Die böse Hexe – Weibliche Antagonisten

Wie ihr sicher schon gemerkt habt, geht es diesen Monat in den Beiträgen vor allem um ein Thema: Darstellung von Frauen in der Fiktion. Dahingehend kommt natürlich die Frage auf: Frauen in Hauptrollen gut und schön, aber was ist mit Frauen als Bösewichten? Warum gibt es diese nicht häufiger?

Zugegebenermaßen kommt dieses Thema bei mir nicht aus dem Vakuum, sondern geht auf eine bestimmte Sache zurück. Auf einen anderen Weblogartikel, der mir seit er online gegangen ist mehr als einmal verlinkt wurde. Ein Blog, der fragt, warum es scheinbar außerhalb von Disney-Filmen so wenig weibliche Bösewichte gibt. Eine Frage, die ich ehrlich gesagt problematisch finde.

Die böse Hexe, böse Königin

Tatsächlich sind historisch gesehen weibliche Bösewichte gar nicht so selten. Wenn wir an Märchen denken, so haben diese nicht selten entweder die „böse Hexe“ oder die „böse Stiefmutter“ als Hauptantagonistin. Sowohl in den Erzählungen der Gebrüder Grimm, als auch in anderen Märchen aus Zentral- und Osteuropa findet sich dieses Motiv immer wieder. Auch in Büchern, die später auf Märchenlogik aufbauten, wie „Der Zauberer von Oz“ wird dieser Trope aufgebracht.

Selbst wenn wir uns alte Mythen und Legenden anschauen, finden wir gerade in den griechisch-römischen Mythen oftmals weibliche Antagonisten oder zumindest Probleme, die durch Frauen ausgelöst werden. Denn auch wenn Zeus ein Serienvergewaltiger ist, so wird Hera doch meistens wesentlich kritischer dargestellt, als der Göttervater.

Kurzum: In klassischen Geschichten finden wir böse Frauen häufig und vor allem in einen bestimmten Kontext. Dieser Kontext sagt, dass Frauen, die Macht haben (sei es, durch Magie, oder sei es, weil sie in ein Könighaus geheiratet haben und durch den Tod des Ehemanns auf dem Thron sitzen) praktisch automatisch böse sind.

Was wir dabei außerdem oftmals sehen, sind Frauen, die Mutterschaft ablehnen. Gerade in klassischen Märchen ist dies öfter eine Grundlage für die böse Königin, die in alten Versionen der Märchen manchmal auch leibliche Mütter waren, die ihre Kinder ablehnten. Während dieses Bild heute nicht mehr so häufig ist, kennen wir die Codierung der „Rabenmutter“, die Karriere vor Kind und Familie stellt, dennoch und sehen sie auch als destabilisierenden Faktor und Nebenantagonist für jugendliche Protagonisten.

Die böse Weiblichkeit

Es sind allerdings nicht nur weibliche Figuren, die durch Macht böse werden. Tatsächlich gibt es da noch ein anderes Phänomen, das in der Hinsicht interessant wird. Nämlich die Tendenz männliche Bösewichte zu queercodieren. Sprich: Männliche Bösewichte werden oft flamboyant, verweiblicht und nicht selten mit übertrieben schwulen Merkmalen dargestellt.

Das fängt oftmals schon bei ihrem Design an. Es gibt ein schönes Video, das dieses Problem in Disneyfilmen anspricht, doch Disney ist damit nicht allein. Generell haben wir dieses Prinzip der oft kantig gebauten männlichen Protagonisten gegen einen rundlich und/oder länglich gebauten, dazu noch flamboyanten Bösewicht in vielen Animationsfilmen. Und nicht nur dort.

Selbst in Superheldencomics oder ihren Verfilmungen hat man es nicht selten. Es ist vielleicht weniger deutlich, als in Disneyfilmen, doch sowohl die Designfrage (mehr weichere, rundere Formen), als auch das extravagante Design finden wir hier immer wieder, gerade wenn der Held sehr maskulin ist.

Natürlich ist es nicht überall so, doch wenn man drauf achtet, findet man es in nicht wenigen Filmen wieder. Generell scheint es gerade in Blockbustern ebenfalls häufig nur zwei Arten von männlichen Bösewichten zu geben: Flamboyant oder charakterloses Abziehbildchen.

Die Nicht-Ganz-Bösewichtin

Es gibt allerdings auch davon abseits eine Art von Antagonistin, die immer wieder in Geschichten auftritt. Und das ist die Antagonistin, die dem Hauptantagonisten mit Leib und Seele erlegen ist. Manchmal, weil sie ihn romantisch idealisiert, manchmal, weil sie mit ihm Verwandt ist oder beispielsweise als Ziehtochter von ihm aufgenommen wurde. Diese können sehr interessante Antagonistinnen sein – und gleichzeitig oftmals aber auch welche, deren Position nicht richtig anerkannt wird.

Ich denke, Antagonistinnen, die den Bösewicht idealisieren, fallen allen ein. Bellatrix LeStrange in Harry Potter fällt darunter, aber auch Harley Quinn in den Batman Serien. Es ist vertreten genug, als dass TV Tropes einen eigenen Namen dafür hat: „Dark Mistress.“

Ironisch wird dies allerdings dann, wenn die „Dark Mistress“ mehr Einfluss auf dem Plot ausübt, als der eigentliche Bösewicht. Dies ist bei Azula in Avatar: The Last Airbender der Fall. Anders als ihr Vater ist sie dafür verantwortlich, den Konflikt im Plot zu generieren – am Ende ist sie jedoch der Gegner für einen Nebenschauplatz zum eigentlichen Finale.

Das bedeutet übrigens nicht, dass diese Charaktere zwangsweise schlecht oder schlecht geschrieben seien. Im Gegenteil. Einige von ihnen sind wundervoll geschrieben. Es ist nur ein weiteres Muster bezüglich weiblicher Bösewichter, das auffällt.

Motivation weiblicher Bösewichte

Ein weiteres Thema, bezüglich weiblicher Bösewichte, dass man eventuell ansprechen sollte, ist die Motivation. Dies ist bei weitem nicht überall gegeben, doch es gibt bezüglich Motivation ein paar Problematiken, die zumindest auf einen Teil weiblicher Bösewichte zutreffen. Und das sind die Damen, die in erster Linie aus Eifersucht, sexueller Frustration oder weil ein Typ sie fallen gelassen hat agieren. Gerade in Zusammenhang mit dem „a woman scorned“ Archetypen.

Warum diese Tropes problematisch sind, muss ich kaum erklären: Im Grunde liegt darin, dass Frauen böse sind, weil ein Mann sie nicht wollte, weil ein Mann sie scheiße behandelt hat oder weil sie mit einer anderen Frau aus irgendeinem Grund ein Problem hat. Frei nach dem Motto: „Welche Motivation könnte eine Frau denn sonst haben?“

Wobei es allerdings erst richtig schlimm wird, wenn wir weibliche Bösewichte haben, die von einem Mann misshandelt wurden, aber als die Person dargestellt werden, die im Unrecht sei.

Bösewichte in Bezug zu Helden

Soweit haben wir also etabliert, dass weibliche Bösewichte selten und wenn oftmals in Abhängigkeit von einem Mann böse geworden sind. Stattdessen werden gerne männliche Figuren mit verweiblichten Eigenschaften besonders in Filmen, die für Kinder bestimmt sind, als Bösewichte genutzt.

Aber auch wenn weibliche Bösewichte seltener sind, so gibt es sie ja doch. Gerade in den letzten Jahren auch immer mehr geworden – selbst, wenn diese Bösewichte einen eigenen Abschnitt verdienen. Denn eine Sache dürfen wir nicht vergessen: Wie weibliche Bösewichte agieren hängt auch vom Gender des Helden der Geschichte an.

Weibliche Bösewichte zu männlichen Helden

Gerade in alten Sagen gab es auch immer weibliche Antagonisten zu männlichen Helden und die Stereotypen von damals gerne wiederverwenden, selbst wenn sie ein neues Kostüm tragen. Eine der bekanntesten Figuren in dieser Hinsicht ist die „Verführerin“. Sie ist meistens sehr sexuell und will den Helden sexuell, romantisch, aber auch ideologisch verführen. Oftmals ist sie nur ein Gegner, doch es gibt sie auch als Hauptgegner. Die Gefahr dieser Frau geht natürlich von ihrer Sexualität aus. Ein Thema das ich nächste Woche noch genauer behandeln werde. Denn natürlich gibt es kaum etwas beängstigenderes, als eine Frau mit selbstbestimmter Sexualität.

Auch ein anderes Muster, dass wir bei weiblichen Antagonisten finden, hat letzten Endes mit Sexualität zu tun. Denn das sind die Antagonistinnen, die in irgendeiner Form stärker, mächtiger und codiert männlicher sind, als die männlichen Helden. In diversen Literaturwissenschaftlichen Texten wird in diesem Kontext offenbar von einer „metaphorischen Kastration“ des Helden gesprochen.

In diesem Kontext gibt es oftmals auch den „Dominatrix“ Stereotyp, der beide Aspekte in sich vereint: Ein hypersexualisierter, weiblicher Charakter, der gleichzeitig den männlichen Helden unterwirft und ihm damit metaphorisch seiner „Männlichkeit“ beraubt. So zumindest in klassischen Lesungen eines solchen Textes.

Mangel weiblicher Bösewichte

Davon abgesehen gibt es allerdings wenige weibliche Bösewichte, die den Protagonisten speziell physisch entgegentreten. Das geht nicht zuletzt zum Thema Gender und Gewalt zurück, über das ich vor einer Weile ja bereits geschrieben hatte. Gewalt wird gerade in Action als männliches Gebiet betrachtet. Frauen sind, abseits von bestimmten Umständen, meistens ausgeschlossen davon.

Vor allem ist da noch ein anderes Hindernis: In den Augen der Gesellschaft ist es unangemessen als Held Gewalt gegen eine Frau anzuwenden. Deswegen kommen Frauen als Gegner von Männern selten vor und wenn eher als Verführerinnen, die physisch ihnen wenig entgegen zu setzen haben und daher nicht gewaltsam besiegt werden müssen.

Selbst in Actionfilmen, die weibliche Gegner haben, werdet ihr feststellen, dass oftmals die Protagonisten diese nicht direkt oder nicht gewaltsam besiegen. Cipher in „Fate of the Furious“ wurde kaum physisch konfrontiert. Hela in „Thor Ragnarök“ wurde zwar kurz von Thor bekämpft, aber am Ende von Surtr besiegt. Und Proxima Midnight wurde in Infinity War natürlich von den weiblichen Avengers bekämpft und besiegt. Der einzige neue Film, in dem ein männlicher Held weibliche Gegner physisch bekämpft ist John Wick Chapter 2.

Weibliche Helden und weibliche Gegner

Und da haben wir auch einen der Gründe für den Mangel diverser weiblicher Bösewichte: Der Mangel weiblicher Helden. Denn genau dahingehend können wir auch eine Veränderung feststellen. Denn die Serien und Filme, die Heldinnen zeigen, stellen diese nicht selten weiblichen Bösewichten gegenüber. Gerade in den neuen Cartoons haben wir eine wunderbare Vielzahl diverser Gegnerinnen.

Steven Universe bietet die Diamonds und auch eine Vielzahl anderer weiblicher Antagonistinnen. Star vs the Forces of Evil bietet mit Eclipsa eine komplexe Antagonistin. Selbiges lässt sich über She-Ra and the Princesses of Power sagen. Auch Kuvira in Legend of Korra war, wenngleich die einzige weibliche Antagonistin der Serie, komplex und interessant. Haben wir Heldinnen, sind auch Antagonistinnen kaum ein Problem.

Was natürlich nicht heißt, dass es leider auch heute noch Antagonistinnen zu Heldinnen gibt, die eben durch Eifersucht auf eine Heldin, deren Beziehung oder vergleichbarem motiviert werden. Doch besonders, wenn wir Heldinnen haben, sind Antagonistinnen leichter zu finden.

Armeen und Handlanger

Bevor ich zum Ende komme, habe ich noch eine Aufgabe für euch: Stellt euch eine Gruppe Handlanger eines Bösewichts vor.

Wie viele Frauen oder generell Nicht-Männer sind in der Gruppe? Wahrscheinlich gar keine, denn in den meisten visuellen Medien, die wir konsumieren – egal ob Filme, Comics oder Videospiele – sind Handlanger immer Männer. Es ist einfach das Standardbild einer Armee, einer Gang, eines Söldnertrupps: Viele, viele Männer. Keine Frau. Keine Enbys.

In Büchern wird es oft nicht genauer differenziert und wenn es vorkommt, wird das vorhandene repliziert. Selbst wenn die gute Armee Frauen beinhaltet, gilt dies für die Antagonisten selten. Wo man dies auch deutlich merkt ist beim Tabletop Rollenspiel. Seki und ich haben angefangen es bei unseren Spielen zu variieren und die Gruppen zu mischen. Fast alle Spieler werden drüber stolpern und durchgehend männliche Pronomen für Gegner benutzen. Es ist einfach so drin.

Und um den Klassiker zu bringen: Gibt es in Mittelerde überhaupt weibliche Orks? Oder pflanzen sich Orks vielleicht doch über Sporen fort?

Brauchen wir mehr weibliche Bösewichte?

Kommen wir aber zu dem Anfangs erwähnten Artikel zurück und der Frage, ob es mehr weibliche Bösewichte braucht. Die Antwort ist natürlich: Ja. Allerdings weniger weibliche Bösewichte der Art, wie Disney und alte Märchen sie uns präsentieren. Wir brauchen komplexe, weibliche Bösewichte, genau so wie wir komplexe weibliche Figuren in allen anderen Rollen ebenso brauchen.

Das heißt nicht, dass nicht auch einmal Bösewichte durch Eifersucht motiviert sein dürfen oder nicht mal versuchen dürfen, einen Protagonisten (oder eine Protagonistin) zu verführen. Aber das dürfen nicht die einzigen weiblichen Antagonistinnen sein. Denn ein paar Antagonistinnen bringen uns auch nicht voran – schon gar nicht, wenn sie allesamt negativen Stereotypen entsprechen, die suggerieren, dass Frauen in Machtpositionen automatisch böse sind und Frauen ansonsten durch den Mangel an heterosexuellem Geschlechtsverkehr böse werden.

Schreibt komplexe Heldinnen. Schreibt komplexe Antagonistinnen. Schreibt komplexe, weibliche Nebencharaktere und Handlangerinnen. Gebt ihnen unterschiedliche Ziele und Motivationen. Gebt ihnen unterschiedliche Möglichkeiten. Gebt ihnen unterschiedliches Aussehen. Wir brauchen mehr weibliche Figuren in jeder Art von Rolle. Danke.

Das Beitragsbild ist The Ride Through the Murky Air aus The Lancashire Witches von 1848. Das Bild steht unter Public Domain.