Die Geschichte der Urban Fantasy

Ich möchte dieses Jahr wieder ein wenig mehr über Urban Fantasy in diesem Blog schreiben – was auch bedeutet, dass es Zeit für den Beitrag wird, den ich seit zwei Jahren immer wieder verschiebe. Lasst uns heute über die Geschichte der Urban Fantasy reden.

Was ist Urban Fantasy?

Lasst uns diesen Artikel damit anfangen, noch einmal kurz zu definieren, was Urban Fantasy überhaupt ist. Der Begriff setzt sich sehr offensichtlich aus zwei Teilen zusammen: „Urban“ und „Fantasy“. Also „städtisches Fantasy“. Dabei beschreibt er aber nicht mehr (dazu gleich eine Erklärung) Fantasy, dass in irgendwelchen Städten spielt, sondern viel mehr Fantasy, das in einem modernen urbanen Setting angesiedelt ist.

Dabei sollte allerdings angemerkt werden, dass der „urbane“ Teil des modernen Settings durchaus nicht verpflichtend ist. Es gibt genug Urban Fantasy, die in Vororten und Kleinstädten (wie bspw. Buffy) oder sogar in eher ländlichen Gegenden spielen (wie bspw. die Sookie Stackhouse Reihe). Sprich: Das moderne Setting ist eher der Aufhänger. Wie „modern“ dabei „Moderne“ ist, kann sehr unterschiedlich sein, doch eine grobe Regel, die vielleicht auch mit der Geschichte zusammenhängt, scheint „80er Jahre und später“ zu sein.

Eine schöne Definition, die aus dem „Encyclopedia of Fantasy“ kommt, lautet: Urban Fantasy ist da, wo das Mundane auf das Fantastische trifft.

Aber eine ausführlichere Definition findet ihr in einem älteren Beitrag.

Die Vorläufer

Bevor wir über Urban Fantasy selbst sprechen können, sollten wir über die Geschichten sprechen, die einen großen Einfluss auf das Genre haben würden – und die technisch gesehen in ihrer Zeit selbst als Urban Fantasy bezeichnet werden können. Denn wichtige Einflüsse gibt es dreierlei:

  1. Gothic Horror
  2. Occult Detective Pulp
  3. Anne Rice

Gothic Horror kann in vielen Aspekten als ein Vorläufer der Urban Fantasy gesehen werden. Immerhin hat es oftmals ähnliche Aspekte: Magische Elemente (Vampire und andere Monster) und ein mundanes, häufig urbanes Setting (bspw. London). Ja, bei Dracula zum Beispiel gibt es bis heute die Diskussion, ob es nicht vielleicht der wahre erste „Urban Fantasy Roman“ gewesen sein könnte.

Jedoch ebenfalls sehr einflussreich sind auch Occult Detective Geschichten gewesen. Dieses Genre aus der Pulp Fiction (billig gedruckter Romane und Kurzgeschichten-Mangazine, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet waren) handelte immer von Detektiven, die in paranormale Ereignisse hineingezogen wurden. Nicht nur, dass dies ein Format ist, das auch für moderne Urban Fantasy sehr beliebt ist (paranormale Detektiv*innen), auch andere Tropes, wie bspw. die Rivalität zwischen Vampiren und Werwölfen, können hierauf zurückgeführt werden.

Zuletzt gab es natürlich noch „Interview mit einem Vampir“, der Roman von Anne Rice und der Anfang ihrer Vampirchroniken. Anne Rices Darstellung von Vampiren hat nachkommende Vampirgeschichten massiv beeinflusst – auch die in Urban Fantasy. Auch die Art, wie in ihren Geschichten die Vampire (sowie Hexen) versteckt zwischen Menschen leben, ist ein großer Einfluss auf viele Urban Fantasy Welten gewesen.

Entwicklung eines Begriffs

Wie es so häufig mit Begriffen ist, weiß niemand so wirklich, wer den Begriff erfunden hat. Alles was wir wissen ist, dass eine der ersten Benutzungen des Begriffs 1978 im kanadischen „Magazine of Science Fiction and Fantasy“ geschah. Von da an bürgerte er sich hier und da langsam ein, wurde jedoch auf zweierlei unterschiedliche Arten genutzt.

Die erste Art ist die wortwörtliche Lesung des Begriffs: Es ist Fantasy, das in Städten spielt. In diesem Kontext wurde Urban Fantasy genutzt, um beispielsweise Terry Pratchetts „Wachen! Wachen!“ (und andere Geschichten, die in Ankh Morpork spielen) zu beschreiben oder auch einen Teil der Hexer-Kurzgeschichten, die in Städten angesiedelt sind.

Gleichzeitig wurde der Begriff allerdings auch schon genutzt, um gezielt fantastische Geschichten mit einem modernen städtischen Setting zu beschreiben. Gerade in den 80ern, als vermehrt Geschichten mit solchen Settings herauskamen, etablierte sich diese Nutzung immer mehr.

Die Wegbereiter eines Genre

Die Person, die vielleicht am stärksten für die Entwicklung des Genre verantwortlich war, ist wohl Charles de Lint, ein kanadischer Autor. Dieser schrieb im Verlauf der 80er eine Reihe von Büchern – meist romantische Geschichten – die sich dem Genre zuordnen lassen. Das erste davon war das Buch „Moonheart“, da im Ottawa der 80er Jahre spielt und neben einer jungen Frau mit einem magischen Ring auch einen Magier auf der Suche nach seinem Mentor beinhaltet. Das Buch erschien 1984 und wird häufig als erstes modernes Urban Fantasy bezeichnet.

Allerdings schrieb de Lint auch später noch einige Einzelbände und im Verlauf der 90er Jahre eine ganze Urban Fantasy Serie.

Ein anderes Buch, das allerdings ebenso einflussreich war und viele Tropes bereits beinhaltete, die Urban Fantasy prägen sollten, war Emma Bulls „The War of the Oaks“. Ein Buch, in dem eine junge Rocksängerin in den Krieg zwischen Seelie und Unseelie hineingezogen wird und sich im Verlauf der Handlung auch in einen Seelie-Prinzen verliebt, ehe sie im Finale die Unseelie-Königin konfrontieren muss.

Erfolgreich in die 90er

Von allem, was ich weiß, war es allerdings erst in den 90ern, dass ein Verlag den Begriff „Urban Fantasy“ offiziell nutzte, um ein Buch zu vermarkten. Dieses Buch was „Guilty Pleasures“ von Laurell K. Hamilton, der erste Band der Anita Blake Reihe, die bis heute fortlaufend veröffentlicht wird. Angeblich nutzte der Verlag gezielt den Begriff, um das Buch vom Rest der eher männlich dominierten und orientierten Fantasy abzugrenzen.

Anita Blake gilt als extrem einflussreich auf das Genre, da die Bücher diverse der Tropes, die sich durch sämtliche Romane ziehen, etablieren. Sei es eine starke, monsterjagende Heldin, sei es ein Love Triangle, sei es der starke Fokus auf Vampire und Werwölfe – vieles kommt in diesen Büchern bereits vor.

So kamen im Verlauf der 90er auch eine ganze Reihe weiterer Romane und Serien im Genre heraus. Neben den weiteren Bänden der Anita Blake Reihe, fing auch Neil Gaiman an, das Genre mit Neverwhere (und später dann Good Omens) zu bedienen.

Außerdem kamen im Verlauf der 90er auch zwei Fernsehserien heraus, die halfen, das Genre weiter zu popularisieren: Buffy (gestartet in 1997) und Charmed (gestartet in 1998). Beide Serien erfreuten sich großer Beliebtheit und schafften es dadurch die Vorstellung magischer Ereignisse in mundanen Settings stärker zu etablieren. Es war vielleicht nicht verwunderlich das ihrer Veröffentlichung eine ganze Reihe neuer Romane folgte.

Zuletzt kamen im Verlauf der 90er, von 1991 an, die World of Darkness Rollenspielsysteme heraus. Zwar neigt White Wolf dazu, sich selbst ein wenig zu sehr für ihren Einfluss auf das Genre zu gratulieren, doch komplett kann man ihren Einfluss nicht verleugnen. Das gilt vor allem für die Darstellung von Vampir-Gesellschaften. Allerdings haben sie auch das Konzept von Vampiren vs Werwölfen, das wie gesagt den Occult Detective Geschichten entstammte, wieder aufgewärmt und sehr fest im Genre verankert.

Urban Fantasy der frühen 2000er

Richtig beliebt wurde das Genre dann in mit dem Beginn des neuen Jahrtausends. Innerhalb kurzer Zeit kamen diverse Urban Fantasy Romane aus, inklusive diverser Serien, die bis heute fortgesetzt werden. Dazu gehörten unter anderem die Southern Vampire Mysteries (2001), die Dresden Files (2000), Rogue Mage (2004), The Hollows (2004), Kitty Norville (2005), Mercy Thompson (2006) und Kate Daniels (2007).

Damit etablierten sich vermehrt verschiedene Klischees und Tropes, die das Genre bis heute beherrschen. Dazu gehört, wer die Protagonist*innen sind, welche Arten von Welten es gibt und wie verschiedene Arten von Wesen dargestellt werden. Zwar sind diese Romane dahingehend unterschiedlich, aber dennoch zeichneten sich über die Geschichten hinweg verschiedene Tendenzen ab.

Darüber hinaus fingen im Verlauf der 2000er Jahre eine ganze Reihe weiterer Fernsehserien heraus, die ebenfalls geholfen haben. Supernatural (2005-2020) muss hier natürlich genannt werden, sowie auch die Verfilmung der Southern Vampire Mysteries: True Blood (2008-2014). Auch die Shows, die zu Beginn der 2010er begonnen haben, wie Lost Girl (2010) oder Grimm (2011) sollten nicht übergangen werden.

Twilight und die Jugendbücher

Eine andere Entwicklung der 2000er, die man jedoch nicht verschweigen sollte, ist der Push für Urban Fantasy Jugendbücher. Dieser begann mit einer Reihe, die von vielen verhasst ist, allerdings einen massiven Hype ausgelöst hat: Twilight, aka Bis(s). Das Buch, das 2005 herauskam und 2008 direkt eine Verfilmung bekam, war ein massiver Einfluss auf andere Autor*innen und signalisierte außerdem Verlagen, dass es ein Publikum für Geschichten dieser Art bei Jugendbüchern gab. Davon haben nicht nur Autor*innen durch neue Veröffentlichungen profitiert, sondern selbst vorher erschienene Bücher profitiert.

Dazu gehören Bücher, wie die Vampire Academy Reihe oder House of Night, aber auch die Engel der Nacht Reihe, Plötzlich Fee, Elfenkuss, Blue Bloods, Kuss des Dämons, der Raven Cycle und auch Cassandra Clare’s Mortal Instruments Reihe, die neben einem Film auch eine Serienumsetzung bekommen hat.

Wie schon erwähnt: Inwieweit diese Geschichten Twilight geähnelt haben, unterscheidet sich von Reihe zu Reihe. Doch viele Elemente, wie die versteckten magischen Wesen, einer meist weiblichen Protagonistin, die in diese hineingezogen wird, und häufig einem Love Triangle, finden sich in den meisten dieser Reihen.

Urban Fantasy wird divers

Die 2010er Jahre begannen vielversprechend mit dem Release von Rivers of London von Ben Aaronovitch. Dieses unterschied sich von den meisten anderen Reihen nicht nur durch den männlichen Hauptcharakter, sondern vor allem dadurch, dass dieser schwarz ist. In dem ansonsten von weißen Figuren geprägten Genre ist die deutlich diversere Reihe eine angenehme Abwechselung.

Damit ist die Reihe der Anfang einer – leider sehr langsamen – Entwicklung im Genre, dass es etwas diverser wird. Dies geschieht auf der Jugendseite des Genres, nicht zuletzt dank dem Einfluss von Rick Riordan, deutlich schneller, als in den Erwachsenenreihen. Dennoch ist es eine Entwicklung, die auf beiden Seiten stattfindet.

Gleichzeitig profitiert das Genre in diesem Bereich auch dadurch, dass Autor*innen dank Self-Publishing mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, was es auch Leser*innen möglich macht, diverse Reihen, wie bspw. die Harrietta Lee Reihe zu kaufen. Sprich: Auch Reihen, die auf dem klassischen Buchmarkt vielleicht nicht verlegt worden wären, sind nun tatsächlich verfügbar.

Es bleibt nur zu hoffen, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Statisch und doch im Wandel

Alles in allem lässt sich durchaus feststellen, dass zumindest seit dem Jahr 2000 das Urban Fantasy Genre relativ statisch ist. In den meisten Geschichten haben wir eine weiße, heterosexuelle, starke, selbstbewusste Protagonistin, die irgendwie in Fälle hineingezogen wird, in denen irgendwelche paranormale Wesen irgendwelche Menschen bedrohen. Es hat häufig einen gewissen Noir-Vibe und die Protagonist*innen sind meistens Detektiv*innen.

Dennoch zeigen sich zumindest in den letzten paar Jahren einige Entwicklungen, die aktuell in den Jugendbüchern am deutlichsten bemerkbar sind. Auch dadurch, dass bei dieser Zielgruppe auch die Art der Geschichten variabler sind, als bei Büchern für Erwachsene.

Entsprechend kann man nur hoffen, dass sich auch in der Urban Fantasy Literatur (und anderen Urban Fantasy Medien) für Erwachsene diese Änderungen stärker einstellen. Urban Fantasy kann mehr sein als Noir-Geschichten über weiße, heterosexuelle Menschen, das haben die letzten Jahre gezeigt. Es müssen sich nur mehr Verlage trauen.


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