Weltenbau 101: Gebärende, Kinder und Gesellschaft

Da wir diesen Monat über weibliche Figuren reden, macht es natürlich Sinn, den Aspekt auch im Zusammenhang mit Weltenbau zu betrachten. Immerhin ist es ein nicht unerhebliches Thema – jedenfalls sofern man eine Welt hat, in der es so etwas wie Gender gibt. Und oftmals ist die Versuchung da, es sich recht leicht zu machen und Dinge aus der realen Welt zu imitieren. Doch wie so oft fehlt dabei oft der Kontext.

Wie geht es Frauen in eurer Fantasy- oder SciFi-Welt? Generell: Wie werden Personen, die sich nicht dem männlichen Gender zuordnen gesehen? Werden Männer als Standard hergenommen für alles? Wenn ja bleibt die Frage: Warum? Denn es wird oftmals ein Kontext verwendet, der das ganze nicht unbedingt glaubwürdig macht.

Da es in diesem Eintrag um die Stellung der Frau geht, werde ich Größtenteils von einer binären Welt, in der es vorrangig Personen mit Uterus und Personen mit Penis geht. Ja, selbst in einer weniger binär betrachteten Welt kann es schnell die Frage nach Rollen davon abhängig, wie die Gebärfähigkeit von Menschen mit Uterus betrachtet wird.

Ein kleiner Rant

Ich möchte dieses Thema mit einem kleinen Rant anfangen, den man so auch auf Geekgeflüster und diversen anderen Seiten finden könnte. Denn wenn man speziell im High Fantasy Genre, das oft von Welten, die vermeintlich an das europäische Mittelalter angelehnt ist, findet man immer wieder dieselben Darstellungen: Eine komplett weiße Welt. Eine Welt, in der es keine (offene) Homosexualität gibt. Und natürlich, ganz wichtig, eine Welt, in der Frauen unterdrückt werden. Wenn wir in das „grim & gritty“ Subgenre der Dark Fantasy gehen inklusive Vergewaltigung en masse.

Spricht man es an und sagt, dass solche Darstellungen sich negativ auf reale Probleme unserer Welt auswirken können, kommt zur Antwort: „Na ja, was soll ich machen? Die Welt ist an das europäische Mittelalter angelehnt! Da war das halt so.“ Ein Argument, dass sowohl ehrlich, als auch unehrlich verwendet wird, mich aber unabhängig von der Intention in die Weißglut treibt.

Denn die meisten dieser Welten haben keine katholische Kirche, noch eine ähnliche Institution. Sie haben auch keine vorhergehende griechisch-römische Antike. Derweil haben sie Magie, Drachen, etwaig Elfen, Zwerge, Hobbits, laufende Bäume und nicht zuletzt Drachen. Es werden Kriege nicht um Land, sondern gegen dunkle Kräfte geführt. Auch werden moderne Schönheitsideale geprägt und moderne Moral in anderen Aspekten wiedergegeben. Aber offene Homosexualität und Gleichberechtigung von Frauen?! Unvorstellbar! (Von der Lüge eines komplett weißen Mittelalters fange ich gar nicht erst an.)

Die Stellung von Personen mit Uterus

Es war historisch wahrscheinlich schon immer so, dass mit sozialen Fragen in unserer Geschichtsforschung eine Neigung existierte, mangels genauer Informationen bei bestimmten Aspekten anzunehmen, dass sie sich ähnlich verhalten haben, wie es die etwaigen Forscher es in ihrer Welt sahen. So ging man einfach davon aus, dass historischer Kulturen ähnlichen Genderrollen folgten, wie wir heute. Ein Grab mit Waffen? Fraglos das Grab eines Mannes! Die Erkenntnis, dass dies nicht immer so war, kam erst später.

Natürlich ändert Gesellschaft eine Sache nicht: Wer einen Uterus hat, kann Kinder gebären. Wer einen Penis hat, kann diese nur zeugen. Gesellschaftlich daran ist nur, wie weit es akzeptiert ist, dass nicht jede Person mit einem Uterus zwangsweise eine Frau ist. Dennoch hat diese Fähigkeit – Kinder gebären – wohl mit die größte Auswirkung auf den Lebensstand für Personen mit Uterus. Denn zumindest beim Homo Sapiens dauert eine Schwangerschaft um die neun Monate. Je nach Person kann es damit enorme Auswirkungen auf die Gesundheit haben, was bedeuten kann, dass eine schwangere Person nicht immer normalen Arbeiten nachgehen, geschweige denn kämpfen kann.

Das, zusammen mit der Tatsache, dass für gewöhnlich ein Uterus nur das Kind eines Penis austragen kann und dabei für eben 9 Monate „belegt“ ist, während ein Penis mit vielen verschiedenen Uteri Kinder zeugen kann, können eine Grundlage für Erwartungen sein. Mehr, als angenommene, durchschnittliche Werte wie „Körperkraft“ und „Ausdauer“. Denn während letztere nur eine durchschnittliche Annahmen hernehmen, die gerade in fantastischen Welten mit Magie, in SciFi Welten mit Technik ausgeglichen werden können und nicht einmal stimmen müssen, gilt ersteres meistens. Was das bedeutet, kann sich jedoch weit unterscheiden.

Fünf Ansätze

Ja, dieser Beitrag ist einmal einer, der weniger von Fragen beherrscht wird, sondern eher Anregungen geben soll. Daher möchte ich hier auf drei verschiedene Rationale eingehen, die in einer Welt die Stellung einer Person mit Uterus bestimmen können – davon ausgehend, dass sie eben Kinder bekommen.

Wir brauchen Kinder und Kinder brauchen „Mütter“

Da dies ein Ansatz ist, den wir immer noch in unserer Welt heute sehen, ist es auch ein Ansatz, der nicht selten in SFF aufkommt. Die Idee: „Nur Frauen (denn in diesen Welten gibt es selten bis nie Personen mit Uterus, die nicht als Frau gesehen werden) können Kinder bekommen. Diese Kinder sind wichtig für uns. Eine Mutter ist wichtig für die Kinder. Deswegen müssen Frauen verpflichtet sein, Kinder zu bekommen und bei ihnen zu bleiben.

Dies bedeutet natürlich auch, dass die Rechte der Frauen zugunsten der Rechte der Kinder, die Männer mit ihnen haben wollen, eingeschränkt werden. Frauen müssen Kinder bekommen, was auf lange Sicht dazu führt, dass eine Frau eher als ein Geburtenautomat gesehen wird. Entsprechende Geschichten in diesen Welten können sich natürlich um die Auflehnung gegen diese Standards drehen – doch diese Gedankengrundlage tendiert zur Objektifizierung der Frau.

Eigentlich ist es egal

Der nächste Ansatz ist der, der Egalität bezüglich Geburten und Gebärenden. Dies sieht meist in etwa so aus: „Schwangere können ja nicht so viel machen, deswegen sollten sie während der Schwangerschaft auch weniger machen und sich darum kümmern, dass das Kind zur Welt kommt. Wenn das aber einmal da ist, können sie theoretisch jede Rolle annehmen – solange sich jemand um das Kind kümmert.“ Inwieweit, dass dann wirklich umgesetzt wird, ist eine andere Frage.

Zur Grundlage gehört, dass oftmals es so ein seltsames Ding gibt, dass man bewusst oder unterbewusst erwartet, dass eine schwangere Person das Kind austrägt. Danach wird aber zumindest offiziell nicht wirklich diskriminiert und eine Person mit Uterus kann alle möglichen Jobs ausüben. Eventuell kann sogar eine männlich gelesene Person als Vater bei dem Kind bleiben und es großziehen.

Uteri geben Leben

Eine andere Herangehensweise, die wir auch historisch immer mal wieder gesehen haben und sich auch in Fantasy häufiger zeigt: „Ein Uterus ist ein magisches Organ, denn ohne Uterus gibt es kein neues Leben. Deswegen sind Personen mit Uterus von den Göttern (oder was auch immer) gesegnet, haben daher eine besondere Verbindung zu Göttern/Geistern/der Welt.“ Wobei letzteres sowohl real, als auch eine Glaubensfrage sein kann.

Sprich: Eventuell stimmt diese Aussage in einer magischen Welt sogar. Eventuell haben Personen mit Uterus besondere magische Kräfte, eventuell magische Kräfte, die nur diesen Personen zugestanden werden. Ansonsten kann es aber sein, dass durch diese gelesene Verbindung zwischen Uterus und Göttern/Geistern, dazu führt, dass Personen mit Uterus bestimmte Personen bevorzugt bekleidet. Bspw. Priester, Seher oder vergleichbares. Eventuell kann dies allerdings auch davon abhängen, ob die Person bereits ein Kind zur Welt gebracht hat oder nicht.

Uterus = Schmerzen

Eine andere, interessante Herangehensweise ist zu sagen: „Personen mit Uterus ertragen lange Zeit einmal im Monat enorme Schmerzen, von den Schmerzen bei einer Geburt einmal ganz abgesehen. Das macht sie tougher im Umgang mit Schmerzen, weshalb sie sich besonders gut für Rollen eignen, die mit Schmerzen umgehen können müssen. Deswegen sind Personen mit Uterus bessere Krieger*innen.“

Die Logik dahinter sollte verständlich sein: Für viele Personen mit Uterus gehört die Periode zu ihrer Lebenserfahrung dazu. Die Periode ist allerdings oftmals mit Schmerzen und enormen körperlichen Unwohlsein verbunden. Von einer Geburt fängt man besser gar nicht erst an. Es gibt auch immer wieder den (cisnormativen) Spruch, dass Frauen besser mit Schmerzen umgehen können. Entsprechend: Ist es soweit hergeholt zu sagen, dass Personen mit Uterus so die besseren Krieger sind?

Magie und Technik als ausgleichender Faktor

Nein, ich rede nicht von Körperkraft sondern weiterhin von dem Problem der Geburt. Dennoch können auch hier Magie und oder Technik ausgleichend sein. Denn Möglichkeiten gibt es hier endlos. Eventuell können (auch wenn ich kein Freund des „Male Pregnancy“ Tropes bin) auch Personen mit Penis Kinder austragen. Eventuell wachsen Embryonen auch außerhalb eines Körpers heran – sei es in einem Labor oder irgendeiner magischen Lösung. Eventuell gibt es die Möglichkeit, eine Schwangerschaft zu beschleunigen oder zu pausieren oder auf jemand anderen zu übertragen. Die Möglichkeiten sind schier endlos.

Und sobald eine Schwangerschaft andere Einschränkungen hat, als „das heranwachsene Kind muss etwa 9 Monate in einem Uterus heranwachsen“, wird es natürlich auch Auswirkungen auf die Gesellschaft und wie diese mit Menschen mit Uterus umgeht, haben.

Dasselbe gilt übrigens, wie ich anmerken möchte, auch, wenn nicht zwangsweise ein Penis mit Hoden und ein Uterus mit Eierstöcken zur Kinderzeugung notwendig sind. Bei uns können bspw. auch homosexuelle Paare mit magischer Nachhilfe Kinder zeugen.

Die Abtreibungsfrage

Wenn wir über das Kinderbekommen reden, ist da allerdings auch noch die Frage nach Abtreibungen da. Denn wenn es um die Stellung von Personen mit Uterus geht, dann ist auch die Frage danach, ob abgetrieben werden kann und ob abgetrieben werden darf. Denn ja, das sagt sehr viel darüber aus, wie wichtig die Person mit Uterus im Vergleich zu dem potentiellen Kind gesehen wird.

Um eine Sache deutlich zu machen: An sich gab es schon immer Abtreibungen. Es gab immer Gründe ungewollte Kinder abzutreiben. Gesundheitliche Gründe, gesellschaftliche Gründe und natürlich auch einfach den Grund, dass eine Frau ein Kind nicht haben will oder sich die Schwangerschaft nicht antun will. Abgetrieben wurde immer – doch oftmals hat man versucht es zu verbieten.

Wird aber Abtreibung generell verboten (oder gar, wie in Polen, sogar eine Fehlgeburt), dann sagt man damit, dass die Person mit Uterus, ihre Rechte und ihre Gesundheit weniger wert sind, als die potentielle Geburt des Kindes. (Ja, ich sage explizit Geburt, da zumindest in unserer Welt die Abtreibungsgegner gleichzeitig auch Gegner von besserer sozialer Absicherung von Kindern und ihren Familien sind.)

Entsprechend ist es auch sinnvoll sich darüber Gedanken zu machen, was für Möglichkeiten es in eurer Welt zur Abtreibung gibt, inwieweit Abtreibungen erlaubt sind, welche Ansichten es dazu gibt und wie sich das auf andere Rechte auswirkt.

Ein paar Fragen

Um euch nicht ganz ohne Reizfragen stehen zu lassen, hier einige Fragen zum Thema dieser Woche:

  • Denkt man von Personen mit Uterus in eurer Welt prinzipiell als „Frauen“?
  • Welche Eigenschaften werden mit den Geschlechtsorganen (und ihren Besitzern) verbunden?
  • Wer gilt in der Welt als Lebensgeber?
  • Gibt es irgendwelche Verbindungen zwischen Geschlechtsorganen und magischen Fähigkeiten?
  • Wie beeinflusst die Fähigkeit Kinder gebären zu können die gesellschaftliche Stellung?
  • Inwieweit können Technologie/Magie Schwangerschaften zu beeinflussen?
  • Inwieweit können Technologie/Magie Schwangerschaften ermöglichen?
  • Wie wird die Geburt gesellschaftlich betrachtet? Inwieweit ist das Thema tabu?
  • Wie betrachtet Religion die Geburt? Gibt es bestimmten Aberglauben rund um die Geburt und die Fähigkeit schwanger zu werden?
  • Inwieweit gibt es Respekt für die Schmerzen, die eine Gebärende bei einer Geburt erträgt?
  • Wie wird die Periode und damit einhergehende Schmerzen betrachtet?
  • Eine Geburt läuft schief. Was gilt als üblicher: Die Mutter oder das Kind zu retten? Warum?
  • Welche Abtreibungsmethoden gibt es in der Welt? Wie gefährlich sind sie?
  • Ist Abtreibung erlaubt? In welchen Umständen?

Das soll es dann auch für diese Woche sein. Nächste Woche geht es um Genderrollen allgemein!

Das Beitragsbild zeigt Erzherzig Josef II am Wochenbett seiner Frau. Die Guache Malerei von 1763 steht unter Public Domain.