Dinge, die ich aus Digimon Tamers gelernt habe

Es mag für viele unwirklich klingen, aber es ist soweit: Digimon Tamers hatte vor ein paar Tagen seinen zwanzigsten Geburtstag. Um dies gebührend zu feiern, verrate ich euch heute, was ich aus der Serie über das Schreiben gelernt habe.

Digimon Tamers hat Geburtstag

Es ist wieder ein guter Punkt, um sich alt zu fühlen. Digimon Tamers hatte am 1.4. seinen zwanzigsten Geburtstag und das ist kein Aprilscherz. Die erste Folge wurde am 1.4.2001 um 9 Uhr morgens japanischer Zeit ausgestrahlt. Damit ist die Serie nun offiziell schon wirklich alt.

Wie ich schon in einem anderen Beitrag lang und breit erörtert habe, ist Digimon Tamers mit Abstand meine liebste Digimon-Staffel. Die Serie macht einfach in Sachen Schreiben sehr viel richtig. Um genau zu sein, war es auch die erste Serie, bei der ich als Kind bewusst wahrgenommen habe: „Hey, die ist richtig gut geschrieben.“ Damit war es auch die erste Serie, die mich hat hinterfragen lassen: „Okay, aber was daran ist gut geschrieben?“

Darüber habe ich angefangen, mich mehr mit dem Schreiben und dem „Wie?“ und „Warum?“ zu beschäftigen. Dabei war es eine große Hilfe, dass der Autor von Digimon Tamers sehr aktiv im Internet unterwegs war und über die Entstehung der Serie geblogt hat.

Chiaki J. Konaka

Chiaki J. Konaka ist der Autor von Digimon Tamers. Das heißt nicht, dass er die ganze Serie allein geschrieben hat – es gab noch andere Drehbuchautor*innen unter denen die Episoden aufgeteilt waren – aber das Konzept und die Planung der Serie stammt von ihm. Dabei hatte er den Vorteil, dass Digimon Tamers etwas früher in die Preproduction ging, als die vorhergehenden Digimon Staffeln, allerdings war auch definitiv seine Erfahrung von Vorteil.

Konaka hatte schon in seiner Jugend Interesse an Filmen und hat daher im Erwachsenenalter auch direkt diesen Weg eingeschlagen. Damit hatte er zum Zeitpunkt, als er Digimon Tamers geschrieben hat, bereits über 15 Jahre Erfahrung mit dem Schreiben von Filmen und Serien. Diese Erfahrung ist sicher einer der Aspekte, warum die Serie so gut geworden ist.

Zu seinen anderen Projekten gehören sowohl Anime, als auch Realserien und -filme. Dabei sind Cyberpunk und Horror (vor allem Lovecraftian Horror) die Genre, in denen er am meisten geschrieben hat. Die Einflüsse davon sind auch in Digimon Tamers stark zu bemerken.

Allgemein merkt man seine Erfahrung stark in der Serie. Dabei hatte er, während die Serie gelaufen ist, aber auch später, über die Entwicklung der Serie geblogt. Etwas, das mir damals sehr geholfen hat.

Die Wichtigkeit vom sozialen Umfeld

Eine Sache, die Digimon Tamers direkt von praktisch allen anderen Digimon-Staffeln unterscheidet, ist das soziale Umfeld der Charaktere. Während in den anderen Staffeln zwar meistens Familien existieren, spielen diese keine Rolle. Auch die Schule und etwaige Klassenkameraden kommen nicht vor. Stattdessen konzentriert sich die Handlung immer komplett auf die etwaigen Hauptcharaktere und ihre Digimon-Partner.

Digimon Tamers war dahingehend anders. Die Charaktere hatten ein ausgearbeitetes Umfeld. Wir lernen Takatos Eltern, Jenryas große Familie und Rukis Mutter wirklich kennen. Auch Takatos Schulumfeld spielt eine große Rolle. Das hilft, um die Charaktere auszuarbeiten. Die Charaktere wirken wie reale Personen.

Daraus habe ich mitgenommen, dass es wichtig ist, sich speziell über diese Art von sozialen Umwelt mir Gedanken zu machen. Das heißt speziell, dass ich mir Gedanken um die Familien der Charaktere mache und das Verhältnis, was die Charaktere zu dieser ausmacht. Dazu kommt auch das normale soziale Umfeld. Freund*innen, Arbeitskolleg*innen usw. helfen, den Charakter mehr wie eine reale Person wirken zu lassen.

Gute Nebencharaktere

Fließend aus diesem Thema ergibt sich eine andere Sache, die Digimon Tamers ausgezeichnet gemacht hat: Die Nebencharaktere. Auch das hier ist ein Thema, das in den anderen Digimon-Stafflen kaum eine Rolle gespielt hat. Wir hatten normal die Hauptcharaktere, aber keine wiederkehrenden Nebenfiguren.

Derweil hatte Digimon Tamers ein großes Cast an Nebenfiguren, zu denen zum einen besagte Familien gehörten, aber vor allem auch Charaktere wie das Team von Hypnos und der Wild Bunch. Diverse der Nebencharaktere haben komplette Charakterarcs, selbst wenn diese natürlich nicht so viel Screentime bekommen, wie die Protagonist*innen.

Daraus habe ich gelernt, dass die Welt in einer Geschichte lebendiger wirkt, wenn es Nebenfiguren gibt, die wirklich Charakter haben. Das lässt die Welt wesentlich lebendiger wirken, weil eben auch Figuren, neben den Hauptfiguren, etwas erleben und sich entwickeln.

Charakterkonflikte

Ebenfalls mit den Charakteren hängt zusammen, wie Digimon Tamers die Charakterkonflikte aufbaut. Erneut ist dies ein deutlicher Unterschied zu den anderen Digimon-Staffeln, die in den meisten Fällen immer recht simple Charakterkonflikte haben, die oft innerhalb von zwei, drei Episoden gelöst sind.

In Digimon Tamers spielen sich die Charakterkonflikte im Verlauf der gesamten Serie ab. Die drei Protagonist*innen haben Konflikte, die effektiv mit der Verschmelzung mit ihren etwaigen Partnern sich wirklich auflösen. Hierbei ist es definitiv von Vorteil, dass Digimon Tamers sich auf nur drei Protagonist*innen konzentriert. Aber auch verschiedene Nebencharaktere, allen voran Yamaki und Janyuu, haben zufriedenstellende Charakterarcs, mit nachvollziehbaren Konflikten.

Daraus habe ich gelernt, Charakterkonflikte langsam aufzubauen. Zu schnell aufgelöste Konflikte wirken unglaubwürdig. Entsprechend lohnt es, sich Zeit zu lassen und die Charakterkonflikte langsam auszurollen. Das gilt auch für Nebencharaktere, die eigene Charakterarcs bekommen.

Der Aufbau eines Mysterys

Auch genretechnisch unterscheidet sich Digimon Tamers von den anderen Staffeln. Denn so ziemlich alle anderen Staffeln sind eher klassische Abenteuer-Erzählungen, während Digimon Tamers zwar auch Abenteuer-Elemente beinhaltet, gleichzeitig aber auch eine Mystery Erzählung ist.

Digimon Tamers hat in jedem seiner Arcs verschiedene Mysterys, mit denen es arbeitet. Im ersten Arc wird das Mystery darum aufgebaut, woher die Digimon überhaupt kommen – was auch bis ins zweite Arc bestehen bleibt – und was es mit Hypnos auf sich hat. Im zweiten Arc kommt die Frage nach der blauen Karte und den Daeva dazu. Das dritte Arc ist zwar mehr in Richtung eines klassischen Abenteuers, aber arbeitet auch mit dem Mystery rund um Culumon und baut außerdem ein kleines Mystery um SHIBUMI auf. Einzig das letzte Arc hat keine wirklichen Mysterys mehr, sondern klärt die noch offenen Mysterys auf.

Das hat mir gezeigt, dass Mysterys unglaublich helfen können, eine Geschichte spannend zu halten, selbst in einer Geschichte, die nicht zentral ein Mystery ist. Kleine Geheimnisse und ungelöste Fragen helfen, zusätzliche Spannung aufzubauen und damit die Geschichte aufzuwerten.

Das richtige Pacing

Eine letzte Sache, die Digimon Tamers nicht nur massiv von den anderen Digimon-Staffeln, sondern von einem großen Teil der anderen Monster-Serien unterscheidet. Diese Sache ist das Pacing. Die meisten Monster-Serien sind sehr episodisch aufgebaut und haben häufig eine ganze Menge an Filler-Episoden.

Digimon Tamers hat zwar auch eine episodische Struktur, jedoch mit vielen Dingen, die von Folge zu Folge weitergereicht werden. Fillerfolgen gibt es kaum. Fast jede Folge trägt etwas zur Gesamtstory bei. Auch bauen die einzelnen Story-Arcs aufeinander auf und nutzen dabei das Pacing Konzept der Rising Action. Das heißt, dass das Finale jeden Arcs größer ist, als das des vorhergehenden Arcs, aber auch, dass jedes Arc mit einer eher ruhigen Phase beginnt, um keine konstante Spannung zu haben.

Vom Pacing in Digimon Tamers habe ich gelernt, dass es wichtig ist, ruhige und actionreiche Momente zu wechseln. Dauerhafte Spannung ist für di*en Endkonsument*in auch ermüdend, deswegen braucht es auch ruhige Momente in der Geschichte.