#ProjektBielefeld – Version B

#ProjektBielefeld ist mein neues Buchprojekt. Ich bin aktuell noch am Überlegen, in welchem Stil ich dieses Buch schreibe. Daher hier ein Versuch. Die Entscheidung ist bei euch. Dies ist Version B, Version A findet ihr hier.

Die Abstimmung ist auf Twitter.


Ein ungeduldiges Mauzen dringt in meinen Geist, um mich zu wecken. Nein. Ich will nicht geweckt werden und drehe mich schlaftrunken auf die Seite.

Etwas nähert sich mir und ein weiteres Mauzen folgt. Dieses Mal deutlich lauter und deutlich wehleidiger. Ich kenne dieses Mauzen gut. Es sagt: „Futter, aber dalli, Dosenöffner.“

Manchmal hasse ich diese Katze.

Jetzt springt sie auf meinen Arm, knetet diesen mit ausgefahrenen Krallen und ein weiteres, selbstmitleidiges Mauzen von sich zu geben.

Ich stöhne leise. „Ist ja gut, ist ja gut.“ Damit stoße ich sie von mir runter und schaue sie strafend an – etwas, das nur mit einem leisen „Mau?“ beantwortet wird. Dann tänzelt die Katze zur Treppe, um im Wohnzimmer auf mich zu warten.

Ich ziehe die Gardine zu meiner Seite auf. Es ist bereits hell draußen und ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass es kurz nach zehn ist. Wie konnte ich solange schlafen? Dennoch hasse ich den Gedanken daran, nicht länger im Bett liegen zu können.

Mein Handy verrät mir außerdem, dass es der 15. Mai ist. Tag 463 seit Josephine verschwunden ist. Dieser Gedanke versetzt mir einen Stich in die Brust. Wieso kann ich sie nicht finden? Ich weiß, dass sie nicht tot ist und doch …

Merle unterbricht meine Gedanken mit einem weiteren Mauzen. Dieses klingt ungehalten. So wie: „Man, Dosenöffner, du hast gesagt, du kommst, also komm schon.“ Tja, anders als Josie habe ich keinen sechsten Sinn für das Tier. Während die beiden ein unzertrennliches Team waren, toleriert mich Merle nur. Vielleicht ist sie genau so genervt, wie gewisse andere Menschen davon, dass ich noch immer in diesem Haus lebe.

Nichtsdestotrotz klettere die steile Treppe, die den kleinen Innenbalkon, auf dem das Bett liegt, mit dem Wohnzimmer verbindet und schlurfe Lustlos an Merle vorbei. Eine weitere lautstarke Beschwerde darüber, dass ihr Napf noch immer nicht gefüllt ist, ignoriere ich und biege stattdessen rechts in Bad ab. Eine Morgentoilette ist nötig. Ich muss dringend aufs Klo und ohne kaltes Wasser ins Gesicht kriege ich meine Augen nie ganz auf.

Ich kümmere mich um diese Dinge in Reihenfolge der Dringlichkeit und stehe schließlich vor dem kleinen Badezimmerspiegel, aus dem mich ein Wesen anstarrt, das auch ein Vampir gewesen sein könnte. Ich bin blass, meine Haare sind verzaust und obwohl ich zu viel geschlafen habe, zieren dunkle Ringe meine Augen. Also wasche ich mir das Gesicht und fange dann den allmorgendlichen Kampf mit meinen Haaren an. Es ziept und zerrt, aber irgendwie schaffe ich es das lockige braunrote Haar in einen Pferdeschwanz zu packen.

Als ich nach dieser Selbstfolter des Bad verlasse, stolpere ich fast über Merle, die vor der Tür hockt und mir mit einem weiteren „Mau!“ zu verstehen gibt, dass meine Anliegen keine Priorität haben sollten.

Ungeduldiges Ding. Sie tut wieder, als würde sie verhungern.

Dennoch mache ich mich auf den Weg die Treppe hinab zur Küche. Blind fische ich dort eine Dose Katzenfutter aus dem Kabinett unter der Spüle.

Ich muss Merle vom Futternapf fortschieben, um ihn befüllen zu können. Kaum dass ich meine Hand fortnehme, stürzt sie sich gierig drauf. So wie sie schlingt sollte man wirklich meinen, sie wäre am Verhungern. Dabei bekommt sie mehr als genug. Zu viel wahrscheinlich.

Ich kraule sie zwischen den Ohren und werde mit einem kalten Blick abgestraft. Wie kann ich es nur wagen. Immerhin toleriert sie mich maximal.

Früher war sie umgänglicher. Aber vielleicht war es, weil Josie damals noch da war. Vielleicht vermisst sie Josie auch.

Ein Blick auf den Kalender in der Küche verrät mir, dass es Freitag ist. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass damit morgen das Wochenende anfängt, doch so einfach ist es nicht. Da ist ein Laden, da sind Bestellungen, die abgearbeitet werden müssen.

Der Gedanke daran verdirbt mir die Laune noch mehr. Um mich etwas zu trösten, fülle ich Wasser in die Kaffeemaschine und Pulver in einen Filter, ehe ich sie anschalte und die Küche verlasse. Ich schlurfe durch die Diele in den vordersten Raum des Hauses.

Der „Laden“, wenn man es so nennen will. Der Geruch nach Kräutern, Weihrauch und alten Büchern schlägt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Dinge, die ich normal auch verkaufe. Doch seit diese Pandemie begonnen hat und die ohnehin nie üppige Laufkundschaft nachgelassen hat, verkaufe ich beinahe nur noch auf Bestellung. Ein paar Kräuter, ja, sicher auch, Kerzen für den Bedarf, und ab und an Bücher, doch das meiste sind vorbereitete Zauber. Das übliche. Schutzzauber und Heilzauber vor allem. Gerade letztere haben in letzter Zeit zugenommen. Die meisten wollen auf Nummer sicher gehen und etwas im Haus haben, nehme ich an. Letzten Endes kann es mir egal sein. Hauptsache es bezahlt mein Essen und Merles Futter.

Der Laden ist von außen kaum als solcher erkennbar, wäre da nicht ein hölzernes Schild über der Eingangstür. Obwohl wir nahe am Bürgerpark liegen, finden man uns nicht, wenn man nicht nach uns sucht. Uns … Nun, aktuell gibt es kein uns. Hier lebe nur ich. Es sei denn, man will Merle mitzählen, doch ohne Josie ist sie nur eine einfache Katze.

Ich fische meinen Notizblock unter der Kasse hervor. Eine Liste der Zauber, die ich noch vorbereiten soll. Bestellungen für ganze zwölf Heiltränke für Krankheiten. Weitere sechs zur Versorgung von kleineren Wunden – zumindest davon habe ich noch welche auf Lager. Fünf Schutzamulette gegen Krankheiten – bisher scheinen sie ja zu wirken – und ein Hausschutz. Außerdem zwei Konzentrationstränke und ebenfalls zwei Schlaftränke. Letztere habe ich ebenfalls auf Vorrat – und sei es nur um meinen eigenen Bedarf zu decken.

Gott, ich habe die Bestellungen über die ganze letzte Woche auflaufen lassen. Dafür hasse ich mich ein wenig selbst. Aber auch heute fehlt mir die Energie.

Ich lasse den Block auf der Kassentheke liegen und schlendere in die Küche zurück.

Verdammt, ich kann das alles nicht weiter aufschieben. Irgendwas muss ich heute tun. Aber habe ich überhaupt alle Sachen da? Für die Schutzamulette brauche ich Türkise und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich davon alle verbraucht. Auch neuen Bergkristall könnte ich als Katalysator für die Heilzauber gebrauchen.

Ich weiß, dass ich prokrastiniere. Natürlich weiß ich das. Aber ein Besuch bei Fynn muntert mich vielleicht auf. Außerdem hatte er mir noch einen neuen Aufspürzauber versprochen. Einer, der mir eventuell endlich hilft, Josie wiederzufinden.


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