Frauen in Filmen

Es ist das Jahr 2021. Wenn wir Glück haben, kriegen wir dieses Jahr endlich ein paar Superheldinnenfilme, die uns letztes Jahr aufgrund der Pandemie verwehrt blieben. Doch auch wenn wir mehr Filme – auch Actionfilme – mit weiblichen Heldinnen bekommen, kann sich Hollywood noch immer nicht wirklich für seine weiblichen Figuren rühmen.

Von Bechdel und sexy Lampen

Das Filme (und, nun, die Medienlandschaft alles in allem) ein Problem mit der Darstellung von weiblichen Figuren haben, wurde auch vorher schon bemerkt. Der wohl bekannteste Litmus Test in dieser Richtung ist der „Bechdel Test“. Für diejenigen, die ihn noch nicht kennen: Er stellt drei Fragen.

  1. Gibt es zwei Frauen mit Namen in der Geschichte?
  2. Sprechen diese zwei Frauen im Verlauf der Geschichte miteinander?
  3. Ist das Thema des Gesprächs etwas anderes, als ein Mann?

Können alle drei Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, hat der Film den Bechdel-Test bestanden. Wobei dadurch so manch ein Film durch seltsame Szenen diesen Test bestehen kann. Auch manche Filme, die nur einen nennenswerten weiblichen Charakter vorzeigen können, haben Szenen, in denen dieser mit einer Coffeeshop-Verkäuferin sprechen, die tatsächlich einen Namen hat. Andere sprechen mit benannten Bediensteten, Ladenverkäuferinnen oder ein Random Mädchen, das auf der Suche nach ihrer Katze, die Straße runterrennt.

Daneben gibt es noch den „Sexy Lamp Test“. Dieser ist noch einfacher, als der Bechdel-Test, denn er stellt nur eine Frage und richtet sich vornehmlich an Filme, die nur einen nennenswerten weiblichen Charakter haben: „Wäre es möglich die weibliche Figur in einer jeden Szene durch eine sexy Lampe zu ersetzen, ohne daran etwas am Plot des Films zu ändern?“

Frauen auf der Leinwand

Letzten Endes sind Frauen in ihren Rollen speziell in Filmen die längste Zeit stark eingeschränkt gewesen. Während es in Fernsehserien deutlich länger schon vielseitiger zuging, so zeigten Filme doch oft nur sehr wenig Varianz.

Der Grund dafür ist natürlich recht simpel: Bis heute sind die meisten Filmproduzent*innen dem männlichen Geschlecht angehörig. Ähnliches lässt sich auch über Investor*innen sagen. (Sie sind ebenso mehrheitlich weiß, was an anderer Stelle genau so mit hineinspielt.) Diese männlichen Produzenten und Investoren gehen – obwohl es Studien gibt, die dies widerlegen – davon aus, dass die meisten Filmkonsument*innen ebenfalls männlich (und weiß) sind und entsprechend natürlich eine Hauptfigur sehen wollen, die ihnen entspricht. Dies wird besonders bei großen Blockbuster-Filmen angenommen.

Für Frauen, so die Annahme, gibt es ja spezielle Filmgenre. Die dürfen dann auch weibliche Hauptfiguren haben.

Und so hat sich eine in vielen Filmen bis heute anhaltende geringe Auswahl an Rollen für Schauspielerinnen herausentwickelt.

Das Love Interest & die Mutter

Ein wirklich großer Teil von Frauenrollen sowohl in Actionfilmen, als auch in vielen von männlichen Auteurs geschaffenen Arthousefilmen definieren sich über ihre Beziehung zum Protagonisten. Sie sind Love Interests, Ehefrauen, Mütter und vielleicht auch einmal Schwestern. Sehr wahrscheinlich aber haben sie ein inniges Verhältnis zum Protagonisten, das vielleicht, vielleicht auch irgendwann genutzt wird, um zusätzliches Drama zu schaffen.

Das kann dadurch kommen, dass sie am Helden zweifeln, aber viel häufiger noch dadurch, dass sie in Gefahr geraten und von ihm gerettet werden müssen. Etwas, das dem Helden dann häufig auch ausnahmsweise erlaubt, seine Gefühle zu zeigen. Gesteigert werden kann dieses Mittel natürlich auch. Genannt „Women in a refrigerator“ beschreibt es, wenn eine Frau mit engem Verhältnis zum Protagonisten (oft brutal) ermordet wird, um den Protagonisten für was auch immer zu motivieren.

Natürlich muss dergleichen nicht zwangsläufig passieren und zumindest in neueren Filmen ist es durchaus möglich, dass zumindest ein Love Interest auch noch eigene Interessen hat oder zur Handlung des Films beiträgt. Dies ändert jedoch nichts daran, dass ihre Existenz über den Protagonisten definiert wird.

Die leidende Frau

Kommen wir zu einem Charaktertyp, der sich vor allem in Arthouse-Filmen häufiger findet. Wohlgemerkt sowohl von männlichen, als auch weiblichen Regisseur*innen: Die leidende Frau.

Diese Frau ist, wie der Name schon sagt, durch ihr Leid definiert. Wie dieses genau aussieht, ist von Film zu Film unterschiedlich. Vielleicht wird sie von einem Mann misshandelt oder missbraucht, vielleicht lebt sie in Armut, vielleicht lebt sie in einem Land, in dem Krieg herrscht, vielleicht … Nun, die Möglichkeiten sind schier endlos. Der Film kann davon handeln, wie sie ihrem Leid entkommt oder es zumindest versucht. Genau so kann er davon handeln, wie sie durch ihr Leid anfängt ihr Gewissen zu verlieren.

Der Punkt ist: Dieser Charaktertyp existiert vornehmlich um zu leiden. Natürlich basierend auf der Annahme, dass Leid in sich eine Art künstlerischen Wert hat.

Es sei dazu gesagt, dass eine ähnliche Art von Geschichte neben Frauen auch über BI_PoC und queere Figuren erzählt wird. Auch sie werden bevorzugt in leidenden Rollen dargestellt.

Die starke, unabhängige Frau

Neben der Frau, die vornehmlich über einen Mann definiert wird und der leidenden Frau, gibt es noch einen anderen Typus: Die starke, unabhängige Frau. Sie ist was der Name schon sagt: Offenkundig stark, in dem Sinne, dass sie kämpfen kann und selbstständig ist. Außerdem braucht sie absolut keinen Mann in ihrem Leben.

Sie existiert als Stereotyp in Actionfilmen und ist in dieser Rolle meistens natürlich hübsch anzusehen. Immerhin wird der Actionfilm weiterhin an Männer vermarktet – ist er eben doch ein Actionfilm.

Das Problem an der starken, unabhängigen Frau ist, dass sie meistens sehr anti-weibliche Einstellungen übernimmt. Sie ist nicht wie andere Frauen, sie schaut auf andere Frauen herab und sollten andere Frauen in ihrem Film existieren, sind diese wahrscheinlich negativ dargestellt.


Das alles hält sie übrigens nicht davon ab, sollte es wichtige Männerrollen in ihrem Film geben, auf einmal doch gerettet werden zu müssen.

Die Rom Com Heldin

Die letzte Art von Frauenfigur, die wir häufig finden, ist die eine Figur, die sich wirklich an ein weibliches Publikum richtet: Die Heldin der Romantic Comedy. Es gibt sie in verschiedenen Geschmacksrichtungen, wobei die drei Hauptrichtungen wären: Der ungeschickte Niemand, das nerdige Mauerblümchen und die kompromisslose Karrierefrau.

Gemeinsam haben sie aber immer eins: Sobald das fragliche männliche Love Interest in ihrem Film auftaucht (wir erinnern uns: Das Genre ist abgesehen von einer handvoll Ausnahmen furchtbar heteronormativ), dreht sich ihr Leben ihm diesen Mann. Meistens zuerst in einem negativen Sinne – in den meisten Rom Coms werden sich beide Partner erst ordentlich aneinander reiben, aber später wird es positiv. Und wenn das Ende kommt, ist das nerdige Mauerblümchen weder noch nerdig, noch ein Mauerblümchen, und die Karrierefrau ist bereit, ihre Karriere für ihn komplett aufzugeben.

Das heißt: Selbst die Heldinnen in Filmen, die sich spezifisch an Frauen richten, sind oftmals nicht besonders selbstständig und als Charaktere häufig stark durch einen Mann definiert. Selbst wenn sie den Film mit eigenen Zielen anfangen (und es ist ein großes „wenn“), stehen die Chancen gut, dass sich diese Ziele bis zum Ende des Films ändern.

Fünf Jahre Revolution

Diese Muster haben sich de facto durch fast alle Filme aus Hollywood durchgezogen. Ja, natürlich gab es ein paar Ausnahmen. Prinzipiell hat James Cameron ein paar Heldinnen geschrieben, die nicht komplett in das Muster fallen, und es gab Leute, wie Joss Whedon, auch wenn der seine eigenen Probleme in den Darstellungen der Figuren hat, und natürlich auch diverse Frauen, die für meist kleine Filmprojekte Budget bekommen haben. Doch die längste Zeit wurden Filme mit anderen Frauenrollen – schon gar nicht Filme, die mehr Budget gebraucht hätten – finanziert. Die Weisheit, an die alle glaubten, war: Das verkauft sich nicht.

Wirklich geändert hat es sich erst mit einem gewissen Film, über den ich hier schon in Längen geschrieben habe (und keine Sorge, dieses Jahr wird die Reihe abgeschlossen): Mad Max Fury Road. Ein Film, der sich als Fortsetzung einer männlich-zentrierten Filmreihe verkaufte, nur um die Zuschauer*innen dann mit einer Protagonistin zu überraschen. Und so sehr Warner Brothers auch darüber gejammert hat, dass der Film, weil FSK16, weniger Geld gemacht hat, als eingerechnet: Für FSK16 hat der Film guten Umsatz gemacht – und nebenbei auch bei den Awards gut abgeräumt. Zusammen mit der guten Kritik war er ein sehr deutliches Zeichen: Ja, auch Filme über Frauen können sich verkaufen.

Seither wurden nach und nach endlich auch Filme für Frauen über Frauen und von Frauen häufiger finanziert. Wir hatten seither zwei Superheldinnenfilme (und hätten vier gehabt, wäre 2020 nicht 2020 gewesen). Die nächste 007 ist eine schwarze Frau. Und gerade die Streaming Services haben angefangen mehr und mehr Filme mit Protagonistinnen zu finanzieren – unterschiedlicher Genre. Das heißt, wie haben das Jahr 2021, 133 Jahre nach dem ersten Film, und langsam, sehr langsam ändert sich was.

Der Alpaka-Test

Dass sich etwas ändert, hat mich persönlich allerdings anspruchsvoller gemacht, was Filme angeht. Ich mache mir nichts vor: Bis wir nicht-binäre Protagonist*innen in Filmen sehen werden, wird es sicher noch mindestens zehn Jahre dauern. Aber zumindest an Filmen mit Frauenrollen hänge ich, was mein Verständnis für Filme ohne auch massiv senkt.

Allerdings finde ich den Bechdel-Test nicht zwangsläufig hilfreich. Es gibt gute Filme mit tollen weiblichen Hauptfiguren, die den Test aus seltsamen Gründen nicht schaffen, genau so wie Filme ohne gute weibliche Rollen ihn oftmals bestehen.

Auf Basis meiner eigenen Schaugewohnheiten, habe ich daher mittlerweile einen eigenen Test entwickelt – selbst wenn er vielleicht ein wenig interpretationsoffener ist. Auch dieser hat drei Fragen:

  1. Gibt es im Film einen weiblichen Charakter, der nicht über seine Beziehung zu einem männlichen Charakter definiert ist?
  2. Hat dieser Charakter im Film zumindest ein eigenes Ziel, auf dass er hinarbeitet?
  3. Dieses Ziel ist von männlichen Charakteren unabhängig?

Das sind meist die Kriterien, die für mich entscheidend sind, wenn es um weibliche Charaktere in einem Film geht. Es braucht einfach Motivation – und Motivation, die sich nicht um einen Kerl dreht oder zumindest durch ihn definiert wird. Es sollte eigentlich nicht so schwer sein. Jedenfalls sollte man das meinen.


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