„Starke“ Frauen bringen uns auch nicht weiter

In diversen Schreibforen liest man immer wieder eine Art von Frage: „Kann ich mit einem starken, weiblichen, unabhängigen Hauptcharakter Szenario X schreiben?“ Impliziert ist dabei natürlich die Frage, ob die starke, unabhängige Protagonistin denn noch stark und unabhängig sei, wenn sie beispielsweise in einer Beziehung ist. Mein Problem damit: Der Fehler liegt in der Fragestellung, da sie eine falsche Annahme macht.

Die „stark, unabhängige Frau“ ist ein Klischee in der Literatur. Sie ist einer der weiblichen Stereotypen und tritt gerade in meinem liebsten Genre – Urban Fantasy – sehr oft als Protagonistin auf. Ziel der Autoren dabei ist, sich von Geschichten zu differenzieren, in denen weibliche Figuren in Abhängigkeit von Männern dargestellt und in die Rolle der „Jungfrau in Nöten“, aka „Damsels in Distress“, gedrückt werden. Doch oftmals sind „starke, unabhängige Frauen“ als weibliche Figuren nicht viel besser als die Damsels. Heute möchte ich darüber reden, warum.

Was ist eine starke, unabhängige Frau?

Wie gesagt, die „starke, unabhängige Frau“ ist in erster Linie ein Stereotyp. Gemeint ist meistens eine weibliche Protagonistin, die gerne betont, dass sie keine Männer braucht. Um sicher zu stellen, dass der Leser auch weiß, dass sie unabhängig ist. Meistens ist sie verdammt badass. Sie kann kämpfen, hat vielleicht auch besondere magische Kräfte. Eventuell musste sie sich schon eine ganze Weile allein durchschlagen. Nicht selten sind ihre Eltern tot – was weniger mit dem „stark und unabhängig“, sondern mit dem Protagonistensyndrom zu tun hat.

Dabei versammelt die starke, unabhängige Frau einige Klischees in sich. Sie kann trinken wie ein Mann. Sie weint nicht, wenn sie Schmerzen hat. Angst? Kennt sie nicht einmal. Mit Dreck hat sie keine Probleme. Im Gegenteil. Vielleicht liebt sie sogar Dreck. Dafür hasst sie Kleider und Röcke. Die sind ja furchtbar. Make-Up wahrscheinlich auch. Sexy Unterwäsche geht natürlich dennoch.

Ach ja, und eine wichtige Sache darf man bei ihr nicht vergessen: Sie ist nicht wie andere Frauen! Und genau damit fängt das Problem meistens an. Denn die andere Frauen, wenn es sie überhaupt gibt, können wirklich nicht mit ihr mithalten. Die werden weiterhin von ihr gerettet. Schließlich ist sie die starke, unabhängige Frau und die anderen …

Weiblich = Schwach?

Natürlich sind nicht alle der Vertreter dieses Tropes gleich so extrem, wie ich im letzten Abschnitt dargestellt habe, doch gehen dennoch viele in diese problematische Richtung. Speziell damit die „starke, unabhängige Frau“ arg von anderen weiblichen Figuren in der Geschichte zu unterscheiden. Denn das ist etwas, das mit dem Trope oft einher kommt. Internalisierte Misogynie der Protagonistin. Internalisierte Misogynie, die die umhergehende Geschichte meist unterstützt.

Denn „starke, unabhängige Frauen“ sind meistens Charaktere, die vorrangig mit männlichen Eigenschaften ausgestattet wurden. Sie sind böse gesagt wie männliche Hauptfiguren geschrieben, nur, dass sie halt weiblich sind. Oftmals fließen bei ihnen vor allem auch toxisch männliche Stereotypen (wie bspw. das „nicht weinen“) mit ein. Was impliziert, dass Stärke und Unabhängigkeit mit männlichen Eigenschaften gleich zu setzen sind.

Doch damit wird ebenso impliziert, dass weibliche Eigenschaften schwach wären. Und das ist der besonders toxische Punkt. Weil es misogyn ist und weil es uns bezüglich guter, weiblicher Repräsentation kein Stück weiterbringt. Und gerade hier fallen halt die Geschichten mit starker, unabhängiger Protagonistin oft auf: Sie haben wenige oder keine weibliche Freunde, sehen auf diese oft herab und wenn es weibliche Freunde gibt, sind diese nicht selten ihrerseits Damsels, die die Protagonistin dann retten kann.

Make-Up ist für andere da

Ein weiterer Aspekt, der bezüglich der „starken, unabhängigen Frauen“ auch immer wieder aufkommt, ist ihr Aussehen. Denn wie schon gesagt: Diese weiblichen Charaktere lehnen oftmals weibliche Dinge explizit ab, machen sich eventuell auch als Erzählerinnen dem Leser gegenüber über andere Frauen lustig. Make-Up und Röcke sind dann ja nur für Frauen, die Männern gefallen wollen und machen in diversen Geschichten – laut Erzählerin – diese Frauen und Mädchen praktisch automatisch zu „Schlampen“.

Dass eine Frau Make-Up trägt, weil es ihr gefällt? Undenkbar. Dass eine Frau Röcke oder Kleider trägt, weil sie diese bequem findet? Wo kämen wir dahin?! Entsprechend werden diese Dinge schnell verteufelt. Dennoch sieht unsere Protagonistin beinahe immer absolut hinreißend aus, was nicht selten auch von anderen Charakteren angesprochen wird. Sie ist traditionell schön und stolz darauf.

Dies ist sie übrigens aus unerfindlichen Gründen selbst dann, wenn ihr Lebensstil dies unpraktisch machen würde. Ist sie eine Kriegerin? Ja, natürlich hat sie Muskeln, aber nicht zu viele Muskeln! Hat sie im Leben schon viel ertragen müssen und eventuell gehungert? Ja, natürlich. Dramatischer Hintergrund und so. Dennoch hat sie eine üppige Oberweite, ein hübsches Gesicht und keine zu drastischen Narben. Allerhöchstens eine coole irgendwo.

Ach ja, und natürlich hat sie lange Haare. Egal wie unpraktisch diese für ihren Beruf oder ihr Abenteuer wären. Egal wie untypisch sie eventuell auch für die Zeit, an der ihre Welt angelehnt ist, wären: Sie hat lange Haare. Denn egal wie sehr sie auch weibliche Dinge ablehnt, kurze Haare wären ja … Ja, was eigentlich?

Anders gesagt: „Starke Frauen“ urteilen über andere Frauen bezüglich des Äußeren und Körperpflege. Sie verachten Frauen, die ihr Äußeres verändern, implizieren, dass dies nur für Männer passiert. Dennoch erfüllen sie oft traditionelle Schönheitsideale, was auf Meta-Ebene diese Kritik daran, den Idealen entsprechen zu wollen, sehr hohl klingen lässt.

„Starke Frauen“ und männliche Anführer

Um auf eine Sache noch einzugehen: „Starke Frauen“ kommen natürlich nicht immer in Hauptrollen vor. Manchmal sind sie auch Teile eines Ensembles von Charakteren, wie wir es beispielsweise oft in Superhelden-Geschichten und Anime, aber auch in diversen Büchern und sonstigen Fernsehserien sehen. Denn dort gibt es oftmals ein Token-Chick, also die eine weibliche Figur in einer sonst männlichen Gruppe. Manchmal gibt es auch zwei.

Diese Einzelfiguren gibt es praktisch nur in zwei Ausführungen: Das extrem mädchenhafte Girly-Girl in pinker Rüstung oder als „starke, unabhängige Frau“. Zweitere gern, damit etwaige Autoren der Serie betonen können, wir wichtig ihnen gute, weibliche Charaktere sind. Manchmal gibt es auch beides: Das eine, sanfte, mädchenhafte Mädchen und einen Badass-Charakter, der in Anime gerne mit Tsundere-Eigenschaften ausgestattet daher kommt.

Allerdings passieren hier oftmals gleich mehrere Dinge. Gibt es unterschiedliche Frauen, gibt es wahrscheinlich erst einmal einen Konflikt zwischen „starken, unabhängigen Frau“ und anderen weiblichen Figuren. Zum anderen: Natürlich ist die „starke, unabhängige Frau“ sehr stark und unabhängig und geigt dem männlichen Protagonist gerne mal die Meinung, um dies zu beweisen. Na ja, um dies zu beweisen und den Helden dann noch viel toller darstehen zu lassen, wenn sie zugibt, dass er doch ein geiler Typ ist und als Teammitglied auf ihn hört – egal wie schlecht seine Ideen auch manchmal sein mögen.

Wie schreibt man eine starke Frau?

Das Alles bringt uns natürlich schließlich zu der Frage: Wie soll man es sonst machen? Wie schreibt man sonst eine starke Frau? Gerne gibt man (gebe auch ich) den Ratschlag „als starken Charakter“, aber das Problem zeigt uns eben, dass es doch nicht so einfach ist. Denn ja, die Grundlage des Problems ist eben die Einordnung von weiblichen Eigenschaften als schwach und die männlicher Eigenschaften als stark. Und genau davon müssen wir uns trennen.

Eigenschaften haben kein Geschlecht. Das ist einfach nur Klischeedenken. Mut ist nicht männlich. Loyalität ist nicht weiblich. Mathematische Begabung nicht männlich. Empathie nicht weiblich. Es gibt mutige Frauen, empathische Männer. Es gibt Frauen, die gut in Mathe sind, und Männer, die gut nähen können. Ja, unsere Gesellschaft fördert gerne die Dinge nach Gender, doch das ist vorrangig eben gesellschaftlich geprägt.

Daher das wichtigste: Trennt euch davon, dass ein weiblicher Charakter, der vorrangig gesellschaftlich als weiblich gelesene Eigenschaften hat, schwach ist. In Weiblichkeit liegt keine Schwäche!

Eigenschaften sind nicht binär

Generell trennt euch davon, dass bestimmte Eigenschaften ein Zeichen von Stärke und Schwäche sind. Ein wunderbares Beispiel dahingehend kann Mut sein. Mut wird als ein Zeichen von Stärke gelesen, doch je nach Autor und Geschichte kann Mut auch schnell in Übermut übergehen. Anstatt das ein Charakter etwas wagt und mutig ist, erkennt er oftmals die Gefahr nicht oder zu spät. Das ist keine Stärke, das ist eine Schwäche – selbst wenn es in den Geschichten so oftmals nicht gelesen wird.

Gleichzeitig ist es nicht schwach Gefühle zu zeigen. Das ist generell eine sehr toxische Ansicht, die auch das Leben für Männer schwerer macht. Gefühle sind kein Zeichen von Schwäche. Das Zeigen von Trauer und Schmerz, von Freude und Liebe ist normal, ist menschlich. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder Versagen. Weder bei einem weiblichen, noch bei einem männlichen Charakter.

Viele Eigenschaften können auch situationsabhängig Stärken oder Schwächen sein. So kann es ein gutes Selbstbewusstsein einem Charakter erlauben, besonders sicher und auch mutig aufzutreten, kann aber ebenso dazu verleiten, unvorsichtig und übermütig zu agieren. Genau das kann Charaktere umso interessanter machen.

Was ist dann ein starker weiblicher Charakter?

Kommen wir aber zu der Frage zurück: Was ist ein starker, weiblicher Charakter? Nun, an sich ist es recht einfach: Als stark wird ein Charakter normalerweise wahrgenommen, wenn er, beziehungsweise hier „sie“ ein klares Ziel und eine klare Motivation hat und auf diese hinarbeitet. Wie man es auf Englisch ausdrücken würde: Ein Charakter braucht „agency“ und die Handlungen sollten davon getrieben sein.

Ein starker Charakter ist ein Charakter, der auch agiert und nicht nur reagiert. Das heißt nicht, dass dieser Charakter nicht auch zur Reaktion gezwungen werden kann, wenn der Bösewicht einen Schritt voraus ist, doch es heißt eben, dass die Figur sich nicht wie ein Fähnchen im Winde dreht. Idealerweise ist es ein ausgeglichenes Hin und Her.

Die Mittel, mit denen der Charakter diese Ziele verfolgt sind dabei weniger wichtig. Ebenso wenig wichtig ist, ob der Charakter Hilfe dafür braucht. Hilfe zu brauchen ist kein Zeichen für Schwäche. So etwas wird erst zum Problem, wenn sich die Figur komplett auf andere verlässt und selbst wenig agiert. Nicht alle haben dieselben Möglichkeiten, doch ein starker Charakter handelt im Rahmen seiner Möglichkeiten, um die Ziele zu erreichen.

Aber was ist nun mit Romantik?

Kommen wir zu den eingangs angesprochenen Fragen zurück. Denn diese drehen sich vor allem um eine Frage: Ist ein starker, weiblicher Charakter weniger authentisch, wenn dieser Charakter nun in einer Romanze ist? Oder wenn dieser Charakter Sex hat und sich dem Partner im Bett hingibt? Ist es überhaupt okay pornographische Texte mit starken weiblichen Charakteren zu schreiben – immerhin ist es ja irgendwie ausnutzend, oder?

Meine Antwort dazu ist: Natürlich kann ein starker, weiblicher Charakter eine romantische Beziehung haben. Natürlich kann ein starker, weiblicher Charakter Sex haben, ja, sich sogar sexuell von einem Mann dominieren lassen. Natürlich kann es auch pornographische Texte mit starken, weiblichen Charakteren geben. Sex ist kein Zeichen von Schwäche.

Romantik wird erst dann zum Problem, wenn es ein Machtgefälle innerhalb der Beziehung gibt, beziehungsweise ein Partner sich zu sehr von dem anderen abhängig macht. Genau da liegt auch oft das Problem mit vielen medialen Romanzen mit „starken Frauen“: Kaum ist die Dame in einer Beziehung, richtet sie ihr ganzes Leben nach dem Partner aus und verändert sich komplett für ihn. Und ja, das ist dann ein Problem. Wäre es aber auch, wenn der sich ausrichtende Charakter männlich, oder der Partner der „starken Frau“ weiblicher oder nicht-binär wäre. Das Problem auch hier ist das Aufgeben eigener Ziele und Motivation, beziehungsweise die Orientierung dieser Ziele am Partner.

Abschließend

„Starke, unabhängige Frauen“ sind als Stereotyp letzten Endes genau so sexistisch, wie die „Damsel in Distress“. Der Name allein unterstellt, dass Frauen ohne diese Klarstellung schwach und abhängig wären. Der Trope geht davon aus, dass eine Frau weniger gesellschaftlich weiblich gelesene Eigenschaften haben darf, um stark zu sein.

Übrigens heißt das nicht, dass euer weiblicher Charakter, der vornehmlich männlich gelesene Eigenschaften besitzt per se schlecht ist. Problematisch wird es eben erst, wenn die Geschichte es darstellt, als wären die weiblichen Eigenschaften schlecht, wenn Figuren mit eher weiblichen Eigenschaften dafür verurteilt werden. Ich selbst schreibe mit Mosaik eine Reihe, deren Protagonistin sehr, sehr viele klassisch als männlich gelesene Eigenschaften besitzt – etwas, das in der Geschichte auch ein Thema ist. Denn ja, ein paar dieser Eigenschaften kommen bei ihr eben auch aus der toxischen Männlichkeit und sind für sie genau so toxisch, wie für Männer.

Was ich sagen will: Denkt von euren Charakteren, als Charakteren. Macht euch Gedanken darüber, was ihre Ziele sind und wie sie diese erreichen, speziell, was sie selbst dafür tun, um diese erreichen zu können. Davon abgesehen: Versucht wirklich Eigenschaften von Genderstereotypen zu trennen und jedem Charakter einen Mix aus Eigenschaften zu geben, der passt. Und zu guter Letzt: Versucht wirklich, traditionell weibliche Eigenschaften nicht als schwach darzustellen. Danke.

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Beitragsbild ist eine bearbeitete Version des We Can Do It Posters, das unter Public Domain steht.