dir niemand hilft, dann ist das, weil du halt nicht besonders genug bist.“

Das Kind

Kommen wir zum letzten wichtigen Faktor: Dem Kind, das misshandelt wird. Denn dieses und sein zukünftiges, erwachsenes Selbst gibt es in fiktionalen Darstellungen zumindest gefühlt nur in einem von zwei Extremen:

Erstes Extrem: Das Kind ist zwar unglücklich, über das Leben, das es hat, wünscht sich auch der Situation zu entkommen, ist praktisch aber unberührt vom Missbrauch. Es hat keine Angst vor Authoritätspersonen, zeigt keinerlei Spur von Coping-Mechanismen, schafft es teilweise sogar den Tätern gegenüber freche Antworten zu geben – selbst wenn es dafür bestraft wird. In Settings, wo es gemeinsam mit anderen Kindern missbraucht wird, ist das Hauptkind oft das, dass sich dann mutig dem Täter entgegenstellt. Trauma? Pfft. Was ist das?

Zweites Extrem: Das Kind funktioniert nicht. Nicht als Kind. Nicht als Erwachsener. Es sitzt einfach nur in der Ecke, ist fertig, ist psychisch komplett kaputt, wird drogenabhängig und/der gewalttätig, ist im Leben später unfähig einen Job zu halten und generell … Wahrscheinlich ein Bösewicht. Auf jeden Fall psychisch komplett und irreparabel fertig mit sich und der Welt. Eventuell auch mit einer übertriebenen multiplen Persönlichkeitsstörung. Am besten so richtig mit Serienkiller und allem!

Was ich mir wünschen würde?

Nun, lese den letzten Abschnitt: All das nicht mehr. Oder wenigstens nicht mehr so häufig.

Ich wünsche mir Missbrauchssituationen, in denen das Verhältnis von Täter zu Opfer komplexer ist, als „Täter misshandelt das Opfer die ganze Zeit und bringt dem Opfer gegenüber nichts als Abneigung und Hass entgegen.“ Ich wünsche mir Missbrauch, der nicht so unglaublich übertrieben ist und nur die extremsten Extremfälle abdeckt. Ich wünschte mir, auch in Medien, die sich an Kinder richten, häufiger psychischen Missbrauch zu sehen – um Kindern die Chance zu geben, diese Dinge selbst zu erkennen. Ich wünschte mir auch häufiger die Nachricht zu sehen, dass eventuell der Täter auch Hilfe braucht und es nicht „böse“ ist, als Kind Hilfe zu suchen.

Ebenso wünsche ich auch häufiger Darstellungen von Kindern, die eben das tun. Kinder, die auch wenn sie nicht besonders sind, Hilfe suchen und auch bekommen. Eventuell auch Darstellungen von normalen Lehrern und Freunden und Nachbarn, die darauf achten, wie das Kind behandelt wird und einschreiten. Um zu zeigen, dass das okay ist. Dass das nicht respektlos gegenüber den Eltern ist.

Und ich wünsche mir mehr ehemalige Opfer in Medien, die komplexe Trauma davon haben. Ich wünsche mir Autoren, die sich mehr mit dem Thema beschäftigen und was für Trauma und auch langzeitliche psychologische Folgen von Kindesmissbrauch sind. Speziell auch, wenn es um das Verhalten von Kindern geht.

„Positive“ Beispiele

Es fallen mir in diesem Bereich leider auch sehr, sehr wenig Figuren ein, die ich als positives Beispiel nennen würde. Denn ein Großteil der Darstellungen, die ich kenne, fallen doch in zumindest einen Teil der oben genannten Fallen.

Eins der wenigen Beispiele, die ich nennen kann, ist Chiise aus Mahoutsukai no Yome (Die Braut des Magiers). Ich habe mich in dieser Hinsicht von keinem Charakter so gut repräsentiert gefühlt, wie von Chiise. Auch sie wurde von ihrer leiblichen Mutter misshandelt, sie hat davon massive Traumata und ein nicht unerheblicher Teil des Anime/Manga handelt davon, wie sie dieses Trauma aufarbeiten muss, zumal die Trauma bei ihr schwere Depressionen ausgelöst haben. Dabei wird sie aus dem Missbrauch nicht gerettet. Gerettet wird sie nur vor dem Suizid. Sie drückt zumindest meine emotionalen Erfahrungen sehr gut aus und hat mir selbst enorm bei der Aufarbeitung meines eigenen Trauma geholfen.

Ironischerweise sind auch die meisten anderen Beispiele, die mir einfallen aus Anime. Denn wir haben auch Juri in Digimon Tamers, die mit der emotionalen Vernachlässigung und emotionalen Missbrauch durch ihren Vater zu kämpfen hat. Dabei wird auch die Sicht ihres Vaters beleuchtet, der damit nach dem Tod von Juris Mutter anfing. An sich lässt sich der Endboss der Serie als ein metaphorischer Auswuchs von Juris Depression interpretieren.

Nicht ganz so optimal, aber auch in die Richtung gehend, kann man Ken aus Digimon Adventure 02 interpretieren. Der ebenfalls emotional vernachlässigt wurde, da alle Aufmerksamkeit seinem Bruder galt. Allerdings wird auf dieses Trauma hier, nachdem er einmal als Antagonist besiegt wurde, nicht mehr wirklich eingegangen.

Ein weiteres Beispiel, das mir einfällt, ist aus einer westlichen Serie. Lost Girl, eine amerikanisch-kanadische Co-Produktion und Urban Fantasy Serie handelt von Bo, einer Succusbus. Sie ist bei einer menschlichen, sehr religiösen Familie aufgewachsen. Hier wird das Thema nur am Rand immer wieder aufgegriffen, bis Bo sich entscheidet, ihre Mutter, mit der sie den Kontakt abgebrochen hat, zu konfrontieren und feststellen muss, dass es dafür zu spät ist.

Zuletzt: Zumindest auf emotionaler Ebene finde ich die Darstellungen in den Guardians of the Galaxy Filmen erstaunlich gut gelungen. Letzten Endes ist es eine Filmreihe über diverse Charaktere, die von ihren Eltern oder Zieheltern misshandelt wurden. Ja, es fällt dabei in diese „Zieheltern sind die Bösen“ Falle rein, doch zumindest zeigen die Filme die emotionalen Folgen von Kindheitstrauma besser, als ich es normal von Blockbustern kenne. Keine uneingeschränkte Empfehlung, aber auf emotionaler Ebene machen die Filme da einiges richtig.

Es ist keine „tragische Hintergrundgeschichte“!

Vor allem aber wünsche ich mir, dass „Oh, der Protagonist wurde Jahre lang von seinem Stiefvater geschlagen und misshandelt“ nicht mal eben eine einfache, tragische Hintergrundgeschichte ist, die schlimmstenfalls noch dazu verwendet wird, um zu begründen, warum genannter Protagonist einfach nur ein Arschloch ist. (Wohlgemerkt: Ohne, dass er sonst Anzeichen von Traumata zeigt.)

Wenn ihr Kindesmissbrauch als traurige Vorgeschichte eines volljährigen Protagonisten oder als den Hintergrund, von dem ein minderjähriger Protagonist am Anfang der Geschichte entkommt, nutzt, ohne euch die Mühe zu machen, etwaige Folgen einzuarbeiten, dann schadet ihr unter Umständen Menschen, die damit wirklich zu kämpfen haben. Nicht nur direkt, sondern auch indirekt, weil ihr damit zu einer Gesellschaft Beitrag leistet, die solche Dinge von Überlebenden erwartet oder nicht daran glaubt, dass etwas Missbrauch ist, bis das Kind mindestens zwei gebrochene Rippen hat – überspitzt ausgedrückt.

Oftmals wird von Überlebenden von Kindesmissbrauch erwartet, als Erwachsene wieder zu „funktionieren“ und es ist nicht so einfach. Manche brauchen Jahre, um die Traumata, Vertrauensdefizite und Ängste zu überwinden. Manche schaffen es nie.

Und ja, die Folgen von Kindesmissbrauch können vollkommen unterschiedlich ausfallen. Das stimmt. Aber das ist keine Verteidigung für Protagonisten, die nach einer Kindheit voller Misshandlung nicht das geringste Problem mit Vertrauen auf Fremde und sich selbst haben. Ja, manche kommen glimpflicher davon als andere – doch niemand schafft es ungeschoren.

Wirklich: Schreibt gerne über das Thema. Aber bitte, bitte, informiert euch darüber. Lest Bücher dazu. Hört auf Erfahrungsberichte von Überlebenden. Es ist so unglaublich wichtig!

Und wenn ihr in eurem Umfeld die Vermutung habt, dass ein Kind misshandelt wird: Haltet die Augen auf. Sprecht es an. Fragt nach. Auch bei dem Kind. Ihr helft weder den Eltern, noch dem Kind, wenn ihr euch denkt: „Hmm, wird so schlimm schon nicht sein“, weil ihr nichts direktes beobachtet habt.

Und vor allem eins: Wenn ein Kind wegen irgendetwas weinend zusammenbricht und ruft „Meine Mutter/mein Vater bringt mich um, wenn sie/er davon erfährt!“ nehmt es ernst. Es mag vielleicht kein „umbringen“ sein, aber spricht meistens für unverhältnismäßige Strafen. Bitte nehmt es ernst. Nehmt Kinder ernst!

Danke!

Das Beitragsbild ist eine Fotographie eines der Banksy Reliefs dar, wurde von Lydia aufgenommen und unter CC2.0 Lizenz bereit gestellt.